“Der Schock hält immer noch an”

Zwei Augenzeugenberichte unmittelbar nach dem Erdbeben in Haiti

Ein eingestürzter Kindergarten in Port-au-Prince.

Ein eingestürzter Kindergarten in Port-au-Prince.

Obwohl die Telefon- und Stromverbindungen zum größten Teil zerstört sind, haben uns zwei Augenzeugeberichte aus dem Erdbebengebiet erreicht. Zum einen schrieb uns der Nuntius von Haiti, Msgr. Bernardito Auza:

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“Wir haben große logistische Probleme, denn wir haben kein Trinkwasser, Tankstellen sind geschlossen. Wir brauchen alles.

Erzbischof Miot, der gute und immer freundliche Erzbischof von Port-au-Prince, ist ums Leben gekommen. Das Beben war so stark, dass er mit dem Balkon, auf dem er gerade stand, abstürzte und vermutlich sofort tot war. (…) Es steht noch nicht fest, wie viele Priester und Ordensleute umgekommen sind, da immer noch einige unter den Trümmern liegen.

Auch der Generalvikar von Port-au-Prince, Charles Benoit, und der in der Kirchenverwaltung tätige Bruder Cherie liegen noch unter den Trümmern. Letzterer ist tot, aber bei Charles Benoit sind wir noch nicht sicher, da er sich unter den Trümmern des Erzbischöflichen Hauses befindet. Das Haus hatte vier Etagen und ist nun nur noch ein Haufen Zement.

Priesterseminar ist nur noch ein Haufen Schutt

Gestern Abend besuchte ich das Seminar, das bis auf einen Gebäudeteil nur noch ein Haufen Schutt ist. Gott sei Dank konnten alle bis auf einen Mitarbeiter die Ruinen bereits verlassen. Aber drei oder vier Seminaristen werden noch vermisst, neun sind ums Leben gekommen. Wir versuchen alle Ordensleute und Priester zu sammeln, die alles verloren haben. Der Schock hält immer noch an.

Ich habe auch einige religiöse Einrichtungen besucht, um mir die Schäden anzusehen und die Sorge des Heiligen Vaters weiterzugeben. In dieser Lage wollen wir vor allem denjenigen helfen, die noch unter den Trümmern begraben sind.

Bisher ist noch keine Luftrettung eingetroffen. Der Flughafen kann die Hilfsmaßnahmen nicht bewältigen, da der Kontrollturm eingestürzt ist. Ein Kriegsschiff der Amerikaner mit Hilfsgütern soll bald ankommen. Santo Domingo ist derzeit unser Tor zur Welt. So viele Menschen warten an den Grenzen auf Hilfe.

Menschen fliehen aus Angst vor Tsunamis in die Berge

Die Menschen schlafen auf der Straße oder laufen ziellos umher, aber viele sind auch in die Berge geflüchtet, weil sie Tsunamis befürchten. Vielleicht ist es auch besser, um den Staus in der Stadt zu entkommen.

Gestern konnten einige Bischöfe in die Nuntiatur kommen und einige Entscheidungen treffen. Am Freitag treffen wir uns wieder.

Noch einmal vielen Dank und Gottes Segen
Bernardito Auza”

Fassungslos schauen die Menschen auf die Trümmer.

Fassungslos schauen die Menschen auf die Trümmer.

Ein weiterer Bericht erhielten wir vom Orden der Montfortaner aus Miami. Ein Mitbruder aus Haiti hatte ihnen kurz nach dem Erdbeben geschrieben:

“Heute Nachmittag bebte die Erde in Port-au-Prince besonders heftig (…). Sogar die massivsten Häuser in der Stadt sind komplett oder zum Teil zerstört, weder die Kathedrale, noch der Nationalpalast blieben verschont. Das Leben in der Stadt kam am Nachmittag zum Erliegen. Wir wissen noch nicht, was sonst im Land passiert ist. Nach dem Beben gab es durch den Einsturz der Gebäude eine Staubwolke über der Stadt.

“Wir sind total fassungslos”

Sorgt euch nicht um die Montfortaner, unsere Häuser in Sapodilla, Turgeau und Mathurin sind in Ordnung. Wir haben keine Verletzten, allerdings können wir nicht mit unserem Scholastikat kommunizieren, um zu fragen, was dort passiert ist. In Sapodilla gibt es Schäden an den Häusern, aber wir leben und sind gesund. Dank unserer Batterien haben wir noch Licht.

Der Kindergarten “Unsere Liebe Frau von Lourdes” wurde zerstört, alle Häuser oben auf dem Hügel sind in sich zusammengefallen. Eine Menschenmenge auf der Straße hat geschrieen und geweint … wir sind total fassungslos. Die Menschen können wegen dieses Desasters nur noch bitter weinen, ab morgen werden wir die Toten und Verwundeten zählen. In den Slums auf den Bergen der Stadt muss es noch schlimmer sein.

Hoffen auf Hilfe der internationalen Gemeinschaft

Die Medien werden über diese Katastrophe berichten. Ich möchte nicht mehr über das schreiben, was ich heute gesehen habe! Hoffentlich gibt es eine große und zügige Hilfsbereitschaft durch die internationale Gemeinschaft. Port-au-Prince kann wieder aufgebaut werden, aber zuerst müssen wir seine Einwohner retten.

Ich habe das Risiko auf mich genommen, noch einmal in mein Zimmer zurückzukehren, um euch diese Zeilen zu schreiben. Ich gehe nun wieder schnell nach unten, denn es gibt immer noch Nachbeben, alle sind draußen.”

Fotos: Maurice Picard

14.Jan 2010 18:58 · aktualisiert: 16.Apr 2013 09:45
KIN / S. Stein