Der schwierige Weg zur Unabhängigkeit

Vor fünfzehn Jahren entschieden sich die Osttimoresen für die Selbstständigkeit

Osttimoresische Frau im Festtagsgewand aus traditionellem Tais-Gewebe.

Osttimoresische Frau im Festtagsgewand aus traditionellem Tais-Gewebe.

Osttimor, offiziell Demokratische Republik Timor-Leste, ist der erste Staat, der im 21. Jahrhundert unabhängig wurde. Am 20. Mai 2002 wurde das Land, das etwa so groß wie Sachsen ist, selbstständig.

Knapp drei Jahre zuvor, am 30. August 1999, entschied sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Loslösung von Indonesien, zu dem es seit 1975 gehörte. Über drei Viertel sprach sich für die Unabhängigkeit aus.

Michaela Koller, Vorsitzende des Vereins “Osttimorforum”, hat den kleinen Staat besucht und berichtet in einem Interview über ihre Eindrücke und die Bedeutung der katholischen Kirche in Osttimor. Das Gespräch führte Volker Niggewöhner.

VOLKER NIGGEWÖHNER: Was lässt sich über diesen kleinen Staat sagen? Was macht ihn so besonders?
MICHAELA KOLLER: Osttimor ist das katholischste Land Asiens, mit einem Katholikenanteil zwischen 92 und 97 Prozent – da variieren die Angaben. Nach 450-jähriger portugiesischer Kolonialzeit und 24 Jahre langer gewaltsamer Besatzungszeit durch Indonesien wurde das Land erst 2002 unabhängig.

Wie hat Indonesien auf die Unabhängigkeitsbestrebungen reagiert?
Nach dem 30. August 1999, an dem 78 Prozent der osttimoresischen Wähler für die Loslösung von Indonesien stimmten, erreichte die Gewalt, die sich über Jahrzehnte bereits hinzog, einen Höhepunkt. Die Armee und die Zivilverwaltung der Indonesier unterstützten dabei Milizen, die in ihrem Interesse mordeten und zerstörten. Rund 2000 Menschen kamen ums Leben, mehr als 200 000 Osttimoresen wurden vertrieben.

Die pro-indonesischen Milizen zerstörten zudem mehr als drei Viertel der gesamten Infrastruktur: Straßen, Gebäude, Agrarfelder – alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Es war eine Politik der verbrannten Erde.

Der Wiederaufbau in Osttimor kommt nur langsam voran.

Der Wiederaufbau in Osttimor kommt nur langsam voran.

Eine der Schlüsselfiguren auf dem Weg zur Unabhängigkeit war Bischof Carlos Felipe Ximenes Belo, der 1996 den Friedensnobelpreis erhielt. Was hat gerade ihn dazu bestimmt, eine Gallionsfigur dieser Unabhängigkeitsbewegung zu sein?
Der Anteil der Katholiken stieg während der indonesischen Besatzungszeit von anfangs 30 Prozent im Jahr 1975 auf mehr als 90 Prozent im Jahr 1999, als die Besatzung endete. Sicherlich war der katholische Glaube auch ein Identifikationsfaktor gegen die “Indonesierungspolitik”, die von Jakarta gelenkt wurde.

Aus diesem Grund konnte überhaupt ein katholischer Bischof solch eine Rolle spielen. Zugleich zeigte Bischof Belo in seiner Zeit in Osttimor großen Mut. Einen viel größeren als manche seiner Amtsbrüder. Selbstverständlich war die Verleihung des Friedensnobelpreises an Bischof Belo eine Sensation, die das Schicksal des Landes an die internationale Öffentlichkeit brachte.

Seit dem letzten großen Massaker in Osttimor im Jahr 1991 war das kleine Land damals völlig aus den Medien verschwunden. So gab es endlich wieder einmal einen aktuellen Anlass für die Medien und vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit der Menschenrechtsorganisationen, auf die Not dort aufmerksam zu machen.

Wie sind die Beziehungen zu Indonesien? Wie weit ist man mit der Verarbeitung der Geschichte, mit der Verarbeitung der Verbrechen?
Die Regierung fährt zum Leidwesen derer, die Gerechtigkeit erwartet hatten, einen realpolitischen Kurs gegenüber Indonesien. Dass die osttimoresische Regierung die Straflosigkeit der Drahtzieher hinter den Verbrechen von 1999 in Kauf nimmt, ist in zweifacher Hinsicht problematisch: Eine ordentliche Aufarbeitung der Vergangenheit wäre sowohl für die Demokratiereform in Indonesien wichtig wie auch für die rechtsstaatliche Entwicklung in Osttimor.

Bereits wenige Wochen nach dem Attentat von Bali, im Oktober 2002, bei dem Islamisten 180 Menschen töteten, hat Osttimor zusammen mit Indonesien eine “Kommission zur Bekämpfung des Terrorismus” gebildet, die so genannte “Kommission für den Südwestpazifik-Dialog”. Darin beschäftigten sich die Delegierten nicht nur mit dem Terrorismus, sondern auch mit gemeinsamen polizeilichen Maßnahmen gegen Schmuggel und Drogenhandel.

Darüber hinaus ist eine “Wahrheits- und Freundschaftskommission” eingerichtet worden. Deren Bericht, den sie im vorigen Jahr vorlegte, schafft keinesfalls Gerechtigkeit. Darin werden keine Namen von Drahtziehern der Gewaltexzesse genannt.

Eine deutliche Entschuldigung der indonesischen Regierung steht ebenso noch immer aus wie die gerichtliche Aufarbeitung schwerster Verletzungen der Menschenrechte. Offenbar hat keine der beiden Seiten ein echtes Interesse an einer weiteren Strafverfolgung Verantwortlicher.

Friedensnobelpreistäger Bischof Carlos Felipe Ximenes.

Friedensnobelpreistäger Bischof Carlos Felipe Ximenes.

Die Katholische Kirche war zur Erlangung der Unabhängigkeit sehr wichtig. Welche Rolle spielt sie beim Aufbau des Landes?
Die Ortskirche sowie katholische Orden haben sich bislang vor allem in der Bildungspolitik profiliert. Als Beispiele seien folgende erwähnt: Die Schwestern von Mary MacKillop, die als Schutzpatronin des vorigen Weltjugendtags bekannt wurde, sind seit zwölf Jahren, abgesehen von Katechetenschulung, Lehrerausbildung und Gesundheitsbildung, für ihr Alphabetisierungsprogramm in der Verkehrssprache Tetum bekannt, das inzwischen Maßstäbe gesetzt hat.

Das timoresische Schulministerium hat zusammen mit dem internationalen Kinderhilfswerk UNICEF einen Lehrplan für den Unterricht in der timoresischen Verkehrssprache Tetum an den Schulen veröffentlicht, der sich weitgehend an den der australischen Schwestern des Heiligen Joseph vom Heiligen Herzen anlehnt.

Maristenbrüder haben ein Lehrerausbildungskolleg in Baucau, der zweitgrößten Stadt des Landes, eingerichtet. Wenn man die Bedeutung einschätzen will, muss man wissen, dass 20 Prozent der Grundschullehrer das Land während der Massaker von 1999 verlassen haben und dass 95 Prozent der Schulen und Bildungseinrichtungen zerstört wurden.

Flüchtlingslager in der Berufsschule

Im Frühjahr 2006 kam es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Land, nachdem ein Großteil der Armeeangehörigen entlassen wurde. Über 150 000 Menschen waren auf der Flucht. Viele flohen in kirchliche Einrichtungen, wie etwa auf das Gelände der Berufsschule der Salesianer Don Boscos, wo sich mit zeitweise 13 000 Menschen das größte Flüchtlingslager der Hauptstadt Dili bildete.

Dies zeigt, dass die Menschen auch in schwierigen Zeiten auf die Arbeit der Kirche vertrauen und sich nicht nur auf die Politik verlassen. Für die Flüchtlinge dort, die in bedrückende Enge ausharren mussten, hat das Osttimorforum damals gesammelt.

Bischof Belo beim Gebet.

Bischof Belo beim Gebet.

Wie wird der Glaube gelebt? Wie leben die Menschen in und mit ihrer Kirche?
Zum alltäglichen Glaubensleben in Osttimor ist zu sagen, dass die Menschen an Sonntagen in großer Zahl zur Kirche strömen. Ich habe einen Ostergottesdienst erlebt, und es war ganz beeindruckend zu sehen, wie die Menschen bis weit herunter zur Straße standen, auch wenn es regnete. Das schien den Menschen gar nichts auszumachen. Immerhin dauerte die ganze Zeremonie fast zwei Stunden!

Außerdem gibt es einen katholischen Radiosender, Radio Kmanek, in der Hauptstadt Dili. Er ist der Sender mit der größten Reichweite im Land. Die Radiostation leistet einen wichtigen Beitrag zur Bildung, besonders zur Gesundheitsaufklärung.

Sie haben in einer Zeitungsreportage erwähnt, dass es etwas Normales sei, Politiker und Christ zu sein, und das auch zu zeigen! Was haben Sie dort erlebt?
Ich musste eines Nachmittags noch einmal ins Außenministerium, um dort Informationsmaterial abzuholen und wurde gebeten, einen Moment zu warten und es zog sich etwas hin. Und plötzlich denk ich: Was hör ich da!? Das war das “Halleluja” von Taizé! Die Mitarbeiter hatten sich versammelt, um für einen bevorstehenden Gottesdienst am selben Abend noch einmal musikalisch zu proben.

Das kann man sich im Außenministerium in Berlin schwerlich vorstellen. Das ist einfach eine Selbstverständlichkeit in Osttimor, den Glauben und die Arbeit, den Alltag, miteinander zu verbinden.

Reisernte in Osttimor. Dreiviertel derer, die Arbeit haben, verdienen ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Die Existenz hängt weitgehend von der Eigenproduktion ab.

Reisernte in Osttimor.

KIRCHE IN NOT und andere Hilfswerke unterstützen Projekte in Osttimor, vor allem bei der Ausbildung. Was kann man noch tun, um den Menschen in Osttimor zu helfen?
Abgesehen von wirtschaftlicher Unterstützung benötigt das Land Unterstützung zum Aufbau seiner jungen Demokratie und Kraft zur Versöhnung. Die Menschen müssen wieder zu sich selbst finden. In diesem Sinne arbeiten wir, das Osttimorforum, indem wir mitwirken, nach langer Fremdbestimmung die Traditionen aufblühen zu lassen.

Ein Ausdruck der ureigenen timoresischen Kultur ist der reiche Schatz an traditioneller Musik und Instrumenten. Deshalb unterstützen wir die Hadahur Music School, die zugleich die große Kirchenchortradition der Timoresen, noch aus portugiesischer Zeit, pflegt.

Ist Tourismus ebenfalls eine Möglichkeit, die christlichen Glaubensgeschwister zu unterstützen?
Sicher ist Tourismus ein Thema in Osttimor. Es gibt zwar noch keine Pauschaulreisen dorthin. Aber der Reisende findet ein wunderschönes Land vor, mit romantischen stillen, grünen, Buchten, weiße Sandstrände und die Regierung hofft, in Zukunft den Tourismus ausbauen zu können.

Bilder: Osttimorforum, Dr. Klaus Müller

31.Aug 2009 10:28 · aktualisiert: 31.Aug 2014 12:19
KIN / S. Stein