Zum 25. Todestag von Kardinal Josyf Slipyj

Ein erfolgreiches Versprechen

Pater Werenfried und die griechisch-katholische Kirche der Ukraine

Pater Werenfried begrüßt Josyf Slipyj.

Pater Werenfried begrüßt Josyf Slipyj.

Pater Werenfried van Straaten besuchte den Metropoliten Josyf Slipyj nach dessen Freilassung aus der sowjetischen Gefangenschaft in Rom und blieb seitdem sein Bewunderer, Helfer und Freund.

Das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche wurde nach 18 Jahren am 23. Januar 1963 aus dem Gefängnis entlassen, nachdem sich Papst Johannes XXIII. um seine Freilassung bemühte und der sowjetische Staatschef Chruschtschow einwilligte. Am 9. Februar traf Josy Slipyj in Rom ein.

Noch im gleichen Jahr lief die Hilfsaktion Pater Werenfrieds für die griechisch-katholische Kirche der Ukraine an und leistete bis zum Tod des Kardinals vor 25 Jahren Unterstützung von mehr als zehn Millionen US-Dollar. Immer wieder rief Pater Werenfried die Christen im Westen dazu auf, für die gemarterte Kirche in der Ukraine zu beten und ihr zu helfen.

Da geschah 1989 das kaum für möglich Gehaltene: Die Mauer in Berlin öffnete sich. Immer mehr Länder hinter dem Eisernen Vorhang fühlten sich ermutigt, das sozialistische Joch der Sowjetunion abzustreifen – auch die Ukraine. 1990 kamen ihre Priester, Ordensschwestern und Laien aus den Katakomben hervor.

Am 30. März 1991 kehrte ihr geistliches Oberhaupt, Kardinal Myroslav Lubachivskyj, der Nachfolger Slipyjs, aus dem Exil in Rom in die ukrainische Heimat zurück. Pater Werenfried begleitete ihn damals:

“Es war der erste Direktflug von Rom nach Lemberg (L’viv) in der Luftfahrtgeschichte. Nach zweieinhalb Stunden landete die Aeroflot-Chartermaschine auf dem Flughafen der westukrainischen Hauptstadt.

Begeisterter Empfang in der Ukraine

Wir sind eine bunte Gesellschaft von mehr als hundert Pilgern: ukrainische Bischöfe, Priester, Ordensschwestern und Laien aus Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland und vielen europäischen Ländern. Aber auch Dutzende Journalisten, Fernsehreporter und 23 unserer Mitarbeiter begleiten Kardinal Lubachivsky, der nach 50-jähriger Verbannung in die Heimat zurückkehrt.

Es ist der 30. März 1991, 45 Jahre, nachdem Stalin und Patriarch Alexej von Moskau der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche den Todesstoß versetzten. Zehn Bischöfe, hunderte Priester und zehntausende Gläubige haben die Treue zu Rom mit ihrem Blut besiegelt. Durch ein Wunder hat Kardinal Slipyj 18 Jahre Zwangsarbeit überlebt. 1963 wurde er freigelassen und nach Rom verbannt.

Zwei enge Freunde: Kardinal Slipyj und Pater Werenfried van Straaten.

Sie waren eng befreundet: Kardinal Josyf Slipyj und  Pater Werenfried van Straaten.

An ihn muss ich während des ganzen Fluges denken. 21 Jahre lang bin ich sein Mitstreiter und Freund gewesen. Unsere Wohltäter haben jahrelang beharrlich gebetet und großzügig geopfert, um die Auferstehung seiner zum Tode verurteilten Kirche vorzubereiten. Nie habe ich gedacht, diesen Tag erleben zu dürfen. Es ist einer der schönsten Tage meines Lebens!

In der Ostkirche wird heute die erste Vesper [des Palmsonntags] gesungen. Froher und glorreicher als in der lateinischen Liturgie wird im byzantinischen Ritus der Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert. Kardinal Myroslav Lubachivsky wird – wie einst Jesus in Jerusalem – mit Weidenzweigen und Hosannas empfangen.

Die dichtgedrängte Menge auf dem Dach des Flughafengebäudes singt: “Wir verlangen nach Gott, er ist unser Vater”. Die kilometerlange Strecke [in die Innenstadt] wird von Zehntausenden Menschen gesäumt. Sie schwenken Weidenzweige und blaugelbe ukrainische Fahnen.

Unsere Autokolonne fährt zur Sankt-Georgskathedrale, die die Orthodoxen vor einigen Monaten den rechtmäßigen Besitzern zurückerstattet haben. Hier haben sich Tausende Menschen versammelt, die atemlos den Worten ihres Kardinals lauschen: “Heute kehren mit dem Vater und Haupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche Wahrheit und Gerechtigkeit, beruhend auf der Liebe und dem Evangelium Christi, in die Ukraine zurück.

Heute bekennen wir öffentlich unseren heiligen katholischen Glauben: dass wir katholisch waren, sind und bleiben werden; und dass keine Macht der Welt diesen Glauben und diese christliche Liebe aus unseren Herzen reißen kann.”

Priesteramtskandidaten im Seminar in Lviv. Das Seminar wird großzügig von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Priesteramtskandidaten im Seminar in L’viv. Das Seminar wird großzügig von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Danach spricht der 84-jährige Metropolit Volodymyr, der während der dunkelsten Jahre der Verfolgung, erst in Gefangenschaft, später im Verborgenen und seit zwei Jahren öffentlich, der Stellvertreter des verbannten Kardinals gewesen ist. (…)

Der Mnohaja-lita-Gesang (Lang soll er leben) findet kein Ende. Er gilt erst dem Papst, dann dem Patriarchen, dann dem Metropoliten … und immer von neuem und immer gewaltiger braust der Sturm der Begeisterung um die Kathedrale (…)

[Am] nächsten Morgen [nehme ich] an der Palmsonntagsliturgie teil. (…) Drei Stunden dauert die Feier von Jesu Einzug in Jerusalem. (…)  Die Palmweihe wird mit Eimern voller Weihwasser vollzogen, die unermüdliche Diakone vom Balkon der bischöflichen Residenz herabregnen lassen in den Strudel der sich im Kreis und mit hochgehobenen Weidenzweigen vorwärts schiebenden Gläubigen.

Nachmittags folgt die Kundgebung auf dem Opernplatz. Etwa zweihunderttausend Menschen sind dort zusammengeströmt. Mit unserer Generalsekretärin, Antonia Willemsen, gehöre ich zu den Ehrengästen. Festmusik und farbige Spruchbänder heißen den Patriarchen willkommen.(…)

Rede vor hunderttausenden Gläubigen

Als einer der letzten Sprecher ergreife ich das Wort in deutscher Sprache im Wechsel mit einem Dolmetscher. Aber den Schluss meiner Rede habe ich auf ukrainisch vorbereitet. Ich begrüße den Kardinal und die unabsehbare Menge im Namen unserer Wohltäter:

“Ihre Liebe hat euch nie verlassen. Ohne dass ihr es wusstet, haben sie euch auf eurem bitteren Kreuzweg begleitet, so wie Veronika und Simon von Cyrene es getan haben, als Jesus sein Kreuz nach Golgotha trug.(…) Hoffentlich ist die Zeit vorbei, dass ihr in Gefangenschaft und durch das Vergießen eures Blutes die Treue zu Christus beweisen musstet. Jetzt ist die Zeit gekommen, durch Nächstenliebe, Versöhnung und Einmütigkeit Zeugnis von ihm abzulegen.” (…)

Josyf Slipyj (1892-1984).

Josyf Slipyj (1892-1984).

“Für beide Formen, euch zu Christus zu bekennen, habt ihr das strahlende Beispiel eures verstorbenen Patriarchen Josyf Slipyj. Ich habe ihn gekannt als einen Kirchenfürsten mit eisernem Charakter, als einen unerschrockenen Kämpfer für die Rechte eurer Kirche, als einen Jünger Christi, der einen Kreuzweg gehen musste, wie ihn kaum ein anderer Kardinal in dieser Zeit gegangen ist.

Er ging ihn in vorbildlicher Treue, ohne Hass gegen seine Verfolger, aber auch ohne auszuweichen, wenn Kompromiss oder Flucht sein Leben erleichtern konnten.

Aber andererseits war er auch eine Brücke zur Orthodoxie und ein Seelsorger, der in unzähligen Gefängnissen und Straflagern die Spuren seines Apostolates hinterlassen hat. So ist er weit über die Grenzen der Westukraine hinaus in der ganzen Sowjetunion ein strahlendes Symbol geworden, nicht nur für die zerstreuten Katholiken, sondern auch für die orthodoxe Kirche. Folgt ihm nach!” (…)

Zum Schluss erzähle ich die Geschichte des Geschenks, das ich mitgebracht habe: “Vor 35 Jahren, als Josyf Slipyj noch Zwangsarbeiter in Sibirien war, predigte ich in Deutschland. Nach der Predigt gab ein ehemaliger deutscher Soldat mir ein kostbares byzantinisches Kreuz aus dem 17. Jahrhundert, das er während des Krieges aus einer eurer brennenden Kirchen mitgenommen hatte. Ich versprach ihm, es euch zurückzubringen. Hier ist mein Geschenk!”

“Ich verspreche, der Ukraine zu helfen!”

Ich legte es in die Hände des (…) gerührten Kardinals mit den Worten: “Gott gebe, dass Sie als Patriarch Ihrer Kirche und Ihres Volkes, wie der Apostel Andreas, vom Hügel zu Kiew mit diesem Kreuz das zweite Jahrtausend des Christentums in der ukrainischen Nation segnen mögen, Sie wissen, was unser Werk in der Vergangenheit für Ihre Kirche in der Emigration und in der Heimat getan hat.

Im Namen unserer Wohltäter verspreche ich Ihnen, das sie das Menschenmögliche tun werden, um Ihnen, den Bischöfen, den Priestern und Ordensschwestern, den Seminaristen und dem ganzen gläubigen Volk bei der Neu-Evangelisierung der Ukraine zu helfen.”

Die Antwort des Kardinals

Dann ergriff Kardinal Lubacivsky das Wort: “Mit großer Rührung und tiefer Dankbarkeit begrüßen wir den Gründer des Hilfswerkes Kirche in Not/Ostpriesterhilfe, P. Werenfried van Straaten und seine engsten Mitarbeiter, die gekommen sind, um gemeinsam mit uns diesen historischen Tag zu begehen. Ihr habt die Worte dieses großen Priesters gehört, der seit fast einem halben Jahrhundert der Kirche in Not in vielen Ländern Hilfe leistet. Ihr habt seinen Aufruf zur Versöhnung, Vergebung und Liebe gehört. Laßt uns danach leben! Pater Werenfried ist unser größter Wohltäter. Als andere über uns schwiegen, hat er von uns gesprochen, appellierte er an das Gewissen der Mächtigen dieser Welt. Er war ein guter Freund des verstorbenen Patriarchen Josyf Slipyj. Anläßlich unserer Rückkehr nach Lemberg ließ er 250.000 Gebetbücher drucken, damit das ukrainische Volk beten und Gott näherkommen möge. Er vor allem war es, der uns gemeinsam mit anderen katholischen Organisationen mit Bibeln, Katechismen und anderer religiöser Literatur versorgte. Hier und jetzt, lieber Pater Werenfried, bringt Ihnen das ukrainische Volk seine Dankbarkeit zum Ausdruck.”

Ein gehaltenes Versprechen

Pater Werenfried hat sein Versprechen eingehalten. In den folgenden Jahren war die Ukraine eines der Schwerpunktländer der Hilfe von KIRCHE IN NOT. Besonders der Bau des großen Priesterseminars in Lemberg wurde maßgeblich von uns unterstützt. Pater Werenfried durfte im Jahr 2001 noch miterleben, wie Papst Johannes Paul II. während seiner Pastoralreise durch die Ukraine das Grundstück segnete, dessen Fertigstellung 2005 auch er nicht mehr erlebte.

Im Jahr 2003 hatte das neue Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Kardinal Lubomyr Husar, Pater Werenfried zum 90. Geburtstag gratuliert und dabei auch seine historische Leistung gewürdigt:

“Eines Tages wird die Geschichte es an den Tag bringen, wie viel Sie und Ihre Organisation für das aktive Überleben der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine während ihres Untergrunddaseins getan haben.

Wie viele Bischöfe, Geistliche, Mönche, Nonnen, Bürgerrechtler, Dissidenten, Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und Juden im Verlauf vieler Jahre aufgrund von Hinweisen des Patriarchen Josyf Slipyj dank Ihrer Unterstützung Pakete und Hilfe erhalten konnten.

(…) Dabei kann man heute offen aussprechen, dass Sie bis zur Wende die einzige kirchliche Organisation waren, die der Kirche in der Ukraine Hilfe zukommen ließ und dass Sie der größte Wohltäter der Ukrainischen Kirche geblieben sind.”

Kirche des Heilg-Geist-Priesterseminars in Lviv.

Im Jahr 2005 wurde die Kirche des Heilig-Geist-Priesterseminars in L’viv eingeweiht.

Die Versöhnung mit den orthodoxen Schwesterkirchen ist heute eine der großen Aufgaben von KIRCHE IN NOT. Wie ein Prophet hat der 88-jährige Kardinal Slipyj im Jahr 1980 von der Bedeutung des Leidens seiner Kirche für die gesamte Kirche und ihre Einheit gesprochen, als er in einem Bericht für einen KIRCHE IN NOT-Kongress in Königstein schrieb:

“Heute wird der sogenannte ökumenische Dialog zwar eifrigst betrieben, aber leider beschränkt er sich auf den kleinen Kreis des höheren Klerus und der Experten. Das Volk ist im Westen nur wenig und in der Sowjetunion überhaupt nicht darin einbezogen.

Aber in der Sowjetunion ist durch das gemeinsam getragene Kreuz der Verfolgung eine echte Ökumene gewachsen, die, durch ein tiefgreifendes Glaubensbekenntnis und das Blut der Märtyrer gereinigt, bis zu dem tiefsten Grundprinzip des Evangeliums reicht: das Göttliche und nicht das Menschliche zu suchen. Denn Katholiken und Orthodoxe, Baptisten und andere Konfessionen leiden auf die gleiche Weise um Christi willen.

Dieses Leiden macht sie alle auf ähnliche Weise zu Kindern Gottes und seiner Kirche. Das ist ein Gewinn von unschätzbarem Wert. Die modernen Ökumenisten täten gut daran, diese neue Sachlage nicht aus den Augen zu verlieren.”

7.Sep 2009 13:41 · aktualisiert: 17.Apr 2015 12:04
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