Gewalt gegen Christen in Indien

“… und die Polizei schaute nur zu”

Eine Ordensschwester berichtet über ihre persönlichen Erlebnisse

Schwester Meena Barwa spricht bei einer Pressekonferenz über ihr Schicksal. Foto: asianews.

Schwester Meena Barwa spricht bei einer Pressekonferenz über ihr Schicksal. Foto: asianews.

Es dauerte Wochen, bis sie Scham und Schock überwunden hatte. Dann trat sie an die Öffentlichkeit.

“Ich, Schwester Meena, wurde von Hindus vergewaltigt, und die Polizei schaute zu” – so lautete ihr Zeugnis, das sie im Indischen Sozialinstitut nach dem Ausbruch der Gewalt gegenüber Christen im indischen Bundesstaat Orissa abgab.

Darin schildert die in einem Pastoralzentrum arbeitende Schwester Meena Barwa, wie sie die Ausschreitungen erlebte: Sie wurde vergewaltigt, Pater Thomas Chellan wurde verprügelt und durch die Straßen geschleift.

Mit Äxten, Eisenstäben, Knüppeln gingen radikale Hindus auf das Pastoralzentrum los und brannten es nieder. Sie verfolgten die beiden Flüchtenden und spürten sie schließlich auf. Man riss ihnen die Kleider vom Leib, schleppte sie zu der brennenden Ruine und drohte sie ins Feuer zu werfen. Auf der Veranda fielen drei über die Schwester her, einer aus der rasenden Menge schrie: “Wo ist die Schwester? Mindestens hundert sollen sie vergewaltigen!”

Eine zerstörte Kirche im Bundesstaat Orissa.

Eine zerstörte Kirche im Bundesstaat Orissa.

Die alarmierte Polizei griff nicht ein, im Gegenteil: Man brachte die Opfer zu einer Polizeistation, wo Schwester Meena weinend um Hilfe flehte. Aber die Polizisten blieben ungerührt und unterhielten sich freundlich mit den Tätern. Später bedrängten die Polizisten Schwester Meena, im Bericht nichts über das Verhalten der Polizei zu schreiben.

Aber Schwester Meena verlangt Gerechtigkeit. In ihrem Zeugnis, das von der Agentur AsiaNews verbreitet wurde, schreibt sie: “Die staatliche Polizei versagte: Weder stoppte sie die Verbrechen noch beschützte sie mich vor den Angreifern. Ich wurde vergewaltigt und ich will nicht das Opfer der Polizei in Orissa werden. Ich verlange eine Untersuchung.” Und am Ende schreibt sie: “Gott segne Indien, Gott segne Euch alle.”

Brennende Straßenbarrikade.

Brennende Straßenbarrikade.

Über Monate dauerten die Anfeindungen einer wütenden Menschenmenge. Immer noch halten sich viele Christen in Wäldern versteckt. Sie fürchten sich, in ihre Dörfer zurückzukehren. Dort warten fanatisierte Hindus, um sie gewaltsam zu einer Konversion zu bewegen, so wie sie es mit anderen Christen bereits gemacht haben. Die militant nationalistische Bewegung VHP und ihre Jugendorganisation Bajrang Dal haben die Menge aufgehetzt und die Verfolgungen in Orissa organisiert.

Der britische Rundfunksender BBC spricht sogar von einem “Pogrom” gegen die Christen. Mehr als 500 Christen wurden laut Nachrichtenagentur getötet, zahllos sind die Verletzten, in die Zehntausende geht die Zahl der Vertriebenen. Ein Ende des fanatischen Treibens der extremistischen Hindu-Gruppen und der Verfolgung ist nicht abzusehen.

Mutter Teresa hatte einmal, als sie gebeten wurde, das Christentum in einem Wort zu beschreiben, gesagt: “Geben”. Die Christen von Orissa geben und vergeben. Die sechs Bischöfe des Bundesstaates, darunter auch Raphael Cheenath, bitten in einem langen und bewegenden Brief ihre Gläubigen, jenen Schwestern und Brüdern ihre Solidarität und Dankbarkeit zu bekunden, “die für den Glauben ihr Leben ließen”, jene zu trösten, die verletzt wurden, und all jenen ihre Nähe zu bezeugen, “die von der Gewalt traumatisiert sind”.

“Wir verneigen uns vor eurem großen Glauben”

Die Bischöfe schreiben: “Demütig verneigen wir uns vor eurem großen Glauben und eurem Vertrauen in Jesus Christus als Herr und Retter. Wir verneigen uns vor eurem guten Willen, jede Art von Erniedrigung, Versuchung und selbst Verfolgung eures Glaubens wegen zu ertragen.” Der Brief wurde in allen Pfarreien, Schulen und Konventen in den betroffenen Regionen vorgelesen.

Viele Häuser, in denen Christen lebten, wurden zerstört.

Viele Häuser, in denen Christen lebten, wurden zerstört.

Auch die Schuldigen werden benannt: Die Regierungen, die “erbärmlich versagt haben”, und die fanatischen Gruppen selbst. Die Bischöfe betonen, die Kirche werde ihr soziales Werk weiterführen. “Wie Jesus beten auch wir für die Verantwortlichen dieser Verbrechen”, genauso wie für alle Christen, auf dass “wir unser christliches Leben in diesem Land weiterführen können.”

KIRCHE IN NOT unterstützt die Christen in Orissa und anderen Regionen Indiens, in denen sie ebenfalls verfolgt werden, mit mehreren Projekten. Viele neue werden hinzukommen, der Aufbau wird schwer, noch schwerer wird es sein, die Traumata dieser Verfolgung zu überwinden. Das geht am besten mit praktischer Nächstenliebe, mit einer Liebe der Tat, aus aller Welt. Selten war Eure Hilfe so nötig wie heute.

22.Jan 2009 12:33 · aktualisiert: 24.Mrz 2014 17:16
KIN / S. Stein