“Und du gehörst mir!”

Zweites Porträt in der Reihe “Wen Gott ruft – Gespräche zum Priesterjahr”

Es war als Gott spräche: Und du gehörst mir!

“Es war, als ob Gott zu mir spräche: ‘Du gehörst mir!’”

Anlässlich des laufenden Priesterjahres veröffentlichen wir jeweils am ersten Donnerstag eines Monats ein Porträt eines Priesters. In Interviews berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses wird voraussichtlich zum Ende des Priesterjahres im Sommer 2010 veröffentlicht. Im Internet veröffentlichen wir daher nur eine verkürzte Version. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter André Stiefenhofer.

Nach einem Gemeindepriester in unserem ersten Porträt stellen wir in diesem Monat einen Priester vor, der hauptsächlich an einer Universität tätig ist. Aus persönlichen Gründen möchte er anonym bleiben.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen?
Einen Initial-Impuls gab es in meinem Leben eigentlich nicht. Im Rückblick muss ich sagen, dass sich ein roter Faden von Kindesbeinen an durch mein Leben zieht. Heute weiß ich, ich hätte nichts anderes werden dürfen, können, müssen oder wollen als Priester. (…)

Meine Mutter war evangelisch und sah es nicht so gern, dass ich mich zur katholischen Kirche hingezogen fühlte. Darum bin ich erst recht spät zu den Ministranten gestoßen, doch gerade daraus entwickelte sich eine immer tiefere Nähe zur Kirche und besonders zu meiner Ortspfarrei. Ich hatte einen Pfarrer, der mir ein großes Vorbild war, der mich aber nie auf den Weg des Priestertums drängte, ja eigentlich nicht einmal darauf verwies. (…)

Ich bin also ins Seminar gegangen, aber in dem Gedanken, dass ich diesen Schritt auch wieder rückgängig machen werde, falls es sich herausstellen sollte, dass er nicht der richtige gewesen sein sollte.

“Ich bin also ins Seminar gegangen, aber in dem Gedanken, dass ich diesen Schritt auch wieder rückgängig machen werde, falls es sich herausstellen sollte, dass er nicht der richtige gewesen sein sollte.”

Heute noch bin ich meinen Eltern dafür dankbar, dass sie mir am Ende der zehnten Klasse die freie Wahl für meinen weiteren Lebensweg ließen. Ich (…) sehe noch heute meine Eltern vor mir stehen, ich mit dem Abiturzeugnis in der Hand und sie mit der Frage: Was willst Du jetzt tun? Ich weiß heute noch nicht, wer es gesprochen hat, aber auf einmal sagte ich: “Ich studiere Theologie!” Das war die erste Überraschung; die zweite (..) als ich sagte, dass ich Priester werden möchte. (…)

Ich bin also ins Seminar gegangen, aber in dem Gedanken, dass ich diesen Schritt auch wieder rückgängig machen werde, falls es sich herausstellen sollte, dass er nicht der richtige gewesen sein sollte. (…) Dort erlebte ich aber einen zweiten Priester, der mich sehr prägte (…) bis zum heutigen Tag. Ich selbst wurde sehr jung zum Priester geweiht – mit knapp 25 Jahren.

Wenn man das so hört, drängt sich die Vermutung auf, dass die intellektuelle Grundlegung der geistlichen vorausgegangen ist?
Nein, das haben viele gedacht und es denken auch noch viele, aber das ist nicht wahr. Es wirkt vielleicht so, weil ich anscheinend ein primär intellektuell ausgerichteter Mensch bin, mich entsprechend artikuliere und man somit vermutet, dass ich einen nahezu ausschließlichen intellektuellen Zugang zum Glauben haben müsse. Aber das stimmt nicht. (…)

Ich wuchs in einem Dorf mit einer kleinen Dorfkirche auf, und ich denke heute noch an die vielen kleinen Gelegenheiten, als ich unter der Woche in diese Kirche ging. Immer wieder bin ich den Mittelgang der Kirche hin und her gegangen und habe laut mit dem Herrn gesprochen.

“Der Glaube ist ein Geschenk”

Dies geschah immer in der Gewissheit, dass ER mich hört, dass er da ist und dass all das, was mich bewegt, von ihm gehört wird: egal, ob ich froh oder traurig war, zweifelte oder mit mir und allen haderte. Alles konnte ich ihm bringen. Und genau das ist bis heute das Grundlegende in meinem Leben – der lebendige Kontakt mit ihm, der auch untertags nicht abreißt. (…)

Ich habe denjenigen durch die theologische Wissenschaft immer besser und tiefer kennen gelernt, von dem mein Herz und meine Seele immer schon wussten. Aber ich habe ihn nicht nur durch die theologischen und philosophischen Wissenschaften kennen gelernt, sondern auch durch die Studien der Literaturwissenschaft. (…)

Prinzipiell empfinde ich es als eine Gnade, glauben zu können. Der Glaube ist ein Geschenk, das man nicht “machen” kann. Aber ebenso von der Gnade umfangen ist auch meine Antwort: mein “Ja” zu meiner Berufung im Glauben.

Zunächst lief alles wie auf Schienen ...

“Zunächst lief alles wie auf Schienen ...”

Ihre Berufung klingt, als wäre sie “auf Schienen” gelegt gewesen. Gab es da nie Unebenheiten?
In der Tat lief zunächst tatsächlich alles wie auf Schienen – die Unebenheiten kamen erst später. Ich war am Tag meiner Weihe, wie gesagt, noch sehr jung, und ich wusste, dass ich meine Entscheidung noch einmal hart würde erkämpfen müssen.

Und genau so kam es. Der Kampf fand acht Jahre nach meiner Priesterweihe statt. Dieses Ereignis hat mich in mehrfacher Hinsicht sehr geprägt.

Es gab eine Minute – und ich meine das ganz wörtlich – in meinem priesterlichen Leben, in der ich kein Priester sein wollte. In dieser Minute war mir das Gehen näher als das Bleiben. (…)

Ich weiß heute noch, wo ich gestanden bin. (…) Links von mir hing ein großes altes Kreuz, in mir tobte das Chaos. Und mitten in dieser Erschütterung war es, als ob Gott spräche: “Und Du gehörst mir!” Es war eine Zeit des Kampfes, die aber anscheinend für mich und meinen Weg notwendig war.

Wie würden Sie Ihre Spiritualität beschreiben – aus welchen Quellen leben Sie?
Ich bin durch und durch benediktinisch geprägt. Das liegt zum Teil daran, dass ich in der Nähe eines Benediktinerinnenklosters aufgewachsen bin und ich mich zu diesem Ort immer sehr hingezogen fühlte. Sobald ich den Führerschein hatte, fuhr ich abends zur Vesper ins Kloster.

Was nun mein spirituelles Leben und mein Leben allgemein ausmacht, würde ich es mit dem Wort “Spannung” umschreiben. Es ist, dass ich ein “Mensch des Zwischens” bin. Ich lebe im “Dazwischen”: zwischen dem monastischen Weg und dem Weg außerhalb des Monasteriums. Ich bin durch und durch Theologe, aber gleichzeitig durch und durch Germanist. (…) Das “Zwischen” betrifft nicht die Grundentscheidung. Diese Entscheidung ist gefallen. Ich habe mich ganz auf die Seite Christi gestellt.

Ich bin ein Mensch mit Innerlichkeit, also mit einem sehr kontemplativen Zug, aber ich bin auch für das Außen bestimmt. Ich benötige die Wissenschaft und die Praxis. Es ist dieses Leben zwischen den scheinbaren Gegensätzen, das mein Leben ausmacht. Ich glaube, dass jeder gemäß seiner Gaben und Fähigkeiten, in denen sich auch Gottes Sicht vom Weg eines Menschen verbergen, seinen Weg finden und ihn dann gehen muss.

“Ich liebe das Studengebet und die tägliche Eucharistiefeier“

Wie äußert sich Ihre benediktinische Spiritualität?
Vor allem in der Abwechslung zwischen Gebet und Arbeit. Diese Abwechslung benötige ich. Ich liebe das Stundengebet, die tägliche Eucharistiefeier ist für mich eine Selbstverständlichkeit. (…) Persönliches Gebet, Messe und Stundengebet helfen mir, dass ich Gott nicht vergesse, dass ich mir immer wieder seiner Gegenwart bewusst werde, dass ich vor seinem Angesicht lebe. Diese Vergewisserung ordnet die Angelegenheiten eines Tages in der rechten Weise.

Ich habe in meinen Studien und dann in meiner Promotion über einen Benediktinertheologen gearbeitet, was mich theologisch und spirituell ebenfalls prägte. Das habe ich mir damals nicht ausgesucht, es wurde mir angetragen. Durch diese Beschäftigung bekam ich einen tieferen Zugang zur Feier der Eucharistie und zu den Sakramenten, der mich bis heute zuinnerst prägt. (…) Unglaubliches vollzieht sich in der Feier der Mysterien Christi.(…)

Ich mache mich fest in Dir, der Du die Liebe bist.

“Ich mache mich fest in Dir, der Du die Liebe bist.”

Leiden Sie manchmal an der Kirche und den Menschen in ihr?
(…) Ich leide an der Kirche, wenn manche sich aufspielen, als wären sie die Landräte und Regierungspräsidenten des lieben Gottes, und als wüssten sie alles. Es gibt auf manche Fragen oft keine einfache Antwort, manchmal aber auch überhaupt keine. Wenn in solchen Fragen jemand daher kommt und die Menschen in Augenblicken großen Leides und der Angefochtenheit mit Plattitüden abfertigt, dann ärgert mich das.

Ich verstehe Gott nicht immer und auch nicht alles, was passiert. Aber ich versuche dann, mich in allen Fragen und Zweifeln diesem Geheimnis, das wir Gott nennen, zu überantworten. Denn ich weiß, dass dieses Geheimnis Liebe ist und nichts anderes als Liebe.

In diese Erkenntnis möchte ich die Menschen führen. Ich habe eben manchmal keine Antworten. Und die Antworten, die andere geben, die erscheinen mir manchmal zu kurz, zu schnell und mitunter auch nicht wirklich ehrlich. (…)

Nicht wenige Male stand ich in meinem priesterlichen Dienst vor unglaublich schwierigen Situationen – an vielen Sterbebetten, bei Angehörigen von Personen, die Suizid verübten, bei Sterbenden, die mit einem äußerst schweren Kampf ihr Leben beenden mussten … Was kann ich in solchen Situationen tun? Neben dem menschlichen Beistand, neben der einfachen Tatsache, dass ich einfach anwesend bin und bei den Menschen bleibe, kann ich mich in diesen Augenblicken nur Gott überantworten und sagen: “Ich mache mich fest in Dir, der Du die Liebe bist.” (…)

Weiterhin leide ich an einer gewissen Weltfremdheit in der Kirche, aber gleichzeitig leide ich auch an der Welt und an einer gewissen “Gottfremdheit” in ihr. Es tut mir Leid um die Menschen, die das Eigentliche noch nicht erkannt haben: den Reichtum, die Schönheit, die von Gott und dem Glauben ausgehen können.

“Dialog zwischen Theologie und den Wissenschaften ist notwendig”

Wäre dieses “Erkennen” die Antwort auf alle Fragen, die die Menschen Ihnen stellen?
(…) Im Petrusbrief heißt es: “Seid stets bereit, jedem Auskunft zu geben, der euch nach dem Grund eurer Hoffnung fragt.” Der Grund unserer Hoffnung ist zwar der auferstandene Christus, aber dafür gibt es vernunftgemäße und vernünftige Argumente. Mit denen muss ich mich auseinandersetzen, muss mich in Literatur und Naturwissenschaft auskennen.

Ich darf nicht nur ein “frommer Priester” sein, sondern ich muss den Dialog mit anderen Wissenschaften und mit der Vernunft ganz allgemein führen. Ich halte es für falsch, den Graben zwischen der Theologie und den anderen Wissenschaften, vorzugsweise mit den Naturwissenschaften, wieder neu aufzureißen. Nicht eine ungute Abgrenzung ist notwendig, vielmehr ein tieferer Austausch. (…)

Auch einige unserer Bischöfe haben in unserem Land (…) den Dialog mit den unterschiedlichen Wissenschaften und Strömungen in der Gesellschaft gesucht und so den notwendigen Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft, zwischen Theologie, Kultur und Gesellschaft und der Kirche auf- und angenommen und so auf maßgebliche Weise zum Ansehen der katholischen Kirche in Deutschland beigetragen.

Manche nehmen die intellektuelle Herausforderung nicht an. Einer, der Verantwortung in der Kirche trägt, muss ein Mann des Geistes und der Wissenschaft sein, aber natürlich auch ein Mann des Gebetes! Denn Wissenschaft alleine macht nicht Weisheit; diese erlangt man nur auf einem ganzheitlichen Wege. Und dazu gehört die Kontemplation – das Sich-Versenken in Christus.

Einer, der Verantwortung in der Kirche trägt, muss ein Mann des Geistes und der Wissenschaft sein, aber natürlich auch ein Mann des Gebetes. Wissenschaft alleine macht nicht Weisheit.

“Einer, der Verantwortung in der Kirche trägt, muss ein Mann des Geistes und der Wissenschaft sein, aber natürlich auch ein Mann des Gebetes. Wissenschaft alleine macht nicht Weisheit.”

Wie leben Sie ihr Priestertum?
Momentan arbeite ich an einer größeren wissenschaftlichen Arbeit über das Amt in der Kirche. Ich habe einen Lehrauftrag an einer Universität. Aber ohne einen Bezug zur Praxis kann ich nicht auskommen und darum sage ich zu vielen Dingen “ja”. Ich vertrete Mitbrüder, feiere auch in einer Schwesterngemeinschaft täglich Eucharistie und bin am Wochenende immer in der Erzdiözese München unterwegs.

Wenn man mich um Vorträge in Pfarreien bittet, sage ich selten “nein”. Ich brauche auch das Sitzen im Beichtstuhl, die Gespräche mit den Menschen. Insgesamt gesehen darf ich vielleicht sagen, dass ich den Kontakt mit den Menschen in ihrem konkreten Leben suche. Ich möchte von den Menschen wissen, damit ich um den Menschen weiß.

Wie füllen Sie Ihr Priester-Sein aus?
Ich sehe mich als “von den Menschen genommen und für die Menschen bestellt”. Vielleicht stellt sich mein innerer Weg zum Priestertum und dann das konkrete Leben als Priester etwas anders dar als der Weg, den viele meiner Mitbrüder gegangen sind und gehen. Meinen priesterlichen Weg sehe ich ist zuallererst (…) als meine Antwort auf das Werben Christi. (…) Er hat gerufen und ich habe geantwortet. (…)

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt (…) im Priesteramtsdekret: “In primis”, also zuerst, hat der Priester zu verkünden. Natürlich, die Liturgie ist selbst Verkündigung, aber in der heutigen Zeit scheint es mir fast ein prophetisches Wort dieses Konzils zu sein, denn wie nötig ist die Verkündigung in der Predigt! Ich erfahre das oft, dass die Menschen nicht nur um der Feier Willen in den Gottesdienst kommen, sondern weil sie hören wollen – weil sie Hunger nach der Verkündigung des Wortes haben.

“Die Predigt muss wohl bedacht und vorbereitet sein”

Sie wünschen sich, dass der Glaube ausgelegt wird für ihr ganz persönliches Leben, dass der Glaube sich als lebenstauglich erweist und als Fundament, auf dem sie ihr Leben gründen können, dass der Glaube sie in den Momenten auffängt, in denen sie wie losgerissen sind.

Alle, die in dem Dienst der Verkündigung stehen, tragen eine große Verantwortung. Die Predigt muss wohl bedacht und vorbereitet sein, und sie muss sich auch mit unbequemen und nicht immer leicht zu erschließenden Themen auseinandersetzen. Der unverkürzte Glaube der Kirche soll zur Sprache kommen.

Die Predigt hat einen wichtigen Platz in jedem Gottesdienst – glauben Sie, sie kommt zu kurz?
In der Liturgie hat sie den richtigen Stellenwert, aber ein Problem sehe ich bei manchen Verkündigern. Denn oft wissen sie nicht, was in den Menschen ist und was die Menschen beschäftigt. Der Priesterberuf steht heute vor einer intellektuellen Herausforderung, die man annehmen muss. Die Leute lassen sich nicht mehr einfach mit irgendwelchen frommen Plattitüden abspeisen. (…)

Heilsdienst und Heiligungsdienst.

“Heilsdienst und Heiligungsdienst.”

Wir [Priester] sind für die Menschen bestellt. Von Christus heißt es, dass er um unseres Heiles willen Mensch wurde. Diese Sendung lebt in und durch die Kirche und gerade auch im Amt der Kirche. Es handelt sich um den Heilsdienst und den Heiligungsdienst. (…)

Ich will mit wachen Augen und Ohren sowie mit einem offenen Herzen durch die Welt gehen und es weit öffnen für die Menschen – darin begegne ich immer wieder auch ein wenig dem Schöpfer allen Seins.

Mein Weg ist die Predigt. Darin kann ich vieles aufgreifen. Ich versuche, die Menschen zu verstehen und schöpfe die Gedanken für meine Predigten darum aus den Begegnungen der vergangenen Woche oder eben aus meinen Erfahrungen mit den Menschen. All das nehme ich und hebe es in der Predigt in ein anderes Licht. (…)

Kommen wir zum Priesterjahr. Was halten Sie von dieser Idee des Heiligen Vaters, was kann es bewirken?
Darüber habe ich inzwischen mit vielen meiner Mitbrüder gesprochen. Insgesamt halte ich das Priesterjahr für sinnvoll, weil eine erneute Rede und ein erneutes Nachdenken über das Priestertum ein Desiderat darstellt. (…)

Das Priesterjahr stellt die Kirche vor eine notwendige Frage: “Wer ist der Priester?” Wir sind dieser Frage in den letzten Jahrzehnten, wenn man es genau betrachtet, vielleicht ein wenig zu oft ausgewichen, wir haben uns vor manchen Antworten gedrückt – theologisch und auch geistlich.

Die Antworten auf beiden Feldern sind notwendig, denn sie führen in eine von nicht wenigen eingeforderte Identitätsstiftung. Diese Antworten erscheinen mir für den konkreten Lebensvollzug der Priester geboten.(…) Vieles ist gesagt worden, vieles muss neu bedacht, neu fruchtbar gemacht werden, vieles muss hier neu entdeckt werden.

Von einer geistlichen Seite her betrachtet ist der Priester meiner Ansicht nach ein Freund Jesu Christi – gemäß dem Wort der Priesterweiheliturgie: “Nun seid ihr nicht mehr Knechte, sondern meine Freunde.” Das ist das Erste und das Letzte. Es ist eine Liebesgeschichte, die sich zwischen Christus und dem Priester abspielt.

“Ich muss mich ganz und gar in Christus fest machen”

Wenn ich zu diesem Grund nicht vorstieße, dann könnte ich mein Priestertum nicht leben. Das heißt, ich muss meine ganze Existenz, mein ganzes Sein und Wesen in diesen Weg hineinlegen. Ich muss mich ganz und gar in Christus fest machen.(…)

Das “Priester-Sein” ist kein Job, meine Berufung darf keine Rolle sein! “Priester-Sein” ist ein existenzieller menschlicher Vollzug, genau wie der Ordensstand. Ich kann doch nicht sagen: “Ich bin Nonne, aber auch noch Mensch.” Ich bin als Mensch dieser konkrete Priester. Wenn das nebeneinander gelebt wird, spaltet sich etwas ab, was eigentlich zueinander gehört, und dann wird das Priestertum etwas Unerfülltes. (…)

Kann man eine derartig verwobene Berufung überhaupt “erbeten”? Muss man dafür nicht geboren werden?
Man muss in der Kirche alles erbeten, also auch die Berufungen. Dieser Gedanke ist in den letzten Jahrzehnten viel zu kurz gekommen, wie die Stellung des Gebetes an sich. (..)

Ich bin überzeugt, das ist der eigentliche Motor, der die Kirche am Leben erhält und vorantreibt. Dass so viele gerade auch ältere Menschen im Hintergrund durch ihr Gebet, ihre Anbetung, ihren Rosenkranz für die Anderen einstehen. Sie sind es, die der Kirche Kraft geben und die Welt im Segen erhalten, im Licht, im Leben. (…) Das Wort des Herrn ist klar: “Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter sende!” (…)

Papst Benedikt hat das Priesterjahr zur “Heiligung der Priester” ausgerufen. Wie verstehen Sie diese Forderung?
Das ist eine Forderung nach dem Voranschreiten in der Liebe zu Christus. Dieses Ziel kann und darf aber nicht nur auf dieses Jahr beschränkt sein, sondern das ist unsere Lebensaufgabe als Priester, die uns im Priesterjahr neu bewusst werden soll. Voranschreiten in der Liebe, das heißt natürlich auch “heil werden”. In der “Heiligung” steckt ja nicht umsonst das Wort “Heil”.

Jean-Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars. (Foto: Inge Hagn).

Jean-Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars, ist der Patron der Priester (Foto: Hagn).

Haben Sie Erwartungen an das Priesterjahr?
Wenn ich etwas erwarte, dann eine geistliche Erneuerung der Priester und der Kirche – ein tieferes Erkennen Christi. Und wenn schon Jean-Marie Vianney als Patron über diesem Jahr steht, dann kann es sicherlich auch eine Auseinandersetzung mit seinem Leben sein (…).

Man darf sein Leben nicht eins zu eins auf jeden Priester übertragen, aber man kann viel herausholen, gerade wenn man zwischen den Zeilen liest und die Biografie Vianneys von manchen hagiografischen Verschnörkelungen befreit. (…) Ich wünschte mir, ich wäre in mancher Hinsicht so radikal wie er. Da bin ich zu schwach.

Was ich von ihm lerne ist, sich ganz auf Christus zu werfen, Christus ganz zu vertrauen, seine Leidenschaft für Gott und die Menschen, die bis zur Selbstaufgabe geht, sein Leben von der göttlichen Vorsehung her entgegenzunehmen. (…) Ich weiß, das mag für jemanden, der nicht glaubt, sehr ungewöhnlich klingen, aber genau das ist meine Überzeugung.

Ich versuche, mein Bestes zu geben, diese meine Grundausrichtung den Menschen nicht von oben herab näher zu bringen. Ich möchte den Menschen diese Wahrheit (…) erschließen: Das Eigentliche, das Wahre ist nur von Gott her zu bekommen.

3.Dez 2009 09:34 · aktualisiert: 3.Dez 2009 18:22
KIN / S. Stein