Karfreitag im Heiligen Land

Wie Christen in Jesu Heimat den Passionstag begehen

Elias Chacour, melkitisch-katholischer Erzbischof von Galiläa.

Elias Chacour, melkitisch-katholischer Erzbischof von Galiläa.

Das Heilige Land rückt in diesen Tagen, wenn die Christen die Karwoche und das Osterfest begehen, wieder besonders in das Bewusstsein der Menschen. Schließlich haben sich hier der Leidensweg, die Kreuzigung und die Auferstehung Jesu ereignet.

Noch leben im Heiligen Land Christen, doch ihre Zahl geht stetig zurück. Einer, der diesem Exodus entgegenwirkt, ist Abuna Elias Chacour. Seit Februar 2006 ist Chacour der melkitisch-katholische Erzbischof von Akko, Haifa, Nazareth und ganz Galiläa.

Der promovierte Bischof stammt aus einer palästinensischen Familie und studierte in Paris Theologie. In Jerusalem besuchte er als erster Araber Lehrveranstaltungen zur Thora und zum Talmud an der hebräischen Universität.

Universität für Christen, Juden und Muslime

Aus seiner Gründung eines überkonfessionellen Bildungszentrums für Palästinenser wuchs die erste arabische Hochschule in Israel. Diese Universität ist für israelische Christen, Juden und Muslime in gleicher Weise offen und stellt einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen dar.

Im Herder-Verlag ist ein Buch mit dem Titel “Elias Chacour – Israeli, Palästinenser, Christ. Sein Leben erzählt von Pia de Simony und Marie Czernin” erschienen. Darin wird auch der Karfreitag des Jahres 2006 beschrieben.

Titelbild des Buches.

Titelbild des Buches.

“Zu Beginn der Karwoche ertönte frühmorgens eine wehmütige Melodie aus den Lautsprechern des Mar-Elias-Gymnasiums. Der Gesang klang wie ein Mantra, als wolle er vor einer nahenden Gefahr warnen.

Maronitische Klagelieder erinnern in ständiger Wiederholung an den grenzenlosen Schmerz der Gottesmutter beim Anblick ihres gekreuzigten Sohnes. Die Stimme, die an diesem Morgen aus dem Lautsprecher kam, gehörte der prominenten libanesischen Sängerin Fairouz, ihr Klang enthüllte die ganze Tragik des Nahen Ostens.

Die Sporthalle füllte sich mit Schülern und Lehrern des Gymnasiums von Ibilin. Am letzten Schultag vor den Osterferien gab es statt des Unterrichts eine festliche Abschlussfeier. Verschleierte Mädchen in bunten Kostümen forderten auf der Bühne der Schule junge Derwische zum orientalischen Tanz auf. In den Grundschulklassen feierte man das nahende Osterfest mit Süßigkeiten und mit dem Singen traditioneller Lieder.

In der melkitischen Kathedrale von Haifa drängten sich am Karfreitag die Menschen in den Kirchenbänken, und das Gotteshaus drohte, aus allen Nähten zu platzen. Kurz vor Beginn der Liturgiefeier hielt eine kleine Runde von Männern gespannt Ausschau nach ihrem neuen Erzbischof.

“Hier begann das öffentliche Leben Christi”

Als Elias Chacour schließlich in feierlichem Gesang die Liturgie anstimmte, hoben die Männer das Grabtuch Christi auf ihre Schultern und trugen es unter Gesang aus der Kirche und dann durch die gegenüberliegende Kirchtür wieder herein – dreimal hintereinander. Frauen und Kinder warfen Tausende von Blütenblättern in das vorbeigetragene Blumenmeer.

“Hier in Galiläa begann Christi öffentliches Leben, all das, was Jesus tat … Hier fanden auch die Begegnungen mit dem Auferstandenen statt. Wir spüren seine Anwesenheit auch heute unter uns.” Die Aussage des Erzbischofs riss die Gemeinde aus der Lethargie der letzten Jahre, denn er sprach mitten in ihre Gegenwart hinein. “Aber noch heute bluten die Wunden der Christen schmerzhaft. Immer mehr Melkiten verlassen unser Land.”

Eines unserer Hilfsprojekte in Israel aus dem Jahr 2008: Ein Neubau eines Gemeindezentrums in Makhoul.

Eines unserer Projekte in Israel im Jahr 2008: Ein Neubau eines Gemeindezentrums in Makhoul.

Die massenhafte Emigration seiner Glaubensbrüder war Chacours größte Sorge. Er wollte den Gläubigen ihre einzigartige Berufung erneut ins Bewusstsein bringen. Als Nachkommen ihres “Landsmanns” Jesus hatte ihr Leben im Heiligen Land doch eine göttliche Bestimmung: Sie sollten nicht vor der Verfolgung fliehen, sondern ihr Kreuz vielmehr als besonderen Auftrag annehmen: “Selig seid ihr, wenn ihr durchhaltet und eure Hände nicht mit Blut beschmutzt!”, sagte Chacour im Geist der Bergpredigt. Er wusste, wie sehr seine Zuhörer diesen Zuspruch brauchten.

Eine große Menge schob sich am späten Nachmittag dieses Karfreitags durch die engen Gassen von Shefaram. Sie hielt vor den neu errichten Stationen des Kreuzwegs inne. Ein Vorbeter schrie Gebete in ein Mobiltelefon, das er zum Mikrofon umfunktioniert hatte. Von einem Lautsprecher, der am Kirchturm montiert war, kamen die Texte der Andacht – ähnlich wie die Strophen eines Muezzins.

Prozession und Kreuzweg

Drei Bischöfe: der neu ernannte Erzbischof von Galiläa, Elias Chacour, sein Vorgänger Boulos Muallem und der Bischof von Nazareth, [Giacinto] Marcuzzo, führten im Gebet vereint an diesem lauen Frühlingsabend die Prozession bis zur letzten Kreuzwegstation. Auf einem mit Blumen geschmückten kleinen Podium richteten die Bischöfe ihre Worte von Kreuzigung und Auferstehung an die Gläubigen.

Erzbischof Chacour erinnerte an das Massaker des jüdischen Amokläufers, der im Jahr zuvor in Shefaram das Blutbad in einem Bus angerichtet hatte. Was damals geschehen war, konnten die Einheimischen nicht so schnell vergessen. Die tiefen Wunden waren noch nicht verheilt. Doch an diesem Karfreitag spürten die Anwesenden, dass das Kreuz über Hass und Verzweiflung gesiegt hatte.”

Eine Minderheit in ihrer Heimat

Elias Chacour steht 76 000 Melkiten vor, die ihre Gottesdienste nach dem byzantinischen Ritus feiern und den Papst als Oberhaupt anerkennen. Sie stellen in ihrer Heimat eine Minderheit dar, befinden sich angesichts der gewalttätigen Auseinandersetzungen in einer schwierigen Situation. Diese Menschen benötigen nach Meinung des Erzbischofs nicht nur finanzielle Unterstützung.

Der melkitisch-katholische Erzbischof wurde wegen seiner Bemühungen bereits dreimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. 2001 wurde er in Israel als “Mann des Jahres” ausgezeichnet.

Das Buch “Elias Chacour – Israeli, Palästinenser, Christ. Sein Leben erzählt von Pia de Simony und Marie Czernin” ist im Buchhandel erhältlich (Herder-Verlag, ISBN: 978-3-451-33150-3).

Pontifikal-Gottesdienst im byzantinischen Ritus beim Treffpunkt Weltkirche 2008: Elias Chacour (2. v.l.); Bischof Petro Kryk, Apostolischer Exarch für katholische Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien; Weihbischof Pater Athanasius Schneider ORC (Kasachstan).

Pontifikal-Gottesdienst im byzantinischen Ritus beim Kongress “Treffpunkt Weltkirche” 2008: Elias Chacour (2. v.l.); Bischof Petro Kryk, Apostolischer Exarch für katholische Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien; Weihbischof Pater Athanasius Schneider ORC (Kasachstan).

 

9.Apr 2009 13:53 · aktualisiert: 6.Nov 2013 15:24
KIN / S. Stein