“Wir haben nichts außer Gottes Wort”

Ein Besuch auf der “Fazenda da Esperanca” in Nauen bei Berlin

Sascha lebt auf der Fazenda bei Berlin.

Sascha lebt auf der “Fazenda” bei Berlin.

Sascha steht in der kleinen Kapelle der “Fazenda da Esperanca”, und dunkle Augen leuchten aus seinem ernsten Gesicht. “Der Glaube hat ein Loch in meiner Brust gefüllt”, sagt er, “auch wenn ich mit dieser Kirchensache noch nicht ganz klar komme. Aber ich bin auf dem Weg zu Gott und nur das zählt.”

Sascha wurde in Russland geboren, ist aber schon als kleiner Junge mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Zunächst verlief sein Leben erfolgreich: Er machte eine Lehre als Flugzeugmechaniker, verdiente gut, hatte eine Freundin, ein Auto – alles, was er sich wünschte.

Doch irgendwie war das nicht genug, es füllte nicht die Leere in ihm. Da versuchte er es mit verschiedenen Drogen, die ihm zu einem kurzzeitigen Glücksgefühl verhalfen. Das Glück hielt nicht – schnell war er bei immer härteren Drogen angelangt, spritzte Heroin.

Damit begann sein sozialer Abstieg: Sascha verlor seine Arbeit, seine Freundin, seine Lust am Leben. Er versuchte, sich mit der Droge das Leben zu nehmen, überlebte dutzende Überdosen. Wie? Das kann er sich bis heute nicht erklären.

Pfarrer Christian Heim berührt Sascha sanft an der Schulter. Er ist der Leiter der “Fazenda”, auch wenn bei ihm von einer Hierarchie wenig zu spüren ist. “Wir alle sind hier auf dem Weg. Wir sind ganz arm und haben nichts außer Gottes Wort. Damit versuchen wir gemeinsam, uns durch jeden Tag zu hangeln.”

Die Bewohner der Fazenda in Nauen bei Berlin.

Die Bewohner der “Fazenda” in Nauen bei Berlin zusammen mit Pater Hans Stapel, dem Gründer der “Fazenda”-Idee (untere Reihe, stehend, 6. v.l.).

Viele, die hierher kommen, hatten bisher nichts anderes als die Droge, um den Tag zu überstehen. “Aber wir nehmen sie alle in bedingungsloser Liebe an. Und das verändert jeden”, sagt Pfarrer Heim. Bedingungslose Liebe; jeden Menschen völlig annehmen: Das sind große Ansprüche für ein Therapiezentrum. Aber wer Sascha in die Augen schaut, spürt etwas von dem Unterschied zum klinischen Entzug im Kreiskrankenhaus.

Das geregelte Leben gemäß der Bibel folgt auf der “Fazenda” drei Säulen: Arbeit, Gemeinschaft und Gebet. Diese Grundlagen bestehen, seit der Franziskanerpater Hans Stapel vor dreißig Jahren die erste “Fazenda da Esperanca” in Brasilien gegründet hat. Die Arbeit dient dazu, die Hände und den Geist zu beschäftigen, um nicht jede Sekunde an die Droge denken zu müssen.

Es gibt genug Arbeit für jeden

Durch sie lernt man, für etwas verantwortlich zu sein – und sei es auch nur für ein Huhn oder ein Schaf. Die Tiere auf der “Fazenda” dienen nicht nur der Nahrungsmittelproduktion. Sie helfen dabei, zu erfahren: “Ich bin zu etwas Nutze!”

Auf der “Fazenda” fällt auch darüber hinaus genug Arbeit für jeden an. Es muss gekocht und gewaschen werden, es gibt Arbeit in der hauseigenen Fleischerei, Bäckerei oder Töpferei, und auch die Gebäude müssen immer wieder erneuert und ausgebaut werden.

Gemeinsames Knüpfen von Rosenkränzen.

Gemeinsames Knüpfen von Rosenkränzen.

Gearbeitet wird immer in Gemeinschaft. Diese zweite Säule trägt Sascha und die anderen Bewohner; sie stützt sie, wenn es nicht mehr weiter zu gehen scheint. Aber sie lehrt auch, Schwierigkeiten mit anderen nicht mehr aus dem Weg zu gehen, sondern sie auszuhalten, zu überwinden.

Die wichtigste Säule von allen ist aber die dritte: das Gebet. Die wachsende Beziehung zu Gott soll das “schwarze Loch” in der Brust füllen, das hier so viele spüren.

Rhythmus der Gemeinschaft und des Gebetes

Gelingt das immer? Pfarrer Heim schüttelt den Kopf. “Es gelingt, wenn sich der Mensch frei für Gott entscheidet. Dann befreit der Glaube, das erfahren wir hier täglich.” Auf der “Fazenda” leben die Bewohner nicht nur ohne Drogen, sondern auch ohne Fernseher, ohne Einfluss von außen, ohne Terminkalender. Tag für Tag zählt nur der Rhythmus der Gemeinschaft und des Gebets auf dem Weg aus der Abhängigkeit.

Blick auf das Gelände der “Facenda da Esperança” in Markee bei Berlin. Rechts ist das Wohnhaus zu sehen, im Hintergrund ist die kleine Kapelle.

Blick auf das Gelände der “Facenda da Esperança” in Markee bei Berlin. Rechts ist das Wohnhaus zu sehen, im Hintergrund ist die kleine Kapelle.

Ein Jahr bleiben die meisten Bewohner auf der “Fazenda” – diejenigen, die es durchhalten. Ob man denn sagen könne, wie viele Prozent es schaffen, von der Droge loszukommen? “Könnte ich, mache ich aber nicht”, sagt Pfarrer Heim. “Viele schaffen es, das ist alles was zählt.” Die “Fazenda” möchte keinen Konkurrenzkampf mit anderen Entzugsprogrammen, sie will den Süchtigen helfen – und das tut sie.

Wer das Jahr auf der “Fazenda” hinter sich hat, hat etwas geschafft, etwas zu Ende gebracht. Das heißt noch nicht, dass jeder nach einem Jahr von seinen Süchten geheilt ist, aber für viele ist es das erste Erfolgserlebnis überhaupt in ihrem Leben.

Darum erhält nach einem Jahr jeder ein Diplom von der “Fazenda”. Von diesem Moment an hat er jederzeit ein Anrecht auf Unterkunft und Verpflegung auf jeder “Fazenda” weltweit, denn nun gehört er zur Familie. Eine Familie, die zusammenhält und die auch über das Jahr Entzug hinaus zusammen bleibt.

12.Nov 2009 08:43 · aktualisiert: 13.Nov 2009 09:14
KIN / S. Stein