“Ohne Familien fehlt uns die Grundlage”

Kardinal Maradiaga über die kirchlichen Herausforderungen in Lateinamerika

Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga

Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga

Unser Hilfswerk hatte Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras zu einer Lateinamerikanisch-Deutschen Wallfahrt nach Altötting eingeladen.

Zuvor trafen sich Wohltäter und Freunde des Hilfswerks zu Begegnungstagen in dem berühmten Wallfahrtsort, um mehr über die Hilfe von KIRCHE IN NOT in Lateinamerika zu erfahren.

In einem Interview mit unserem Mitarbeiter Berthold Pelster sprach der Kardinal über die kirchlichen und sozialen Herausforderungen in seinem Heimatkontinent.

KIRCHE IN NOT: Herr Kardinal, am 13. Mai führte Sie die erste Station Ihrer Europa-Reise nach Fatima und am Wochenende darauf waren Sie in Altötting zu Gast. Machen Sie eine Wallfahrt von Pilgerort zu Pilgerort in Europa?
Kardinal Maradiaga: Es ist eine für mich sehr wertvolle Fügung, dass ich den Monat Mai gleich in zwei Marienwallfahrtsorten feiern darf. Die erste Einladung war die nach Fatima. Sie habe ich bereits im vergangenen Jahr erhalten – und zwar auf dem Katholikentag in Osnabrück vom Bischof von Fatima, Antonio Marto, höchstpersönlich.

Er hat mich dazu eingeladen, die Feierlichkeiten am 13. Mai dieses Jahres zu begleiten – und dieser Einladung bin ich gerne nachgekommen. Und kurz darauf habe ich die Einladung von KIRCHE IN NOT erhalten, nach Altötting zu kommen.

“Den Politikern eine Orientierung an die Hand geben”

Sie sind Präsident von Caritas International, in gewisser Weise also der Repräsentant der katholischen Kirche für Fragen der Gerechtigkeit. Sehen Sie sich als eine Art “politischer Kardinal”?
Den Begriff Politik kann man enger und weiter fassen. Im weiteren Sinne ist Politik ein Dienst am Gemeinwohl. Im engeren Sinne spielt sich Politik hingegen nur auf der Ebene der Parteien und des politischen Tagesgeschäfts ab. Ich bin aber nur im weiter gefassten Sinn politisch. Ich glaube, der Dienst am Allgemeinwohl, also die weitere Bedeutung von Politik, ist die ureigenste Verantwortung der Kirche.

Das schreibt Papst Benedikt auch in seiner Enzyklika “Deus Caritas Est”. Er spricht sich darin für eine “politische Nächstenliebe” aus, für einen “Dienst an der Gemeinschaft”. Und das heißt für mich auch: Die Kirche hat den Auftrag, den Politikern eine Orientierung an die Hand zu geben. Nach diesem Selbstverständnis handle ich.

Gesprächsrunde bei den Begegnungstagen von KIRCHE IN NOT in Altötting: Moderator Berthold Pelster, KIRCHE-IN-NOT-Geschäfsführerin Karin M. Fenbert, Kardinal Maradiaga und Übersetzerin Maria Lozano.

Gesprächsrunde bei den Begegnungstagen von KIRCHE IN NOT in Altötting: Moderator Berthold Pelster, KIRCHE-IN-NOT-Geschäfsführerin Karin M. Fenbert, Kardinal Maradiaga und Übersetzerin Maria Lozano.

Sie sind Erzbischof von Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Was sind die größten Probleme Ihres Landes?
Ich glaube, das größte Problem ist, dass es bei uns an echten Familien fehlt und auch am Verständnis dessen, was “Familie” überhaupt bedeutet. Es gibt in Honduras kaum Zivilehen und noch weniger sakramental geschlossene Ehen.

Die Folgen davon sind das Fehlen von Stabilität in der Gesellschaft sowie Armut, Mangel an Erziehung und Gesundheitsvorsorge. Das verwundert nicht, denn die Grundlage für all das wird in der Familie gelegt. Uns fehlt diese Basis und wir müssen uns auf diese Basis zurückbesinnen, wenn wir unsere Probleme lösen wollen.

Ist das Fehlen dieser Basis auch der Grund für die vielen Straßenkinder in Lateinamerika?
Das ist eine traurige Wahrheit, die in der Tat ganz Lateinamerika betrifft. So viele Kinder werden von verantwortungslosen Eltern alleingelassen. Andererseits kommt das Problem auch daher, dass viele Mütter unter der ihnen aufgebürdeten Last beinahe zerbrechen.

Diese Mütter wurden entweder verlassen oder betrogen und müssen ihre Kinder ganz alleine aufziehen. In solchen Situationen kommt es leider oft vor, dass sie ihre Kinder vor lauter Überforderung auf der Straße aussetzen.

Gefragt wie ein Popstar: Besucher der Wallfahrt baten Kardinal Maradiaga um Autogramme.

Gefragt wie ein Popstar: Besucher der Wallfahrt baten Kardinal Maradiaga um Autogramme.

Ein weiteres Problem Lateinamerikas sind die kriminellen Jugendbanden. Wo kommen die her, sind die Mitglieder ehemalige Straßenkinder?
Zum Teil, doch die kriminellen Jugendbanden kamen im Grunde aus den USA zu uns. Sie hatten sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in Los Angeles gebildet. Die Regierung der Vereinigten Staaten schaffte es, die Banden zu vertreiben.

Doch nur mit dem Ergebnis, dass diese Banden nun zu uns gekommen sind. Zuerst kamen sie nach El Salvador und dann nach Honduras.

Als katholische Kirche können wir hier nur helfen, indem wir den Jugendlichen eine Erziehung anbieten, die oftmals auch eine “Umerziehung” sein muss. Leider landen viele Jugendliche statt in kirchlichen Einrichtungen auch im Gefängnis, wo sie zu noch mehr Gewalt erzogen werden.

Ein anderes, eher geistliches Problem für die katholische Kirche in Lateinamerika sind die neuen religiösen Bewegungen bis in den Bereich der Sekten hinein. Man hört, die katholische Kirche verliere mehr und mehr Gläubige an solche religiösen Gruppen – warum ist das so?

Vor der Gnadenkapelle in Altötting (v.l.): Prälat Ludwig Limbrunner, Kardinal Maradiaga, Erster Bürgermeister Herbert Hofauer.

Vor der Gnadenkapelle (v.l.): Prälat Ludwig Limbrunner, Kardinal Maradiaga, Bürgermeister Herbert Hofauer.

Ich kann nicht bestätigen, dass die katholische Kirche mehr und mehr Gläubige an Sekten verliert. Es sind im Gegenteil kaum Katholiken, die zu den Sekten abwandern, ich beobachte eher so etwas wie eine “Gläubigenwanderung” von Sekte zu Sekte.

Die Sekten sind in meinen Augen auch ein soziales Problem, denn jede dieser Gruppierungen hat vor allem ihren finanziellen Profit im Blick. Es wird ja oft “der Zehnte”, also zehn Prozent des Einkommens, von den Gläubigen gefordert, und zusätzlich werden noch Almosen gesammelt, was eine große Belastung für die Sektenmitglieder darstellt.

Mit diesem Geld können die Sekten im Gegensatz zur katholischen Kirche dann machen was sie wollen. Sie müssen keine Steuern zahlen, keine Priesterseminare unterhalten und haben auch sonst keine Verpflichtungen. Das Geschäft mit dem Glauben ist sehr profitabel und wird auf Kosten der Ärmsten gemacht. Auch darum müssen wir als katholische Kirche natürlich auf die Herausforderung durch die Sekten reagieren. Und die Grundlage dafür haben wir in Aparecida gelegt.

“Es fehlt das richtige Verständnis des eigenen Glaubens”

Wie wollen Sie also den Sekten beikommen?
In Aparecida haben wir Bischöfe erklärt, dass die katholische Kirche die Katechese stärken muss, denn es fehlt erkennbar am richtigen Verständnis des eigenen Glaubens unter den Katholiken. Ohne Katechese fehlt jede Grundlage für den Glauben. Wenn Sakramente ohne Erklärung, ohne Begleitung gespendet werden, dann können sie nicht ihre ganze Heilswirkung entfalten. Wir müssen also mehr für die Bildung und auch für die Glaubensbildung der Katholiken in Lateinamerika tun.

Zum Abschluss der Begegnungstage probierte Kardinal Maradiaga auch das Papstbier.

Zum Abschluss probierte Kardinal Maradiaga auch das Papstbier.

Sie sind ein Mann mit vielen Verpflichtungen, dennoch haben Sie sich die Zeit genommen, zu einem Begegnungstag unseres Hilfswerks KIRCHE IN NOT in den brühmten Wallfahrtsort hier nach Altötting zu kommen. Was hat Sie dazu bewegt?

Wir haben KIRCHE IN NOT viel zu verdanken. Wir dürfen nicht nur sitzen bleiben und empfangen, sondern wir müssen auch etwas zurückgeben.

Es war für mich einfach eine Frage der Gerechtigkeit, unseren Unterstützern in Europa durch meine Worte und meine Zeit etwas zurückgeben zu dürfen.

KIN / S. Stein