Ukraine: Wahlen in einem “trockenen Land”

Korruption und Abwanderung sind die größten Probleme im osteuropäschen Staat

Magda Kaczmarek, Referentin für die Ukraine bei KIRCHE IN NOT.

Magda Kaczmarek, Ukraine-Referentin bei KIRCHE IN NOT.

Am kommenden Sonntag, 17. Januar, wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten. Die Katholiken im Land erhoffen sich von der Wahl vor allem Stabilität, Frieden sowie eine tief greifende Reform ihres Landes. Dieser Ansicht ist Magda Kaczmarek, die für die Ukraine zuständige Länderreferentin bei KIRCHE IN NOT.

Rund sechs Millionen Katholiken des byzantinischen und lateinischen Ritus leben in der Ukraine. Das Volk habe sich eine Reform für bessere Zukunftsaussichten vor allem für die Jugend bereits von der “Orangenen Revolution” des jetzigen Präsidenten Wiktor Juschtschenko vor fünf Jahren versprochen, sagte Kaczmarek.

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Diese Hoffnung sähen die meisten Ukrainer jedoch enttäuscht. Daher werde die Präsidentschaftswahl am kommenden Wochenende wohl zwischen der Reformerin Julija Timoschenko und dem pro-russischen Vorsitzenden der “Partei der Regionen”, Wiktor Janukowitsch, entschieden werden. Die führenden Politiker hätten viele Hoffnungen im Volk ernüchtert und erneut tiefes Misstrauen gegenüber der Politik geschürt, berichtet die Länderreferentin.

Die Hauptprobleme der Ukraine sieht Kaczmarek nach wie vor in der Korruption im Land sowie in der Abwanderung junger Menschen in den Westen. Sie stellt fest: “Hier findet immer noch eine regelrechte Völkerwanderung statt.” Menschen zögen aus der Ostukraine in die Westukraine oder in die Europäische Union.

Jugendliche bei einer Wallfahrt zu einem Marienheiligtum in der Westukraine.

Jugendliche bei einer Wallfahrt zu einem Marienheiligtum in der Westukraine.

Das hat zur Folge, dass vor allem der Osten des Landes sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus religiöser Sicht ein “trockenes Land” sei. Die Abwanderung der jungen Bevölkerung hinterlässt vor allem auf dem Land “ausgedünnte Pfarreien”, die nur noch mit Mühe am Leben erhalten werden können.

Hinzu kommt, dass die Katholiken im Osten der Ukraine in der Zeit, als das Land noch Teil der Sowjetunion war, besonders verfolgt worden sind. Jahrzehnte lang hat es dort keine Priester gegeben, und die Nachwirkungen dieser Umstände sind bis heute zu spüren.

Es ist daher zu hoffen, dass die neue Regierung Hilfen vor allem für die strukturschwachen Teile des Landes auf den Weg bringt. Falls solche Reformen gelingen, sieht der griechisch-katholische Weihbischof von Kiew-Wischgorod, Bogdan Dzjurach, gute Voraussetzungen für einen Kurs der Ukraine in die Europäische Union. Sollte das Land eines Tages der EU beitreten, werde es “sicher nicht mit leeren Händen kommen”, sagte der Bischof unserem Hilfswerk.

In derartigen Bretterverschlägen mit Planen müssen die Katholiken in der Ukraine zum Teil Gottesdienst feiern.

In derartigen Bretterverschlägen mit Planen müssen die Katholiken in der Ukraine zum Teil Gottesdienst feiern.

Dank westlicher Investoren ist der Westen der Ukraine eher wohlhabender als der Osten, dennoch herrscht  nach wie vor eine hohe Arbeitslosigkeit. Durch die schwierige soziale Situation werden zudem die Familien stark belastet, Alkohol- und Drogenmissbrauch seien ein ernstes gesellschaftliches Problem.

Nach einem Bericht des Kapuzinerordens in der Hauptstadt Kiew hätten bei einer Studie unter 15-jährigen ukrainischen Jugendlichen 91 Prozent der Befragten angegeben, bereits exzessiv Alkohol getrunken zu haben. Etwa zwei Drittel seien regelmäßige Raucher und 14 Prozent hätten bereits harte Drogen konsumiert.

Im religiösen Bereich gebe es nach Aussage Kaczmareks in der Ukraine vor allem Verstimmungen zwischen den orthodoxen Kirchen und der griechisch-katholischen sowie der römisch-katholischen Minderheit. Außerdem fänden Sekten regen Zulauf. Aufklärungsarbeit und katholische Bildungsarbeit seien daher dringend notwendig.

Dieses Gebäude wurde der katholischen Kirche von den Sowjets enteignet und als Bäckerei genutzt.

Dieses ehemalige Gebäude der katholischen Kirche wurde von den Sowjets enteignet und als Bäckerei genutzt.

Zwischen orthodoxer und katholischer Kirche drehe sich der Streit – wie in vielen Staaten der ehemaligen Sowjetunion – vor allem um die Rückerstattung von unter dem Kommunismus enteignetem Kirchenbesitz. Gesetze, die diese Rückerstattung regeln, fehlen. Offiziell existiert die Kirche in der Ukraine erst wieder seit 1991, vorher vorhandener Grundbesitz erkennt der Staat nicht an.

Während der Zeit der Sowjetunion hat das kirchliche Leben vor allem im Geheimen stattgefunden – eine Tatsache, die bis heute nachwirkt. Auch heute noch treffen sich die Gläubigen nach Aussage Kaczmareks vor allem in Wohnungen, kleinen Kapellen und umgebauten Lagerhäusern. Die kirchlichen Gebäude sind in der Sowjetzeit vom Staat enteignet und als Kinos, Lagerhallen, Kasernen oder in einem Fall sogar als Bäckerei zweckentfremdet worden.

Unser Hilfswerk unterstützt die Ausbildung der Seminaristen im Priesterseminar von Lemberg (L'viv).

Unser Hilfswerk unterstützt die Ausbildung der Seminaristen im Priesterseminar von Lemberg (L'viv).

KIRCHE IN NOT hilft in der Ukraine daher vor allem bei der Wiederherstellung und beim Neubau von Kirchen und Pfarrhäusern, aber auch bei der Finanzierung von Fahrzeugen für die Seelsorge unter den über große Distanzen verstreut lebenden Katholiken.

Außerdem unterstützen wir die Priesterausbildung im Land. Über einen Priestermangel könne die Ukraine noch nicht klagen, betont Kaczmarek und bemerkt hoffnungsvoll: “Gott beruft Fischer im trockenen Land.”

So können Sie die Christen in der Ukraine unterstützen

12.Jan 2010 13:03 · aktualisiert: 3.Feb 2010 16:25
KIN / S. Stein