Iran: Verfolgungen in einem Vielvölkerstaat

KIRCHE-IN-NOT-Mitarbeiter Berthold Pelster im Interview mit Radio Vatikan

Berthold Pelster.

Berthold Pelster.

Nach Einschätzung unseres Mitarbeiters und Iran-Fachmannes Berthold Pelster ist bei den Protesten im Iran gegen das verfälschte Wahlergebnis eine lang aufgestaute Wut auch religiöser Minderheiten zum Ausbruch gekommen.

Nach den Ausschreitungen vom Wochenende ist die Lage derzeit gespannt, aber nach außen hin ruhig. Mindestens zehn Menschen starben am Samstag, Hunderte weitere wurden verletzt und mehr als 450 festgenommen.

Die Menschen in Teheran und anderen iranischen Städten demonstrieren unter Lebensgefahr für Reformen in ihrem Land, in die auch die dort lebenden Minderheiten große Hoffnungen setzen.

Auf dem Weg in eine Theokratie

Berthold Pelster: “Der Iran ist ja im Grunde ein Vielvölkerstaat. In den letzten Jahren unter Ahmadinedschad ist versucht worden, diesen Staat umzuformen in einen religiösen Staat, in eine Theokratie. Leitlinie dafür ist der schiitische Islam.

Aber wenn man weiß, dass es eine sunnitische Minderheit im Iran gibt, dass es christliche Minderheiten gibt, dass es die große Minderheit der Bahai gibt, die alle mehr oder weniger benachteiligt oder zum Teil auch blutig unterdrückt und verfolgt werden, wird klar, dass die Minderheiten mit dieser Islamisierungspolitik nicht einverstanden sein können.”

In den Ausschreitungen zeigt sich, dass der Wächterrat im Moment das Sagen im Land hat. Eine Einrichtung, die schon in der Vergangenheit ein Übel für Minderheiten war.

Eine Kirche im Iran.

Eine Kirche im Iran.

“Der Wächterrat ist ein schönes Beispiel, dass es um einen religiösen Staat geht – genauer gesagt um einen religiösen Überwachungsstaat. Es gibt zwar demokratische Strukturen, es gibt Wahlen, aber das oberste Sagen hat der Wächterrat. In ihm sitzen muslimische Richter und zum Teil auch einige weltliche Richter.

Sie haben darüber zu bestimmen, welche Gesetze Wirkung erlangen und welche nicht. Alle Gesetze, die das iranische Parlament beschließt, müssen den islamischen Grundsätzen genügen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Christen.”

Harte Strafen bei Religionswechsel

Ein scharfer Verstoß gegen die Religionsfreiheit ist beispielsweise die alarmierende Gesetzes-Initiative aus dem September 2008, die eine Abwendung vom schiitischen Islam mit schwersten Strafen ahndet.

“Religionswechsel soll vom Staat unterbunden werden. Die Strafen für die Abwendung vom Islam sollen verschärft werden” Die Konversion soll nach diesem Gesetzentwurf zukünftig mit dem Tod für Männer und für Frauen mit lebenslanger Haft bestraft werden. Dieses Gesetz ist bisher vom Wächterrat noch nicht abgesegnet worden, “aber es ist damit zu rechnen, dass das geschehen wird.”

23.Jun 2009 10:38 · aktualisiert: 23.Jun 2009 10:39
KIN / S. Stein