“Wir fürchten einen neuen Krieg”

Kirchen warnen vor neuen Kämpfen im Sudan – trotz Friedensvertrag

Macram Max Gassis, Bischof von El Obeid.

Macram Max Gassis, Bischof von El Obeid.

Jahrzehnte Krieg und Terror haben im Sudan ihre Spuren hinterlassen; nicht zuletzt in den Herzen der Menschen. Die Gewalt hat Millionen Opfer gekostet, Misstrauen gesät und die Gesellschaft zersetzt. Friedensverträge wurden unterschrieben und wieder gebrochen.

Noch hält zwar der letzte, mit viel Hoffnung verbundene Vertragsschluss von Januar 2005, die so genannte “umfassende Friedensvereinbarung” (Comprehensive Peace Agreement, CPA). Doch de facto regelt das Dokument nicht mehr als einen vorläufigen Waffenstillstand, der zudem nur in Teilen des Landes gilt.

Echten Frieden hat das vor fünf Jahren in Nairobi unterschriebene Abkommen zwischen der Regierung in Khartum sowie der Volksbefreiungsarmee und -bewegung im Süden (Sudan People’s Liberation Army/Movement, SPLA/M) dem Land jedenfalls nicht gebracht. Im Gegenteil: Die Regierung hat diese Vereinbarung mehrfach gebrochen.

Gezielt wurde und wird das für 2011 angesetzte Referendum über die Unabhängigkeit des Südens unterlaufen. Die für Juni 2009 geplanten Nationalwahlen wurden auf den April dieses Jahres verschoben. Dies ist die klimatisch wohl heißeste Zeit des Jahres, in der Millionen Menschen sehen müssen, wie sie über die Runden kommen.

Cesare Mazzolari, Bischof von Rumbek, feiert einen Gottesdienst mit ehemaligen Kindersoldaten.

Cesare Mazzolari, Bischof von Rumbek, feiert einen Gottesdienst mit ehemaligen Kindersoldaten.

Flüchtlinge können nicht in ihre Heimatregion zurück, um sich registrieren zu lassen. Die Infrastruktur im ehemaligen Kriegsgebiet ist nach wie vor dürftig, die Versorgung der Bevölkerung bleibt unzureichend. Zugenommen hat nur die Korruption. Weite Teile des Landes und der Bevölkerung profitieren nicht von den Einnahmen aus dem Ölgeschäft, die dem Wiederaufbau dienen sollen.

Unser Hilfswerk und andere Nichtregierungsorgansiationen haben bereits darauf hingewiesen, dass im Sudan die Gewalt zugenommen hat. Ein neuer, offener Krieg droht. Anfang Dezember 2009 erklärte der katholische Bischof von Rumbek, Cesare Mazzolari, in einem dramatischen Appell: “In vielen Teilen des Landes terrorisieren von der Regierung unterstützte Milizen die Bevölkerung. Sie schüren Angst und provozieren Spannungen unter Stämmen und ethnischen Gruppen.”

Zunehmende Spannungen zwischen Nord- und Südsudan

Auch die “Episcopal Church of Sudan (ECS)” warnte in einer Erklärung Ende November vor einem Scheitern der Friedensvereinbarung von 2005. Sowohl bei den Vorbereitungen zu den bevorstehenden Wahlen wie in punkto Einnahmen durch das Ölgeschäft lasse die Regierung jegliche Transparenz vermissen. Es würden Gesetze erlassen, die dem Geist des Friedensabkommens widersprächen; die Vorbereitungen für das Referendum 2011 würden blockiert.

Diplomaten wie der russische Sonderbotschafter Michail Margelow warnen gar vor einem “neuen Somalia”, da die Lage immer mehr außer Kontrolle gerate. Bischof Mazzolari spricht von zunehmenden Spannungen zwischen Nord und Süd. Bisher sei es zwar nur vereinzelt zu offenen Kämpfen gekommen, doch herrsche eine Atmosphäre des “kalten Krieges” vor.

Frauen in traditionellen Kleidern.

Frauen in traditionellen Kleidern.

Regierungstruppen haben wichtige strategische Positionen neu besetzt. Es geht letztlich darum, den Zugriff auf die Ölvorkommen des Landes zu sichern. Der Rohstoff verheißt demjenigen Wohlstand, der die Quellen kontrolliert sowie die Förderungstechnik bereitstellen kann und beherrscht.

Trotz aller Proteste und Vermittlungsversuche führt das Khartumer Regime im Westen des Landes weiter unverdrossen Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Das alles lässt nichts Gutes erwarten. Beobachter halten einen neuerlichen Ausbruch der Kämpfe in Kurdufan oder in den Nuba-Bergen, vielleicht sogar im Süden daher für sehr wahrscheinlich.

Der Bischof von El Obeid, der betroffenen Diözese im Herzen des Sudan, Macram Max Gassis, hat die Regierung wiederholt und mit scharfen Worten kritisiert: “Ich bin Zeuge einer seit mehr als 20 Jahren andauernden religiösen Verfolgung und Versklavung, von Vergewaltigungen und Folter, Hunger und Tod.”

Gläubige bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel im Sudan.

Gläubige bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel im Sudan.

In einem Gespräch mit KIRCHE IN NOT beschreibt der Bischof das unvorstellbare Leiden der Bevölkerung: “2,2 Millionen Menschen wurden Opfer eines Völkermordes, der Sudans Christen und Nichtmuslimen galt.”

Die Zahl der Toten sei höher als bei den Verbrechen in Bosnien, im Kosovo und in Ruanda. Ohne Skrupel habe die Regierung Kirchen, Schulen, Krankenhäuser und Flüchtlingslager bombardieren lassen. Das sei im Südsudan zwar jetzt vorbei, doch die aktuellen Ereignisse in Darfur seien eine Kopie dessen, was im Süden des Landes geschehen sei: ein Genozid.

“Die Regierung täuscht und manipuliert”

Die Not der Bevölkerung ist nach Darstellung des Bischofs größer geworden. Die Regierung verhalte sich nach wie vor “wie ein Vater, der sich um seine Kinder nicht kümmert”, ja sie täusche und manipuliere. So sei etwa die Zahl der christlichen und nicht-muslimischen Sudanesen deutlich höher als von offizieller Seite immer wieder behauptet werde.

Um die gottgegebene Würde des Menschen zu verteidigen, sei die Kirche verpflichtet, immer wieder ihre Stimme zu erheben. “Die Kirche ist ein Zeichen der Hoffnung”, sagt der Bischof. Sie helfe tatkräftig, baue Schulen und Brunnen, unterstütze die Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihren religiösen Überzeugungen.

Bischof Gassis besucht ehemalige Kindersklaven.

Bischof Gassis besucht ehemalige Kindersklaven.

Vehement kritisiert der Bischof, der in Khartum geboren wurde und fließend Arabisch spricht, die Entwicklung im Sudan seit 2005. Die in der Friedensvereinbarung gegebenen Zusagen seien nicht eingehalten worden. Flüchtlinge hätten nach wie vor nicht die Möglichkeit, in ihre Heimat zurückzukehren.

Ein Wiederaufbau finde nicht statt, die Infrastruktur fehle, Brunnen, Krankenhäuser, Schulen. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft kämen den betroffenen Regionen nicht zugute. Anstatt die Landwirtschaft zu fördern, würden Lebensmittel importiert.

Offene Kritik ist bei den Machthabern in Khartum wenig beliebt. Wer sie übt, muss mit Repressalien rechnen. Bischof Gassis hat sie zu spüren bekommen. Er galt lange als “unerwünschte Person”, die einen Zugriff durch das Regime fürchten musste. Vor 17 Jahren verließ er deshalb seine Diözese. Inzwischen kann er den Sudan wieder besuchen.

Kinder leiden besonders unter den schlechten Bedingungen im Land.

Kinder leiden besonders unter den schlechten Bedingungen im Land.

Die Kritik des Bischofs gilt jedoch nicht nur der Regierung, sondern auch der SPLA/M. Ihre Vertreter verfolgten persönliche Interessen, nicht die der Bevölkerung. Die Korruption sei zu einem ernsten Problem geworden. Staatliche Mittel und Hilfsgelder kämen nicht dem Aufbau der Infrastruktur zugute, sondern nur wenigen einzelnen.

Das Geld werde verschwendet oder fließe in irgendwelche Taschen. Bischof Gassis: “Ich habe christliche Politiker gefragt: Was habt ihr mit dem Geld gemacht? Sie konnten mir keine Antwort geben, weil sie genauso korrupt sind wie die Regierung.”

Zudem prangert der Bischof die mangelnde Geschlossenheit der Opposition im Sudan an. Die Uneinigkeit verlängere nur die Leiden der Bevölkerung. Es sei notwendig, zu Ehrlichkeit und Transparenz zurückzukehren; zu einer Verständigung, die sich nach den Bedürfnissen der Menschen richtet, nicht nach den persönlichen Ambitionen von Politikern.

Bischof Gassis bestätigt die Beobachtung vieler: “Unter diesen Umständen hat das CPA keine Chance. Fünf Jahre nach der Unterzeichnung droht ein neuer, bewaffneter Konflikt.”

KIN / S. Stein