Präsidentschaftswahlen in Algerien

“Die nächsten Jahre werden schwer”

Bischof Alphonse Georger über seine schwierige Arbeit in Süd-Algerien

Alphonse Goeerger, Bischof der Diözese Oran.

Alphonse Georger, Bischof der Diözese Oran.

Am heutigen Donnerstag finden in Algerien Präsidentschaftswahlen statt. Aussichtsreichster Kandidat ist Amtsinhaber Abdelaziz Bouteflika. Er ist seit zehn Jahren im Amt. Durch eine Änderung der Verfassung konnte er sich für eine dritte Legislatur-Periode zur Wahl stellen.

Durch die zehnjährige Amtszeit und den voraussichtlichen Sieg Bouteflikas ist das Parlament zu einer “Abnick-Kammer” geworden, sagen Kritiker. Dennoch steht der inzwischen 72-jährige Präsident für Stabilität im Land. Er kam nach einem langen blutigen Bürgerkrieg an die Macht.

In Algerien gibt es große Erdöl- und Erdgasvorkommen. Diese haben die Staatskasse gefüllt, aber davon kommt leider nur wenig bei der Bevölkerung an. Die Arbeitslosigkeit ist groß, und junge Menschen wollen das Land verlassen. Ein Verdienst des Präsidenten ist aber die Sicherheit in Algerien. Bombenattentate sind selten geworden.

Das sah vor der Amtszeit des jetzigen Präsidenten anders aus. Am 1. August 1996 kam der Bischof der Diözese Oran, Pierre Lucien Claverie, bei einem Attentat ums Leben. Sein Nachfolger Alphonse Georger braucht bis heute bei seinen Besuchen in den Pfarreien Polizeischutz.

Trotz zahlreicher Hindernisse keine Verbitterung

Seine Gläubigen dürfen sich nur an solchen Orten zum Gottesdienst treffen, die bei den zuständigen staatlichen Behörden registriert worden sind. Dennoch zeigt Bischof Alphonse Georger im Interview keine Zeichen von Verbitterung oder Groll.

Egal, welchen Maßstab man anlegt: Bischof Alphonse Georger ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. In Lothringen geboren, wurde er “zum Priester für Algerien geweiht” (so seine eigenen Worte).

Mehr als vierzig Jahre später weiß er nur zu genau, wie sehr Christen für ihren Glauben leiden müssen. Das Christentum, einst eine staatlich anerkannte Religion, ist inzwischen das Opfer von institutionalisierter Diskriminierung. Christen dürfen sich nicht einmal mehr in ihren Privatwohnungen zum Gebet treffen.

Es war nicht immer so. Seine ersten Erfahrungen in Algerien machte Bischof Georger Anfang der 1960er Jahre als Soldat im Militärdienst in einem Land, das damals noch als Außenposten des französischen Kolonialreichs galt.

Arbeit der Kirche ist schwieriger geworden

Als er später als ausgebildeter Priester nach Algerien zurückkehrte, war das nordafrikanische Land inzwischen unabhängig geworden, was allerdings die Auswanderung zahlreicher Christen ausgelöst hatte. Mitte der 1970er-Jahre gab es aber immer noch viele französische, italienische und auch chinesische Arbeiter in dem erdölreichen Land.

Die Kirche tat immer noch ihren Dienst in der Gesellschaft, zum Beispiel in Schulen. Bischof Georger war damals Leiter einer solchen kirchlichen Schule. Das alles aber ging zu Ende, als dann die kirchlichen Schulen verstaatlicht wurden. Seither ist die Arbeit der Kirche immer schwieriger geworden. Heute beschränkt sie sich weitgehend auf Bibliotheken und bestimmte soziale Dienste.

Kirche in Oran / Algerien.

Kirche in Oran / Algerien.

Offizielle Statistiken nennen für die Zeit vor 1960 eine Zahl von 355 000 Katholiken in der Diözese Oran – das war damals fast 18 Prozent der Gesamtbevölkerung. Heute gibt es kaum noch 400 Katholiken in dieser Diözese, bei einer Gesamtbevölkerung, die in fünfzig Jahren von 1,9 auf 7,3 Millionen angestiegen ist.

Der zunehmende Druck auf die Christen gipfelte schließlich in dem Mord an neunzehn Priestern und Ordensleuten innerhalb von nur zwei Jahren. Unter den Opfern war auch der Vorgänger von Bischof Georger: Bischof Pierre Claverie OP.

Diese Attentatsserie war der Höhepunkt einer Kampagne, in der alle Aktivitäten ausgemerzt werden sollten, von denen man annahm, sie würden die Abkehr von Muslimen vom Islam fördern. Bis zu seinem tragischen Tod im August 1996 hatte Bischof Claverie in Projekten gearbeitet, die den sozialen Zusammenhalt fördern sollten, indem sie Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund zusammenbrachten. Bischof Georger: “Das Problem war, das einige der teilnehmenden Muslime vermuteten, die Kirche wolle Muslime zum christlichen Glauben bekehren – was aber definitiv nicht der Fall war.”

Neue Religionsgesetze im Jahr 2006

Nun muss Bischof Georger die Arbeit seines ermordeten Vorgängers fortsetzen: es mutet an wie die Weitergabe eines vergifteten Kelches. Doch Bischof Georger lässt sich nichts anmerken. In einer Diözese von der Größe Bayerns arbeitet er mit siebzehn Priestern und fünfzig Ordensschwestern. Zur Zeit des heiligen Augustinus, des Bischofs von Hippo, im 5. Jahrhundert, gab es in dieser nordafrikanischen Gegend noch mehr als 200 Diözesen!

Im Jahr 2006 wurden neue Religionsgesetze erlassen. Sie machen die Dinge noch schwieriger. Nicht-Muslime dürfen in Algerien nur an solchen Orten “religiöse Treffen” abhalten, die von den staatlichen Behörden zuvor genehmigt wurden. Dabei werden ihnen sehr enge Grenzen gesetzt. Jede Anstiftung zur Konversion ist gegenüber Muslimen streng verboten. Die Höchststrafen für solch eine kriminelle Handlung liegen bei 14.000 US-Dollar Geldstrafe und fünf Jahren Gefängnis.

Das Podium zum Thema Afrika - Kontinent der Hoffnung beim Kongress Treffpunkt Weltkirche 2008 (von links): Erzbischof Charles Palmer-Buckle (Ghana); Dolmetscherin, Prinz Asfa-Wossen Asserate (Äthiopien); Bischof Martin Igwe Uzoukwu (Nigeria); Bischof Anba Damian (Koptisch-Orthodoxe Kirche); Erzbischof Antonios Naguib (Ägypten); Moderator Martin Lohmann; Obiora Ike (Nigeria); Alphonse Georger (Algerien); Andrzej Halemba (KIRCHE IN NOT).

Das Podium zum Thema “Afrika - Kontinent der Hoffnung” beim Kongress “Treffpunkt Weltkirche” 2008 (von links): Erzbischof Charles Palmer-Buckle (Ghana); Dolmetscherin, Prinz Asfa-Wossen Asserate (Äthiopien); Bischof Martin Igwe Uzoukwu (Nigeria); Bischof Anba Damian (Koptisch-Orthodoxe Kirche); Erzbischof Antonios Naguib (Ägypten); Moderator Martin Lohmann; Obiora Ike (Nigeria); Alphonse Georger (Algerien); Andrzej Halemba (KIRCHE IN NOT).

Bischof Georger ist sich klar darüber, dass die kommenden Jahre schwierig sein werden. Schon jetzt ist das Leben nicht leicht. Gefragt, wie es denn mit dem Nachwuchs für seine Priester ausschaut, antwortet er etwas schroff: “Nein! Wir haben kein Priesterseminar mehr – es musste geschlossen werden.”

Doch Bischof Georger lässt sich nicht unterkriegen; er schaut auf die positiven Erfahrungen, die es eben auch gibt. So erzählt er von einem Altenheim, das von Ordensschwestern betreut wird. Und diese Schwestern erhalten für ihre Arbeit regelmäßig Almosen und Unterstützung von frommen Muslimen.

“Jeder Freitag ist ein Tag des Gebetes, und die Leute kommen und bringen Brot. Und kürzlich, am Abrahams-Fest, erhielten sie sogar fünfzig Lämmer. All das trägt dazu bei, dass die Ordensschwestern ihr Altenheim in einem sehr guten Zustand erhalten können. Es ist eine Art Wunder!”

“Wir dürfen keine Angst zeigen!”

Auch anderswo gibt es Zeichen der Hoffnung. In der Nähe von Oran gibt es auf einem Hügel einen Wallfahrtsort. Bischof Georger beschreibt, wie er diesen Ort besucht hat, nachdem er zum Bischof geweiht worden war. Die Wallfahrtsstätte
war zu der Zeit schon jahrelang vernachlässigt worden; in der kleinen Kapelle wurden Schafe gehalten. Doch jetzt soll dieser Ort wiederbelebt werden und es wird dort eine kleine Kirche errichtet – mit der Hilfe von KIRCHE IN NOT.

Und mit einem kleinen Gefühl des Triumphes beendet Bischof Georger sein Interview: “Sehen Sie: wir leben hier ohne Furcht. Jesus hat gesagt: ‘Habt keine Angst!’ Ich glaube, Ihr seid eher die Leute, die Angst haben; die Kirche im Westen ist es, die Angst hat. Wir dürfen aber keine Angst zeigen! Die meisten Menschen, mit denen wir zusammenleben, sind unsere Freunde. Sie sind das, was wir auch sein sollten: ein Zeichen der Hoffnung!”

Schlagworte:
Afrika · Algerien · Alphonse Georger · Frankreich · Islam · Oran · Wahlen
9.Apr 2009 12:02 · aktualisiert: 26.Aug 2009 15:09
KIN / S. Stein