Friedensprozess im Sudan gefährdet

Weihbischof Daniel Adwok, Sudan

Weihbischof Daniel Adwok, Sudan

Offiziell herrscht im Sudan Frieden, tatsächlich aber leiden die Menschen noch immer unter Gewalt und Hunger – in der westlichen Provinz Dafur, im Norden wie im Süden. Zwar hat die Ausbeutung der Ölfelder im Süden einen wirtschaftlichen Boom ausgelöst, doch die Gelder kommen nicht denen zugute, die dringend Hilfe brauchen.

In einem von Korruption gezeichneten Land sind allein die Mächtigen Profiteure der ungerechten Ressourcenverteilung und ungelösten Konflikte. Der vom Internationalen Strafgerichtshof im niederländischen Den Haag gegen Sudans Staatschef Omar al-Baschir Anfang März 2009 verhängte Haftbefehl war allenfalls ein juristischer Paukenschlag; helfen wird er den Sudanesen nicht.

Weihbischof Adwok: “Der Präsident ignoriert den Haftbefehl!”

Daniel Adwok, Weihbischof von Khartum wird deutlich: “Der Präsident ignoriert den Haftbefehl doch einfach. Viel schlimmer ist, dass der Friedensvertrag von 2005 nicht umgesetzt wird. Es war ein Fehler, diese Aufgabe den einstigen Kriegsgegnern allein zu überlassen. Wir brauchen Hilfe von außen.“

Das auf internationale Vermittlung zustande gekommene Abkommen beendete den Bürgerkrieg zwischen der sudanesischer Regierung und der größten Rebellenbewegung im Süden, der SPLM/A. Bei dem mehr als zwei Jahrzehnte andauernden Konflikt waren nach Schätzungen rund zwei Millionen Sudanesen getötet und vier Millionen vertrieben worden.

Leere Versprechungen

Laut Friedensvertrag sollten sich die bewaffneten Einheiten zurückziehen und die zerstörte Infrastruktur erneuert, also etwa Schulen und Krankenhäuser gebaut werden; die Binnenflüchtlinge wie diejenigen, die in die Nachbarländer ausgewichen waren, dürfen laut Abkommen in ihre Heimat zurückkehren. In freien Wahlen sollen sie eine neue politische Führung bestimmen sowie in einem Referendum 2011 über eine mögliche Unabhängigkeit des Südens abstimmen. All das ist bisher gar nicht oder nur sporadisch erfolgt. Von politischer Normalisierung als Voraussetzung für freie Wahlen und einen Volksentscheid über die Autonomie des Südens kann bis heute keine Rede sein.

Machtkampf auf dem Rücken des Volkes

Zwar hat Omar al-Baschir im April 2009 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen für Februar 2010 angekündigt; doch spielt der Präsident mit der Bekanntgabe wohl nur auf Zeit. Omar al-Baschir scheint nach seinem Putsch vor 20 Jahren weniger denn je gewillt, die Macht aus der Hand zu geben. Sein Gegenspieler, Salva Kiir, Vize-Präsident des Sudans und SPLM/A-Chef, strebt das Amt ebenfalls an. Der Kampf gegen die zunehmende Korruption ist auch Kiirs Sache nicht – mit verheerenden Folgen für die Sudanesen.

Christen werden benachteiligt

“Auch im Süden ist die Korruption groß“, bestätigt Weihbischof Daniel Adwok. Tatsächlich hätten die Menschen keine politische Führung, die ihre Interessen vertritt. Auch christliche Politiker seien wirtschaftlich von der Zentralmacht in Khartum abhängig. Eine echte soziale Entwicklung sei ohne religiöse Freiheit aber nicht denkbar. Stattdessen schreite die Islamisierung voran, weil es sozialen Fortschritt nur eingebettet in islamisch-arabische Traditionen gebe. Außenstehenden bleibe das verborgen. Daniel Adwok: “Im Sudan werden Christen klar benachteiligt. Sie können sich nicht wehren, weil sie de facto weder über politische noch wirtschaftliche Macht verfügen.“ In den Sicherheitskräften spielen sie keine Rolle.

Katastrophale Bedingungen für Flüchtlinge

Die Lebensbedingungen der Vertriebenen haben sich seit Unterzeichnung des Friedensvertrages nicht wesentlich geändert. Sie sind nach Informationen von KIRCHE IN NOT nach wie vor katastrophal: die Flüchtlinge leben auf engstem Raum, ohne ausreichende medizinische Versorgung – und ohne jegliche Perspektive. Es sind vor allem Christen, aber auch Animisten, Anhänger von Naturreligionen, die keinerlei Unterstützung von Seiten der Regierung erhalten, während die Kirche mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen versucht. Die im Friedensabkommen zugesagte staatliche Hilfe für den Wiederaufbau der Infrastruktur im Süden des Landes ist ebenfalls ausgeblieben. Es fehlt dort an Wasser und Elektrizität, es fehlen Schulen und Gesundheitszentren.

Flüchtlinge im Süden des Sudan

Flüchtlinge im Süden des Sudan

Das 1991 gegründete Flüchtlingsvikariat der Erzdiözese Khartum kümmert sich so gut es geht um die Menschen. Mehr als 300 Kindergärten, Grund- und weiterführende Schulen wurden aufgebaut. Rund 1.500 Lehrer und sonstige Helfer unterrichten und betreuen die Heranwachsenden. Von diesem Programm haben nach Schätzungen in den vergangenen zwölf Jahren mehr als eine Millionen Schülerinnen und Schüler profitiert.

KIRCHE IN NOT unterstützt den Bau und den Unterhalt dieser Schulen seit Jahren. Weitere, gemeinsam mit dem Erzbistum geplante Projekte sind in Vorbereitung. Die Höhe der finanziellen Zuwendungen richtet sich nach Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel.

KIRCHE IN NOT engagiert sich auch in der Aus- und Fortbildung junger Priester. Gegenwärtig sind 64 im Erzbistum tätig; sie betreuen 30 Gemeinden in und rund um Khartum sowie im gesamten Norden des Landes. Unterstützt werden sie von mehreren hundert ausgebildeten Katecheten.

Die Erzdiözese Khartum ist arm, gezeichnet vom Bürgerkrieg, von Flüchtlingselend sowie Schikanen und Repressalien von Seiten der Regierung. Zudem müssen die Christen immer wieder auch gewaltsamer Übergriffe islamischer Extremisten ertragen. Dennoch hat die Kirche eine beachtliche Entwicklung genommen.

Weihbischof Adwok: “Krieg zieht immer Elend nach sich, nur Frieden ermöglicht Entwicklung. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass die Interessen der zehn Millionen Christen endlich geachtet werden. Der Friedensvertrag muss endlich umgesetzt werden. Das geht nur mit Hilfe der Staaten, die schon bei seinem Zustandekommen dabei waren.“

Schlagworte:
Flüchtlinge · Frieden · Haftbefehl · Hilfe · Krieg · Krise · Sudan
28.Apr 2009 11:46 · aktualisiert: 28.Apr 2009 13:06
KIN / A. Stiefenhofer