“Alles zur größeren Ehre Gottes”

Drittes Porträt in der Reihe “Wen Gott ruft – Gespräch zum Priesterjahr”

Dr. Christoph Ohly.

Prof. Dr. Christoph Ohly.

Anlässlich des laufenden Priesterjahres veröffentlichen wir jeweils am ersten Donnerstag eines Monats ein Porträt eines Priesters. In Interviews berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses wird voraussichtlich zum Ende des Priesterjahres im Sommer 2010 veröffentlicht. Im Internet veröffentlichen wir daher nur eine verkürzte Version. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter André Stiefenhofer.

In diesem Monat stellen wir Ihnen Prof. Dr. Christoph Ohly vor. Er stammt aus der Erzdiözese Köln. Nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Bonn und Rom promovierte er an der Universität in München. Dort war er unter anderem Dozent für Kirchenrecht. Seit 1. April 2010 ist er Professor für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät Trier.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen?
Es gab keine Initialzündung in dem Sinne, dass ich eine filmreife nächtliche Vision erlebt hätte. Aber natürlich gab es am Anfang Mosaiksteinchen, die das Fundament der Berufung gelegt haben. Im Rückblick fallen mir dabei vor allem zwei Ereignisse ein.

Zum einen der Tag meiner Erstkommunion: Damals ist mir der Pfarrer in besonderer Weise vor Augen gekommen – wie er vor mir stand und mir den Leib Christi reichte. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke, dass ich genau das auch gerne einmal sein würde, dass ich Priester werden und sein möchte.

“Wo die Liebe und die Güte wohnt, da ist der Herr”

Ein zweites Mosaiksteinchen wurde im Theologenkonvikt im Collegium Albertinum in Bonn gelegt. Dort nahm ich an einem Informationswochenende teil, das unter dem Titel stand: “Priester – ein Weg für Dich?” Während dieser Tage haben wir sehr viel gehört, miteinander gesprochen, diskutiert, aber auch die Liturgie gefeiert und gebetet.

Dabei ist mir ein Lied wichtig geworden, das mich innerlich sehr berührt hat: “Ubi caritas et amor, ibi Deus est” – “Wo die Liebe und die Güte wohnt, da ist der Herr”. Diese Wahrheit habe ich in diesem Moment tief im Herzen verspüren können. Dieser Augenblick hat mich darin bestätigt, dass der Herr mich ruft, dass “es das ist”: Ich soll Priester werden!

Gottesdienst an einer Bergkapelle.

Gottesdienst an einer Bergkapelle.

Beide dieser Rufe haben Sie als bereits kirchlich sehr stark sozialisierten Menschen erreicht. Ihre Familie scheint da viel grundgelegt zu haben?
Ich muss mit großer Dankbarkeit sagen, dass das Glaubensleben, das Leben mit der Kirche und damit auch das Leben mit Menschen, die im Glauben stehen, in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt hat. Allerdings wurde das nie übertrieben, es hatte ein normales Maß. Dabei konnte ich Menschen begegnen, die für mich zu konkreten Vorbildern im Glauben wurden: meine Eltern, Geschwister, Verwandte, Priester, Ordensleute.

Aber das trifft nicht nur für gläubige Menschen in meinem familiären und kirchlichen Umfeld zu, sondern auch für Menschen im Grenzbereich zwischen Kirche und Welt. Solche, die nach außen hin gar nicht religiös erschienen, die für mich aber mit der Kraft ihrer Meinung und mit ihrem Standpunkt Menschen waren, an denen ich Orientierung finden konnte.

So sind mir zum Beispiel gerade solche Lehrer aus meiner Schulzeit wichtig geworden, die uns tatsächlich erzogen, die uns Maßstäbe und manchmal auch Grenzen gesetzt haben. Da gab es manche Diskussionen, die nicht leicht waren, in denen ich aber als Persönlichkeit menschlich gereift bin.

Gruppenfoto auf dem Gipfel.

Gruppenfoto auf dem Gipfel.

Gab es auf dem Weg Ihrer Berufung auch so etwas wie eine “Stimme in Ihrem Kopf”?
Der durch Menschen vermittelte Ruf Gottes ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das, was ich gerne die kontemplative Seite des Lebens nenne. Ich glaube, dass ich auch als Jugendlicher schon ein recht intensives Gebetsleben geführt habe. Den Tag mit einem Gebet zu beginnen, ihn mit Stoßgebeten und Gedanken zu durchleben und ihn am Abend mit dem Gebet, mit einem Tagesrückblick zu beenden, wurde mir mehr und mehr wichtig.

Alles, was ich denke, rede und tue, kann und soll Gebet, Dialog der Liebe mit Gott sein. Vor allem aber bedeutet Beten, uns von Gott in unserem Dasein durchdringen zu lassen, so dass alles zu einem einzigen Dank-, Bitt- und Lobgebet gegenüber Dem wird, der mir das Leben gegeben hat.

Gebet vor dem Tabernakel

Zudem lag unsere Pfarrkirche recht nah an meinem Elternhaus. Während meiner Schulzeit bin ich oft dorthin gegangen, habe ein Gebet gesprochen, mich ein wenig in die Stille versenkt. Es war mir ein Herzensanliegen. Vielleicht, weil ich wusste, dass ich hier in der Unruhe und Hektik des Schulalltags tatsächlich mit Gott ins Gespräch trete und mir seine Gegenwart bewusst bleibt. Das habe ich übrigens bis heute beibehalten.

Gerade in den ganz besonders unruhigen Zeiten des Tages ist es wichtig, immer wieder vor den Tabernakel zu gehen, still zu werden, mit Ihm zu sprechen. Ich bin mir sicher: In dieser Stille hat er mich angesprochen und gerufen.

Mussten Sie auch um Ihre Berufung kämpfen?
Wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich nie gekämpft hätte, dann wäre das nicht wahr. Aber ich bin Gott und meinen Eltern für einen starken und unerschütterlichen Glauben dankbar. Glaube lebt nicht allein für sich selbst, sondern steht im Dienst am Nächsten. Um das erleben zu können, muss jeder den Glauben so leben, dass er auch für andere wahrnehmbar wird.

Natürlich habe ich auch gekämpft, oder besser: gerungen, um die Grundfragen meiner Berufung, um sie mit der Hilfe Gottes auf ein tragfähiges Fundament zu stellen. Das fängt exemplarisch beim fast schon klassisch fundamentalen Thema der priesterlichen Berufung an: die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen.

Gottesdienst in den Bergen.

“Christus ist mein ein und alles”. Prof. Ohly bei einem Gottesdienst in den Bergen.

Die Frage, die ich mir gestellt habe, lag dabei vor allem in der Überlegung, ob ich nicht nur für einen Zeitabschnitt, sondern für mein ganzes Leben bereit und fähig sein könnte, auf dieses hohe Gut einer menschlichen Partnerschaft in der Ehe und einer leiblichen Vaterschaft in der Familie zu verzichten.

Durch das Gebet, durch freundschaftliche Beziehungen zu Menschen, durch das Leben mit den Sakramenten aber auch durch geistliche Haltungen der Buße ist mir deutlich geworden: Der Zölibat ist zweifellos ein Verzicht auf Ehe und Familie, der an manchen Tagen deutlich spürbar wird; doch Christus ist mein ein und alles, sein Leben, sein Lebensstil soll mich innerlich und äußerlich prägen.

Hinzu kommen in diesem Ringen aber auch die Haltungen des Gehorsams, der Bescheidenheit, der priesterlichen Tugenden und anderes mehr. Das ist eine große Herausforderung und ich muss mich täglich fragen: “Wie vermag ich das? Wie kann ich darin wachsen?” Diese Fragen waren und sind für mich immer wieder Schwerpunkte in meinem geistlichen Tun, in meinem geistlichen Ringen.

Das natürliche Wachstum ist das eine, aber glauben Sie, dass Ihre Berufung auch erbetet wurde?
Davon bin ich bis auf den heutigen Tag überzeugt! Die Kraft und die Macht des Gebetes verspüre ich jeden Tag. Das liegt wohl auch daran, dass man als Priester vielleicht stärker als andere gesagt bekommt: “Ich bete für Sie, beten Sie auch für mich!”

Die Erfahrung, von betenden Menschen getragen zu sein, hat in meiner Familie begonnen. Sie wurde gestärkt durch Priester und Ordensleute und durch die Pfarreien und Geistlichen Gemeinschaften, in denen ich dann als Priester tätig war und bin. Das Bewusstsein, vom Gebet getragen zu sein, war eine wichtige Stütze bei der Klärung meiner Berufung und dabei, sie zu festigen.

Gruppenarbeit mit Jugendlichen.

Gruppenarbeit mit Jugendlichen.

Woher bekommen Sie die Kraft für Ihren Dienst – haben Sie besondere spirituelle Kraftquellen?
Das tägliche Gebet ist für mich eine wichtige Quelle. Neben meinem Stundengebet halte ich dabei auch Zeiten der Betrachtung, der geistlichen Lesung und der eucharistischen Anbetung.

Dazu kommt natürlich die tägliche Feier der Heiligen Messe. Aus ihr schöpfe ich alle Kraft und ich kann die Worte von Papst Johannes Paul II. persönlich nur unterstreichen, dass die Kirche aus der Eucharistie lebt. Wie sich der kleine Wassertropfen bei der Gabenbereitung mit dem Wein verbindet, so vereinige ich mich als Priester, so vereinigen sich alle Gläubigen mit Christus zu einer einzigen Hostie, zu einer Opfergabe, die dem himmlischen Vater dargebracht wird. Und diese Opfergabe ist der Ursprung unseres täglichen Tuns: Die Opfergabe ist ein Dienst vor Gott und ein Dienst an den Menschen.

Tägliches Rosenkranzgebet

Hinzu kommt meine starke marianische Spiritualität. Ich bete jeden Tag den Rosenkranz, wenn möglich mehrmals. Das tue ich, um mich so an der Hand und im Herzen der Gottesmutter als Priester zu verstehen, als solcher zu leben und zu wirken. Hinzu kommen noch die tägliche Gewissenserforschung am Abend und die regelmäßige Beichte.

Ich versuche, durch die Hilfen, die mir die Kirche selbst gibt, meine priesterliche Berufung in einer Atmosphäre zu leben, die von der Gnade Gottes bestimmt ist. Diese Atmosphäre lebt aber nur, wenn ich selbst mitwirke. Mit meinem “Mit-Tun” drücke ich einen lebendigen Dialog der Liebe aus – und nur aus dem heraus kann eine Berufung letztlich Leben und Bestand haben.

Sie pflegen täglich intensive geistliche Übungen. Mancher Ihrer Mitbrüder würde da vielleicht sagen: “Dazu habe ich gar nicht die Zeit bei all der Verwaltungsarbeit in meiner Pfarrei!” Verstehen Sie so eine Aussage?
Das sagen nicht nur manche meiner Mitbrüder, das denke ich selbst manchmal auch. Aber es ist nun einmal so, dass ein Priester, der nicht mehr betet, sich auf Dauer von seiner Lebensquelle abschneidet. Das gilt auch für die Eucharistie und die Sakramente.

Denn sie alle sind Ausdruck unserer Freundschaft zu Jesus, eine Kraftquelle und letztlich das wichtigste, das wir am Tag tun. Der Papst sagt: “Für die Gesellschaft ist das Zeugnis eines betenden Priesters unerlässlich, der das Jenseits verkündet und so eintaucht in das Geheimnis Gottes.”

Besprechung mit Kollegen.

Besprechung mit Mitbrüdern.

Wenn ich es aber einfach nicht schaffe, meine Prioritäten aufs Gebet zu setzen – was kann ich tun?
Eine Hilfe schenkt uns die ignatianische Spiritualität, die mich durch mein Studium in Rom und durch die Begegnung mit beeindruckenden geistlichen Söhnen des heiligen Ignatius geprägt hat: Es bedarf einer Tagesordnung. Diese wird mir natürlich in gewissem Maße vorgegeben, indem ich Termine zu erfüllen habe und Arbeiten erledigt werden müssen.

Aber so einer Arbeitsordnung muss auch eine geistliche Tagesordnung hinzugefügt werden. Wir müssen Gott Tag für Tag Raum geben – und Ordnung, Struktur sowie Disziplin sind dabei hilfreiche Haltungen.

Sie erwähnten Ihre ignatianische Prägung – welche anderen Vorbilder haben Sie?
Da sind die großen Heiligengestalten Theresa von Avila, Thérèse von Lisieux, Edith Stein; aber neben Ignatius von Loyola auch andere Heilige aus dem Jesuitenorden. Ich sehe in ihnen zusammen jene Vorbilder, die mit ihrer geistlichen Ausrichtung so etwas wie den Kern meiner priesterlichen Spiritualität im Leben der Kirche und für die Kirche repräsentieren: Kontemplation und Aktion.

Kontemplation ist dabei der Zustand einer Seele, die Gott im Gebet schweigend betrachtet und ihn staunend anbetet. Und so wird sie zum Grund für alles aktive, auch missionarische Tun meines priesterlichen Dienstes. Aktiv in der Kontemplation und kontemplativ in der Aktion – das sind wichtige Koordinaten meiner priesterlichen Existenz.

Säkularinstitut “Cruzadas de Santa Maria”

Diese ignatianisch-karmelitanische Ausprägung hängt aber vor allem damit zusammen, dass ich vor einigen Jahren ein Säkularinstitut kennen gelernt habe: “Cruzadas de Santa Maria”. Ich arbeite seither priesterlich mit den Mitgliedern des Instituts zusammen, insbesondere auch in der geistlichen Begleitung und in den apostolischen Aktivitäten mit Kindern, Jugendlichen, Ehen und Familien sowie Seminaristen und Priestern.

Wir haben vor einigen Jahren im Rahmen dieser Zusammenarbeit auch eine Priestergemeinschaft für Diözesanpriester gegründet. Wir treffen uns monatlich zu einem geistlichen Tag, begehen jedes Jahr zusammen die geistlichen Exerzitien und bemühen uns, uns menschlich und priesterlich in unseren verschiedenen Aufgaben zu unterstützen.

Welche Lehren ziehen Sie, abgesehen von der Disziplin und der Strukturiertheit, aus ihren Vorbildern?
Neben dem Gedanken der karmelitanischen Tradition besonders ausgeprägt sehen, sind mir durch Ignatius von Loyola zwei Begriffe wichtig geworden.

Zum einen: “Alles zur höheren Ehre Gottes” zu tun. Das bewegt mein Priesterverständnis. Ich bin Priester für 24 Stunden am Tag. Natürlich brauche ich auch Zeiten der Erholung und des Schlafes, aber ich bin mir bewusst, dass ich mein “Priester-Sein” nicht wie ein Kleidungsstück an- und ablege. Alles zur höheren Ehre Gottes zu tun bedeutet, alles, was ich als Priester tue, meine Gedanken, meine Worte auf den Lobpreis Gottes hin auszurichten.

Und ein zweites Wort, das mir hilft, ist “Discreta caritas”. Das bedeutet: “Alles aus Liebe heraus tun”, aber aus einer Liebe, die “diskret” ist. Vielleicht ist das auch eine der wichtigsten Erfordernisse für die Kirche, für das Christsein, für den Priester überhaupt: Dass ich von Gott die Kraft erbitte, Dinge unterscheiden und dann das Gute, das Gottgewollte, seinen heiligen Willen tun zu können.

Die Unterscheidung der Geister ist ja einer der tragenden Säulen in der Spiritualität des heiligen Ignatius. Denn nur eine Liebe, die unterscheidet, hat auch die Kraft, sich in jedem Augenblick wieder neu zu entscheiden und damit das Gute zu tun.

Dr. Ohly: “Priester-Sein” bedeutet für mich: Ich bin da, ich lebe als Priester Jesu Christi für die Menschen.

Prof. Ohly: “Priester-Sein” bedeutet für mich: Ich bin da, ich lebe als Priester Jesu Christi für die Menschen.

Sie sind 24 Stunden Priester – was heißt das für sie: Priester-Sein?
Die eine Linie ist die so genannte ontologische, also wesenhafte Linie. Das betrifft mein “Sein”, das heißt, dass ich in der sakramentalen Weihe zum Priester Jesu Christi geworden bin. Das umfasst mein ganzes Wesen. Ausgedrückt wird es mit dem Begriff, dass ich ein “Prägemal” in die Seele empfangen habe. Ein Prägemal, das mich mit Christus gleichgestaltet, um stellvertretend für ihn Priester für die anderen zu sein.

Und die zweite Linie sind die Aufgaben und Funktionen. Dieser Aspekt ist in den letzten Jahrzehnten teilweise so überbewertet worden, dass der Priester zu einem Funktionär, zu einem reinen Funktionenträger in der Kirche wurde. Doch der Priester ist für die Kirche nicht nur wichtig in dem, was er tut, sondern zugleich in dem, was er ist. Benedikt XVI. sagt, beides gehört zusammen – das Sein und das Handeln. Beide sind aufeinander bezogen und können nicht voneinander getrennt werden.

Von daher ergibt es sich, was für mich “Priester-Sein” bedeutet: Ich bin da, ich lebe als Priester Jesu Christi für die Menschen. Und zwar in der sakramentalen Stellvertretung Jesu als dem Haupt der Kirche. “Priester-Sein” heißt für mich: Diesen Christus als Haupt der Kirche, als Erlöser und Heiland, als Bräutigam seiner Braut, der Kirche, darzustellen und sowohl sakramental als auch in meiner ganzen Daseinsweise, eben in meinem Lebensstil sichtbar zu machen.

Hat sich Ihr Bild von einem Priester im Laufe Ihres Lebens gewandelt?
Ja, ich glaube sagen zu können, dass sich mein Verständnis vom “Priester-Sein” insofern gewandelt hat, als dass es sich vertiefen konnte. Dieses Empfinden, jeden Tag 24 Stunden mit Haut und Haaren Priester zu sein, ist mir bewusster geworden und hat sich auf viele Lebensbereiche hin ausgedeutet.

Dr. Ohly bei einem Vortrag. Er hat im Fach Kirchenrecht promoviert und habilitiert.

Prof. Ohly bei einem Vortrag. Er hat im Fach Kirchenrecht promoviert und habilitiert.

Was wollen Sie bewirken in Ihrem Amt – was ist Ihr Charisma?
Das Ziel meines ganzen Tuns ist es, Menschen auf den Weg der Heiligkeit und das heißt auf den Weg zu Christus zu bringen. Mit der Gnade Gottes möchte ich ihnen die Begegnung mit ihm ermöglichen. Ich wünsche mir, Menschen zu einer wahren und echten Bekehrung zu Jesus Christus zu geleiten. Zu Christus gehört die Kirche, die Gemeinschaft der Familie Gottes, in der und durch die solch eine Hinwendung eines Menschen zu Christus möglich wird.

Damit wird deutlich, was der Priester an sich sein soll: Nicht jemand, der für sich lebt, sondern jemand, der genau jene Existenz für den anderen, die Jesus vorgelebt hat, verinnerlicht und lebt. So etwas nennt man “Proexistenz”, das heißt, dass ich in meinem ganzen Dasein alles dafür tue, “um die Seele des anderen zu retten”, wie die spirituelle Tradition der Kirche es ausdrückt. Ich will Mitarbeiter Jesu Christi an seinem Reich sein, an der Rettung der Menschen aus Sünde und Tod – und das Tag für Tag.

Welche Werkzeuge hat Gott speziell Ihnen für die Erfüllung dieser Aufgabe in die Hand gegeben?
Ich bin zunächst grundsätzlich ein Mensch, der keine große Scheu besitzt, auf Menschen zuzugehen. Ich lasse mich begeistern, bin ein froher, zuversichtlicher, glaubensstarker Mensch mit der Fähigkeit, Sachverhalte zu durchdringen, um sie anschließend möglichst verständlich darzustellen. Ich danke Gott, dass er mir die Fähigkeit gegeben hat, die Inhalte und Zusammenhänge des Glaubens zu durchdringen und zu klären.

Wir Priester sollen Inhalte ja nicht nur vermitteln, sondern sie uns auch zu Eigen machen, und das heißt sie leben und verkünden. So bin ich dankbar, die Kirche lieben zu dürfen, ihren Glauben und ihre Lehre als meinen Glauben und meine Lehre sehen zu dürfen, um so in einer vertrauensvollen Einheit mit ihr wirken zu können.

“Alle Erfordernisse des Tages mit der größtmöglichen Liebe tun”

Papst Benedikt hat das Priesterjahr vor allem zur “Heiligung der Priester” ausgerufen. Was sagt Ihnen dieser Begriff?
Heiligkeit heißt: In der Nähe des Herrn leben und so bereit werden, jeden Tag aus Liebe anzunehmen und alle Erfordernisse dieses Tages mit der größtmöglichen Liebe zu tun. Das ist für mich die schönste Umschreibung dessen, was Heiligung und Heiligkeit aller Gläubigen, besonders aber im Hinblick auf uns Priester meint.

Wenn der Papst sagt, dass es in diesem Jahr vor allem um die Heiligung der Priester gehe, dann heißt das auch, dass alle Priester, bestärkt durch das persönliche Gebet und das Gebet der Gläubigen, sich neu von dieser Liebe Gottes ansprechen und erfüllen lassen sollen, damit sie fähig werden, ihr ganzes Dasein und Wirken auf diese Liebe Gottes auszurichten.

Spricht man unter Priestern über die eigene Heiligung?
Unter jüngeren Priestern schon. Der Begriff der Heiligkeit ist bekanntermaßen durch das II. Vatikanische Konzil neu geprägt worden. Wirklich wahrgenommen wurde er in der Kirche aber erst durch das Zeugnis von zeitgenössischen Heiligen sowie durch die beständige Verkündigung von Papst Johannes Paul II., der jeden Christen und besonders die Priester und Ordensleute daran erinnerte, dass jeder von uns zur Heiligkeit und damit auch zur Heiligung und zur Rettung anderer Menschen berufen ist.

Die Bewegung der Weltjugendtage hat dazu einen großen Beitrag geleistet. Mit ihrer Hilfe sind Priester mit einer hohen geistlichen Kompetenz herangewachsen, die wissen, dass das, was sie tun, auch zu ihrer eigenen Heiligung beiträgt. Denn
“Priester-Sein” bedeutet nicht eine “automatisierte” Heiligkeit. Jeder konkrete Dienst und jede Tat dient immer auch zum Aufbau und zur Heiligung derer, die einem anvertraut sind.

Wenn der Papst sagt, dass es ihm in diesem Jahr vor allem um die Heiligung der Priester gehe, dann sagt er das im Hinblick auf die Priester selbst, dass sie sich heiligen und immer wieder neu in diese Haltung der Liebe zurückkehren sollen. Aber es ist auch ein Aufruf an die ganze Kirche, dass die Gläubigen sich für die Priester heiligen.

Jean Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars (Foto: Sanctuaire d'Ars).

Jean Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars (Foto: Sanctuaire d'Ars).

Papst Benedikt hat das Priesterjahr anlässlich des 150. Todesjahres des Heiligen Pfarrers von Ars, Johannes Maria Vianney, ausgerufen. Welchen Bezug haben Sie zu diesem Heiligen?
Er ist mir schon als Jugendlicher in vielerlei Hinsicht ein Vorbild gewesen und natürlich heute als Priester. Auch in seiner Radikalität und in der Provokation, die er darstellt, ist sein Zeugnis tatsächlich ein Anstoß und eine Hilfe für mein tägliches Priestertum. Zum Beispiel seine innige Beziehung zum eucharistischen Christus.

Der Pfarrer von Ars stand einmal vor dem Tabernakel, klopfte an und fragte: “Bist du da?” Dann drehte er sich um und sagte strahlend zu seinen Gläubigen: “Ja, er ist da!” Dieses tiefe Bewusstsein, dass Christus seine Kirche nicht allein lässt, dass er als “Gefangener der Liebe” Tag für Tag im Tabernakel gegenwärtig ist und all unser Tun begleitet – allein das schöpfe ich aus seinem Zeugnis, aber auch vieles andere mehr.

Er war radikal im wahrsten Sinne des Wortes. Radikal bedeutet: zu den Wurzeln zurückführen. Auf diese Weise ist er auch provozierend. Vielleicht kann man tatsächlich vieles, was er getan hat, auf diese Art und Weise heute nicht mehr tun. Doch ich bin davon überzeugt, dass er – wie alle Heiligen der Kirche – in seinem Kern nicht nur ein Vorbild und Ermutiger ist, sondern ein wirkliches Modell, das aktuell ist und bleibt und von dem aus ich meinen Glauben leben kann.

Was erwarten Sie sich vom Priesterjahr?
Prinzipiell wird man sagen dürfen, dass all diese Jahre – wie auch das Paulusjahr oder das Jahr der Eucharistie – überall dort etwas bewirken, wo man sich mit bereitem Herzen auf sie einlässt und seinen persönlichen Beitrag dazu leistet. Im Paulusjahr konnte man sich zum Beispiel mit der Person und Lehre des Völkerapostels auseinandersetzen.

So wird das zweifelsohne auch mit dem Priesterjahr sein. Bereits jetzt nach wenigen Monaten ist viel in Bewegung gekommen: Sendungen im Radio, Veranstaltungen in den Diözesen, die Bereitstellung von Literatur, Predigten in Pfarreien und Geistlichen Gemeinschaften, Priestertreffen unter dem Eindruck des Priesterjahres, Wallfahrten nach Ars, Zusammenkünfte in Rom und vieles andere mehr.

All das wäre nicht in Gang gebracht worden, wenn es dieses Jahr nicht gegeben hätte. Das Jahr wird also auf jeden Fall seine Früchte bringen, aber es liegt auch an uns, was wir daraus machen und wie viel Initiative und Mitwirkungswillen wir für dieses “Geschenk des Himmels” aufbringen.

Ich persönlich erbitte mir drei Früchte für die Kirche: erstens, eine tiefe Dankbarkeit für das Geschenk des Priesters, zweitens, eine große Bereitschaft der Priester, als heiliger Priester zu leben und zu wirken, und drittens, zahlreiche neue Berufungen zum Priestertum.

Medien-Tipp: Film “Der heilige Pfarrer von Ars”

Der Film von Michael M. Wimmer und Heidemarie Seblatnig folgt den Spuren des heiligen Pfarrers in seinem Geburtsort Dardilly und in seiner Wirkungsstätte Ars-sur-Formans. Das Leben des Heiligen bestand aus Gebet, Demut, Buße, Armut, Selbstverleugnung und war so beeindruckend, dass die Pilger in Scharen nach Ars kamen. Er ist einer der größten Heiligen der Kirche und wurde 1929 zum Patron aller Pfarrer ernannt.

Papst Benedikt XVI. wird ihn im Rahmen des Jubeljahres beim Welttreffen der Priester auf dem Petersplatz am 19. Juni 2010 als “Schutzpatron aller Priester” ausrufen. Er hat bei der Ausrufung des Priesterjahres die Vorbildhaftigkeit des Heiligen Pfarrers von Ars für alle Priester betont.

Sie können den 26-minütigen Film unter folgender Adresse bestellen: ars.film@yahoo.com

7.Jan 2010 10:09 · aktualisiert: 6.Apr 2010 18:15
KIN / Administrator