Bedrängt, verfolgt, ermordet

Aktuelle Brennpunkte der Christenverfolgung

Brennende Straßenbarrikade.

Brennende Straßenbarrikade in Orissa / Indien.

250 US-Dollar bringt der Mord an einem Priester ein. Für die Tötung einfacher Gläubiger oder die Zerstörung einer Kirche fällt die “Belohnung” entsprechend geringer aus. Wer noch nie einen Menschen getötet hat, kann sich eigens dafür ausbilden lassen — in einem Trainingslager des “Weltrats der Hindus”. Dies ist leider kein Szenario aus einem schlechten Film oder billigen Roman, sondern beklemmende Realität in Indien.

Sechs evangelische Pastoren und ein katholischer Priester wurden seit August 2008 im Bundesstaat Orissa im Osten Indiens umgebracht. Mehr als einhundert Gläubige wurden brutal getötet. Fanatische Hindus hatten nach dem Mord an einem ihrer Führer bewusst und wider besseres Wissen die Christen für das Attentat verantwortlich gemacht.

Zu Hunderten fielen sie in christliche Siedlungen ein und setzten Häuser und Kirchen in Brand. Mehr als 50 000 Christen ergriffen die Flucht. Selbst ein halbes Jahr später leben Tausende von ihnen in Flüchtlingslagern oder halten sich im Wald versteckt. Eine Rückkehr in ihre Häuser wird für viele nicht mehr möglich sein. Ihre ehemaligen Siedlungen sind jetzt “kulturell bereinigt”.

Kein Platz für Christen

Der Hindu-Nationalismus ist in Indien zu einer starken Kraft geworden und will aus dem Land eine große Hindu-Nation machen — mit dem Ziel der “Reinheit von Rasse und Kultur”. Für Christen und andere religiöse Minderheiten, wie etwa Muslime, ist da kein Platz. Sie werden vor die Wahl gestellt: entweder zum Hinduismus zu konvertieren oder das Weite zu suchen.

So häufen sich die blutigen Angriffe auf Christen mit vielen Toten. Die westlichen Medien berichten nur selten darüber. Das Interesse am Schicksal verfolgter Christen scheint bei uns nur gering zu sein. Wem der Glaube an Jesus Christus selbst nichts mehr bedeutet, dem geht es auch nicht nahe, wenn andere wegen ihres Glaubens unterdrückt, misshandelt oder gar getötet werden.

Ein kleines Dorf im Nordirak, in dem viele Katholiken eine neue Heimat gefunden haben.

Ein kleines Dorf im Nordirak, in dem viele Katholiken eine neue Heimat gefunden haben.

Ähnlich ist es mit der Massenvertreibung der Christen im Irak. Auch darüber erfährt man in den Medien wenig. Seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein kämpfen schiitische und sunnitische Gruppen um die Vorherrschaft. Dabei spielen auch religiöse Motive eine Rolle: radikale Sunniten verüben Anschläge auf die aus ihrer Sicht häretische Sekte der Schiiten. Die Schiiten, die die Mehrheit im Irak bilden, rächen sich mit Gegenattacken. Mit roher Gewalt vertreiben beide Seiten die jeweils andere Partei aus ihren Wohnvierteln.

Dabei geraten auch die Christen ins Visier dieser Extremisten. Weil die Christen an die göttliche Natur Jesu Christi glauben, werden sie als “Religionsverfälscher” angesehen, die bekämpft werden müssen. Darüber hinaus werden sie als Verbündete der verhassten amerikanischen Besatzungstruppen verdächtigt. Sie gelten als “innere Feinde”. Dabei gehören auch die Christen zu den Einheimischen. Sie leben dort seit fast 2000 Jahren, viel länger als die Muslime. Der Islam ist nach unserer Zeitrechnung erst im siebten Jahrhundert entstanden.

Morddrohungen, Erpressungen, Entführungen

Mit Morddrohungen, Schutzgeldpressungen oder Entführungen wird Druck auf die Christen ausgeübt, um zum Islam überzutreten. Da bleibt vielen Christen keine andere Wahl, als ihr Eigentum im Stich zu lassen und zu fliehen. Durch die brutale Vertreibung ist die Zahl der Christen um mehr als die Hälfte geschrumpft, auf weniger als eine halbe Million. Ohne internationalen Beistand wird hier keine Wende eintreten, und in wenigen Jahren wird die christliche Gemeinschaft im Irak ausgelöscht sein.

Auch in anderen islamischen Ländern geraten die Christen zunehmend unter Druck. In Algerien zum Beispiel ist kürzlich ein neues Religionsgesetz in Kraft getreten, das unerlaubte Missionierung von Christen unter Muslimen unter Strafe stellt. Gottesdienste sind für Christen nur noch in staatlich genehmigten Räumlichkeiten zulässig. Von den protestantischen Kirchen zum Beispiel haben die Behörden schon mehr als die Hälfte schließen lassen.

Trotz Unterdrückung im Land sind die Gottesdienste in Pakistan gut besucht.

Trotz Unterdrückung im Land sind die Gottesdienste in Pakistan gut besucht.

In Pakistan gilt noch immer das Blasphemie-Gesetz: die Entehrung des Korans wird mit lebenslanger Haft bestraft, die Beleidigung des Propheten sogar mit der Todesstrafe. Das Schlimme daran ist, dass es immer wieder zu falschen Anschuldigungen gegen Christen kommt. In Saudi-Arabien wird nach wie vor jede religiöse Praxis von Nicht-Muslimen rigoros unterdrückt.

Während die Christen in muslimischen Ländern häufig Opfer von religiösen Fanatikern werden, ist es in den kommunistischen Ländern der Staat, der alle Religionsgemeinschaften unter scharfer Kontrolle hält. Für die katholische Kirche in China gibt es eine eigene staatliche Behörde, die Chinesische Katholische Patriotische Vereinigung. Sie überwacht und steuert sämtliche Aktivitäten der Kirche. Dabei soll jeder Einfluss vom Ausland möglichst ausgeschaltet werden, insbesondere der Einfluss des Papstes, etwa bei der Auswahl der Bischöfe.

Zerstörte Kirchen wieder aufbauen

Für die Christen in solchen Ländern ist es nicht leicht, diesemm Druck standzuhalten und ihrem Glauben treu zu bleiben. Große Kraft gibt ihnen das Wissen, dass sie von der Weltkirche nicht vergessen sind. Deswegen sind die Kontakte ins Ausland, die manchmal nur auf verdeckten Wegen möglich sind, so wichtig. Unser Hilfswerk pflegt daher diese Kontakte, macht die Not dieser Christen bekannt, nehmen die Nöte mit ins Gebet, und helfen – wo immer möglich – mit finanziellen Mitteln, um zum Beispiel zerstörte Kirchen wieder aufzubauen.

Kardinal Leonardo Sandri, der Präfekt der Kongregation für die Orientalischen Kirchen, bei den Feierlichkeiten zur Heiligsprechung von Schwester Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis, der ersten heiliggesprochenen Frau aus Indien: “Der Name Orissa ist lebendig in unseren Herzen und auf unseren Lippen, wie bei allen Menschen in Europa. Wir stehen an der Seite der verfolgten Kirche in Orissa.”

Text: Berthold Pelster

10.Feb 2009 15:59 · aktualisiert: 28.Mrz 2015 07:30
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