Zu Gast bei einer Kirche im Aufbruch

Papst Benedikt XVI. besucht die Katholiken in der Tschechischen Republik

Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI.

Der Papst kommt – und das Interesse ist groß. So steht es zumindest seit Wochen in tschechischen, slowakischen und österreichischen Zeitungen.

Der Zuspruch vor der päpstlichen Visite in den Städten Prag, Brno (Brünn) und Stara Boleslav (Altbunzlau) überrascht, gilt Tschechien eher als ein Land, das dem Glauben fern steht.

Statistisch bekennt sich etwa ein Drittel der Bevölkerung Tschechiens zum katholischen Glauben. Etwa 1,3 Prozent  gehören der evangelischen Kirche an. Fast 60 Prozent der rund zehn Millionen Einwohner gelten als konfessionslos.

Die Beziehungen der Tschechischen Republik zum Vatikan sind noch nicht frei von Spannungen. 2003 hatte das Parlament das zuvor mit Rom ausgehandelte Konkordat zurückgewiesen. Manche Abgeordnete verweigerten die Zustimmung, da der Vertrag für Tschechien unvorteilhaft sei.

Noch kein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl

Außerdem werde dadurch die katholische Kirche bevorzugt und verletze dadurch die Gleichstellung aller Religionsgemeinschaften, wie Staatspräsident Vaclav Klaus hinwies und daraufhin seine Unterschrift verweigerte.

Bis heute ist das Verhältnis zwischen Heiligem Stuhl und Staat deshalb rechtlich nicht geklärt. Die Tschechische Republik ist das einzige Land Europas, das noch keinen Grundlagenvertrag mit dem Heiligen Stuhl hat.

Zisterzienserinnen vor ihrem Kloster in Policany im Bistum Prag.

Zisterzienserinnen vor ihrem Kloster in Policany im Bistum Prag.

Die Gläubigen scheint das wenig zu berühren. Zu den Zusammentreffen und Gottesdiensten mit dem Papst werden mehr als 100 000 Menschen erwartet. Während die katholische Kirche im böhmischen Teil Tschechiens weniger verankert ist, sieht es in Mähren anders aus. In der mährischen Großstadt Brno (Brünn) wird Papst Benedikt XVI. auf dem Flughafen einen Gottesdienst feiern.

Dabei sein werden auch die Seminaristen von Olomouc (Olmütz), das über Jahrhunderte Mährens Zentrum war. Die Stadt hat etwas mehr als 100 000 Einwohner und liegt rund 80 Kilometer nordöstlich von Brno. Neben der Ausbildungsstätte in Mähren verfügt nur noch Prag über ein Priesterseminar.

Priesterseminar in Olmütz

In Olmütz haben junge Tschechen, die Priester werden möchten, erst seit dem politischen Umbruch Anfang der 90er-Jahre die Möglichkeit, Philosophie und Theologie zu studieren. Während der kommunistischen Zeit war das Seminar geschlossen, die Gebäude verwahrlost. Sie mussten von Grund auf renoviert werden.

Einen Teil der Kosten hat dabei KIRCHE IN NOT übernommen. Unser Hilfswerk unterstützt auch kontinuierlich die Ausbildungshilfe für eine wachsende Zahl von Seminaristen. Ein Beispiel: 2006 förderten wir in ganz Tschechien 71 Seminaristen, darunter 28 im Priesterseminar in Olmütz.

Blick auf Olomouc (Olmütz) mit dem Rathaus in der Bildmitte und dem großen Komplex des Priesterseminars (rechts).

Blick auf Olomouc (Olmütz) mit dem Rathaus in der Bildmitte und dem großen Komplex des Priesterseminars (rechts).

Die Kirche ist arm. Nach der politischen Wende ist es zwar zu einem spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung gekommen, dennoch profitieren nicht alle Tschechen von der neuen wirtschaftlichen Dynamik. Für die Kirche, die in der Seelsorge und im Sozialdienst auf Spenden angewiesen ist, ist es nicht leicht, alle laufenden Ausgaben zu decken. Sie ist auf Hilfe von außen angewiesen.

Nach Meinung von Beobachtern ist die hohe Zahl Konfessionsloser auf das nicht leichte Verhältnis der Tschechen zur katholischen Kirche sowie die rund 45 Jahre währende kommunistische Diktatur zurückzuführen. Im tschechischen Nationalbewusstsein tief verwurzelt sind die Umstände, die im frühen 15. Jahrhundert, in politisch wie religiös aufgewühlter Zeit, zur so genannten Hussitenbewegung führten.

Ein Prozent gehören der hussitischen Kirche an

Nach der Verurteilung und Hinrichtung des tschechischen Reformators Jan Hus, dem zum Konstanzer Konzil (1414-1418) freies Geleit zugesichert worden war, kam es in der Folgezeit zu Aufständen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die erst knapp zwei Jahrzehnte später ein Ende finden sollten.

Die Hussiten setzten sich, auch aufgrund innerer Zerwürfnisse zwar letztlich nicht durch, doch die Verbrennung von Johann Hus in Konstanz hatte in Böhmen und Mähren Empörung hervorgerufen und trug früh zur Herausbildung eines tschechischen Nationalbewusstseins bei. Heute bekennt sich etwa ein Prozent der Bevölkerung zur 1920 gegründeten tschechoslowakisch-hussitischen Kirche.

Dachstuhlarbeiten an einer kleinen Kirche in Tschechien.

Dachstuhlarbeiten an einer kleinen Kirche in Tschechien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der Deutschen galten noch drei Viertel der Bevölkerung als katholisch. Doch die Verfolgung in kommunistischer Zeit hat zu einer langsamen, aber beständigen Abwendung von der Religion beigetragen. Das Interesse an Glauben und Kirche ist erst seit den 90er-Jahren wieder neu erwacht.

Angezogen fühlen sich gerade jüngere Tschechinnen und Tschechen, die nicht aus traditionell christlichen Familien stammen. Die Zahl derjenigen, die sich zum Priestertum berufen fühlen oder einem Orden beitreten wollen, ist gestiegen.

Dennoch ist die katholische Kirche in Tschechien weit davon entfernt, eine Volkskirche zu sein. Es ist ein “steiniger Acker im Weinberg des Herrn”, wie die katholische Nachrichtenagentur schreibt.

Heute gliedert sich Tschechiens katholische Kirche in acht Diözesen, die zwei Kirchenprovinzen zugeordnet werden, Böhmen und Mähren. Der Papst wird beide Landesteile besuchen.

Neben Brno wird Benedikt XVI. in Stara Boleslav einen Gottesdienst feiern. Die beiden Städte sind eng mit der Geschichte des Landes verknüpft. Stara Boleslav, Teil der seit 1960 bestehenden Doppelstadt Brandýs nad Labem-Stará Boleslav, ist ein nationales Heiligtum, denn dort steht die Basilika des heiligen Wenzel, des Nationalheiligen des Landes. Er brachte den Tschechen das Christentum und wurde am 28. September 935 dort von seinem Bruder ermordet.

Fotos: Archives Fazenda da Esperanca (1), KIN (3)

24.Sep 2009 13:18 · aktualisiert: 14.Apr 2015 14:40
KIN / S. Stein