“Viele erwarten die Todesstrafe”

Wie der Prozess gegen Alex W. in den Nahost-Staaten aufgenommen wird

Berthold Pelster, Menschenrechts-Experte bei KIRCHE IN NOT.

Berthold Pelster,.

Zurzeit läuft der Prozess gegen den Russlanddeutschen Alex W., der im Juli im Dresdner Landgericht die Ägypterin Marwa el-Sherbini erstochen hat. Die islamische Welt, besonders ihr Heimatland Ägypten, blicken gespannt auf den Verlauf dieses Prozesses.

Über dessen Wahrnehmung in den Staaten des Nahen Ostens und über die Lage der Christen in Marwa el-Sherbinis Heimatland Ägypten sprachen wir mit unserem Menschenrechts-Experten Berthold Pelster.

Herr Pelster, wie wird der Prozess in der islamischen Welt wahrgenommen?
BERTHOLD PELSTER: In Ägypten, aber auch in anderen islamisch geprägten Ländern, sehen manche Bevölkerungsgruppen in dem Mord an einer Ägypterin und Muslimin einen Beweis für die generelle Islamfeindlichkeit der deutschen Bevölkerung. Es werden Vergeltung und harte Strafen gefordert, entsprechend dem eigenen kulturellen Empfinden. Denn in der islamischen Welt spielt der Gedanke der Blutrache noch eine große Rolle. Dementsprechend erwarten viele die Todesstrafe für den Mörder.

Wie verhält es sich Ihrer Erfahrung nach umgekehrt mit der Anteilnahme und dem Interesse hier in Deutschland, wenn in Ägypten Anschläge auf Christen verübt werden?
Das Interesse in den westlichen Medien für Gewalt gegen christliche Minderheiten, die zum Beispiel in Ägypten häufiger vorkommt, war leider lange Zeit nicht so groß, wie es dem Ernst der Lage angemessen gewesen wäre. Allerdings bessert sich die Situation seit einigen Jahren.

Auch die Politik nimmt sich des Problems verstärkt an. So hat die neu gewählte deutsche Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, dass sie sich im Rahmen der Außenpolitik verstärkt auch für Religionsfreiheit einsetzen und dabei “ein besonderes Augenmerk auf die Lage christlicher Minderheiten legen” will.

Blick auf die ägyptische Hauptstadt Kairo.

Blick auf die ägyptische Hauptstadt Kairo.

Wie steht es derzeit um die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in Ägypten?
Die Mehrzahl der Ägypter, über 80 Prozent, sind Muslime. Die Christen bilden eine Minderheit von etwa 15 Prozent. Sie gehören überwiegend der koptisch-orthodoxen Kirche an. Im Allgemeinen verläuft das Zusammenleben friedlich.

Allerdings werden Christen im Alltag vielfach benachteiligt. Im beruflichen Leben haben sie nicht die gleichen Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten wie Muslime. Wollen sie Kirchen renovieren oder gar neue Kirchen errichten, müssen sie oft langwierige Genehmigungsverfahren durchlaufen.

Seit einigen Jahren gewinnen in Ägypten islamistische Strömungen an Zulauf und Einfluss. Bei den letzten Parlamentswahlen im Dezember 2005 sind 88 Mitglieder der Muslimbruderschaft als parteilose, unabhängige Politiker ins Parlament gewählt worden. Als parteilose Politiker deshalb, weil religiöse politische Parteien in Ägypten gesetzlich verboten sind.

Die Muslimbruderschaft strebt einen islamischen Staat auf der Grundlage der Scharia an. Gemäß der Scharia, also der islamischen Rechtslehre, werden im Rechtswesen deutliche Unterschiede gemacht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Die Christen beobachten das Erstarken solcher islamisch-politischen Bewegungen daher mit großer Sorge.

Welchen Einfluss haben die Christen in der Politik?

Anba Damian, Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.

Anba Damian, Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.

Die Christen sind im Parlament und in staatlichen Behörden deutlich unterrepräsentiert. Entsprechend gering ist auch ihr politischer Einfluss.

Umso wichtiger ist es, dass die internationale Gemeinschaft sehr genau darauf achtet, wie es der christlichen Minderheit in Ägypten – und natürlich auch in anderen Ländern – ergeht, um sich bei Bedarf für deren Rechte einzusetzen.

Aber nicht nur westliche Politiker sind gefordert, sondern zum Beispiel auch die vielen Touristen, die in Ägypten ihren Urlaub verbringen. Würden sie gezielt den Kontakt suchen zu ägyptischen Christen, zu christlichen Gemeinden in Ägypten, würde dies den koptischen Christen den Rücken stärken.

Darüberhinaus gibt es auch kirchliche Hilfswerke wie KIRCHE IN NOT, die der christlichen Minderheit in Ägypten zur Seite stehen, damit sie auch unter schwierigen Umständen ihr kirchliches Leben aufrechterhalten kann.

Seit einiger Zeit wird über die Nachfolge des Präsidenten spekuliert. Was ist für die Zeit nach Hosni Mubarak zu erwarten?
Das ist in der Tat eine spannende und schicksalsträchtige Frage. Der jetzige Präsident Ägyptens, Hosni Mubarak, ist bereits 81 Jahre alt. Seit Oktober 1981 ist er an der Macht. Er regiert das Land mit einer Notstandsgesetzgebung, auch um den Einfluss islamistischer Kräfte einzudämmen und zu unterdrücken.

Es gibt Spekulationen, dass Mubaraks Sohn, Gamal Mubarak, vom jetzigen Präsidenten als Nachfolger eingesetzt werden soll. Auch das Militär wird dabei vermutlich eine wichtige Rolle spielen. All das ist von demokratischen Formen, wie wir sie kennen, weit entfernt.

Viele Christen würden die Fortführung der bisherigen Lösung einer stärkeren Demokratisierung aber wohl vorziehen. Denn wirklich freie Wahlen in Ägypten könnten islamisch ausgerichteten Politikern und Parteien eine deutliche Mehrheit verschaffen – mit sehr ungewissen Folgen für die Christen.

So können Sie den Christen in Ägypten helfen

3.Nov 2009 15:02 · aktualisiert: 27.Jan 2010 13:28
KIN / S. Stein