Ein Zeuge heroischer Treue

Vor 25 Jahren starb das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine Josyf Kardinal Slipyj im Exil in Rom

Josyf Slipyj (1892-1984).

Josyf Slipyj (1892-1984).

Am 7. September 1984 starb das Oberhaupt der ukrainischen katholischen Kirche, Josyf Kardinal Slipyj. Pater Werenfried van Straaten verband eine enge Freundschaft mit diesem Bischof.

Auch wenn Josyf Slipyj oft für seinen Einsatz leiden musste, so war ihm das Überleben der Kirche und die Solidarität mit den ukrainischen Gläubigen auch im Exil wichtig. Bis heute wird er von vielen Ukrainern für sein Engagement verehrt.

Josyf Slipyj wurde am 17. Februar 1892 im galizischen Sasdrist (West-Ukraine) geboren. Neben einer tiefen Frömmigkeit zeichnete sich der junge Josyf durch seine Liebe zur Wissenschaft aus. Er studierte Philosophie an der Universität Lemberg (heute L’viv) und trat in das dortige Priesterseminar ein. Metropolit Andrej Szeptyckyj erkannte seine Begabung und sandte ihn zum Studium nach Innsbruck.

Am 30. September 1917 empfing Josyf Slipyj in Lemberg die Priesterweihe und kehrte nach Innsbruck zurück, wo er 1918 promovierte und 1920 habilitierte. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Rom kehrte er 1922 nach Lemberg zurück, um Dogmatik zu lehren und die theologische Zeitschrift “Bohoslovia” herauszugeben. Später wurde er Regens des Priesterseminars und vier Jahre später Rektor der theologischen Akademie.

Erster Weltkrieg und Russische Revolution

Es waren bewegte Zeiten: Nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution hatte die Ukraine von 1918-1922 ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, was auch die Wiedergeburt der Ukrainischen Autokephalen Kirche, die sich von der Russischen Kirche, abspaltete, zur Folge hatte. Anfang der Zwanzigerjahre übernahmen die Bolschewiken den Großteil der Ost- und Mittelukraine unter ihre Kontrolle; der westliche Teil, einschließlich Galizien, fiel Polen zu.

Die atheistischen Bolschewiken begannen ihren Kampf gegen die Religion und vernichteten die orthodoxe Kirche in ihrem Machtbereich fast völlig, während die katholische Minderheit in Galizien unter der Führung des alternden Metropoliten Szeptyckyj überleben konnte.

Es gab sogar Briefmarken mit Josyf Slipyj.

Es gab sogar Briefmarken mit Josyf Slipyj.

Am 22. Dezember 1939 wurde Josyf Slipyj zum Erzbischof geweiht. Kurz zuvor war der polnische Staat zusammengebrochen. Die bisher zu Polen gehörige West-Ukraine wurde aufgrund der Bestimmungen des Hitler-Stalin-Paktes in die Sowjetunion eingegliedert.

Die Kommunisten begannen gegen die katholische Kirche zu wüten, was erst von der deutschen Invasion im Juli 1941 unterbrochen wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kommunisten bereits eine Viertelmillion Menschen aus der Erzeparchie Lemberg und doppelt so viele aus der ganzen West-Ukraine deportiert. Dutzende Priester waren verschleppt, in Kerker geworfen oder ermordet worden. Als sich die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug befand, kehrten die Sowjets im Juli 1944 in die Ukraine zurück.

Am 1. November 1944 starb Metropolit Szeptyckyj. Sein Nachfolger wurde Josyf Slipyj. Im Dezember sandte er eine Delegation nach Moskau, um die staatliche Anerkennung der ukrainischen katholischen Kirche zu erwirken. Die Sowjets waren zwar dazu bereit, doch nur unter der Bedingung, dass Slipyj die ukrainischen Aufständischen dazu bewegt, ihren Kampf für die Unabhängigkeit aufzugeben. Slipyj lehnte dies ab. Das hatte weitreichende Folgen für die Kirche: zehn Bischöfe, mehr als 1400 Priester und 800 Ordensschwestern starben.

Katholischsein war ein Verbrechen

Am 11. April 1945 wurde Erzbischof Slipyj zusammen mit allen anderen Bischöfen verhaftet und die Kathedrale von Lemberg durchsucht. Er und viele andere inhaftierten Priester wurden vor die Wahl gestellt, sich der Orthodoxie anzuschließen oder als “faschistische Agenten” abgeurteilt zu werden.

Später brachten die Kommunisten Slipyj nach Kiew, isolierten ihn und nahmen ihn ins Dauerverhör. Als Lockmittel für den Abfall vom Papst boten sie ihm in der Russischen Kirche den Metropolitansitz von Kiew an. Mit allen seinen bischöflichen Mitbrüdern blieb er unbeugsam; die Sowjets verurteilten ihn zu acht Jahren Haft und später weiter fünf Jahre Zwangsarbeit.

Katholisch zu sein, war ein Verbrechen. Die Russisch Orthodoxen beschlagnahmten alle Pfarreien. Alle Eparchien, Klöster und Schulen wurden beseitigt. Die Hälfte des Klerus wurde verhaftet, ein Fünftel verschleppt. Papst Pius XII. bemühte sich, den Ukrainern und ihrem Metropoliten zu helfen. In einer Enzyklika beschuldigte er sogar den Patriarchen Alexej namentlich der Beihilfe zur Glaubensverfolgung.

“Ich war nicht allein!”

In seinem Testament berichtet Josy Slipyj in ergreifender Weise: “Als Gefangener um Christi Willen fand ich während meines ganzen Kreuzweges Kraft in dem Bewusstsein, dass meine geistliche Herde, mein ukrainisches Volk, alle Bischöfe, Priester und Gläubigen, Väter, Mütter und kleine Kinder, engagierte Jugendliche und hilflose alte Leute den gleichen Weg gehen musste. Ich war nicht allein!”

Im Jahr 1962 versuchte der sowjetische Geheimdienst erneut, sich Josyf Slipyj mit dem Prunk von Moskaus Orthodoxie zu erkaufen. Diesmal wurde ihm sogar das Patriarchat über ganz Russland angeboten. Abermals weigerte er sich. Papst Johannes XXIII. versuchte auf diplomatischem Wege, seine Freilassung zu erlangen. Schließlich willigte der sowjetische Staatschef Chruschtschow ein. Man brachte Slipyj nach Moskau. Am 9. Februar 1963 kam er dann in Rom an.

Pater Werenfried im Gespräch mit Josyf Slipyj.

Zwei enge Freunde: Pater Werenfried im Gespräch mit Josyf Slipyj.

Während seiner Leidenszeit hatte nie seine Kirche oder sein Volk im Stich gelassen. Als er freigelassen wurde, war seine erste Frage: “Bedeutet meine Befreiung auch Freiheit für die griechisch-katholische Kirche?”

Er hatte gehofft, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bald in die Ukraine zurückzukehren und begann im Exil sein wiedererlangtes Hirtenamt mit großer Energie auszuüben: “Ich kann mein Volk nicht verlassen, aber aus Gehorsam gegenüber dem Papst und falls es für mein Volk nützlich ist, werden wir sehen, was aus meinem Leben wird, wenn man mich nicht in die Ukraine zurückkehren lässt.”

Noch im Jahre seiner Befreiung gründete er in Rom die ukrainische katholische Universität. Von Anfang an wurde festgelegt, diese in die Ukraine zu verlegen, sobald dort die Religionsfreiheit wieder herrschen würde. Ein Jahr später erwarb er ein Kloster für seine Studiten-Mönche und hatte die Freude, diese Gemeinschaft im Januar 1965 Papst Paul VI. vorstellen zu dürfen. Einige Wochen später, am 25. Januar, kreierte Papst Paul 27 neue Kardinäle, darunter auch Metropolit Slipyj.

Zu Kardinal Slipyjs großen Werken im Exil gehört auch der Bau der Kathedrale der Heiligen Weisheit in der Via Boccea in Rom. Die eine Kirche wurde 1967 bis 1969 erbaut. Sie ist eine Replik der Weisheitskirche in Kiew und wurde am 27. September 1969 konsekriert. Die Kirche war fortan der geistliche Mittelpunkt für alle ukrainischen Katholiken in der ganzen Welt.

Sorge um alle Kirchen des ukrainischen Ritus

In der Geschichte des römischen Exils Slipyjs gibt es drei andere Grundzüge: Seine Besorgtheit für alle Kirchen des ukrainischen Ritus; sein Verdruss über die Weigerung, den patriarchalen Charakter seiner Kirche anzuerkennen; und seine unermüdliche Verteidigung der Opfer kommunistischer Verfolgung.

Die Streitfrage über das Patriarchat war die größte Prüfung seines Exils. Bald nach seiner wiedergewonnenen Freiheit schrieb er im August 1963 an Papst Paul VI. und bat ihn um die Anerkennung des Patriarchats. Mit Nachdruck verteidigte er seine Überzeugung, dies sei das einzige Mittel, die Einheit und den Fortbestand seiner Kirche zu sichern.

Papst Paul VI. kam ihm entgegen, indem er ihn als Großerzbischof anerkannte. Dieser alte Titel des Metropoliten von Kiew verleiht Rechte, die jenen der Patriarchen orientalischer Kirchen entsprechen. 1980 erweiterte Papst Johannes Paul II. diese Rechte, und 1982 schrieb Kardinal Slipyj als letztes Plädoyer für den patriarchalen Status sein “pro Memoria”. Doch dieses Ziel erreichte er nicht: Kardinal Slipyj starb an einer Lungenentzündung am 7. September 1984 im Alter von 92 Jahren.

Kardinal Slipyj im Gespräch mit Papst Johannes Paul II.

Kardinal Josyf Slipyj im Gespräch mit Papst Johannes Paul II.

Was ihn am meisten bewegte, war das Leiden seiner Gläubigen und aller, die unter dem Kommunisten litten. Er schrieb an die Vereinten Nationen und US-Präsident Jimmy Carter und plädierte auf Synoden und Bischofskonferenzen unermüdlich für die Rechte seines Volkes.

1977 sagte er bei einer Sitzung in Rom: “Heute wird hier über die Glaubensverfolgung in der Sowjetunion und in meiner ukrainischen Heimat gesprochen. Die Kirche, deren Haupt und Vater ich bin, ist ein Opfer dieser Verfolgung. Wo über meine Kirche gesprochen wird, muss ich zugegen sein, um sie zu verteidigen.

Der zweite Grund ist, dass ich der ‘Verurteilte’ bin. Ich bin der lebendige Beweis dieses berüchtigten Archipels, wie ein anderer ‘Verurteilter’, Solshenitsyn ihn genannt hat. Und ich trage die Narben des Terrors an meinem Körper.”

Papst Johannes Paul II. würdigte Kardinal Slipyj in seinem Abschiedswort als einen Mann, der “immer in Christus die Kraft gefunden [hat], ein Hirte festen Mutes, ein Zeuge heroischer Treue (…) zu sein. Das Beispiel seines Lebens ist eine Botschaft, die uns und der ganzen Kirche dienen kann.”

4.Sep 2009 08:45 · aktualisiert: 17.Apr 2015 12:01
KIN / S. Stein