“Herr, wie du willst!”

Viertes Porträt in der Reihe “Wen Gott ruft

Kaplan Eugen Daigeler.

Kaplan Eugen Daigeler.

In diesem Monat stellen wir Ihnen Eugen Daigeler vor. Er ist als Kaplan in Knetzgau (Bistum Würzburg) tätig. Im Dezember 2009 erhielt er den ersten Pius-Parsch-Preis der Liturgiewissenschaftlichen Gesellschaft Klosterneuburg bei Wien. Er bekam die Auszeichnung für seine Studie “Liturgische Bildung als Weg zur tätigen Teilnahme bei Pius Parsch. Die Seele ist von Natur aus liturgisch”, die 2006 beim Würzburger Echter-Verlag erschienen ist.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen?
Für mich war mein Ministrantendienst wichtig. Dadurch war ich nahe beim Geschehen im Gottesdienst. Ich hatte das Glück, dass in meiner Heimatpfarrei im Bistum Würzburg eine Ordensgemeinschaft ansässig war und ich so verschiedene Priester kennen gelernt habe. Ich sah, wie sie Gottesdienst feierten und wie jeder in seiner Art seine Berufung lebte. Das fand ich beeindruckend, auch wenn in mir deswegen noch nicht der Wunsch gereift wäre, selbst Priester zu werden.

Was hat dann den Wunsch ausgelöst, Priester zu werden?
Die Verbindung zum Gottesdienst, zur Liturgie und zur Eucharistie war entscheidend am Anfang meiner Berufung. Es hat mich beeindruckt, dass der Priester derjenige war und ist, der Gott den Menschen zugänglich machen soll. Ich sah den Priester immer als jemanden, der den Himmel aufreißen kann. Durch ihn wird im Gottesdienst erfahrbar und erlebbar, was wir glauben.

Priesterweihe von Eugen Daigeler durch den Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann.

Priesterweihe von Eugen Daigeler durch den Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann.

Zu erkennen, dass durch den Priester all das möglich wird, ist das eine. Zu sagen: “Ich werde Priester!” ist etwas ganz anderes. Wie kam das bei Ihnen?
Wenn ich das gefragt werde, unterscheide ich immer zwei Seiten: Es gibt zum einen eine kindliche Begeisterung in mir. Bekannte haben mir erzählt, dass ich schon mit neun Jahren zu meiner Primiz eingeladen hätte. Daran erinnere ich mich selber nicht, aber ich kann mir das vorstellen.

Die andere Seite zeigt sich für mich in einem Schlüsselerlebnis. In der zehnten oder elften Klasse hat meine Religionslehrerin mich angesprochen, ob ein kirchlicher Beruf nicht etwas für mich wäre. Ich war zunächst erschrocken und hatte mich gefragt: “Was, ich?” Nichts gegen die Kirche, da war ich gerne drin und habe gerne mitgemacht, aber wurde ich wirklich gebraucht?

Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen und bei meinen Überlegungen, was ich aus meinem Leben machen will, welchen Beruf ich ergreifen soll, kam ich immer wieder darauf zurück.

Weltjugendtag in Paris 1997

Die letzte Ermutigung bekam ich auf dem Weltjugendtag 1997 in Paris. Dort machte ich die Erfahrung, dass ich als junger Mensch nicht allein in dieser Kirche bin. Wenn ich an meine Heimatpfarrei denke, dann waren es immer nur wenige Kinder und Jugendliche, die den Glauben gelebt haben. Und dann zu sehen, dass ich nicht allein in dieser Kirche bin, dass es noch viele andere junge Leute gibt, die davon begeistert sind, das war für mich eine große Ermutigung.

Mir war klar: Ich kann es mich trauen, Priester zu werden. Ich würde zwar nicht sagen, dass meine Berufung dort entstanden ist, aber der Weltjugendtag war so etwas wie der letzte “Schubser”, den ich gebraucht habe.

Wenn man sich Ihre Geschichte anhört, könnten einige auf die Idee kommen, dass Sie nicht von Gott, sondern von Ihrer Religionslehrerin berufen worden sind – was würden Sie da antworten?
Dass uns Gott auch durch Menschen begegnet und dass es nicht nur meine Religionslehrerin war. Viele Grundlagen hat meine Familie gelegt, die mir den Glauben erschlossen hat. Es gab auch viele Priester, die mich begleitet haben. Durch sie begegnet uns Gott.

Es gibt sicher Berufungsgeschichten, die beeindruckender sind als meine. Aber für mich ist meine Geschichte deshalb nicht weniger Wirklichkeit. Es macht kaum einen Unterschied, ob Gott durch Menschen zu uns spricht oder “direkt” im Gebet. Das sind nur unterschiedliche Seiten einer Medaille.

Die Primiz in seiner Heimatpfarrei.

Die Primiz in seiner Heimatpfarrei.

Gab es Punkte, an denen Sie um Ihre Berufung kämpfen mussten?
Sicherlich. Das fing bei meinen Eltern an – sie haben mich zwar unterstützt, aber einfach war es für sie nicht, als sie erfuhren, dass ich ins Priesterseminar gehen will. Da haben sie sich Gedanken darüber gemacht, ob ich auf diesem Weg auch glücklich werden würde.

Zwar habe ich von ihnen keine wirklichen Widerstände erfahren, aber wir mussten doch erst gemeinsam einen Weg finden, um mit dieser neuen Situation umzugehen. Inzwischen sind meine Eltern aber Feuer und Flamme für meine Priesterberufung. Natürlich gibt es auch im Priesterseminar Zeiten, in denen man mit sich ringt.

Das dritte Jahr ist ein so genanntes “Freijahr”, in dem man nicht im Seminar wohnt, aber trotzdem studiert. Wenn man nach dieser Zeit zurück ins Seminar kommt, muss man sich überwinden, sich wieder in die Gemeinschaft einzufügen. Da lernt man, was “Gehorsam in der Kirche” heißt.

Für mich persönlich war es sehr schwer, nach dem “Freijahr” ins Priesterseminar zurückzukehren. Aber ich habe das Ziel nicht aus dem Auge verloren und dadurch schließlich auch diese Schwierigkeit gemeistert.

“Ich versuche mein Bestes zu geben”

Gibt es für Sie auch heute noch Situationen, in denen Sie “wieder zurück ins Priesterseminar” kommen?
Ich bin als Priester Teil eines kirchlichen Umfelds – mit den Anforderungen meiner Pfarrei und meines Bistums. Da fragt man sich manchmal natürlich, ob manche Dinge jetzt genau so laufen müssen, wie sie es tun – ob es in mancher Hinsicht nicht anders sein könnte.Aber wenn solche Fragen kommen, versuche ich, nicht von anderen etwas zu fordern, sondern zuerst von mir selbst.

Ich bin als Kaplan in meine Pfarrei hineingestellt. Dort versuche ich, mein Bestes zu geben. Wenn ich das tue, kann ich auch mit gewissen Vorgaben gut leben. Ich werde eigentlich immer positiv überrascht, wieviel mir in diesem Beruf geschenkt wird. Ich möchte jedem Seminaristen mitgeben, dass für mich das Positive und Schöne am Priesterberuf überwiegt.

Es gibt natürlich auch Schwierigkeiten, aber vor allem wird einem enorm viel geschenkt: zum Beispiel die Freude, dass ich mit Menschen ihren Glauben teilen kann, dass ich in Vielem ihr Leben teile und mit ihnen ganz intensive Situationen durchlebe.

Gottesdienst während einer Ferienfreizeit.

Gottesdienst während einer Ferienfreizeit.

Sie sind in Ihre Berufung hineingewachsen. Glauben Sie, man kann Berufungen “erbeten”?
Auf jeden Fall. Ich glaube, dass es viel mehr Berufungen gibt, als es Menschen gibt, die sich dazu entschließen können. Das liegt daran, dass manche Berufungen durch Mutlosigkeit erstickt werden. Viele junge Männer, die spüren, dass sie gerufen werden, haben nicht den Mut, diesem Ruf zu folgen. Ich meine das nicht als Vorwurf, sondern sehe es eher so, dass diesen Berufenen die Ermutigung fehlt.

Sie müssten erleben, dass viele Menschen auf ihr “Ja” zum Priesterberuf warten, dass viele Menschen sich über diese Entscheidung freuen würden und dass sie auch durch das Gebet der Gemeinde unterstützt werden. Für mich ist es unersetzbar für meinen priesterlichen Dienst, dass ich weiß, dass es Menschen gibt, die ganz speziell für mich beten. Ohne dieses Gebet könnte ich mein Amt nicht ausüben.

Genauso gibt es auch das Gebet darum, dass ein Mensch den Mut findet, sich für den Priesterberuf zu entscheiden. Natürlich kann man dafür beten, dass Gott Priester beruft, aber mir scheint die Frage der Ermutigung der Berufenen und der angehenden Priester durch die Gemeinde und das persönliche Gebet wichtig.

“Ihr könnt mit eurem Gebet viel für uns und das Gemeindeleben tun!”

Es geht also um eine Art “Schulterklopfen” der Gemeinde für ihre Priester?
Das ist der sichtbare Aspekt: wenn der Wunsch nach neuen Priestern in einem Gebet, in der Messfeier, in den Fürbitten auch ausgesprochen wird. Darum geht es beim Gebet um Berufungen: dass ich nicht nur sage “Wir beten darum, dass jeder seinen Weg findet”, sondern dass wir darum beten, dass für unsere Gemeinden Priester berufen werden und junge Männer diesen Beruf ergreifen.

Darum geht es auch in den Gebetsstunden um geistliche Berufungen jeden Monat am Vorabend des Herz-Jesu-Freitags. Dort die eucharistische Anbetung zu halten, für den einzelnen Menschen einzustehen, das ist ganz wichtig. Dadurch wird dieses Anliegen vor Gott getragen.

Es muss auch Menschen geben, die dieses Anliegen in ihr persönliches Gebet mit hinein nehmen. Ich sage auch bei der Hauskommunion, wenn ich Kranke besuche: “Ihr könnt mit eurem Gebet viel für uns und das Gemeindeleben tun!”

Eugen Daigeler mit Priesterkollegen zu Besuch bei Nonnen in Frankreich.

Eugen Daigeler (links) mit Priesterkollegen zu Besuch bei Nonnen in Frankreich.

Wo liegen Ihre Quellen, aus denen Sie täglich Kraft schöpfen?
Schon für meine Berufung waren die Liturgie und besonders die Heilige Messe wichtig – und auch heute ist das für mich das wichtigste Tun. Aus der intensiven Feier der Heiligen Messe ziehe ich Kraft, sowohl für meinen persönlichen Glauben, als auch für meinen Dienst. Natürlich braucht es auch die Zeiten des persönlichen Gebets – sei es das Stundengebet oder das stille Gebet.

Mir selber ist wichtig, dass ich mich mit anderen Priestern austausche. In meinem Freundeskreis gibt es viele Priester in meinem Alter, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Wir sind in einer ähnlichen Situation und können offen über Freuden und Schwierigkeiten reden. Der Austausch mit meinen Mitbrüdern ist für mich unerlässlich.

Haben Sie auch geistliche Vorbilder?
Gewiss – sowohl unter den Priestern, die ich in meiner Heimatpfarrei erlebt habe, als auch unter großen Heiligen. Die Generation, zu der ich gehöre, wurde von Papst Johannes Paul II. geprägt – von seiner erfrischenden Art, den Glauben zu bezeugen und zu leben.

Für mich ist Pater Rupert Mayer ein großes Vorbild. Er hat vielfältig seinen Glauben bezeugt: sowohl mit seinen Predigten, als auch mit seinem sozialen Wirken war er immer klar entschieden – auch dort, wo er auf Widerspruch gestoßen ist, hat er Jesus Christus bezeugt. Das ist ein echtes Vorbild.

Können Sie aus dem Vorbild von Pater Rupert Mayer etwas in Ihre Gemeinde hinein nehmen?
Mein großes Anliegen wäre ein Apostolat für die Männer, wie es Pater Rupert Mayer einst in München aufgebaut hat. In diesem Bereich hätten wir in meiner Region Nachholbedarf. Wir müssten mehr Männer in die Kirche holen. Oft finden wir bei Frauen mehr Offenheit für Gebet und Gottesdienst.

Ganz persönlich bringe ich regelmäßig ein Gebet von Pater Rupert Mayer in die Gemeinde ein, das ich schon auf meinem Primizbild abgedruckt hatte: “Herr, wie Du willst, soll mir geschehen.”

“Die eucharistische Anbetung ist mir sehr wichtig geworden - entweder vor dem ausgesetzten Allerheiligsten oder vor dem Tabernakel.”

“Die eucharistische Anbetung ist mir wichtig – vor dem Allerheiligsten oder dem Tabernakel.“

Gibt es, abgesehen von der Heiligen Messe, auch noch andere geistliche Übungen, die Sie praktizieren?
Ich habe ja schon meinen Priester-Freundeskreis erwähnt. In diesem Rahmen halten wir regelmäßig Exerzitien. Jüngst hat uns ein Geistlicher ans Herz gelegt, die eucharistische Anbetung zu pflegen.

Das schaffe ich leider noch nicht jeden Tag, das gebe ich ganz offen und ehrlich zu. Aber sie ist mir doch sehr wichtig geworden: einfach dem Herrn Zeit schenken, fern von dem Zwang, dass ich diese Zeit irgendwie gestalten muss. Ich verbringe die Zeit einfach beim Herrn – entweder vor dem ausgesetzten Allerheiligsten oder vor dem Tabernakel.

Ein Priester heutzutage ist auch ein Stück weit Manager. Trennen Sie Verwaltung und Seelsorge in Ihrer täglichen Arbeit?
Da habe ich es als Kaplan noch ein wenig besser als mancher Pfarrer, denn ich habe deutlich weniger an Verwaltung zu bewältigen. Aber wenn das einmal auf mich zukommt, würde ich es nicht von der Seelsorge trennen. Auch die Strukturen und die Verwaltung sind notwendige Dinge. Auch das ist eine Form von Seelsorge, gerade wenn ich daran denke, was hier bei uns im Pfarrbüro abläuft.

Vieles sieht oft auf den ersten Blick alltäglich aus. Menschen kommen hierher und bestellen Messen oder ähnliches. Aber auch in solchen Fällen kann eine Form von Seelsorge “im Kleinen” stattfinden. Man spielt dieses “Seelsorger oder Manager” oft so gegeneinander aus, aber beides ist nötig. Man muss vorsichtig sein, dass man das Gleichgewicht hält. Aber jemand, der in der Pfarrseelsorge tätig ist, der muss auch organisieren – das geht nicht anders.

“Der Glaube an Jesus Christus macht mich froh”

Was bedeutet für Sie persönlich das “Priester-Sein” – über das “Ich stehe zur Kirche” hinaus?
Das wichtigste ist, dass ich als Priester mit den Menschen teile, wovon ich selber überzeugt bin. Der Glaube an Jesus Christus macht mich froh, er gibt mir Kraft und Zuversicht. Dieses Gefühl will ich mit anderen Menschen teilen. Besonders greifbar wird das im Gottesdienst und in den Sakramenten. Aber auch in Gesprächen und Begegnungen. Darin sehe ich eindeutig meine Hauptaufgabe.

Natürlich habe ich für die Menschen auch mal einen guten Rat parat. Aber zu bezeugen, dass Gott Wirklichkeit ist, ist entscheidend. Mit meinem ganzen Leben stehe ich dafür ein, dass Gott nicht nur eine fromme Idee, sondern eine Wirklichkeit ist. Diese Wahrheit will ich greifbar machen.

Wie schaffen Sie das persönlich?
Zunächst durch die Heilige Messe. Aber darüber hinaus – und das kann auch jeder Laie – geht das nur über das persönliche Zeugnis. Wer mir begegnet, der muss merken: “Ja, der glaubt das wirklich!” Man muss versuchen, seinen Glauben zu leben.

Ein wichtiges Kriterium wäre, dass wir als Glaubende die Freude am Glauben ausstrahlen. Dabei geht es nicht um “lustig sein”, sondern um eine tiefe Freude auch in schwierigen Zeiten. Diese Grundeinstellung muss man auch in den Alltag tragen. Dann traut sich manch einer vielleicht, sich zu öffnen – durch meine Gegenwart und die Begegnung mit mir ermutigt.

Viele Menschen tun sich heute schwer, ihren eigenen Glauben zu zeigen. Sie denken: Das ist heute nicht mehr modern; darüber redet man besser nicht; das behält jeder für sich. Wenn ich als Priester zu solchen Menschen komme und zwanglos über den Glauben rede, alles beim Namen nenne, dann traut sich der eine oder andere, von sich zu erzählen. Dazu will ich ermutigen. Es geht also nicht darum, dass immer ich etwas erzähle, sondern ich will die Freude in anderen wecken.

“Manchmal ist alles, was ich tun kann, einfach nur da zu sein.”

“Manchmal ist alles, was ich tun kann, einfach nur da zu sein.”

Als Kind, als Ministrant, hatten Sie ein bestimmtes Bild von dem, was ein Priester ist. Heute sind Sie selbst Priester. Wie hat sich Ihr Bild von einem Priester seitdem geändert?
Je tiefer man in das kirchliche Leben eindringt, umso mehr sieht man auch Begrenztheiten und Schwächen, die ich als Jugendlicher in meiner Begeisterung nicht so gesehen habe. Da habe ich sicher auch manches verklärt und musste ernüchtert werden. Das war nicht immer leicht, aber auf der anderen Seite weiß ich um meine Begrenztheiten und Schwächen.

Wenn ich in einer Pfarrei als Priester arbeite, stoße ich auch an meine Grenzen. In vielen Situationen weiß ich nicht, was ich sagen soll. Aber ich erfahre, dass die Menschen mit meinem Unvermögen kein Problem haben, wenn ich ehrlich bleibe und ihnen zeige, dass ich an meine Grenzen komme.

In diesen Situationen kann ich den Menschen sagen: “Ich glaube trotzdem, dass Gott einen Weg für uns hat. Einen Weg, den wir jetzt nicht sehen, und den ich euch manchmal auch gar nicht zeigen kann.” Manchmal ist alles, was ich tun kann, einfach nur da zu sein.

Manche Scheinbilder von einem Priester mussten in mir auch zerbrechen. Als Ministrant war ich von manchen Äußerlichkeiten fasziniert und habe meinen äußerlichen Dienst perfektioniert. Das ist immer mehr in den Hintergrund getreten. Zwar finde ich auch heute, der Dienst muss gut laufen und würdig stattfinden. Aber das Äußere macht inzwischen mehr und mehr dem Platz, zu dem das alles hinführen soll.

Bei einer Predigt.

Bei einer Predigt.

Was wollen Sie in Ihrem Amt bewirken?
Grundsätzlich sehe ich meinen Dienst dort, wo ihn die meisten Priester sehen: Ich möchte die Menschen durch meine alltägliche Arbeit im Glauben stärken. Ich finde es schwierig zu sagen, wo meine speziellen Stärken liegen.

Ich glaube, ich kann den Glauben gut erklären. Das schließe ich aus den Rückmeldungen der Menschen. Sie sehnen sich danach, über den Glauben ins Gespräch zu kommen, ihn besser zu verstehen.

Papst Benedikt hat das Priesterjahr vor allem zur “Heiligung der Priester” ausgerufen. Was sagt Ihnen dieser Ausdruck ganz persönlich?
Das Wort “heilig” klingt für viele im ersten Moment vielleicht zu hoch für sich selber. Ich verstehe es in dem Sinne, wirklich entschieden für den Glauben und mit Jesus Christus zu leben. Das Motto des Priesterjahres ist “Treue zu Christus, Treue des Priesters”. Es geht bei der Heiligkeit um eine Entschiedenheit.

Die Fragen, die sich stellen: “Wo ist das Fundament, auf das ich mein Leben gebaut habe?” und “Woraus schöpfe ich als Priester meine Kraft?”. Wir brauchen heilige Priester, die radikal sind in ihrer Entschiedenheit für Jesus und für seine Kirche; Priester, die radikal von dem überzeugt sind, wovon sie reden, die sich nicht schämen, dass die Menschen um sie herum das auch merken könnten.

Das bedeutet auch, dass sie an manchen Stellen etwas anders als alle anderen leben. Das fängt beim Zölibat an – er ist ein Stein des Anstoßes und das muss er wohl auch in gewisser Weise sein. Ein Priester soll nicht vor sich hin leben, er soll keine bürgerliche Lebensform haben. Er soll nicht zu einem “Religionsbeamten” werden, der auf Familienfeiern ein Sahnehäubchen setzt. “Heilig-werden” bedeutet für mich: “mehr und mehr ergriffen werden von Jesus”.

Besuch am Grab des heiligen Pfarrers von Ars.

Besuch am Grab des heiligen Pfarrers von Ars.

Wenn man von “Heiligung der Priester” spricht, kommt man schnell zum heiligen Pfarrer von Ars, den Papst Benedikt XVI. zum Anlass für dieses Priesterjahr genommen hat. Wo ist er für Sie heute ein Vorbild und wo ist er Ihnen fremd?
“Radikal” ist eindeutig das richtige Wort, um den heiligen Pfarrer von Ars zu beschreiben. Ich finde es beeindruckend, mit welchem Gottvertrauen er an seinen Dienst herangegangen ist.

Oft fragt man sich: “Was bewirkst du hier in deiner Pfarrei?” Man macht seinen Dienst, aber irgendwie bleibt doch alles beim Alten. Da fehlt oft das Gottvertrauen, die Sicherheit, dass auf jeden Fall Früchte herauskommen werden, wenn ich mich nur ganz in diesen Dienst hineingebe.

Ob ich diese Früchte selbst einmal sehen werde oder ob die vielleicht jemand anders ernten wird, ist eine andere Frage. Aber der Pfarrer von Ars ist mir ein Vorbild darin, dass er seinen ganzen Dienst in diese kleine Pfarrei gelegt und dabei Enormes bewirkt hat: zum Beispiel, dass aus ganz Frankreich die Leute kommen würden, um bei ihm zu beichten.

Natürlich erschrecke ich, wenn ich mir die Lebensführung des heiligen Pfarrers von Ars anschaue – diese radikale Armut, die er gelebt hat. Ich gebe ehrlich zu, da reiche ich nicht heran! Aber die Entschiedenheit, die er darstellt, sein Ernst, seine Geradlinigkeit und Treue, all diese Punkte sind Ansporn für mich.

“Wozu habe ich ‘ja’ gesagt?”

Welche Erwartungen haben Sie an das Priesterjahr?
Ich denke, es ist schon viel damit erreicht, das Thema wieder in unsere Pfarreien und Gruppen hineinzutragen und die Fragen zu stellen: “Was ist ein Priester in der katholischen Kirche?”, “Wofür brauchen wir Priester?”. Ich muss auch die mit diesem Priesterjahr verbundene Frage an die Gläubigen stellen, wie sie den Dienst des Priesters unterstützen möchten. Ob nun durch das Gebet oder durch andere Formen, sei dahingestellt.

Wir Priester sind zu einer Selbstvergewisserung aufgerufen. Wir sollen uns fragen: “Was ist mir aufgegeben?”; “Wozu habe ich ‘ja’ gesagt, als ich Priester geworden bin?”; “Was habe ich versprochen bei meiner Priesterweihe?”. Bei der Weihe gibt man einige Versprechen ab, bei denen man sich schon fragen kann, ob man sie in seinem täglichen Leben einlöst.

Wenn das Priestertum in den Pfarreien ein Thema bleibt, wäre mit diesem Priesterjahr viel erreicht. Wie viele Früchte dieses Jahr trägt, wird in jeder Pfarrei unterschiedlich sein. Aber ganz unabhängig davon halte ich es für eine wichtige, gute Sache.

Medien-Tipp: Film “Der heilige Pfarrer von Ars”

Der Film von Michael M. Wimmer und Heidemarie Seblatnig folgt den Spuren des heiligen Pfarrers in seinem Geburtsort Dardilly und in seiner Wirkungsstätte Ars-sur-Formans. Das Leben des Heiligen bestand aus Gebet, Demut, Buße, Armut, Selbstverleugnung und war so beeindruckend, dass die Pilger in Scharen nach Ars kamen. Er ist einer der größten Heiligen der Kirche und wurde 1929 zum Patron aller Pfarrer ernannt.

Papst Benedikt XVI. wird ihn im Rahmen des Jubeljahres beim Welttreffen der Priester auf dem Petersplatz am 19. Juni 2010 als “Schutzpatron aller Priester” ausrufen. Er hat bei der Ausrufung des Priesterjahres die Vorbildhaftigkeit des Heiligen Pfarrers von Ars für alle Priester betont.

Sie können den 26-minütigen Film unter folgender Adresse bestellen: ars.film@yahoo.com

4.Feb 2010 10:19 · aktualisiert: 17.Apr 2016 18:37
KIN / S. Stein