Am Tag, als Wirbelsturm Nargis wütete

Ordensleute kümmern sich in Myanmar (Birma) um traumatisierte Kinder

Ministranten aus Birma.

Ministranten aus Birma.

Freitag, 2. Mai 2008, um die Mittagszeit. Mit voller Wucht rast der Zyklon Nargis auf die Küsten Birmas zu. Boote werden wie Blätter hinweggefegt, unter ihnen das von Father Andrew und drei Katechisten.

Häuser stürzen ein, Dächer fliegen weg, Landschaften versinken in Fluten. Father Andrew und seine Helfer ertrinken. Bei der Katastrophe sterben mehr als 140 000 Menschen.

Der siebenjährige Arkher Soe war gerade am Strand und sah, wie seine Eltern und Geschwister an Bord des kleinen Fischerbootes um ihr Leben kämpften. Er lief hin, sein zwei Jahre älterer Bruder sprang aus dem Boot, Hand in Hand liefen sie gegen die Wellen an, wurden auseinandergerissen. Nach zwei Tagen fanden sie sich, ihre Eltern und Geschwister sahen sie nie wieder.

Heute lebt Arkher Soe mit neun anderen Waisenkindern bei den katholischen Schwestern in einem kleinen Dorf, 48 weitere Waisen haben im Provinzhaus der Schwestern eine Bleibe gefunden.

Tausenden Kindern hat Nargis die Eltern entrissen. Die Kirche öffnet ihre Arme und tut mehr als sie kann. Die Kinderheime sind überfüllt. Das St. Mary’s Waisenhaus im Irrawaddy Delta beherbergt heute 87 Kinder, früher waren es 36. Etliche sind nicht katholisch, die Kirche ist Mutter von allen. Insgesamt machen die Katholiken nur etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung in Myanmar (Birma) aus.

Kinder im Waisenhaus St. Mary.

Kinder im Waisenhaus St. Mary.

Am Tag, als Nargis wütete, war Pater Joseph bei einer Hochzeit in Yangon, vier Autostunden von seiner Pfarrei entfernt. Zwei Tage lang kämpfte er sich zu seinem Schülerwohnheim durch. “Noch heute geraten die Kinder in Panik, wenn Sturm angesagt wird und dann flüchten sie in die Kirche”, erzählt er. Das Trauma ist wach, die Bilder im Kopf sofort wieder lebendig.

Der Pater erzählt von Yeleyaraja, einem damals 15-jährigen Jungen, den er auf der Straße traf. Er war nackt und ausgehungert, war aus seinem Dorf weggelaufen, hatte seine ganze Familie verloren, die Eltern und fünf Geschwister. Pater Joseph gab ihm Kleidung, Reis, eine Decke und brachte ihn bei entfernten Verwandten unter. Bis heute spricht der Junge nicht und verkriecht sich wimmernd unter seiner Decke, wenn man ihn nur anschaut.

Sicherheit für die von Nargis geschlagenen: Das Gebet.

Sicherheit für die von Nargis Geschlagenen: Das Gebet.

Nur in Yangon gibt es einen Psychologen, der Verarbeitung von Traumata praktiziert und Seminare für Kursleiter anbietet, auch für Schwestern. Ein Tropfen der Hoffnung im Ozean des Leids.

Die Menschen geben nicht auf. Wer kann, repariert und fängt neu an. Pater Joseph und seine Helfer haben bereits die Kirche und das Pfarrhaus wieder aufgebaut. Weitere Kirchen im Deltagebiet warten noch auf den Aufbau. Ein sicheres Dach, starke Mauern für die von Nargis Geschlagenen.

Die nötigen Genehmigungen wurden überraschend schnell erteilt. Aber das Baumaterial ist teuer, kaum erschwinglich. Jetzt brauchen Pater Joseph und seine Mitstreiter finanzielle Unterstützung. Hilfe als Zeichen der Liebe – es wäre Balsam für die verletzten Seelen, vor allem bei den Kindern. Denn Nargis wütet weiter.

KIN / S. Stein