Neue Wege zum Glauben

Über die Arbeit eines Militärseelsorgers in der Ukraine

Stepan Sus, Kaplan an der Militärakademie in Lemberg / Ukraine.

Stepan Sus, Kaplan an der Militärakademie in Lemberg.

Stepan Sus ist 29 Jahre alt. 2005 wurde der junge Ukrainer zum Priester geweiht. Zuvor hat er am “Heilig-Geist-Seminar” der griechisch-katholischen Kirche in Lemberg (L’viv-Rudno) Philosophie und Theologie studiert; oder vielmehr an dem provisorischen Seminar, dass bis zur Fertigstellung der neuen Ausbildungsstätte bestand.

Den Neubau des Heilig-Geist-Seminars hat unser Hilfswerk maßgeblich gefördert. Bereits Anfang der 90er-Jahre hatte Pater Werenfried van Staaten der griechisch-katholischen Kirche Hilfe versprochen – und Wort gehalten.

Im Sommer 2005, nach vierjähriger Bauzeit konnte das bis dahin genutzte behelfsmäßige Gebäude aufgegeben und das neue eingeweiht werden; mit 203 Plätzen ist es heute das größte Priesterseminar in der Ukraine.

Inzwischen ist Pater Stepan vom Lemberger Erzbischof mit der Seelsorge an der dortigen Militärakademie betraut worden, der größten im Land. Dafür kann der junge Priester auf die Kirche Sankt Michael zurückgreifen, die auf dem Gelände der Akademie steht. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert. In sowjetischer Zeit diente das Gebäude als Versammlungsraum.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine in den 90er-Jahren wurde es an die Kirche zurückgegeben. Obwohl sie allen Konfessionen grundsätzlich offen steht, kommen gegenwärtig nicht nur, aber vor allem Katholiken hierher. Als Student hatte sich Pater Stepan zusammen mit anderen um die Instandsetzung des Gebäudes bemüht. Heute feiert er hier regelmäßig Gottesdienst, predigt und tauft.

Pater Stepan tauft einen Soldaten.

Pater Stepan tauft einen Soldaten.

Die Soldaten haben ihn und die anderen sechs Seelsorger, die hier wirken, längst schätzen gelernt – zumal die jungen Priester auch auf dem Fußballplatz zu überzeugen wissen. Die anfängliche Skepsis mancher Soldaten, wie etwa deren Vorgesetzter, wich rasch einer gewissen Neugierde, dann Sympathie.

Pater Stepan ist überzeugt, dass das Beispiel zählt. Er selbst hat es nicht anders erfahren: “Als Kind hat mich ein orthodoxer Priester durch seine Art zu leben beeindruckt.” Später kamen andere hinzu, die den Jugendlichen durch ihren Glauben bestärkten, selbst Priester zu werden.

Beichtgespräch während eines Trainingskurses des Militärs.

Beichtgespräch während eines Trainingskurses des Militärs.

Es war die Zeit der Repression. Die griechisch-katholische Kirche lebte im Untergrund, die orthodoxe wurde geduldet, allerdings nicht geschätzt. Heute ist das alles anders: Die griechisch-katholische Kirche hat ihre Freiheit wiedererlangt, die Seelsorge wird keiner Konfession mehr verwehrt.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine hat sich die orthodoxe Kirche allerdings in drei aufgespaltet: in eine, die sich dem Kiewer und eine, die sich dem Moskauer Patriarchat zugehörig fühlt sowie die Autokephale Orthodoxe Ukrainische Kirche.

Dies zeigt die Zerrissenheit eines Landes, das über Jahrhunderte wechselnden Herrschern, politischen Systemen und kulturellen Einflüssen unterworfen war, aber zu einer wirklichen Einheit erst noch finden muss. Sein Verhältnis zu den anderen Kirchen beschreibt Pater Stepan als unproblematisch, gute Kontakte gebe es vor allem zur Autokephalen Orthodoxen Kirche und den Orthodoxen vom Kiewer Patriarchat.

Die Unterschiede liegen für den jungen Priester vor allem im Verständnis von Seelsorge: Auf katholischer Seite gehe man auf die Leute zu und warte nicht ab, bis jemand komme und nach dem Glauben frage. “Die katholische Kirche ist weitaus offener”, so Pater Stepan.

Bei der Segnung der Kadetten zu Beginn des Studienjahres an der Militärakademie in Lemberg (Lviv).

Bei der Segnung der Kadetten zu Beginn des Studienjahres an der Militärakademie in Lemberg (L'viv).

Ein Beispiel: Aus der Studierendenseelsorge heraus entstand eine Initiative für Waisenkinder, die mittlerweile auch von Soldaten unterstützt wird. Rund 50 freiwillige Helfer kümmern sich regelmäßig um mehr als 300 Waisen. Pater Stepan: “Junge Christen möchten den Kindern, die keine Eltern haben oder – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr bei ihnen wohnen können, ein Zuhause geben, die Wärme einer Familie.”

Die Initiative hat sich schnell herumgesprochen. Für viele Freiwillige ist dieser Dienst am Nächsten ein ganz konkreter Weg, den Glauben zu leben und zu bezeugen; einige Teilnehmer fanden, angezogen vom Engagement der anderen, überhaupt erst zum Glauben.

Soldaten bei einem Besuch im Waisenhaus.

Soldaten bei einem Besuch im Waisenhaus.

Zusammen mit den anderen Seelsorgern widmet Pater Stepan, der in der Militärakademie auch Philosophie unterrichtet, seine Zeit vor allem der Seelsorge unter den Soldaten. Weil der christliche Glaube in sowjetischer Zeit verfolgt wurde und verpönt war, haben viele gar keine oder nur rudimentäre Glaubenskenntnisse.

Heute kommen die Soldaten regelmäßig zu Katechesen und zur gemeinsamen  Eucharistiefeier zusammen oder treffen sich in Gebetskreisen; zudem bieten die Priester auch Glaubenskurse in den Soldatenfamilien an. 35 Seminaristen unterstützen sie in ihrem Bemühen.

Das hat Folgen: Soldaten finden zum Glauben und lassen sich taufen. Vier junge Männer haben inzwischen den Dienst quittiert. Sie traten ins Heilig-Geist-Seminar ein, um Priester zu werden.

KIN / S. Stein