“Wir sind die Außenminister Gottes”

Bruder Paulus Terwitte gibt Tipps für die spirituelle Gestaltung der Fastenzeit

Bruder Paulus Terwitte.

Bruder Paulus Terwitte.

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit: 40 Tage geprägt von Reue, Buße und Verzicht. Manche verzichten auf Alkohol, Süßigkeiten, andere wollen mit dem Rauchen aufhören. Viele Menschen sind sich einig: es ist eine schreckliche Zeit, die einen einengt. Ganz anders sieht das Bruder Paulus, ehemaliger Guardian des Kapuzinerklosters in Dieburg.

KIRCHE IN NOT: Bruder Paulus, Sie sagen Fastenzeit ist Freiheitszeit, ist das kein Widerspruch?
BRUDER PAULUS: Das sehen manche tatsächlich so, weil viele die Fesseln des Fastenmüssens einengen. Aber sie verstehen nicht, dass die Fastenopfer nichts anderes wollen als den Menschen deutlich machen, dass wir von Fesseln gefangen sind, die uns oft nicht bewusst sind. Zum Beispiel: ich muss immer der Erste sein. Das steht nirgendwo geschrieben. Ich darf auch mal der Letzte oder Mittlere sein.

Wir haben tausend Fesseln, in denen Menschen sich verrückt machen. In der Fastenzeit werden wir dahin geführt, dass wir uns fragen, wovon wir wir uns bestimmen lassen. Wir müssen lernen, wo wir Gefesselte sind. Wir haben tausende Abhängigkeiten, davon muss man frei werden.

Wie kommt es, dass die Menschen diese Abhängigkeiten nicht bemerken, aber in der Fastenzeit merken, dass sie sich abhängig fühlen?
Die Kirche wird von vielen wie ein Fremdkörper erlebt. Jesus ist auch so erlebt worden. Er kam damals in die Zeit, und die Leute haben gesagt. “Was will der denn? Wir haben so schöne Gesetze, so einen schönen Tempel. Es funktioniert doch alles.” Da war Jesus eine Störung. Jesus hat den Menschen bewusst gemacht, dass sie an Gesetzen kleben, aber das, was Gott wollte, haben sie nicht erfüllt.

Er ist jemand, der sagt: du hast ein Herz und eine Mitte, eine Berufung, du sollst schauen, was Gott heute will und dich nicht an irgendwelche Paragrafen halten. Von daher ist in der Fastenzeit für denjenigen, der sie geistlich erleben will, ein Trainingsprogramm angesagt, bei dem man untersucht, ob man noch weiß, was Gott eigentlich will. Ist mir Gott wirklich wichtig oder geht es mir nur darum, einen bestimmten Kram zu erfüllen?

Die Menschen brauchen Anleitungen für ihren Alltag, sagt Bruder Paulus. Darum hat er einen Wegweiser durch die Fastenzeit herausgegeben.

“Die Menschen brauchen Anleitungen für ihren Alltag”, sagt Bruder Paulus. Darum hat er einen “Wegweiser” durch die Fastenzeit herausgegeben.

Sie haben zusammen mit Herrn Leitschuh einen Fastenkalender “Trau dich, 40 Tage anders zu leben” entwickelt. Wie kamen Sie auf die Idee?
Ich glaube, dass Menschen Anleitungen brauchen für ihren Alltag. In meiner seelsorglichen Praxis habe ich oft erlebt, dass sie fragten: Wie macht man denn das Christsein. Wie sieht man, dass jemand ein richtiger Christ ist? Muss ich so werden wie Mutter Teresa oder muss ich jeden Tag in die Messe gehen?

Meine Antwort ist: ein richtiger Christ ist, der sich auch mal etwas traut. Das Leben ist viel größer als ich mir denken kann. Denn Gott ist immer der größere: deus semper maior. Und wenn er immer der größere ist, kann ich auch immer etwas Größeres wagen.

Unsere Fastenvorschläge sagen, trau dich! Ein Beispiel: Wenn man mit dem Hund Gassi geht, einfach einmal den Mann, der ebenfalls Gassi geht und dem man seit zehn Jahren begegnet, ansprechen und nach seinem Namen fragen. Es gibt Menschen, die laufen seit 20 Jahren im Bus aneinander vorbei und grüßen sich nicht. Wir haben so viele Möglichkeiten, kleine Schritte zu gehen.

Trau Dich, einen Brief zu schreiben: eine der 40 vorgeschlagenen Regeln für die Fastenzeit.

Trau Dich, einen Brief zu schreiben: eine der 40 vorgeschlagenen Regeln für die Fastenzeit.

Sie haben den zentralen Satz “Trau dich” schon genannt. Wieso braucht es so viel Mut, sich diesen Kalender zu besorgen und danach zu handeln?
Wenn man die Dinge tut, die in dem Kalender stehen, sieht es nachher bei einem wirklich anders aus. Ein Beispiel: Trau dich, den Keller aufzuräumen. Trau dich, von Dingen zu trennen, von denen du dich eh irgendwann trennen musst.

Mach’s einfach mal, nicht auf morgen verschieben. Trau dich, einen Brief zu schreiben, an jemanden, mit dem du dich versöhnen willst. Dann fragen sich viele Menschen, was der andere wohl denken mag. Darum laden wir ein, sich wirklich mal zu trauen.

Sie schreiben viele weltliche Anregungen, die man in einem religiösen Kalender nicht erwartet, wie etwa Fahrrad putzen oder eine Bank anschreiben. Warum ausgerechnet das?
Wir Christen sind in diese Welt gesandt. Und Jesus ist der weltgewordene Gott. Das Jenseitssein Gottes ist durch Jesus aufgehoben. Die Welt wurde vergöttlicht. Darum haben Christen auch die Naturwissenschaften so gefördert und sind deren Ermöglicher geworden, weil die Natur uns keine Angst macht.

Bonifatius hat die Eiche umgehauen, und es ist nichts passiert. Darum ist Weltgewandtheit so wichtig: zum Beispiel die Bank anrufen und fragen: was macht ihr mit meinem Geld? Ich will wach sein und diese Welt mitgestalten.

Es gibt keine Liebe zur Welt mehr, weil es keine Liebe zu Gott mehr gibt. Ich möchte in der Fastenzeit aufrufen, dass wir zu einem neuen Engagement zu Gott und der Welt kommen, weil Gott sich für uns so engagiert hat am Kreuz.

Es gibt die Tendenz, dass man sich in seinen eigenen Bereich zurückzieht. Wie kann man den Menschen helfen, ihre innere Einstellung nach außen zu tragen?
Ein schöner Weihnachtsspruch ist: Mach’s wie Gott, werde Mensch. Da steckt etwas dahinter. Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion, wir sind keine klammheimliche Religion. Gott hat nicht mit seiner Liebe hinter dem Berg gehalten. Er ist auf den Berg Golgotha gegangen, um zu zeigen, dass es keine Liebe ohne Leid gibt. Wer sagt, es gebe eine Liebe, die nur erfüllt, der lügt. Es gibt die Liebe im Karsamstag. Und dann muss ich meine Treue aushalten.

Es gibt keine Liebe ohne Leid.

“Gott ist auf den Berg gegangen, der hieß Golgotha, um zu zeigen: Es gibt keine Liebe ohne Leid”.

Davon sprechen wir Christen. Wir wissen, was kommt: das Leid. Von daher sind wir nicht erschrocken, wenn das Leid wirklich kommt. Es ist wichtig, dass wir uns klar werden, das es kein in-der-Welt-Sein gibt, ohne verletzt zu werden.

Bei der Wellness-Welle geht es darum, die Menschen high zu machen und zum Konsum aufzufordern, bis sie umfallen. Was Jesus uns gelehrt hat, den anderen zu lieben, das ist das größte Wellness-Ereignis.

Das Christentum hat den Leuten eine wahnsinnige Botschaft anzubieten. Ich glaube, wir müssen neu lernen, davon zu sprechen. Und wir müssen uns auch klar werden: wer so redet, dem wird auch weh getan werden.

Es gibt auch einige religiöse Empfehlungen: Kaufen Sie ein Gotteslob. Oder: Lernen Sie den Rosenkranz. Hat ein normaler Katholik so etwas nicht sowieso?
Es gibt eine Einstellung, dass Menschen einfach völlig ohne Haltung und Beteiligung die Liturgie mitfeiern und letztlich in die Kirche gehen wie ins Kino. Ich denke, das Gotteslob gehört zur Grundausstattung eines jeden. Eine Eucharistiefeier fängt schon eine halbe Stunde vorher an: wenn man sich schön macht, ordentlich anzieht. Ministranten sage ich, dass ich keinen mit Turnschuhen sehen möchte.

So einfache Sachen: MEIN Gotteslob, MEINE Heilige Schrift, MEIN Buch, aus dem ich bete. Es sollte auch im Bereich des Christentums, Dinge geben, die ich mir gönne, weil sie zu meiner Identität gehören.

Obstteller.

Teller mit frischem Obst.

Sie haben bis auf den Obstsalat nichts in ihrem Kalender geschrieben, das landläufig mit Fasten in Verbindung gebracht wird: der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel.  Ist das komplett falsch oder kann das auch eine Möglichkeit des Fastens sein?
Wenn man ein Band von Rainer Maria Rilke in die Hand nimmt, dann findet man eine Reihe mit der Überschrift “Mir zur Feier”. Man macht Heilfasten “mir zur Feier”.

Man macht es nicht, um gesund zu werden, sondern weil man davon auf der Arbeit erzählen kann. Man möchte wer sein. Diese Angst des Menschen, nichts zu sein, nicht beachtet zu sein, ist groß. Wir tun alles, um noch mehr, noch größer, noch besser zu sein.

Die Fastenzeit dient in erster Linie dazu, dass ich frage: was hat uns erlöst? Wir dürfen diese Welt anfassen, unsere Entscheidungen treffen. Wir sollen sie nicht treffen, damit wir wer werden, sondern weil wir wer sind. Wir sollen sie nicht treffen, um in den Himmel kommen, sondern weil wir schon drin sind. Das ist für viele eine Überraschung, wenn ich ihnen sage, sie seien schon erlöst.

Wenn ich heute Kinder taufe, dann sage ich den Eltern im Taufgespräch immer: Der wichtige Punkt ist, dass Sie mir ihr Kind geben. Dann müssen die Eltern mir das Kind geben, dann steige ich damit runter ins Wasser, dann wird es wegsterben in der Taufe, dann reißt es Christus aus dem Wasser heraus und es ist in seinem Licht.

Dann übergebe ich ihnen in der Person Christi den Bruder Jesu Christi. Da haben die Eltern eine Verantwortung, mit der sie vor Gott klar kommen müssen: Er hat dich schon vollendet und schenkt dich deinen Eltern zurück, die dich jetzt immer stärker zurück zu Christus führen sollen. Als ich das kapiert hatte, hatte ich Papa und Mama mit ganz anderen Augen angeguckt.

“Die Menschen existieren, um Gott eine Freude zu machen”

Sie haben im Vorwort des Fastenkalenders geschrieben, die Menschen von heute wissen oft nicht, wozu sie da sind. Wozu sind sie denn da?
Der erste Satz des Katechismus ist: “Um Gott zu loben und zu preisen und den anderen Menschen Gutes zu tun.” Das ist ihre Grundberufung. Christen sind Leuchttürme, die in dieser Zeit zu stehen haben, um den Menschen zu sagen, wofür sie existieren. Sie existieren dafür, Gott eine Freude zu machen.

So übersetze ich den ersten Satz des Katechismus: Wir sind dafür da, Gott die Freude zu machen, dass wir die Geschöpfe sind, die einzigen, die sagen können: wir haben kapiert, warum du die Welt erschaffen hast, du wolltest einfach wiedergeliebt werden.

Der Franziskaner Bonaventura antwortet: Die Frage, warum Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat: Gott wollte Mitliebende. Und darum gibt es mich. Jeder Mensch ist ein Außenminister Gottes in dieser Zeit. Darum bin ich missionarisch unterwegs, damit den Leuten dieses Licht aufgeht. Das können sie, weil sie alle nach dem Bild Christi geschaffen sind.

Das vollständige Interview mit Bruder Paulus können Sie sich in der Medienbox ansehen und anhören. Es ist auch unentgeltlich als DVD oder CD in unserem Münchner Büro erhältlich.

Der in dem Interview vorgestellte Kalender “Trau Dich, 40 Tage anders zu leben” ist im Herder-Verlag erschienen (ISBN: 978-3-451-28976-7). Er ist im Buchhandel erhältlich.

16.Feb 2010 08:25 · aktualisiert: 22.Feb 2010 12:14
KIN / S. Stein