“Christen sind wie Menschen zweiter Klasse”

Zur Lage im Heiligen Land kurz vor dem bevorstehenden Papstbesuch

Marie-Ange Siebrecht, Expertin für das Heilige Land bei KIRCHE IN NOT.

Marie-Ange Siebrecht, Expertin für das Heilige Land bei KIRCHE IN NOT.

In der vergangenen Woche ist Marie-Ange Siebrecht, Expertin für den Nahen und Mittleren Osten bei KIRCHE IN NOT, von einer Reise nach Israel und in die Palästinensergebiete zurückgekehrt. In einem Interview mit André Stiefenhofer berichtet sie über ihre Eindrücke aus dem Heiligen Land in der Vorwoche des Papstbesuches.

Frau Siebrecht, was ist im Heiligen Land von den Vorbereitungen auf den Besuch des Heiligen Vaters zu spüren?
Die einzelnen Kirchen sind sehr mit der Vorbereitung beschäftigt. Natürlich freuen sich die Christen auf das Kommen des Heiligen Vaters. Man sieht zum Beispiel viele Plakate, die den Besuch des Papstes ankündigen. In Nazareth wird sogar eine Art Amphitheater gebaut, in dem die Messe mit dem Papst stattfinden wird.

Auch in Bethlehem war schon etwas errichtet – im Flüchtlingscamp von Aida, das der Papst ebenfalls besuchen wird. Nur war die Bühne den Verantwortlichen scheinbar zu nahe an der Mauer, die das Heilige Land trennt. Daher wurde die Bühne wieder verlegt. Es gibt noch viele kleine Probleme, aber die Leute vor Ort arbeiten zuversichtlich weiter und hoffen auf ein gutes Gelingen der Reise.

Wird jeder Christ, der den Heiligen Vater sehen will, auch die Möglichkeit dazu bekommen?
Nein, wahrscheinlich nicht. Auf alle Fälle nicht die Menschen in Gaza und nicht die Menschen in Bethlehem. Aber zumindest zu letzteren kommt der Papst ja noch direkt. Aber um die großen Messen in Nazareth oder Jerusalem zu besuchen, werden viele nicht die Erlaubnis bekommen.

Gerade unter den Christen aus Gaza waren nach dem Krieg um die Jahreswende auch Stimmen laut geworden, die daran zweifelten, ob es denn der richtige Zeitpunkt für einen Papstbesuch sei. Wie sehen Sie das?
Wann ist überhaupt ein “richtiger Zeitpunkt” für einen Papstbesuch im Heiligen Land? Das ist die große Frage. Es gibt immer irgendetwas, das in dieser Region nicht stimmt. Ich kann nur sagen, was ich gesehen und gehört habe: Die Leute erwarten im Großen und Ganzen viel von diesem Papstbesuch. Vielleicht sogar zu viel. Denn der Papst wird sicher nicht alle Probleme lösen.

Katholischer Gottesdienst in der Diözese Akka / Israel.

Katholischer Gottesdienst in der Diözese Akka / Israel.

Was genau erwarten die Menschen, und was kann der Papst wirklich erreichen?
Der Papst kann eigentlich nur guten Willen zeigen und versuchen, mit den politischen und kirchlichen Verantwortlichen zu sprechen. Aber aus Erfahrung weiß ich, wie mühsam das in Israel ist. Außerdem will er vor allem als Pilger ins Heilige Land reisen. Der Papst will auch den Menschen sagen: “Ich bin bei Euch!”

Aber was kann er schon groß verändern? Der Heilige Vater kann diese schreckliche Mauer wohl kaum niederreißen. Er kann auch nicht die Probleme, die es zwischen dem Vatikan und dem Staat Israel gibt, durch seinen Besuch aus der Welt schaffen.

Aber es ist ein wichtiges Zeichen, dass er kommt. Ich bin neugierig, was er sagen wird. Welche Zielrichtungen seine Ansprachen haben werden, müssen wir abwarten. Auch um zu sehen, wie die Menschen ihn empfangen werden. In dieser Hinsicht ist auch im Heiligen Land alles noch recht nebulös im Moment.

Aktives Gemeindeleben trotz schwieriger Umstände

Weniger nebulös ist die Lage der Kirche vor Ort. Diese haben Sie bei Ihrem Besuch hautnah erlebt. Welche Begegnungen hatten Sie auf Ihrer Reise?
Ich habe hauptsächlich Projektpartner von KIRCHE IN NOT besucht. Zum Beispiel war ich in Galiläa, wo die Lage der Christen verglichen mit der im Westjordanland, also mit der Gegend um Bethlehem, viel besser ist.

Trotzdem gelten diese Menschen in Israel als Menschen zweiter Klasse. Das heißt: sie haben nicht die Freiheit, die andere Israelis haben. Sie dürfen nicht in gleicher Weise reisen wie andere israelische Staatsbürger. Es leben aber trotzdem immer noch 73 000 griechisch-katholische Christen in Galiläa, das ist nicht gerade wenig!

Die Gemeinden sind sehr lebendig. Dort engagieren sich die Menschen, um die Pfarreien am Leben zu erhalten. Das ist mir besonders positiv aufgefallen. Denn das war nicht nur ein “Bitte gebt!”, das man dort gehört hat. Die Menschen hoffen zwar, dass KIRCHE IN NOT hilft, aber sie sind auch bereit, ihren Teil dazu beizutragen, damit die Hilfe Frucht bringt. Und dieser Beitrag der Christen vor Ort ist bei weitem kein kleiner Teil.

Kerzen in der Geburtskirche in Bethlehem.

Kerzen vor einer Ikone in der Geburtskirche in Bethlehem.

Wie waren Ihre Eindrücke in der Gegend von Bethlehem im Westjordanland?
Dort habe ich die größten Probleme erlebt, vor allem in der Stadt Bethlehem. Die Menschen leben dort wegen der Mauer wie im Gefängnis! Sie können nicht hinein und nicht heraus. Sie fühlen sich wie Gefangene und sind es auch! Die ganze Problematik wird gerade bei jungen christlichen Paaren deutlich.

Ein junger Mann hatte zum Beispiel einen Personalausweis für Jerusalem und konnte dort arbeiten. Aber seine Ehefrau  durfte die Stadt Bethlehem dagegen nicht verlassen, um bei ihm zu leben. Er darf seinerseits nicht in Bethlehem wohnen. Das Ergebnis ist, dass alle versuchen, die Situation mit falschen Papieren zu umgehen.

Die Menschen leben mit der Angst, ob sie am Abend eines Tages überhaupt nach Hause kommen dürfen, oder ob ihre Familienmitglieder von der Arbeit oder von Besuchen zurückkehren dürfen. Es ist wirklich schwer für die Christen in der Region um Bethlehem – es ist ein riesiger Berg, der auf den Schultern dieser Menschen lastet.

Wir Mitteleuropäer, die wir das Heilige Land besuchen, verstehen das nicht und bemerken es auch nicht. Denn wir dürfen überall hin. Die Strecke von Bethlehem nach Jerusalem ist für Ausländer ein Katzensprung. Doch für Palästinenser – und die meisten Christen im Heiligen Land sind Palästinenser – ist das ein gewaltiges Problem.

Altar und Passionsbild in der Grabeskirche in Jerusalem.

Altar und Passionsbild in der Grabeskirche in Jerusalem.

Diese schwierigen Lebensumstände der Christen sind schon länger bekannt. Ist Ihrer Einschätzung nach eine Bewegung in Sicht, dass den Menschen dieser Berg von den Schultern genommen wird? Kann der Papst hier etwas bewirken?
Wir hoffen, dass der Papst dieses Problem ansprechen wird. Meiner Ansicht nach wird und muss das auch ein Schwerpunkt seiner Gespräche und Ansprachen sein. Nur was soll man tun, wenn die Gespräche zu keinem befriedigenden Ergebnis führen?

Es geht ja unter anderem auch um die Visa-Regelungen für katholische Orden, für die Priester, Schwestern und Ordensleute. Es ist sehr viel Arbeit für Seelsorger, überhaupt ein Visum zu bekommen. Außerdem gibt es eine Diskussion darüber, dass der Staat Israel von der Kirche Steuern verlangen will.

Ich habe mit mehreren Juden in Israel gesprochen, die mir gesagt haben – und ich zitiere hier nur, ich gebe hier nicht meine persönliche Einschätzung oder die von KIRCHE IN NOT wider – aber mir haben mehrere Juden gesagt: “Unsere neue Regierung ist rassistisch.” Wenn das so gesehen wird, ist das bedrückend.

Blick auf den Felsendom und den Ölberg.

Blick auf den Felsendom und den Ölberg.

KIRCHE IN NOT ist da, um zu helfen – ganz gleich in welcher “Bedrückung” sich die Christen befinden. Welche Projekte haben Sie auf Ihrer Reise besucht?
Wir haben einige Bauprojekte im Norden Israels, in Galiläa, besucht. Zum Beispiel unterstützen wir den Bau eines Pastoralzentrums für die maronitische Kirche. Für die melkitische Kirche unterstützen wir in einigen Dörfern den Bau von Pfarrsälen. Das ist den Menschen sehr wichtig. Es gehört zu ihrer Mentalität, sich in Pfarrsälen zu versammeln und dort Taufen, Kommunion, Hochzeiten und auch Beerdigungen abzuhalten. Das merkt man auch daran, dass die Menschen in diese Pfarrsäle viel Arbeit und Geld investieren.

Hilfe zur Selbsthilfe

Wir haben auch einige Projekte, in denen wir Studenten der Theologie und Priesteramtskandidaten mit Stipendien unter die Arme greifen. Auch im Westjordanland helfen wir beim Wiederaufbau und bei der Renovierung von Kirchen und Klöstern. Nicht zuletzt helfen wir der Universitäts-Bibliothek in Bethlehem bei der Anschaffung neuer Bücher.

Außerdem unterstützen wir die Christen in Bethlehem, sich mithilfe von Olivenholz-Produkten selbstständig zu machen. Dafür sind die Menschen dankbar. Durch diese Hilfe zur Selbsthilfe konnten wir viele Christen zum Bleiben überzeugen, die sonst ausgewandert wären.

Priester in der Grabeskirche in Jerusalem.

Ein Priester in der Grabeskirche in Jerusalem.

Was können wir hier in Deutschland tun, um die Papstreise so zu begleiten, dass sie auch den Menschen vor Ort eine Besserung ihrer Lage bringt?
Vor allem unser Gebet wünschen sich die Christen im Heiligen Land. Auch der Patriarch hat uns gesagt: “Ich habe alle Klöster im Heiligen Land um das Gebet für die Papstreise ersucht, damit sie ein Schritt nach vorne für die Christen sein wird.” Dem stimme ich zu und sage: Gebet ist das allerwichtigste, das wir aus der Ferne beisteuern können.

Wer ins Heilige Land reist, sollte darauf achten, dass er nicht nur die Heiligen Stätten besucht. Man sollte unbedingt auch die “lebendigen Steine” besuchen. Denn die Menschen dort sind froh, wenn sie merken, dass andere Christen Anteil nehmen an ihrem Leid und an ihrem Glück. Denn trotz aller Widrigkeiten: Das sind alles sehr lebendige Gemeinden!

Alle Filme und Radio-Beiträge in der Medienbox können Sie bei uns unentgeltlich auch auf DVD und Hör-CD bestellen.

6.Mai 2009 07:31 · aktualisiert: 6.Nov 2013 15:22
KIN / S. Stein