Haiti: Hoffnung aus der Asche

Sieben Wochen nach dem schweren Erdbeben – Ein Augenzeugenbericht

Gottesdienst in Haiti - © Copyright 2010 by Valerian Mazataud.

Gottesdienst in Haiti – © Copyright 2010 by Valerian Mazataud.

Über ein Monat ist seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangen, doch immer noch sind die Rettungskräfte vor allem mit den grundlegendsten humanitären Aufgaben beschäftigt. Helfer versorgen die Verletzten und verteilen Lebensmittel.

Haitis Präsident René Préval geht inzwischen von bis zu 300 000 Toten aus. Der Vorsitzende der haitianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Louis Kebreau, spricht von einer halben Million Toten. Er beruft sich dabei auf Berichte von Hilfsorganisationen, die noch immer Leichen unter den Trümmern fänden.

Unser Hilfswerk hat der Kirche Haitis bisher 170.000 US-Dollar zur Verfügung gestellt. Nach Angaben des päpstlichen Nuntius in Port-au-Prince, Erzbischof Bernardito Auza, wurde diese Soforthilfe vor allem für den Kauf von Lebensmitteln auf den Märkten der Stadt verwendet. Damit habe man nicht nur den Hunger der Menschen stillen, sondern auch den Handel in der Hauptstadt wiederbeleben wollen.

Vor einigen Tagen erreichte uns der folgende berührende Augenzeugenbericht eines Priesters, der über die Dominikanische Republik nach Haiti gereist war, um dort zu helfen:

Die Stadt ist verwüstet, überall nur Trümmer und Zerstörung. Man könnte – wie beim Tempel von Jerusalem – sagen: “es ist kein Stein auf dem anderen geblieben”. Ich schaue nach links und sehe Ruinen; ich blicke nach rechts und atme Gestank; vor mir erwartet mich nichts anderes und hinter mir habe ich genau dasselbe Panorama verlassen.

Die Menschen sind geschockt. In letzter Zeit gab es in Haiti regelmäßig alle drei Monate eine Katastrophe, einen Aufstand oder einen Regierungsumsturz. Gewalt, Blutvergießen und Tod sind schon seit langem an der Tagesordnung – nicht erst seit dem Erdbeben. Inzwischen sind die Haitianer müde und hoffnungslos. Man hört die Stimmen an jeder Ecke: “Was auch kommen mag, es kann nur Schlechteres bringen.”

Blick auf die Überreste der Kathedrale in Port-au-Prince.

Blick auf die Überreste der Kathedrale in Port-au-Prince.

Die Menschen Haitis sind schön und groß. Auf den ersten Blick wirken sie ernst und undurchdringlich, aber dann kommt es vor, dass ihre Gesichter plötzlich in einem Lächeln von einzigartiger Schönheit erstrahlen. Wir sind mit einem Bus von Santo Domingo aus angereist. Die Dominikanische Republik ist ein entwickeltes Land, das sieht man überall. Als wir die Grenze überqueren, ändert sich das Bild dramatisch: Haiti empfängt uns mit Bergen von Müll und hunderten Haitianern, die an der Grenze warten. Sie wollen nur noch raus.

Entsprechend chaotisch ist der Verkehr. Die Straße ist nicht asphaltiert. Am Straßenrand sieht man Haitianer auf dem Weg zur Grenze, wie ein endloses Dorf. Manche Frauen tragen Bündel und Eimer auf dem Kopf. Andere winken uns, als der Bus vorbeifährt.

Die Menschen leben in provisorischen Zelten

In Port-au-Prince gibt es auch jetzt, mehr als einen Monat nach dem Erdbeben, kaum Hilfe. Die Krankenhäuser mit den Schwerkranken stehen unter der Kontrolle der US-Amerikaner und der Vereinten Nationen, wie eigentlich die ganze Stadt.

Doch außerhalb der Krankenhäuser liefert in der Stadt keiner Essen aus, keiner hilft, den Schutt wegzuräumen, keiner entsorgt den Müll. In Port-au-Prince türmen sich überall Berge von Schmutz. Die Menschen leben auf der Straße in provisorischen Zelten aus Besenstielen und Bettwäsche, sie urinieren, wo es ihnen am besten passt. Fliegen, schlechter Geruch, dreckiges Abwasser am Rande der Bürgersteige … Die Welt muss das sehen und unsere haitianischen Geschwister aus dieser unmenschlichen Situation herausholen.

Zu tausenden campieren die Menschen im Garten einer kirchlichen Einrichtung.

Zu tausenden campieren die Menschen im Garten einer kirchlichen Einrichtung.

Es ist nun schon über ein Monat seit dem Beben vergangen, aber es gibt immer noch kein fließendes Wasser, der Strom ist fast den ganzen Tag knapp und zum Essen ist nicht viel mehr zu sagen als: Haiti hungert!

In Krankenhäusern – aber auch auf den Plätzen, in Parks, auf den Straßen und im Grünen – arbeiten ausländische Ärzte, Krankenschwestern und Freiwillige aus allen Ländern. Es ist nicht leicht, die Haitianer zu verstehen, da die meisten von ihnen Kreolisch sprechen, eine Mischung aus indianischen Dialekten, Spanisch und Französisch.

Angst vor einem nächsten Beben

Die ganze Stadt ist ein riesiges Zelt. Alle haben Angst, vor allem vor der Dunkelheit und vor geschlossenen Gebäuden. Jeder Meter unter dem Himmel ist mit Zelten bedeckt. Alle Gebäude, die vom Erdbeben verschont wurden, sind unbewohnt – aus Angst vor dem nächsten Beben.

Nahe der eingestürzten Kathedrale versammelt sich eine beeindruckende Menschenmenge. In der Nähe der Trümmer verkaufen tausende Haitianer alle Arten von Schmuck, Möbel, Kleidung, Medikamente und Nahrung. Es fehlen Käufer, dafür wird getauscht. Nahrungsmittel sind begehrte Mangelware, die Menschen müssen ihren unerbittlichen Hunger stillen.

Die Kathedrale von Port-au-Prince.

Die Kathedrale von Port-au-Prince.

Neben den Ruinen der Kathedrale, auf dem großen Vorplatz, ist ein Krankenhaus aus Leinentüchern aufgestellt worden. Das zusammengestürzte Gotteshaus hat einen riesigen Berg der Nächstenliebe und der Menschlichkeit hinterlassen. Alle Leidenden und Verlassenen finden hier Gehör und Hilfe.

Der erste in einer endlosen Reihe von verstümmelt daliegenden Menschen heißt “Christus”. Ja, das ist sein Name: Christus. Er dürfte etwa 35 Jahre sein und liegt da, wie ein steifes Stück Fleisch, befallen von Tetanus. Und doch hört er nicht auf zu lächeln: “Christus, glaubst du an Gott, hoffst du auf ihn, liebst du ihn?” “Ja, mon père”, antwortet er. “Ich bin mehr als sicher, dass Er mir das ewige Leben bringen wird.” “Und wünschst du dir die Beichte und die Krankensalbung?” “Nichts könnte ich mir mehr wünschen, aber Pater, geben Sie mir auch ein Stück Brot und Salami, ich bin hungrig.”

Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens

Christus liegt auf einer Pritsche im Freien, er lächelt und grüßt, ist fast nackt, nur mit einer Windel bekleidet. Nachdem ich ihm die Krankensalbung gespendet habe, weint er und dankt dem Allmächtigen für das Ewige Leben. Die Ärzte haben gesagt, sein Ende sei nahe. Sie können ihn nicht retten.

Ein paar Betten entfernt liegt Merlin, ein ewiges Lächeln in seinem schwarzen Gesicht. Im ganzen Krankenhaus ist nicht eine einzige Beschwerde zu hören, keine Proteste, kein Zorn über das, was passiert ist. Ich habe noch nie so viel Edelmut gesehen! Vielmehr schwebt im Hintergrund die Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens.

Dieses Kruzifix blieb unversehrt.

Dieses Kruzifix blieb unversehrt.

Vor dem Priester mit dem Salböl der Kraft und des Trostes sagt Merlin laut: “Danke, Jesus! Du bist zu mir gekommen, um mich zu besuchen. Ich würde das für nichts tauschen, weil ich meinen Herrn gesehen habe.” Auch Merlin ist verstümmelt und hat Tetanus, am nächsten Tag wird ein anderer Haitianer in seinem Bett liegen. Er starb in meinen Armen.

In diesem Krankenhaus aus Tüchern mitten auf der Straße ist jede Person all das Blut Christi wert. Unter den Hunderten von Amputierten steht auch Michelle. Sie ist 20 Jahre alt, abgemagert und traurig, sehr traurig. Michelle verbrachte drei Tage unter den mörderischen Trümmern, dann wurde sie geborgen – doch eines ihrer Beine musste amputiert werden.

“Mein Gott hat mich gerettet”, sagt sie. Doch ihre Freude über die Rettung verwandelt sich mehr und mehr in bittere Tränen. Sie weiß, dass bald der Arzt kommen wird. Dann wird sie einschlafen und nach dem Erwachen wird auch ihr anderes Bein weg sein.

Als ich zu ihr kam, bat sie mich um mein Missionskreuz. Ich lieh es ihr so lange ich bei ihr war und sagte ihr: “Nutz das Kreuz, um mit Jesus zu reden. Das Bild des gekreuzigten Jesus hilft dir zu verstehen, was er aus Liebe zu dir getan hat, was niemand sonst für dich tut.” Ich fragte Michelle, ob sie etwas für den Herrn singen wolle. Da lächelte sie plötzlich und begann, eine himmlische Melodie zu singen.

Unser Gespräch schloss mit der Krankensalbung ab, die sie voller Freude empfing, danach fragte ich nach dem Kreuz, aber sie wollte es nicht loslassen. Sie bat mich unter Tränen, sie jeden Tag zu besuchen und fragte mich, als ob sie die Antwort ahnen würde: “Sie werden mich nicht verlassen wie alle anderen, oder?”

Eine Haitianerin im flehenden Gebet.

Eine Haitianerin im flehenden Gebet (Copyright 2010 by Valerian Mazataud).

Ich könnte viele Geschichten wie diese erzählen. In Haiti ist jede Minute wertvoll wie reines Gold. Die Haitianer sind ein großartiges Volk. Sie haben warme Herzen, die sich langsam der Zukunft öffnen. Die Lage ist ernst, kritisch, bitter, aber die Menschen sind Giganten des Glaubens, bewaffnet mit Mut und Hoffnung.

Sie sind Schmerzen und Prüfungen gewöhnt. Nichts kann sie brechen. Wir werden sie nicht allein lassen. Haiti wird wieder auferstehen, wie ein fruchtbares Frühjahr nach dem harten Winter. Der Herr ist auf ihrer Seite, Er wird sein Volk nicht im Stich lassen.

So können Sie die Menschen in Haiti unterstützen:

1.Mrz 2010 13:59 · aktualisiert: 10.Jun 2014 11:40
KIN / S. Stein