Aparecida 2007 und die Folgen - CELAM-Präsident besucht KIRCHE IN NOT
“Wir spüren einen neuen Geist in der Kirche Lateinamerikas”, sagt Dom Raymundo Damasceno Assis, Erzbischof von Aparecida, im Rückblick auf die fünfte Generalversammlung der Bischöfe Südamerikas und der Karibik.
Im Mai 2007 hatte sich der Lateinamerikanische Bischofsrat CELAM (Consejo Episcopal Latinoamericano) in Aparecida, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort Brasiliens, getroffen, um über die Situation der katholischen Kirche auf dem Kontinent und Wege zu ihrer Erneuerung zu beraten.
Jährlich besuchen mehr als sieben Millionen Pilger die Kleinstadt Aparecida im Südosten des Bundesstaates São Paulo, 2008 waren es sogar neun Millionen.
“Das religiöse Empfinden ist bei Brasilianern stark ausgeprägt. Diese Volksfrömmigkeit strahlt ins ganze Land aus”, erklärte Erzbischof Assis bei einem Besuch in unserer internationalen Zentrale in Königstein im Taunus bei Frankfurt am Main.
Ziel der Pilgernden nach Aparecida ist der Schrein einer schwarzen Madonna, eine rund 40 Zentimeter große Marienstatue aus Ton. 1717 ging einem Fischer erst der Korpus, dann der Kopf dieser Figur ins Netz. Plötzlich füllte sich der Fluss mit Fischen.
Der “Erschienenen” (Aparecida) wurden weitere Wunder zugeschrieben. Seitdem ist die Geschichte der Stadt, in der heute etwa 35 000 Menschen leben, eng mit der Wallfahrt zur Muttergottes verknüpft. 1929 wurde “unsere liebe Frau von Aparecida” von Papst Pius XI. zur Schutzpatronin Brasiliens erklärt. Für Brasilianer hat Aparecida seit Jahrhunderten eine ungeheure religiöse Bedeutung.
Doch ansonsten unterscheiden sich Stadt und Region wenig von anderen Städten und Regionen des Landes. Eher weisen sie ein für Brasilien nicht untypisches Merkmal auf: die sozialen Unterschiede sind groß.
Dazu erklärt Erzbischof Assis: “Auf der Generalversammlung von 2007 haben wir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, Jesus Christus ins Zentrum unseres Lebens zu stellen, bei ihm in die Schule zu gehen. Wenn wir das tun, sind die sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen gewaltig.”
Das gelte für die gesamte Kirche. Die Versammlung habe deshalb auch ausdrücklich die Option für die Armen bekräftigt. “Das ist keine ideologische, sondern eine theologische Frage. Die Aufgabe der Kirche ist in sozialer Hinsicht gestärkt worden. Wahre Evangelisierung muss in Kultur und Gesellschaft sichtbar werden”, so der Erzbischof von Aparecida.
Der Beitrag Brasiliens kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden: 48 Prozent der Lateinamerikaner leben hier. Das Land umfasst mehr als die Hälfte der Fläche Südamerikas. Veränderungen wirken sich folglich auf den gesamten Kontinent aus.
Erzbischof Assis ist überzeugt, dass eine gerechtere, solidarischere und friedlichere Gesellschaft möglich ist, wenn sich alle für sie einsetzen: “Wir haben ein wachsendes Bewusstsein für Bürgerrechte. Immer mehr Menschen begreifen, dass sie als Mitglieder einer Gesellschaft auch für sie verantwortlich sind. Demokratie braucht Beteiligung.” Die Lösung der Probleme könne man nicht allein der Politik überlassen, zumal sich wegen der weit verbreiteten Korruption gerade viele junge Menschen enttäuscht von der Politik abwenden würden.
Für den Erzbischof unverzichtbar sind Zeugnis und Tatkraft der Christen. “Gewalt ist - in welcher Form auch immer - Ausdruck einer Geringschätzung des Lebens. Dabei ist das Leben Gabe und Geschenk Gottes. Erst wenn wir die christlich-ethischen Werte zur Entfaltung kommen lassen, ändern wir unsere Haltung, unseren Lebensstil.”
Deshalb gelte es, den missionarischen Geist unter Priestern und Seminaristen zu festigen und sie auszusenden, denn ihr Leben sei ein Dienst. Die Kirche insgesamt sei zu diesem Dienst berufen. “Unsere größte Herausforderung ist, die Millionen Pilger, die jährlich nach Aparecida kommen, zu einem echten Leben aus dem Evangelium zu bestärken.”
Brasiliens Bischöfe wollen sich in Zukunft jedes Jahr in Aparecida treffen. Erste Pläne für den Bau eines Hotel- und Kongresszentrums in Aparecida, das einerseits den Versammlungen der brasilianischen Bischofskonferenz und verschiedener Kongregationen dienen, andererseits aber auch für die Unterbringung von Pilgernden und für Kongresse säkularer Gruppen genutzt werden soll, liegen bereits vor.
Erzbischof Assis, Jahrgang 1937, hat unter anderem in München und Rom Katholische Theologie studiert und wurde 1968 zum Priester geweiht. Danach wirkte er lange als Seelsorger in Brasilia, wo er 1986 zum Weihbischof geweiht wurde.
Von 1991 bis 1995 war Dom Raymundo Generalsekretär des Lateinamerikanischen Bischofsrats, danach in gleicher Funktion acht Jahre lang für die brasilianische Bischofskonferenz tätig. Seit 2004 ist er Erzbischof von Aparecida, seit 2007 Präsident des CELAM.
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