Gedenktag Pater Engelmar Unzeitig am 2. März:

“Liebe verdoppelt die Kräfte”

Der “Engel von Dachau” soll selig gesprochen werden

Ein Beitrag von Rudolf Grulich

In seiner Rede am 17. Februar 1995 in der Prager Karlsuniversität hat der damalige Staatspräsident Vaclav Havel verallgemeinernd vom „fatalen Versagen der Mehrheit der Sudetendeutschen“ gesprochen, die 1938 den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich begrüßten.

Pater Engelmar Unzeitig

Pater Engelmar Unzeitig

Zu dieser Mehrheit gehörten viele, die nicht mit dem Nationalsozialismus sympathisierten, sondern nach 20 Jahren der Benachteiligung in der Tschechoslowakischen Republik jene nationale Sicherheit für die dreieinhalb Millionen Sudetendeutscher wollten, die den Deutschen 1918 feierlich zugesichert worden waren.

Oskar Schindler begrüßte den „Anschluss“ 1938 ebenso wie der Mariannhiller Pater Engelmar Unzeitig, der ein Jahr später die Priesterweihe empfing, 1941 ins KZ kam und am 2. März 1945 in Dachau als ein Märtyrer der Nächstenliebe starb.

Viel früher als Oskar Schindler hatte er als Seelsorger das wahre Gesicht des Nationalsozialismus erkannt. Seit dem Jahr 2000 zählt die katholische Kirche Pater Engelmar offiziell zu den Märtyrern des 20. Jahrhunderts.

Unzeitig wurde am 1. März 1911 in Greifendorf im Schönhengstgau geboren und auf den Namen Hubert getauft. Sein Geburtsort liegt unweit von Zwittau, der Heimatstadt von Oskar Schindler, und war rein deutsch. Der Vater starb 1916 in russischer Kriegsgefangenschaft, so dass die Mutter allein für die Erziehung der sechs Kinder sorgen musste. Hubert hatte vier Schwestern, ein Bruder starb als kleines Kind. Von 1917 bis 1925 besuchte er die Volksschule in Greifendorf und ging dann ein Jahr zu einem tschechischen Bauern in der Nähe von Brünn, um seine tschechischen Sprachkenntnisse zu verbessern. Nach der Rückkehr half er in der elterlichen Landwirtschaft, ehe er als 17-jähriger in die Spätberufenenschule der Mariannhiller in Reimlingen (Kreis Donau-Ries) aufgenommen wurde, wo er 1934 das Abitur ablegte. Im gleichen Jahr trat er in die Mariannhiller Kongregation ein und erhielt den Ordensnamen Engelmar. “Frater Engelmar war ein eifriger Novize. Etwas verschlossen, etwas schwer zugänglich”, schreibt der Helfer des Novizenmeisters. “Seinen Mitnovizen gegenüber freundlich und hilfsbereit. Angestoßen hat er zuweilen durch seine Einstellung zum Dritten Reich. Er sah in Hitler den Retter für sein Heimatland. Dies ist gut zu verstehen, warteten doch alle Sudetendeutsche auf die Heimholung ins Reich. Diese Devise sagte ihm zu, nur so ist seine Haltung zum Dritten Reich zu verstehen. Negatives kann ich nicht über ihn sagen. Er war, wie gesagt, eifrig, fleißig, fromm und zielstrebig in seiner Berufsauffassung.”

Foto: Greifendorf im Schönhengstgau.

Foto: Greifendorf im Schönhengstgau.

Wegen der drohenden Kriegsgefahr wurde die Priesterweihe Unzeitigs nach Studien in der ordenseigenen Hochschule in Würzburg vorverlegt. Pater Engelmar empfing sie am 6. August 1939. An einem Einsatz in der Mission war nicht mehr zu denken, so dass der Neupriester nach dem Abschluss des Pastoraljahres in die Mariannhiller Ordensniederlassung nach Riedegg in Oberösterreich geschickt wurde. Hier betreute Pater Engelmar auch französische Kriegsgefangene und predigte für sie in französischer Sprache. Am 1. Oktober 1940 übernahm er die Seelsorge in Glöckelberg, einer deutschen Gemeinde im Böhmerwald mit 1200 Einwohnern. Hier hatte er bald Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten, die ihm keine Erlaubnis für die Abhaltung von Religionsunterricht erteilten. Als sich Pater Engelmar über das Ordinariat in Linz darum bemühte, sie doch zu erhalten, schrieb die kirchliche Behörde, dass dies ohne jede Erfolgsaussicht sei. Was zur Verhaftung 1941 führte, wissen wir bis heute nicht genau. Wahrscheinlich wurde er von Hitlerjungen angezeigt.

Über die Verhaftung berichtete seine Schwester Maria, die ihm den Haushalt führte: “Am 21. April 1941 wurde mein Bruder im Pfarrhaus zu Glöckelberg von zwei Gestapoleuten verhaftet. Er war schon vorher einmal vorgeladen worden; offensichtlich war er den Nazis unbequem; oder einfach zu fromm … Ich habe an diesem Tag, es war Montag, ein altes Pfarrfräulein aus dem Ort besucht; von dort konnte ich gut zum Pfarrhaus hinüber sehen. Da erblickte ich plötzlich ein Auto, und ich erschrak ein wenig. Kurz darauf erschien mein Bruder und sagte: ‘Denk dir, die Gestapo ist da. Komm schnell mit.’ Im Pfarrhaus suchten die beiden Herren schon alles durch. Sie blätterten in den Predigtvorlagen herum und nahmen einiges mit. Hubert war totenbleich, als er ein Köfferchen holte, um ein paar Dinge einzupacken. Ich konnte ihm nicht einmal mehr etwas zum Essen machen. Gern hätte ich ihm noch etwas gekocht. Aber es ging ja alles sehr schnell … Am anderen Tag habe ich das Pfarrhaus zugeschlossen und bin wieder zu jener Bekannten gegangen; später zog sie zu mir ins Haus, damit ich nicht allein wäre. Sie hat auch in der Gemeinde alles bekanntgemacht: daß keine Messe sei und kein Religionsunterricht. Dann haben wir den Rosenkranz in der Kirche gebetet und das Lied gesungen: Strenger Richter … Die Leute sind schweigend heimgegangen, viele haben geweint. Die meisten Glöckelberger waren erschüttert … Auch meiner Schwester Regina schrieb ich nach Wernberg in Kärnten. Nur der Mutter wollte ich vorerst noch nichts mitteilen… Ich brachte alles in Ordnung im Haus … dann fuhr ich nach Greifendorf und erzählte alles unserer Mutter und den Schwestern und den Verwandten. Der Ortspfarrer riet mir, es sonst im Dorf nicht bekannt zu machen… für Mutter war es schwer, sie hat viel geweint …”

Foto: Wachtturm, Graben und Mauer im KZ Dachau

Foto: Wachtturm, Graben und Mauer im KZ Dachau

Pater Engelmar Unzeitig kam zunächst ins Gefängnis nach Linz und am 3. Juni 1941 in das Konzentrationslager in Dachau. Aus seiner Haftzeit sind verschiedene Briefe erhalten, auch solche, die ein SS-Mann aus dem Schönhengstgau herausschmuggelte. Pater Engelmar litt mit Hunderten anderer Priester, auch zahlreiche aus dem Sudetenland, in der Priesterbaracke 26 des Lagers. In ihr war auch eine Kapelle. Der Tabernakel war aus leeren Konservendosen gebastelt. Hostien und Messwein wurden meist durch Helfer aus der Stadt beschafft und eingeschmuggelt. Auch ein Christusbild und eine Monstranz wurden aus dem gleichen Material wie der Tabernakel hergestellt. Durch die Hilfsbereitschaft der deutschen Priester wurde es trotz strengen Verbotes immer wieder ermöglicht, dass auch die Priester der anderen Nationalitäten die heilige Kommunion empfangen konnten. Schließlich gelang es sogar, eine schöne Madonnenfigur in die Kapelle des Priesterblockes zu bringen. Wie es dazu kam, schildert der Provinzial der Salvatorianer in Jägerndorf Pater Dominikus Hoffmeister: “… Ein lang gehegter Wunsch ging in Erfüllung, als ich in Breslau eine holzgeschnitzte Marienstatue erwerben konnte, um ihr einen Ehrenplatz in unserer Hauskapelle zu geben. Da erzählte mir die Pfarrhelferin, Bischof Nathan, der Generalvikar für den sudetendeutschen und preußischen Anteil des Erzbistums Olmütz, Sitz in Branitz, habe die Möglichkeit, den Priestern in Dachau zu einem Marienbild zu verhelfen. Ich gestehe offen, dass mir die Trennung nicht leicht fiel. Wir hüllten die Statue in eine Decke und fuhren nachts auf einem Schlitten … es lag tiefer Schnee … in das Pfarrhaus von Jägerndorf. Bischof Nathan sorgte für den Transport des kostbaren Bildes nach Dachau.”

Foto (IKLK-Archiv) : Lagerkapelle im KZ Dachau (1944)

Foto (IKLK-Archiv) : Lagerkapelle im KZ Dachau (1944)

Im Block 26 des Konzentrationslagers reifte der junge Pater dann zum “Engel von Dachau”. Als im Dezember 1944 in Dachau Flecktyphus ausbrach, meldete sich Pater Engelmar freiwillig zur Pflege der Kranken, was einem Todesurteil gleichkam. Immer mehr Gefangene steckten sich an, es gab täglich 100 Tote. Bei seinem Liebesdienst kam es Pater Engelmar zugute, dass er im KZ Russisch gelernt hatte, nachdem er bereits die tschechische Sprache beherrschte. Nun gab er sein Leben ganz für die Häftlinge aus dem Osten. Ohne Rücksicht auf sich selbst, half er mit 19 anderen Freiwilligen aus der Priesterbaracke. Am 20. Februar 1945 war klar, dass er sich selbst angesteckt hatte. Dennoch schonte er sich nicht, sondern setzte sich weiter für die anderen ein. In einem seiner letzten Briefe formuliert er gleichsam sein geistliches Vermächtnis: “Liebe verdoppelt die Kräfte. Sie macht erfinderisch, macht innerlich frei und froh. … Zwar trifft auch sie die raue Diesseitswirklichkeit …, aber die Strahlen der wärmenden Sonne der Liebe des allgütigen Vaters sind doch stärker – und triumphieren. … man sieht doch immer wieder, dass das Menschenherz auf Liebe abgestimmt ist und dass ihrer Macht auf Dauer nichts wiederstehen kann, wenn sie sich wirklich auf Gott und nicht auf die Geschöpfe gründet.” Am 2. März 1945 starb er als Opfer seiner Nächstenliebe, seine Asche wurde am 30. April 1945 in der Klostergruft auf dem Friedhof in Würzburg beigesetzt. 1968 wurde die Asche in die Marianhiller Herz-Jesu-Kirche in Würzburg überbracht, in die Kirche, in der er 1939 die Priesterweihe empfangen hatte.

Foto, Bühler: Tabernakel im KZ Dachau

Foto, Bühler: Tabernakel im KZ Dachau

Am 26. Juli 1991 eröffnete Bischof Dr. Paul-Werner Scheele das Erhebungsverfahren zur Selig- und Heiligsprechung Pater Engelmars für das Bistum Würzburg.

Noch im selben Jahr wurde es von den bayerischen Bischöfen befürwortet. Nach Abschluss des Verfahrens am 15. März 1997 konnten die Dokumente nach Rom überstellt werden.

Rudolf Grulich, 29.02.2008 – Dem Autor wurde am 26. Februar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Pater Engelmar im Urteil seiner Zeitgenossen:

Foto: Pater Clemente Pereira SJ

Foto: Pater Clemente Pereira SJ

“Ich hatte in der Priesterbaracke von Dachau meinen Platz direkt hinter Pater Engelmar. Ich hatte damals den Eindruck eines schlichten, bescheidenen und tief religiösen Priesters, der nicht viel redete, aber bestimmt dafür viel betete …

Er war ein Heiliger! Ich nehme dieses Wort nicht schnell in den Mund. Aber bei Pater Engelmar ist es angebracht; er war ein heiligmäßiger Priester!”

Pater Clemente Pereira SJ

Foto: Prälat Hermann Scheipers

Foto: Prälat Hermann Scheipers

“Pater Engelmar strahlte etwas Heiliges aus, ohne Worte, ohne große Gesten. Er war einer der unauffälligsten und liebenswertesten Mitbrüder in Dachau …

Er hat mich von Anfang an beeindruckt, denn er strahlte sowohl Einfachheit, Demut und Bescheidenheit als auch eine dauernde innere Fröhlichkeit aus …”

Prälat Hermann Scheipers

“Mit Pater Engelmar verband mich tiefe Freundschaft. Wir waren zusammen in der Messerschmittfabrik von Dachau … Bei diesen Arbeiten war Pater Engelmar die Ruhe selbst; Ruhe und Halt in all der schrecklichen Unruhe des Konzentrationslagers. Er war gesammelt, freundlich und gelassen …”

Prälat Josef Albinger

Weitere Informationen:

Lesetipp:

Sudetendeutsche Katholiken als Opfer des Nationalsozialismus

Sudetendeutsche Katholiken als Opfer des Nationalsozialismus

Rudolf Grulich

Sudetendeutsche Katholiken als Opfer des Nationalsozialismus

(Brannenburg 2000. Tschechische Ausgabe Prag 2003).

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19.Okt 2008 16:36 · aktualisiert: 2.Mrz 2015 19:33
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