“Gottes Wege sind wunderbar”

Eines der letzten Interviews mit Schwester Isa Vermehren

Schwester Isa Vermehren.

Schwester Isa Vermehren (1918 - 2009).

Am 15. Juli verstarb die bekannte Ordensschwester und langjährige Sprecherin des “Wort zum Sonntag”, Schwester Isa Vermehren RSCJ, im Alter von 91 Jahren.

Im Januar 2008 war sie bei unserem Pater-Werenfried-Jahresgedenken in Köln zu Gast gewesen und hatte dort wohl eines ihrer letzten Interviews gegeben. Das Gespräch führte damals Michael Ragg.

In der Medienbox können Sie sich das Gespräch als Video ansehen. Das Interview und weitere Beiträge aus der Medienbox sind als Hör-CD oder DVD bei uns erhältlich.

KIRCHE IN NOT: Mutter Vermehren, Sie sind 1933 von der Schule geflogen. Warum?
SCHWESTER VERMEHREN:
Wir hatten seit der Machtergreifung der Nazis einen totalen Wandel in der Schule durchgemacht. Der Direktor erschien sogar in SA-Stiefeln zu seinem Dienst. Die Lehrer traten scharenweise in die NS-Lehrerschaft ein. Es war alles nationalsozialistisch organisiert und indoktriniert – den ganzen Tag von morgens bis abends.

Am 1. Mai wurden wir zu einem Appell bestellt, wie beim Militär. Die ganze Schule musste antreten, acht Leute in einer Reihe. Es wurde der exakte deutsche Gruß geübt. Dann gab es den Vorbeimarsch aller Lübecker Schulen mit allen Schülern an ihren Lehrern, die auf einer Zuschauertribüne standen. Dabei mussten wir die Fahne grüßen.

Ich hatte zufällig mitbekommen, dass eine Lehrerin zu einer Schülerin sagte: “Du darfst die Fahne natürlich nicht grüßen, denn du bist ja jüdisch.” Das hat mich so wütend gemacht. Ich fand das unerhört und dachte: Wenn die nicht, dann ich auch nicht. Ich bin also an der Fahne vorbeigegangen und habe mir durch das Haar gestrichen.

Moderator Michael Ragg und Schwester Isa Vermehren.

Moderator Michael Ragg und Schwester Isa Vermehren.

Blieb das ohne Folgen?
Natürlich nicht. Abends wurde ich zur Leitung zitiert und gefragt, was mir denn eingefallen sei. Seitdem hatte ich Schwierigkeiten mit den Lehrern. Wir haben uns auf der Mädchenschule darum geprügelt, ob man Nazi sei oder nicht. An dieser Schule wollte ich nicht bleiben, und die Lehrer wollten mich auch loswerden.

Daraufhin haben meine Eltern gesagt: Komm, das bringt nichts, hör auf! Dann hatte ich eine hervorragende Nachfolgetätigkeit: das Kabarett “Die Katakombe” unter der Leitung von Werner Fink in Berlin. Das war ein großer Unterschied: von der Mädchenschule in die “Katakombe”.

Sie waren 15 Jahre alt, als Sie dorthin kamen, und wurden gleich engagiert. Wie ging das?
Ich sang gerne und viel. Ein Bekannter hatte das gehört. Meine Familie und ich waren auf der Suche nach einer neuen Heimat, denn Lübeck war so kleinstädtisch. Wir wollten dort nicht bleiben. Dort wurde immer nachgefragt, ob man geflachst hatte, ob man gespendet hatte oder welche Zeitung man las. Alles wurde weitergegeben. Wir hatten lauter Beziehungen, die uns belasteten. Deshalb wollten wir weg aus Lübeck.

Da meinte unser Bekannter: Schickt doch mal die Isa in die “Katakombe”! Sie kann ja mal sehen, wie sie ankommt mit dem Akkordeon. Eines Abends wurde ich ins Programm aufgenommen und dem Publikum als Neuling vorgestellt. Noch am selben Abend bekam ich ein Engagement.

Blick in den vollbesetzten Saal des Maternushauses, in dem das alljährliche Pater-Werenfried-Jahresgedenken stattfindet.

Blick in den vollbesetzten Saal des Maternushauses, in dem das alljährliche Pater-Werenfried-Jahresgedenken stattfindet.

Sie hatten einige Markenzeichen: Zum einen die Ziehharmonika, zum anderen “ein unglaublich freches Gesicht”, wie die Presse damals schrieb. Das dritte war, dass Sie so unbekümmert gesungen haben. Da hätten sich die meisten Leute sicherlich gewundert, wenn sie gewusst hätten, dass in Ihnen bereits ein ganz anderer Geist arbeitete. Ein Geist, der Sie 1938 zur Konversion brachte. Wie kam es dazu?
Gottes Wege sind wunderbar. Das ist sicher eine Gnadenführung gewesen. Wir wurden ja so stark indoktriniert von den Nazis. Als Kind hatte ich mir oft Fragen gestellt: Was ist das hier eigentlich? Worauf kann ich setzen? Was will ich werden? Worauf kann ich mich verlassen? Wofür will ich leben oder auch sterben?

Diese Fragen nach Wahrheit und Religion waren für mich quälend. Sie haben mich beschäftigt. Dieser Prozess des Denkens und Fragens wurde durch die Nazi-Erziehung herausgefordert und beschleunigt. Ich hatte das Glück, in Berlin in eine Gruppe überzeugter Katholiken zu geraten. Diese Leute waren so beeindruckend.

Was konkret hat Sie an diesen Katholiken beeindruckt?
Sie hatten die Enzyklika “Mit brennender Sorge” vervielfältigt und weitergegeben, obwohl es verboten war. Mehrere von ihnen wurden deswegen sogar eingesperrt. Diesen Umgang mit einer anderen Meinung fanden wir in unserem liberalen Zuhause unmöglich.

Die Katholiken konnten auch alle Auskunft geben über ihren Glauben, was und wie sie glaubten, und wie der Glaube sich bewährt in der Bedrängnis. So eröffnete sich mir eine völlig neue Welt, zu der ich bislang noch keinen Zugang gehabt hatte.

Eines Tages stellte sich die Frage, was ich nun mit dem mache, was ich gefunden habe. Eine richtige Bekehrung hat sich in mir ereignet. Das musste ich bei meinen Eltern durchsetzen. Aber die fanden das ziemlich abwegig: “Wie kann man denn als aufgeklärter Protestant aus Norddeutschland katholisch werden? Das geht doch nicht.” Meine ganze Familie ist inzwischen katholisch, nur meine Eltern wurden es nicht.

Moderator Martin Lohmann im Gespräch mit Helene Hesseler. Die Schwester des ehemaligen Kölner Kardinals Joseph Höffner sprach über ihre Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus.

Moderator Martin Lohmann im Gespräch mit Helene Hesseler. Die Schwester des ehemaligen Kölner Kardinals Joseph Höffner sprach über ihre Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus.

Sie haben die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald und Dachau überlebt. Davon handelt Ihr Buch “Reise durch den letzten Akt”. An mehreren Stellen taucht eine Erkenntnis auf, die Sie im KZ gewonnen haben: Dass das, was wir als das natürlich-menschlich ansehen, wie Freundlichkeit und Güte, gar nicht so natürlich-menschlich ist, sondern auf einer kulturellen Tradition beruht. Was hat Sie zu dieser Erkenntnis gebracht?
Das Konzentrationslager ist eine ungeheure Schule des Glaubens gewesen. Was die Aufseher den Gefangenen angetan hatten, das war immer jenseits des Anstands. Dieser Umgang mit den Häftlingen war furchtbar rau und kränkend, ungerecht und brutal. Sie wurden verhöhnt und geschlagen.

Genau das hat sich auch Jesus Christus von uns gefallen lassen. Das muss einem wohl erst geschehen, damit die Liebe und Treue zu Christus in die Bewährung kommt: “Was ihr dem Geringsten tut, das tut ihr auch mir.” Das ist nicht nur das Gute, sondern auch das Böse. Das Menschenbild hat sich geändert in dieser Zeit.

Ich glaube heute nicht mehr nur an das Gute im Menschen. Die Möglichkeit dazu hat jeder sicherlich, aber wenn sie nicht gepflegt und kultiviert wird, wie etwa Höflichkeit oder Ehrlichkeit, dann kommt es nicht dazu. Das hat mich auch in meiner Zeit als Lehrerin begleitet.

Diese Erkenntnis hat auch dazu geführt, dass Sie nach dem Krieg in den Schuldienst gegangen sind. Sie sind in den Orden eingetreten, waren Schulleiterin in Hamburg und Bonn und gingen 1983 in den Ruhestand. Dann sind Sie als Sprecherin des “Wort zum Sonntag” bekannt geworden. Welche Akzente sollten die Bischöfe heute setzen, und was ist der Auftrag der Gläubigen?
Ich denke, der Heiland hat laut genug gesagt: “Folge mir!” Wenn die Geistlichen sich diesem “Folge mir!” von Jesus anschließen würden, dann wäre das wunderbar für die Kirche.

Fotos: Lozano

Schlagworte:
Bonn · Isa Vermehren · Jahresgedenken · Köln · Krieg · Nachruf
27.Jul 2009 15:45 · aktualisiert: 28.Jul 2009 09:45
KIN / S. Stein