Alltag eines Priesters in Afrika

Sambia: Geburt mit Hindernissen

Manchmal muss Pater Justin auch auf ungewöhnliche Weise helfen

Pater Justin aus Sambia.

Pater Justin aus Sambia.

“Bitte, bitte, helfen Sie uns!” Eindringlich ruft ein junger Mann nach Pater Justin. Der katholische Priester, der St. Kalolo, eine Missionsstation im Nordosten Sambias, gerade verlassen will, stoppt seinen Wagen, einen geräumigen Van.

Der Bittsteller tritt ans Autofenster. Er ist aufgewühlt und spricht mit brüchiger Stimme: “Meine Frau hat seit drei Tagen Wehen. Bitte bringen Sie sie nach Mbala ins Krankenhaus. Bitte helfen sie mir.”

Pater Justin zögert keinen Moment. Er bittet den jungen Vater einzusteigen. Dann fahren sie los. Nach rund einem Kilometer treffen sie im nächsten Ort auf eine aufgeregte Menge. Das gesamte Dorf ist auf den Beinen.

Ein Notfall und ein vollbesetztes Auto

“Kaum hatte ich angehalten”, berichtet Pater Justin weiter, “trat eine hochschwangere, etwa 20 Jahre alte Frau aus einer der Hütten.” Offenkundig hat die junge werdende Mutter große Schmerzen; drei weitere Frauen stützen sie, zwei Verwandte und eine Hebamme.

Nach kurzer Diskussion wird entschieden, die Hochschwangere im Wagen hinten auf eine Matratze zu legen. Weil sich im ganzen Dorf aber keine passende Unterlage finden lässt, setzt sie sich schließlich doch auf den Beifahrersitz. Die drei anderen Frauen und der Ehemann nehmen auf den Rücksitzen Platz.

Menschenschlange vor einer Kirche in Sambia

Menschenschlange vor einer Kirche in Sambia

Ein paar Bündel, Wäsche, ein Betttuch, ein Topf und ein Auffangblech werden eingepackt – mehr nicht. Zum Abschied tritt eine alte, etwa achtzig Jahre alte Dame an den Wagen. Sie streichelt die Wangen der Schwangeren, schaut ihr in die Augen und weint. Eine rührende Szene. Eine zweite, jüngere Frau kommt hinzu, gibt Ratschläge: “Wenn der Moment kommt, bitte den Herrn, zu stoppen und ruf die Hebamme.”

Pater Justin erklärt rückblickend: “Weil weder die Frauen noch der junge Mann Christen waren, sprachen mich alle mit ‘Sir’ (Herr) an und nicht mit ‘Father’ (Pater, Pfarrer), wie das in Sambia Geistlichen gegenüber üblich ist.”

Lehmpisten mit Schlaglöchern

Dann geht es los. 70 Kilometer dürftige Landstrassen, raue Lehmpisten mit unzähligen Schlaglöchern liegen vor der Schwangeren, ihrem besorgten Ehemann, den Begleiterinnen und Pater Justin, der am Steuer sitzt. Obwohl der Geistliche die miserablen Straßen im Nordosten Sambias seit 35 Jahren kennt und auf den empfindlichen Fahrgast viel Rücksicht nimmt, wird die Fahrt nach Mbala für die Schwangere zur Tortur. Vier Stunden auf holpriger Piste: bei jeder Unebenheit, jedem Schlagloch stöhnt die junge Mutter vor Schmerzen.

Kinder aus Sambia mit unserer Kinderbibel.

Kinder aus Sambia mit unserer Kinderbibel.

“All das war sozusagen die physische, fassbare Seite”, erklärt Pater Justin. “Für mich war da aber auch noch die geistliche Ebene. Ich betete dieses wundervolle katholische Gebet, den Rosenkranz – und zwar drei in den rund vier Stunden Fahrtzeit.”

Der Priester bittet um eine glückliche Ankunft, eine sichere Geburt und Gesundheit für Mutter und Kind. Pater Justin: “Ich wandte mich an Maria, bat sie um ihre Fürsprache bei ihrem Sohn, dem Herrn des Lebens.”

Ohne größere Zwischenfälle erreicht der Wagen schließlich die Provinzstadt Mbala, südlich des Tanganjikasees an der Grenze zu Tansania. Hier leben rund 20 000 Menschen. Als der Priester vor dem Krankenhaus hält, wird die Schwangere sofort auf eine Trage gelegt und in den Kreißsaal gebracht. Alle Insassen verabschieden sich anschließend herzlich von Pater Justin.

Glückliches Wiedersehen nach drei Wochen

Drei Wochen später ist der Geistliche wieder in St. Kalolo, um Material für den Bau einer größeren Kirche abzuliefern – ein Projekt, das wir zurzeit unterstützen. Pater Justin sucht den Ort auf, in dem das junge Ehepaar lebt. Die junge Frau erkennt ihn sofort wieder und stellt ihn allen Anwesenden vor: “Dass ist ‘Faza’ Justin, der mich ins Krankenhaus brachte.” Inzwischen hatte die junge Mutter erfahren, dass ihr Retter katholischer Priester ist. Sie zeigt ihm das Kind, einen gesunden Jungen, der per Kaiserschnitt zur Welt gekommen ist.

Pater Justin: “Die Eltern gaben ihm den Namen Sinyangwe, die Großmutter wählte einen zweiten, Justin. Ich habe dann noch das Initial M für Maria hinzugefügt als Dank für die Fürsprache der Mutter Jesu, die ja auch unsere Mutter ist.”

29.Jan 2009 16:39 · aktualisiert: 29.Sep 2009 14:46
KIN / S. Stein