Ein arg gebeuteltes Land

Soziale und kirchliche Herausforderungen in Armenien

Stilles Zeugnis des schweren Erdbebens: auch 20 Jahre danach gibt es noch viele Ruinen im Stadtbild von Gjumri.

Stilles Zeugnis des schweren Erdbebens: auch 20 Jahre danach gibt es noch viele Ruinen im Stadtbild von Gjumri.

Eingefallene Wohnhäuser, zerstörte Fabriken, weitläufige Friedhöfe. Jeden Tag werden die Menschen im Norden Armeniens an das schwere Erdbeben erinnert, das am 7. Dezember 1988 das Land erschütterte.

Bei einer Stärke von 6,8 auf der Richterskala fielen zahlreiche Gebäude wie Kartenhäuser zusammen und begruben tausende Menschen unter den Trümmern; viele wurden obdachlos oder zu Waisen.

Die offizielle Opferzahl der sowjetischen Regierung – Armenien war damals noch ein Teil der Sowjetunion – wurde mit 25 000 Toten angegeben. Doch armenische Quellen sprechen von weit über 100 000 Toten.

Wer die damals vier neu entstandenen Friedhöfe rund um Gjumri, der zweitgrößten Stadt des Landes, heute sieht, kann das Ausmaß dieser Katastrophe nur erahnen: Gräber auf einer Fläche von mehreren Fußballfeldern.

Selbst 18 Jahre nach dem Erdbeben sind noch nicht alle Spuren beseitigt. In Gjumri sind zwar viele Häuser wieder aufgebaut, dennoch leben immer noch 4000 Familien in Notunterkünften. Die Hilfe aus dem Ausland war unmittelbar nach dem Erdbeben sehr groß, selbst die Mormonen haben ein kleines Stadtviertel errichten lassen. In der Zwischenzeit sind aber bereits viele westliche Nicht-Regierungsorganisationen abgezogen, auch wenn immer noch nicht alles wieder aufgebaut wurde.

Industrie-Anlagen und Infrastruktur zerstört

Bis heute hat sich das Land nicht von dieser nationalen Tragödie erholt, denn bei dem Erdbeben sind auch viele Industrie-Anlagen und die Infrastruktur zerstört worden. “In der Sowjetunion lebten wir von den Fabriken und von den Feldern, heute nur noch von den Feldern”, bringt eine junge Frau aus Arevik, unweit von Gjumri, die Problematik auf den Punkt.

In dieser Gemeinde, zu der von Gjumri eine Straße mit vielen Schlaglöchern führt, steht die größte katholische Kirche Armeniens. Es war zugleich die erste katholische Kirche nach dem Ende der Sowjetunion. Es ist keine Kathedrale, sondern eher eine Dorfkirche. Fast alle der 1800 Einwohner Areviks sind katholisch. Zu den sonntäglichen Gottesdiensten kommen zwischen 300 und 400 Besucher, schätzt Pfarrer Anton Totonian. Jeden Tag hat er 60 Leute zum Rosenkranzgebet und für die Heilige Messe. Er betreut zusätzlich einige kleine Dörfer in der Umgebung.

In Arevik steht die größte katholische Kirche des Landes.

In Arevik steht die größte katholische Kirche des Landes.

Die katholische Kirche in Armenien bildet eine Minderheit. Die Armenier gehören meist der armenisch-apostolischen Kirche an, deren geistliches Oberhaupt der Katholikos ist und in Etschmiadsin bei Eriwan seinen Sitz hat. Das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen ist friedlich, auch wenn man im Land nach apostolischen und katholischen Christen getrennte Friedhöfe finden kann.

Als Armenien noch ein Teil der Sowjetunion war, waren die katholischen Kirchen hauptsächlich Lagerhäuser. Das hatte Vor- und Nachteile: auf der einen Seite blieben die Gebäude erhalten, andererseits wurde aber wenig in die Instandsetzung investiert. Daher sind viele Dächer der kleinen Gotteshäuser undicht; der Estrich ist meist so miserabel, dass die Wände feucht sind.

Dennoch pflegen die Pfarreien oft ein lebendiges Gemeindeleben: man trifft sich sonntags zum gemeinsamen Frühstück; Kinder erhalten Katechese-Unterricht von den Erwachsenen. Für die Renovierung der Kirchen und die Katechese erhalten die Katholiken in Armenien auch Unterstützung aus Deutschland, auch von KIRCHE IN NOT.

Viele katholische Kirchen waren zur Zeit der Sowjetunion Lagerhallen.

Viele katholische Kirchen waren zur Zeit der Sowjetunion Lagerhallen.

Auch wenn der katholische Glaube lebendig und engagiert weitergegeben wird, so ist Pater Anton bei seiner pastoralen Arbeit in den Dörfern mit einer aktuellen, dramatischen Entwicklung konfrontiert, wie zum Beispiel in dem 3300-Einwohner-Dorf Panik.

Von dort ist der Großteil der Familienväter weggezogen, um vor allem in Russland eine neue Arbeitsstelle zu finden. Anfangs schicken sie immer noch Geld zu ihrer Familie. Doch im Laufe der Zeit vernachlässigen sie diese und gründen eine neue Familie in Russland. Deshalb findet man in vielen Dörfern zahlreiche von ihren Männern verlassene Frauen und deren Kinder – ein weit verbreitetes Problem in Armenien.

Die Arbeitslosigkeit in Armenien ist eines der großen Probleme des Landes. Sie beträgt laut Auswärtigem Amt offiziell 7,2 Prozent; die tatsächliche Zahl ist wesentlich höher. Rund um Gjumri soll sie 60 Prozent betragen, in einigen Landesteilen sind es nach Caritas-Angaben bis zu 90 Prozent. Besonders junge Menschen resignieren und sind perspektivlos; viele wandern aus.

Die Hauptkirche der armenischen-apostolischen Kirche in Etschmiadsin.

Die Hauptkirche der armenisch-apostolischen Kirche in Etschmiadsin.

Heute leben in Armenien etwa drei Millionen Einwohner, vor wenigen Jahren waren es noch 3,8 Millionen. Es leben viel mehr Armenier im Ausland als in deren Heimat; Schätzungen gehen von bis zu zehn Millionen aus. Neben wirtschaftlichen hat dies aber auch historische Gründe.

Innerhalb von sechs Jahren, zwischen 1988 und 1994, musste das kleine Land gravierende soziale, politische und wirtschaftliche Einschnitte verkraften, deren Folgen man immer noch sehen kann: Erst das Erdbeben von 1988, dann der Zerfall der Sowjetunion, der schwierige Start der Unabhängigkeit, schließlich der Bürgerkrieg mit dem östlichen Nachbarland Aserbaidschan um Bergkarabach, eine mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region in Aserbaidschan.

Seit 1994 besteht ein Waffenstillstand mit dem östlichen Nachbarn. Zwar ist die armenische Bevölkerung froh über die gewonnenen Freiheiten nach dem Zerfall der Sowjetunion, wie zum Beispiel die Redefreiheit. Aber auf der anderen Seite ist die Wirtschaft Armeniens schwächer geworden, denn es gibt weniger Absatzmärkte und die Ausfuhr wird durch die geschlossenen Grenzübergänge zur Türkei erschwert.

Ein besonderes Verhältnis pflegt Armenien zu Russland. Am Flughafen in Eriwan trifft man auf russische Zollbeamte, russische Grenztruppen helfen bei der Sicherung der Grenzen. Das hat zwar hauptsächlich historische und wirtschaftliche Gründe, aber möglicherweise spielt auch die Religion eine Rolle: Armenien ist von drei Seiten von islamisch geprägten Staaten eingerahmt – Türkei, Iran und Aserbaidschan. Auch daher pflegt man ein besonderes Verhältnis zu den christlichen Staaten Georgien und Russland.

Im Land kann man noch zahlreiche frühchristliche Kirchen entdecken.

Im Land kann man noch zahlreiche frühchristliche Kirchen entdecken.

Die Südkaukasus-Region ist eine der Wurzeln des Christentums. Schließlich wurde das Christentum in Armenien im Jahre 301 eingeführt; erst zwölf Jahre später war es im Römischen Reich erlaubt. Seit Jahrhunderten leben hier Muslime und Christen zusammen.

“Es gibt zwar viele Probleme, aber gleichzeitig auch viele Chancen”, weiß der in der georgischen Hauptstadt Tiflis residierende Nuntius für Georgien, Armenien und Aserbaidschan, Claudio Gugerotti, aus seiner Tätigkeit. Trotz der religiösen Unterschiede gebe es Dialog, Toleranz und Zusammenarbeit in den drei Ländern. Mit den Christen im Westen spreche man die selbe Sprache, denn sie seien die “Partner im Glauben”.

24.Apr 2009 15:55 · aktualisiert: 22.Apr 2014 15:02
KIN / S. Stein