Eine beeindruckende Begegnung

Vor 50 Jahren traf Pater Werenfried zum ersten Mal Mutter Teresa

Mutter-Teresa-Statue in Pristina / Kosovo.

Mutter-Teresa-Statue in Pristina / Kosovo.

Am 5. September jährt sich der Todestag der seligen Mutter Teresa zum 18. Mal. Schon zu Lebzeiten war sie als Engel der Sterbenden in Kalkutta in aller Welt bekannt. Pater Werenfried van Straaten hat sie über mehrere Jahrzehnte hinweg unterstützt.

Er traf sie das erste Mal bereits im Jahr 1959 auf seiner Reise durch einige asiatische Länder. Pater Werenfried war von dieser Begegnung mit Mutter Teresa und ihrer wertvollen Arbeit tief beeindruckt. Er war es auch, der Mutter Teresa in Europa als einer der ersten bekannt machte.

In seinem Buch “Sie nennen mich Speckpater” schreibt Pater Werenfried über seine Eindrücke und Erlebnisse in den Armenvierteln von Kalkutta und der schwierigen Arbeit von Mutter Teresa und ihren Mitschwestern:

“Und dann kam Kalkutta, die glühendheiße Millionenstadt in Indien. Eine Million Obdachlose. Sie wohnen, schlafen und sterben auf der Straße. Hunderttausend andere, meist Flüchtlinge aus Pakistan, wohnen auf dem Bürgersteig. Sie haben dort kleine Hütten gebaut, die sich kilometerweit auf den Trottoirs hinziehen, mit dem Rücken an die Häuserwand gelehnt. Das Dach ist schräg. Die größte Höhe beträgt 1,20 m.

An diesen Hundehütten entlang fließt braunes, lehmiges Wasser durch die Gosse. In diesem Wasser waschen sie sich und verrichten ihre Notdurft, und dort spielen die Kinder. Menschen in der Gosse. Entwürdigte Ebenbilder Gottes! Auch hier kein Essen, keine Arbeit, nichts. Von den 400 Millionen Indern sind drei Viertel unterernährt.

Die erste Begegnung mit Mutter Teresa

Nur den heiligen Kühen geht’s besser. Man sagt, dass es davon 200 Millionen gibt. Sie gehen unbehelligt durch die Straßen, halten den Verkehr auf, fressen die Gemüseläden leer, dürfen nicht weggejagt und nicht geschlachtet werden. Und das Volk krepiert vor Hunger. Für die Kühe gibt es Altersheime, für die Menschen nicht.

Mutter Teresa kümmert sich um die Menschen und um die Findlinge, die sie morgens aus den Mülleimern holt, und um die Kranken und um die Sterbenden … Ich habe sie im “Haus der Toten” besucht. Es liegt dicht neben dem Kali-Tempel und diente früher der Tempelprostitution. Jetzt ist es der letzte Zuflucht derer, die in Verlassenheit sterben. “Home for dying destitutes” steht nüchtern und klar auf der Tür.

Die Mitschwestern und Helfer der Mutter Teresa gehen durch die Straßen der Stadt, um die Sterbenden aufzulesen. Man legt sie auf Bahren und trägt sie in das Totenhaus. 127 von ihnen fand ich bei meinem Besuch. Eine Bahre neben der andern in sechs langen Reihen. Auf jeder ein Häufchen menschlichen Elends. Ausgemergelte Skelette, von welker Haut überzogen, warten auf den Tod. Schwarze übergroße Augen starren mich brennend an.

Pater Werenfried und Mutter Teresa kümmern sich um eine Sterbende im Haus der Toten in Kalkutta.

Pater Werenfried und Mutter Teresa kümmern sich um eine Sterbende im Haus der Toten in Kalkutta.

Aber Mutter Teresa und ihre Helferinnen sind bei ihnen. Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben spüren diese Sterbenden, was selbstlose Liebe ist. Diese Frau, eine albanische Ordensschwester aus Jugoslawien, ist schon 37 Jahre in Indien.

Vor ungefähr 15 Jahren gründete sie eine Kongregation, die sich nur um die Ärmsten und am meisten Verlassenen kümmern sollte. Sie zählt jetzt schon 125 Schwestern, von denen sechs Europäerinnen sind. Ein Mädchen aus Freiburg ist auch dabei.

Vor vier Jahren hatte ich dort gepredigt. Nach der Andacht kam sie ins Sprechzimmer und sagte, dass sie sich im Dienst der Ärmsten ganz Gott widmen wolle und wohin sie wohl gehen könne. Ich wusste es wirklich nicht. Ich habe ihr versprochen, um Licht zu beten, und riet ihr, die Angelegenheit mit ihrem Beichtvater zu besprechen. Dann werde Gott ihr sicher einen Weg zeigen.

Ich habe niemals wieder etwas von ihr gehört. Aber in Kalkutta erkannte ich sie im Haus der Toten wieder, und sie erkannte auch mich. Sie arbeitet dort schon anderthalb Jahre …

In den letzten Jahren wurde hier schon mehr als 12 000 Sterbenden ein wenig Liebe gegeben. Es ist nicht so sehr das Hemd, der Sari, der Napf Reis, sondern vor allem die mütterliche Sorge, die wie ein Wunder ihr Lebensende überstrahlt. In Kalkutta habe ich ein sterbendes Kind im Arm der sechzehnjährigen mohammedanischen Mutter getauft. Ich bin ja nicht nur ein Bettler, sondern auch ein Priester, der froh ist, wenn er mal ein Kind taufen kann. Niemand hat es gemerkt. Ich gab ihm den Namen Werenfried. Zehn Minuten später war der kleine Werenfried tot.

Kinder spielen am Massengrab

Als die Männer kamen, um es wezuholen, ging ich mit. Wir kamen auf einen umzäunten Platz in der Nähe des Kali-Tempels. In den siebzehn Gruben im Boden brannten Holzscheite. Für jede Leiche muss man für 40 Rupien Holz kaufen. Wer reich ist, kauft noch eine Kanne Petroleum dazu – dann geht’s schneller. Ohne Petroleum dauert es im Durchschnitt drei Stunden.

Das Kind wurde zu den andern Toten auf den Boden gelegt, bis eine Grube frei war. Gerade warf man einen Mann ins Feuer, der unter die Straßenbahn gekommen war. Die Angehörigen warteten geduldig und unterhielten sich. Kinder spielten mit übriggebliebenen Knochen. Eine heilige Kuh spazierte zwischen den brennenden Gruben und schnüffelte am toten Kind.

Dann und wann ein dumpfer Knall: das sind die Schädel, die explodieren. Jedesmal, wenn eine Leiche fertig ist, wird die Asche in einen Topf gesammelt und zehn Meter weiter in den Fluss geschüttet, wo Kinder im Wasser planschen und mit Schlamm und Asche spielen …”

3.Sep 2009 08:02 · aktualisiert: 5.Sep 2015 08:44
KIN / S. Stein