Berlin: Gedenken an friedliche Revolution

Zeitzeugen berichten über den Einfluss der Kirchen auf den Fall der Mauer

DDR-Grenzpfosten.

DDR-Grenzpfosten.

Mit einem Begegnungstag in Berlin haben wir an den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls erinnert. Der Tag stand unter dem Titel “Johannes Paul II. und der Fall der Mauer”.

Im Mittelpunkt stand dabei der positive Einfluss des Papstes auf den Niedergang des kommunistischen Regimes in Polen. Dies brachte letztendlich die Sowjetherrschaft im gesamten Warschauer Pakt ins Wanken. Außerdem beleuchteten wir den Beitrag der Kirchen bei der friedlichen Revolution in der DDR.

Vor etwa 200 Gottesdienstbesuchern schilderte am Vormittag der in Dresden geborene Bischof von Saratow, Clemens Pickel, während seiner Predigt in der St.-Hedwig-Kathedrale die Umstände der Anfangsjahre seiner Seelsorge in Russland. Er betonte, es sei ein Wunder gewesen, dass der christliche Glaube im Land die langen Jahrzehnte der Sowjetherrschaft überlebt habe.

Die antikirchliche Haltung des Regimes sei vielerorts so weit gegangen, dass Priester “vom Altar weggeholt und vor der Kirche erschossen” worden seien. Die Auswirkungen der Christenverfolgungen in der Sowjetunion seien bis heute spürbar. So sei der zaghafte Neuanfang im Glauben vielerorts durch den um sich greifenden Materialismus zum Stillstand gekommen. Bischof Pickel rief die Gläubigen auf, Osteuropa und insbesondere Russland weiterhin im Gebet zu unterstützen.

Der vollbesetzte Saal im Bernhard-Lichtenberg-Haus.

Der vollbesetzte Saal im Bernhard-Lichtenberg-Haus.

Ehrengast des Begegnungstages war der ehemalige Sekretär von Papst Johannes Paul II., Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki aus Lemberg (L’viv / Ukraine). Er eröffnete die Podiumsgespräche am Nachmittag im Bernhard-Lichtenberg-Haus mit Berichten aus seiner Zeit im persönlichen Umfeld des Heiligen Vaters.

Johannes Paul II. habe seine Reisen nach Osteuropa und insbesondere seine erste Polenreise 1979 bewusst unter den Schutz der Gottesmutter von Fatima gestellt. Sein Gebet und seine Unterstützung für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang seien vor allem auf diese geistliche Grundprägung zurückzuführen gewesen.

Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki überreicht Antonia Willemsen die Gedenkmedaille.

Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki überreicht Antonia Willemsen die Gedenkmedaille.

Der Erzbischof dankte in diesem Zusammenhang auch Pater Werenfried van Straaten. Der Gründer von KIRCHE IN NOT habe ebenso wie Papst Johannes Paul II. fest daran geglaubt, dass der Eiserne Vorhang eines Tages geöffnet werde und alles dafür getan, “die unterdrückte und verfolgte Kirche im Osten vor der Vernichtung zu bewahren”.

Aus Dank dafür überreichte Erzbischof Mokrzycki der Vorstandsvorsitzenden von KIRCHE IN NOT Deutschland, Antonia Willemsen, stellvertretend für Pater Werenfried eine Gedenkmedaille an das “denkwürdige Jahr 1989”.

Seine Erinnerungen an jenes Jahr aus ostdeutscher Sicht brachte der Fernsehjournalist und Buchautor Stephan Kulle in die Gesprächsrunde ein. Der gebürtige Eichsfelder betonte den großen Einfluss der Kirchen auf den friedlichen Verlauf der Proteste in der DDR.

Neben “Wir sind das Volk” sei schließlich auch “Keine Gewalt” ein Ruf der Friedensmärsche gewesen. Mit dieser Bitte hätten sich die Pastoren während der Friedensgebete an die Menschen gerichtet; von dort aus habe sich die Parole auf den Straßen ausgebreitet.

Es sei ein Wunder gewesen, dass die Protestmärsche der Friedensbewegung ohne Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften der DDR abliefen. Den Hauptgrund dafür sehe er im gemeinsamen Gebet als Ausgangspunkt jedes dieser Märsche. Dass die Wende in der DDR ohne Blutvergießen zustande gekommen sei, sei aber auch dem gewissenhaften Handeln einzelner DDR-Beamter zu verdanken gewesen, die ihre Befehle nur durch ihr Gewissen gefiltert ausgeführt hätten.

Podiumsgespräch über die Arbeit von KIRCHE IN NOT in Osteuropa: Magda Kaczmarek, Antonia Willemsen, Clemens Pickel und Moderator Volker Niggewöhner (v.l.).

Podiumsgespräch über die Arbeit von KIRCHE IN NOT in Osteuropa: Magda Kaczmarek, Antonia Willemsen, Clemens Pickel und Moderator Volker Niggewöhner (v.l.).

Im zweiten Podium des Nachmittags berichtete Bischof Clemens Pickel über seine Berufung und seinen Lebensweg. Sein Weg ins Priesterseminar sei in der ehemaligen DDR “durch eine Verkettung vieler Zufälle“ zustande gekommen. Jeden Tag seiner Berufung erlebe er bis heute auf dem tiefen Wunsch gegründet, “den Menschen in Osteuropa und Russland helfen zu wollen”.

Dazu passend gab die Leiterin der Osteuropa-Abteilung von KIRCHE IN NOT, Magda Kaczmarek, einen Überblick über die Unterstützung unseres Hilfswerks in Osteuropa vor dem Fall des Eisernen Vorhangs bis heute. Antonia Willemsen erzählte von der Gründung des Hilfswerks durch Pater Werenfried als Ostpriesterhilfe und betonte die Kontinuität der Osteuropahilfe durch Werenfrieds Hilfswerk seit den 50er-Jahren bis auf den heutigen Tag.

Stephan Kulle.

Stephan Kulle.

Zum Abschluss des Begegnungstages las Stephan Kulle Ausschnitte aus seinem Buch “Warum wir wieder glauben wollen”. Im Herzen jedes Menschen gebe es die Sehnsucht nach dem Glauben und einer Beziehung mit dem lebendigen Gott, sagte Kulle.

Manche seien aber leider von sich aus nicht dazu fähig zu glauben und fänden auf ihrer Sinnsuche selten zuerst den Weg in die Kirche.

Jeder Gläubige sei darum aufgefordert, “sich ansprechen zu lassen” und von seinem Glauben zu erzählen. Dabei solle man sich auch nicht von Problemen mit einzelnen Kirchenvertretern beirren lassen – der eigene Glaube dürfe nicht unter dem Ärger über manche Vorgänge innerhalb der Kirche leiden.

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind als DVD oder Hör-CD unentgeltlich bei uns erhältlich.

20.Okt 2009 08:39 · aktualisiert: 28.Jun 2016 21:15
KIN / S. Stein