Ein Jahr nach der Rücktrittsankündigung Fidel Castros

Chance für ein neues Kuba?

Der ehemalige deutsche Botschafter in Kuba über die Zukunft des Karibikstaates

Vor einem Jahr kündigte der kubanische Staatspräsident Fidel Castro an, dass er nicht mehr für dieses Amt und als Oberbefehlshaber kandidieren will. In diesem Jahr jährt sich außerdem der Jahrestag seiner Machtergreifung zum 50. Mal.

Aus diesen Anlässen veröffentlichen wir ein Interview mit dem ehemaligen deutschen Botschafter in Kuba, Dr. Bernd Wulffen. Unser Pressesprecher Michael Ragg sprach mit ihm über Fidel Castros Bruder Raúl, die Hoffnung auf die katholische Kirche und die Rolle des kubanischen Exils beim Übergang zu einem demokratischen Kuba.

Dr. Bernd Wulffen, ehemaliger deutscher Botschafter in Kuba.

Dr. Bernd Wulffen, ehemaliger deutscher Botschafter in Kuba.

MICHAEL RAGG: Herr Dr. Wulffen, wie haben Sie persönlich Fidel Castro erlebt?

BERND WULFFEN: Fidel Castro ist ein Mann mit großer Ausstrahlung und Charisma. Er kann auf Menschen zugehen und sie in seine Gedanken einbeziehen.

Castro ist aber auch ein kompromissloser Mann, der mit seinen Gegnern abrechnet, sie ins Gefängnis wirft und kein Einsehen hat. Er konnte hart mit denen umgehen, die nicht seiner Meinung waren. Trotzdem hat er gerade in Lateinamerika viele Freunde und Anhänger.

Raúl stand immer im Schatten seines Bruders

Viele seiner Bewunderer sind nicht in Kuba gewesen, und kennen das Elend nicht, das dort herrscht. Als sich Castro einer schweren Operation unterziehen musste, hat er bereits die Amtsgeschäfte weitgehend an seinen Bruder Raúl abgegeben. Über ihn weiß man sehr wenig. Wer ist dieser Raúl Castro?

Raúl stand immer im Schatten seines älteren Bruders Fidel und trat in der Öffentlichkeit seltener in Erscheinung. Fidel hat Raúl bereits in den Guerillakampf mit einbezogen. 1958 wurde unter Raúl die zweite Front im Nordosten Kubas aufgebaut, wobei er hier zum ersten Mal wirklich gezeigt hat, was er kann. So hat er neue Verwaltungseinheiten aufgebaut und das Nachschubwesen organisiert.

Ebenso hat er gute Kontakte zu den Bauern in der Umgebung aufgebaut. Sein großes “Verdienst” war nach der Revolution der Aufbau der Streitkräfte. Er hat innerhalb von wenigen Jahren aus einer wild zusammen gewürfelten kleinen Rebellenarmee ein großes Heer von über dreihunderttausend Leuten gemacht.

Die Kuppel des kubanischen Parlamentsgebäudes.

Die Kuppel des kubanischen Parlamentsgebäudes.

Nun wollen wir aber nicht vergessen, dass Raúl auch andere Akzente gesetzt hat. Er war an Erschießungen beteiligt, hat wohl auch selbst Andersdenkende umgebracht. Was muss man darüber wissen?

Raúl ist sehr früh der Kommunistischen Partei beigetreten. Auf dem kommunistischen Weltjugendkongress in Wien 1953 konnte er Verbindungen zur Sowjetunion und zu anderen kommunistischen Parteien knüpfen. Aus diesen Beziehungen konnte er Nutzen ziehen.

Nach 1959 ging es um den Aufbau der Streitkräfte, es ging darum, die kubanische Revolution abzusichern. Die USA schalteten sich ein, um die Revolutionsregierung Castros zu stürzen. Ich erinnere an die Invasion in der Schweinebucht 1961 und an die Kubakrise 1962. Stets hat Raúl hierbei eine wichtige Rolle an der Seite seines Bruders gespielt.

Natürlich musste sich Raúl auch immer gegenüber Fidel behaupten. Er musste zeigte, dass er wirklich ein Kerl ist. Aus meiner Sicht hat er dabei auch über das Ziel hinausgeschossen: Raúl hat Leute hinrichten lassen oder hat selbst zur Waffe gegriffen, um Verräter zu liquidieren.

“Fidel will die Revolution absichern”

Fidel Castro hat eine Art politisches Testament verfasst, in dem neben Raúl auch andere Personen für Spitzenpositionen genannt werden. Welche Absicht steckt dahinter?

Meine Vermutung ist, dass Fidel Castro damit die Revolution absichern will. Mit alten Parteisoldaten soll sichergestellt werden, dass sein Lebenswerk weitergeht. Er möchte das nicht einer einzelnen Person, sondern einem Kollektiv überlassen. Mit Raúl werden sechs weitere Namen genannt. Darunter sind auch Reformkräfte, die in der Lage sind, die Wirtschaft in Kuba auf eine gesündere Basis zu stellen.

Ich denke an den Vizepräsidenten des Staatsrats, Carlos Lage, und an den Zentralbankchef Francisco Soberon. Das sind ausgewiesene Wirtschaftsleute. Es wäre zu wünschen und zu hoffen, dass es hier allmählich zu einer Veränderung kommen wird. Vor allem die Landwirtschaft, die schon seit vielen Jahren im Argen liegt, muss reformiert werden, damit der Bevölkerung mehr landwirtschaftliche Produkte zur Verfügung gestellt werden.

In der kubanischen Hauptstadt Havana.

In der kubanischen Hauptstadt Havanna.

Hat das kubanische System ohne Fidel Castro überhaupt eine Chance?

Ohne wirtschaftliche Reformen baut sich ein Unruhepotenzial im Volk auf. So lange Fidel noch lebt und sein Schatten noch sichtbar sein wird, wird sich meiner Einschätzung nach kaum etwas in Kuba verändern. Wenn er eines Tages nicht mehr sein wird und bis dahin keine Reformen stattgefunden haben, könnte es zu Unruhen kommen, die sich entladen werden.

Aus heutiger Sicht sind die Entwicklungen nur schwer absehbar. Vor allem wird das Verhalten der USA eine wesentliche Rolle spielen. Es kommt darauf an, ob sie die Reformen durch eine vernünftige Politik in Kuba begünstigen können oder ob sie weiterhin das Feindbild liefern.

“Es kommt auf das Verhältnis der USA zu Kuba an”

Die Geschichte der Revolution in Kuba ist auch eine Geschichte der Verbrechen. Millionen Kubaner sind in die Flucht getrieben worden. Viele versuchen – unter Einsatz ihres Lebens – über das Meer nach Florida zu fliehen. Sind friedliche Veränderungen in Kuba überhaupt möglich?

Natürlich sind noch viele Rechnungen offen. Aber viele Menschen haben auch von der Revolution profitiert. Sie sind in angesehenen Stellungen. Auch wenn es nicht mit uns zu vergleichen ist, geht es ihnen relativ gesehen gut. Viele Kubaner ziehen ein Leben in Armut, das aber gesichert ist, einem Leben vor, bei dem sie nicht wissen, wohin es geht. Gerade die militanten Töne des Exils in Miami führen dazu, dass es immer noch Misstrauen auf der Insel gegenüber den Kubanern im Exil gibt.

Die Menschen wollen nicht, dass das Rad der Geschichte zurückgedreht wird. Das ist ein schwieriger Drahtseil-Akt. Es wird darauf ankommen, wie die USA sich Kuba gegenüber verhalten werden, ob sie durch eine geschickte Politik den Wandel begünstigen, der kommen muss, oder ob die USA mit einem starren Verharren auf der Vergangenheit die konservativen Kräfte auf der Insel begünstigen.

Kubanische Kinder lesen in unserer Kinderbibel.

Kubanische Kinder lesen in der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Die einzige große Nichtregierungskraft auf Kuba ist die Katholische Kirche. Was kann die Kirche tun, um einen friedlichen Übergang zu erreichen?

Die Katholische Kirche ist heute eine Art Zufluchtsstätte für die Menschen, die in Not sind und die Beratung brauchen. Auf Kuba habe ich ein reges und aktives religiöses Leben festgestellt: Die Gottesdienste sind ausgesprochen gut besucht, die Menschen suchen den Schutz und die Nähe der Kirche. Ich konnte mir selbst davon ein Bild machen, dass die Heiligen Messen auf der Insel sehr gut besucht sind. Die Katholische Kirche sieht sich selbst nicht als Opposition.

Der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega, legt großen Wert auf die Feststellung, dass die Kirche keine politische Partei ist. Aber sie verstehe sich als Möglichkeit und Mittel, um Menschen Fürsorge angedeihen zu lassen. So ist beispielsweise die Caritas hilfreich tätig. Sie kümmert sich um alte und kranke Menschen, um all jene, die auch vom Staat keine Hilfe bekommen haben.

Ist die Kirche Kubas dabei auf die Hilfe aus dem Ausland angewiesen?

Kathedrale in Cienfuegos.

Kathedrale in Cienfuegos.

Ja, denn ich denke schon, dass die Katholische Kirche Kubas dies nicht alleine bewältigen kann. Als ich als Botschafter meinen Antrittsbesuch bei Kardinal Ortega hatte, bedankte sich dieser zuerst für die Hilfe der deutschen Katholiken. Wir Deutschen und Europäer können auch etwas tun, damit ein friedlicher Übergang auf Kuba möglich sein wird.

Es wird darauf ankommen, dass ein Dialog aufgebaut wird, zum einen zwischen der Insel und dem Exil, zum anderen zwischen den USA und Kuba. Wir können dazu beitragen, diesen Dialog wieder aufzubauen, Kräfte zu stärken, die eine friedliche Verständigung ermöglichen wollen. Und dazu kann unsere Kirche einen Beitrag leisten.

Oswaldo Payá – ein katholischer Oppositionsführer

Neben elf Millionen Kubanern auf der Insel leben etwa zwei Millionen außerhalb, die meisten in Miami. Ist dieses Exil eher eine Bedrohung für die Zukunft Kubas oder eine Hoffnung für die Kubaner?

Im Exil gibt es ganz verschiedene Strömungen. Als der Oppositionsführer aus dem christlich-katholischen Lager, Oswaldo Payá, den Sacharow-Preis erhalten hat, gab es Beifall aber auch sehr skeptische und kritische Stimmen aus dem Exil. Im Exil leben Menschen, die bereit sind, in den Dialog mit der Insel einzutreten. Andere lehnen das teilweise vehement ab. Wir müssen diejenigen stärken, die bereit sind, den Dialog zu suchen. Diese werden auch sicherlich Gesprächspartner finden.

Die Flagge Kubas.

Die Flagge Kubas.

Ich glaube, dass der frühere US-Präsident Jimmy Carter das ganz richtig gesehen, als er 2002 in der Aula Magna der Universität in Havanna vorgeschlagen hat, eine Kommission zu gründen. Diese solle zwischen der Insel und dem Exil vermitteln, um über alle Fragen, die offen sind, zu sprechen.

In diesem Zusammenhang möchte ich von einer Versöhnungs-Kommission sprechen, wie wir sie auch aus anderen Ländern kennen. Es braucht einen Mechanismus, der den Ausgleich begünstigt.

Sie sprachen Oswaldo Payá an, einen katholischen Oppositionellen von der Insel. Er hat ja in Ihrer Amtszeit eine ganz außergewöhnliche Aktion gestartet, die Fidel Castro ziemlich in Verlegenheit gebracht hat…

Das war das so genannte “Proyecto Varela”. Félix Varela war ein Geistlicher, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sozusagen als erster die Idee des Kubanertums aufgebracht hatte. Oswaldo Payá wollte zu einem Plebiszit kommen und den Kubanern die Fragen stellen: Wollt ihr mehr Demokratie? Wollt ihr Menschenrechte? Wollt ihr Meinungsfreiheit?

Payá hat mit diesen Fragen offene Türen bei vielen Kubanern eingerannt und zumindest bei den Regierenden große Verlegenheit ausgelöst. Er hat seine Petition dem Parlament in einem Moment eingereicht, in dem sie nicht zurückgewiesen werden konnte, da Jimmy Carter anwesend war. Auch Carter hat in seiner Rede das Projekt erwähnt. Daraufhin fragten viele Menschen, was denn das eigentlich sei, weil viele davor noch nie etwas davon gehört hatten.

Castros Gegenreaktion war ein Referendum, um den Sozialismus auf Kuba zu verankern und Payá und der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und das ist eben die große Problematik in Kuba, dass es dann kaum Menschen gibt, die in einer solchen Situation Farbe bekennen; die meisten schweigen aus Angst vor ihrer eigenen Zukunft.

Schwester Gloria vom Orden "Dienerinnen Marias, Helferinnen der Kranken" bei einem Krankenbesuch. Foto: Creutzmann.

Schwester Gloria vom Orden der “Dienerinnen Marias, Helferinnen der Kranken” bei einem Krankenbesuch. Foto: Creutzmann.

Wie konnte trotz der steten Präsenz der kommunistischen Partei und seiner engmaschigen Überwachung eine kubanische Opposition entstehen?

Es haben sich meist kleine oppositionelle Gruppen gebildet, zum Teil schon kurz nach der Revolution. Viele davon sind ins Ausland gegangen, weil der Druck zu stark wurde. Andere haben sich gehalten, zum Beispiel Elizardo Sánchez und Martha Beatríz Roque. Diese waren auch jahrelang wegen ihres Eintritts für die Meinungsfreiheit im Gefängnis.

Sie haben unter großen persönlichen Opfern diese Rolle auf sich genommen. Sie sind unserer Unterstützung würdig. Dabei handelt es sich nicht um Söldner in fremden Diensten. Diese Argumente möchte ich hier ausdrücklich zurückweisen. Es handelt sich hier wirklich authentische Oppositionsgruppen, die ein anderes Kuba wollen. Die Regierung fürchtet, dass deren Aktionen Kreise ziehen und vielleicht auch dazu führen könnten, dass die Revolution letztlich verschwindet.

“Es ist wichtig, die Opposition zu untestützen”

Gab es Kontakte und gibt es sie zwischen den westlichen Botschaften, gerade auch der deutschen Botschaft, und dieser kubanischen Opposition?

In Kuba stehen an den Straßen viele Fidel-Castro-Porträts aus Propagandazwecken.

In Kuba stehen an den Straßen viele Fidel-Castro-Porträts zu Propagandazwecken.

Ja, diese Kontakte hat es gegeben. Ich persönlich habe sie sehr diskret gepflegt. Ich wollte die Oppositionspolitiker nicht in weitere zusätzliche Gefahr bringen. Wir haben uns immer wieder getroffen. Gerade der Umgang mit der Opposition war im Grunde der Stein des Anstoßes.

Als die europäischen Außenminister beschlossen hatten, die Opposition zu den einzelnen Nationalfeiertagen einzuladen, hat dies Fidel Castro als Kriegserklärung empfunden. Die diplomatischen Beziehungen wurden daraufhin eingefroren.

Es ist meiner Meinung nach wichtig, zur Opposition zu stehen und sie zu unterstützen. Unberührt davon bleibt der Dialog zu den kubanischen Stellen und zur Regierung. Wir müssen mit Kuba sprechen, wir dürfen es nicht ausgrenzen. Und wir dürfen auch nicht in den Fehler anderer Staaten verfallen, Kuba isolieren zu wollen. Das führt zu nichts.

Wir müssen sehen, dass wir zu einem “Modus vivendi” kommen, auch im Interesse der Menschen, die eben nicht der offiziellen Meinung sind. Dadurch können wir sie aus meiner Sicht am besten schützen.

Fotos: Maria Lozano

Achten Sie bitte auch auf die Videos zum Thema Kuba in der Medienbox.

Sie können bei uns die beiden Interviews “Kuba – Was kommt nach Castro?” und “Kuba – Eiszeit in den Tropen” mit Dr. Bernd Wulffen bei uns als DVD und Hör-CD unentgeltlich bestellen.

19.Feb 2009 15:12 · aktualisiert: 20.Sep 2013 16:51
KIN / S. Stein