“Das ist kein Job, sondern meine Existenz!”

Fünftes Priesterporträt in der Reihe “Wen Gott ruft – Gespräche zum Priesterjahr”

Pater Maximilian Heim.

Pater Maximilian Heim.

Anlässlich des laufenden Priesterjahres veröffentlichen wir jeweils am ersten Donnerstag eines Monats ein Porträt eines Priesters. In Interviews berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses wird voraussichtlich zum Ende des Priesterjahres im Sommer 2010 erscheinen. Im Internet veröffentlichen wir eine verkürzte Version. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter André Stiefenhofer.

In diesem Monat stellen wir Ihnen Pater Maximilian Heim vor. Der Zisterzienser stammt aus Oberfranken, hat aber im Stift Heiligenkreuz bei Wien studiert. Schon als Kind hatte er den Wunsch, Priester zu werden. Neben seiner Familie war auch sein Lehrer auf einem von Mönchen geleiteten Internat prägend für seinen Lebensweg. Heute ist er Prior im Zisterzienserkloster in Bochum-Stiepel.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal gespürt?
Ich war zwar noch ein Kind, aber ich kann mich erinnern, als mir ein Priester ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet hat. Das war für mich etwas Durchdringendes. Ich bin schon früh mit in die Heilige Messe gegangen und hatte eine solche innere Freude an der Feier der Eucharistie, dass es für mich noch nie ein Problem war, dorthin zu gehen – selbst als Vorschulkind.

Es kam etwas Besonderes hinzu: Nach dem Konzil war es nämlich möglich, dass jene Kinder, die zuhause vorbereitet wurden, die Frühkommunion empfangen durften. Da ich gut vorbereitet war, konnte ich schon mit fünf Jahren die heilige Kommunion empfangen.

Das klingt sehr ungewöhnlich. Wie kam es dazu? Lag es an Ihren Eltern?

Pater Maximilian Heim als junger Priester.

Pater Maximilian Heim als junger Priester.

Ich habe eine fromme Mutter. Sie selbst war aber von der Arbeit ziemlich in Anspruch genommen, da wir zuhause ein Geschäft hatten. Ihre Schwester lebte mit in unserem Haus.

Sie war ledig und für uns Kinder wie ein Engel. Sie war eine ganz einfache Frau und hatte früher bei den Bauern gearbeitet, wie es nach dem Krieg üblich war. Danach kam sie in unsere Familie.

Wir waren fünf Kinder, und mein Vater war ganz glücklich, dass sie gekommen war. Denn so konnte meine Mutter mehr im Geschäft mithelfen. Diese Tante war für uns Kinder ein großer Segen und hat sich unheimlich viel Zeit für uns genommen. Sie hat uns das “Fenster zu Gott” geöffnet.

Wie hat sie das geschafft?
Zum Beispiel, wenn sie unsere große Obstwiese vor dem Haus gemäht hat, hat sie wie selbstverständlich beim Zwölf-Uhr-Läuten die Sense weggelegt und den “Engel des Herrn” gebetet. In diese einfachen, täglichen Gebete bin ich durch sie und meine Mutter hineingewachsen. Abends ließ es sich meine Mutter nicht nehmen, mir noch etwas Vorzulesen und schließlich das Abendgebet zu sprechen.

Sie hatten also schon als Kind sehr tiefe Erlebnisse – aber wann kam Ihnen zum ersten Mal der Gedanke, dass Sie gerne Priester werden würden?
Das ist eine einschneidende Geschichte, die mir meine Mutter bis nach meiner Priesterweihe verschwiegen hat. Ich habe das nicht mehr in Erinnerung gehabt. Am Weihnachtstag 1973 starb mein Vater plötzlich an einem Herzinfarkt. Damals war ich erst zwölf Jahre alt. Am Abend sagte ich zu meiner Mutter – und das war für sie der einzige Lichtblick an diesem Tag: “Ich möchte Priester werden.”

Die Erinnerung daran hat mir der liebe Gott wohl wieder genommen. Erst Jahre nach meiner Weihe hat mir meine Mutter davon erzählt. Sie hatte damit so lange gewartet, weil sie mich nicht in eine Richtung drängen wollte. Für mich war diese Bestätigung ein Geheimnis, das ich in mir verborgen hatte und über das ich sonst auch nie gesprochen habe.

Ein weiterer Punkt, der für meine Berufung entscheidend wurde, war die Aufnahme in ein gutes Internat, das von den Oblaten der makellosen Jungfrau Maria (OMI) geführt wurde. Es war ein kleines Internat mit maximal 36 Schülern. Wir hatten ein Jahr bevor mein Vater starb einen neuen Präfekten bekommen. Ein junger Priester – ein richtiges Vorbild -, der mit uns gelernt, gebetet und gespielt hat. Er war für uns eine Art zweiter Don Bosco, und bei ihm war auch mein Schmerz, den eigenen Vater verloren zu haben, gut aufgehoben.

Begegnung mit Papst Benedikt XVI.

Begegnung mit Papst Benedikt XVI.

Wie würden Sie das “Rufen” Gottes beschreiben – kam das aus Ihnen heraus oder von außen?
Zunächst war für mich wichtig, dass ich nicht zum Priestertum gedrängt wurde. Ich hütete dieses Geheimnis der Berufung und wollte mir immer innerlich auch die Freiheit lassen, eventuell einen anderen Weg einzuschlagen. Es änderte sich ja noch viel, bis ich schließlich mein Abitur in Kulmbach machte. In dieser Zeit wuchs das innere Bewusstsein, dass ich Priester werden sollte.

Ohne noch an das Theologiestudium zu denken, wählte ich als Leistungskurs Latein und Religion als Prüfungsfach. Der Religionsunterricht war damals geprägt von der Diskussion über Hans Küng und seine kirchenkritischen Anfragen. Oft blieben mehr Fragen als Antworten. Aber gerade in dieser Zeit festigte sich die innere Gewissheit, dass Gott seine Hand auf mich gelegt hatte.

Als ich zu den Zisterziensern nach Heiligenkreuz kam, etwa 580 Kilometer von meiner fränkischen Heimat entfernt, gab es so viel, was für mich ein Fingerzeig war. Verblüfft war ich, als ich zum Beispiel sah, wie der Dekan der Hochschule und Professor für das Alte Testament den Rosenkranz betete. Wissenschaft und Frömmigkeit widersprachen sich also nicht wie es mir noch erschienen war, als ich vorher in Deutschland ein Jahr Theologie an der Universität studierte.

Es schien mir, als hätte ich gefunden, was ich im Herzen suchte. Ich war fasziniert vom lateinischen Chorgebet und von der Art und Weise, wie Eucharistie gefeiert wurde. Auch das gute Miteinander im Kloster wie an der Hochschule zog mich an.

Krisen und Zweifel

Dieser Weg führte mich ins Noviziat, in dem ich jedoch für mich unerwartet einige Krisen durchzustehen hatte. Das war nicht einfach. Ein guter Beichtvater und mein Novizenmeister haben mir sehr geholfen, als ich monatelang an meiner Berufung zweifelte. Plötzlich war mir das, was mir vorher so klar erschien, total vernebelt.

Ich stellte Gott provokant die Frage: “Hast Du mir heute nichts zu sagen?” In dieser aggressiven Art habe ich mit Gott gesprochen. Dann habe ich anschließend die Bibel hergenommen – auch etwas, was ich normalerweise nicht mag, dass man die Bibel wie ein Orakel benutzt -, und habe sie aufgeschlagen.

Das erste Wort, das mir ins Auge fiel, war aus dem Johannes-Evangelium: “Du aber folge mir!” (Johannes 21,22). Das Wort traf mich mitten ins Herz, obgleich mich immer noch der Zweifel plagte und ich mir dachte: “So ein Schmarrn, jetzt schaust du in der Bibel nach und nimmst diesen zufälligen Satz so, als wenn das Wort an dich gerichtet wäre und nicht an Petrus.”

Dann bin ich zum Frühchor gegangen, habe mitgebetet, anschließend folgte die Heilige Messe. Und welche Bibelstelle wurde in der Konventmesse als Evangelium verlesen? Johannes 21 – die gleiche Stelle. Nach der Messe habe ich noch nachgeschaut, wie oft dieser Evangeliumsabschnitt im Kirchenjahr vorkommt: Nur einmal in zwei Jahren! Das war für mich ein Wink von oben.

Sie haben schon die Kämpfe mit Ihrer Berufung angesprochen – mit welchen Aspekten Ihres Weges hatten Sie am meisten zu kämpfen?

Pater Maximilian Heim bei der Klosterprimiz.

Pater Maximilian Heim als junger Mönch bei der Klosterprimiz.

Das war einmal die monastische Berufung. Ich habe mich gefragt, ob diese Gemeinschaft überhaupt die richtige für mich sei. Besonders in der Situation des Noviziates, in der man ein Jahr lang am Ort “gebunden” ist und eigentlich nicht weggehen kann, ohne das Noviziat abzubrechen, empfand ich diese Begrenzung zeitweilig wie ein Gefängnis.

Plötzlich befielen mich noch nie gekannte Glaubenszweifel. Dabei spielte die Theodizeefrage eine gewisse Rolle. Das heißt als das Kloster und vor allem der Abt unter einer ganz schwierigen Situation zu leiden hatten, fragte ich mich: “Wie kann Gott das Negative zulassen?” Das war für mich einfach unbegreiflich.

Dennoch bin ich im Nachhinein dankbar für diese “innere Wüste”, die ich auszuhalten hatte. Dadurch konnte ich im Glauben erst reifen. Ich sage manchmal, Gott musste mit mir eine Intensivkur der geistlichen Reifung durchführen, damit ich überhaupt Profess machen konnte.

Glauben Sie, man kann Berufungen “erbeten”?
Ich bin davon überzeugt. In unserer Familie haben wir jeden Tag um Priester- und Ordensberufungen gebetet. Das war für unsere Mutter selbstverständlich. Vor kurzem ist mir ein Gebet wieder in den Sinn gekommen, das mich als Kind sehr angerührt hat, obwohl ich es überhaupt nicht begreifen konnte.

Es heißt: “O Jesus, ewiger Hohepriester, der Du aus Liebe zu uns die Menschheit durch Dein Leiden und Deinen Kreuzestod erlöst hast, nimm durch die gebenedeiten Hände Deiner Mutter mein Leiden gütigst an. Mit Deinem Kreuz opfere ich Dir das meine in Liebe auf. Befruchte das Apostolat Deiner Priester, damit ein Reich des Lichtes, der Liebe und des Friedens zu uns komme. Fiat für Deine Priester, für die Seelen.”

Als Kind habe ich die Bedeutung dieses Gebets sicher nicht begriffen, aber ich konnte im Nachhinein im Leben meiner leiblichen Mutter und anderer mir nahestehender Menschen erkennen, was es bedeutet.

Wo liegen Ihre “Quellen des Glaubens” aus denen Sie schöpfen?

Austeilen der Kommunion bei der Heimatprimiz.

Austeilen der Kommunion bei der Heimatprimiz.

Die Quelle schlechthin ist für mich die heilige Eucharistie. Sie ist eine Quelle, aus der ich schon als Kind geschöpft habe. In der Kommunion sind wir mit dem Herrn eins und werden so untereinander ein Leib und ein Geist in ihm. Gerne verharre ich jeden Tag nach der Heilige Messe längere Zeit in der Danksagung.

Die eucharistische Anbetung, die ich erst als Jugendlicher im Internat richtig kennen lernte, ist mir seither zur vertrauten Begegnung mit Jesus geworden.

Als Ordensmann lernte ich neue Quellen kennen, die seither mein Leben formen: dazu gehört die geistliche Lesung und das Stundengebet. Nach wie vor ist für mich der Rosenkranz mein täglicher Begleiter.

Gibt es noch andere geistliche Übungen, die Sie regelmäßig praktizieren?
Schon als Kind verehrte ich das Kreuz mit den fünf Wunden Christi. Sie betrachte ich täglich, und auch diese Passionsspiritualität habe ich von meiner Mutter gelernt. Die Leidensbetrachtung ist jedoch gerade in unserem Orden, bei den Zisterziensern, beheimatet. Seit der Zeit des heiligen Bernhard von Clairvaux hat unser Orden sie stets praktiziert. Und das freut mich besonders, denn das verbindet diesen früh erlernten Ausdruck des Glaubens mit der gelebten Spiritualität der Zisterzienser.

Als Zisterzienser ist der heilige Bernhard sicher einer Ihrer Vorbilder – wen würden Sie noch als Vorbild bezeichnen?
Neben Bernhard natürlich den heiligen Benedikt, nach dessen Regel wir Zisterzienser leben, und den heiligen Franziskus, der für mich immer prägend gewesen ist. Ein Vorbild, das für mich ganz entscheidend wurde, ist der heilige Pater Maximilian Maria Kolbe, mein Namenspatron. Mich hat es sehr gefreut, als ich bei meiner Einkleidung seinen Namen bekommen habe. Im Jahr zuvor hatte ich am Tag seiner Heiligsprechung in Heiligenkreuz zum ersten Mal die Heilige Messe besucht.

Andere Vorbilder sind für mich Mechthild von Magdeburg, Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta, aber auch Juliana von Lüttich – also die Frauen unseres Ordens, die gerade die Herz-Jesu-Mystik und eine eucharistische Frömmigkeit gefördert haben. Mich faszinieren der heilige Augustinus wie auch der heilige Franz von Sales und der Gründer der OMI, der heilige Eugen von Mazenod.

Als Pater Pio und Schwester Maria Faustyna Kowalska von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen wurden, freute ich mich. Schließlich möchte ich noch Schwester Columba Schonath OP nennen, eine Laienschwester und stigmatisierte Mystikerin, die 1787 in Bamberg starb, deren Seligsprechungsprozess 1999 in meiner Heimatdiözese Bamberg eingeleitet wurde.

“Zeugnis für den Glauben ablegen”

Sie sind nicht nur Priester und Ordensmann, sondern auch Professor. Trennen Sie Ihre geistlichen und weltlichen Aufgaben?
Natürlich ist das eine wissenschaftliche Aufgabe, bei der man zwar mit der nüchternen Distanz an das Wort Gottes und die Tradition der Kirche herangeht, aber nie ohne Glaube und Liebe. Professor kommt ja vom Lateinischen “profiteri”, bekennen, was für mich bedeutet, Zeugnis für den Glauben abzulegen. Denn Theologie kann man nie vom gelebten Glauben trennen. Vernunft und Glaube sind in der Enzyklika “Fides et ratio” die “Flügel, die uns zur Wahrheit emporheben”. Auf dieser Grundlage sehe ich auch meine Professur an der Hochschule.

Trennen Sie dennoch in Ihrer Arbeit zwischen weltlicher und geistlicher Arbeit?
Die Zisterzienser haben stets ihr ganzes Kloster als Gotteshaus gesehen. Ich kann also mein Leben nicht einfach trennen, indem ich sage: “Hier bin ich weltlich und hier bin ich geistlich”, sondern ich bin immer Mönch und fühle mich auch als Mönch.

Mein Ordensgewand ist meine normale Kleidung, und wenn ich sie nicht trage, was selten vorkommt, zum Beispiel bei Bergwanderungen oder wenn ich zum Schwimmen fahre, fühle ich mich irgendwie verkleidet. Der Habit ist für mich eine Selbstverständlichkeit geworden.

Wenn Sie sich im Geist unter Ihren Mitbrüdern umsehen – gibt es eine ganz allgemeine Beschreibung dessen, was einen Priester ausmacht?
Ich habe mir in diesem Zusammenhang das eine Wort gut gemerkt: “Ein Priester muss ein Mann Gottes sein”, er muss, wie es der heilige Cyprian formuliert hat, ein “anderer Christus” werden. Das bedeutet, er muss für Gott und für die Menschen da sein. Das ist für mich eine Grundbeschreibung der priesterlichen Aufgabe.

Was heißt das für Sie ganz persönlich – wie setzen Sie dieses “Priester-Sein” in Ihrem Alltag um?

Pater Maximilian Heim tauft Schulkinder.

Pater Maximilian Heim tauft Schulkinder.

Ich versuche, aus der Kraft des Wortes Gottes wie auch aus der Kraft der Sakramente zu leben. Die Beichte ist für mich als Priester etwas Selbstverständliches. Priester-Sein heißt für mich, dass ich jeden Tag die Heilige Messe feiere, auch wenn ich in Ferien bin, oder wenn ich als Kaplan mit der Jugend auf Zeltlager war. Denn für mich ist Priester-Sein etwas, woraus ich lebe. Das ist kein Job, sondern meine Existenz.

Was hat sich bei Ihnen ändern müssen, damit Sie der Priester wurden, der Sie heute sind?
Ich musste auf jeden Fall im Glauben reifen, ein weites Herz bekommen, lernen auf Andersdenkende mit großer innerer Offenheit zuzugehen, ohne sie gleich einzuordnen und zu verurteilen. Ich musste ein “Mann der Barmherzigkeit” werden.

Meine Mutter hat mich vor Jahrzehnten einmal ermahnt und gesagt: “Sei nicht so streng in Deinem Urteil!” Das war für mich ein Schlüssel für meinen Weg. Damit meine ich nicht, dass man deswegen lax wird, aber dass man doch die Menschen in ihrer unterschiedlichen Situation berücksichtigt und sich öffnet für die jeweilige Situation in gleichzeitiger Treue dem Herrn gegenüber.

Wo sehen Sie ihr “Charisma”, Ihr besonderes Talent in Ihrer Priesterberufung?
Ich weiß nicht, ob das mein Charisma ist, aber ich war von Herzen gern Seelsorger! Acht Jahre war ich Kaplan und das mit ganzem Herzen. Das war für mich die Vorbereitung darauf, Novizenmeister zu werden. Das wiederum war die Aufgabe, die mir bisher mit am meisten Freude gemacht hat.

Später wurde ich auch noch Prior und habe weitere “Ämter” bekommen. Aber alle Aufgaben, die mit Menschenführung und Menschenbegleitung zu tun haben, waren für mich weniger Last als eher Freude. All das empfand ich als Gnade, weil ich versucht habe, auf das zu hören, was Gott will und nicht darauf, was ich mir vorstelle. Vielleicht konnte ich mich oft in die anderen Menschen leichter einfühlen, weil ich um meine eigene Berufung, ja um meinen Glauben, so gerungen habe.

“Das Kreuz ist immer auch ein Zeichen des Segens”

Man hört sowohl von kirchenfernen, als auch von sehr frommen Menschen, dass sie an der Kirche “leiden”. Kennen Sie das auch?
Ich warne davor, dass man sich selber zum Märtyrer macht, denn ich glaube, ein wahres Martyrium war und ist vor allem das Zeugnis für Christus – bis hin zur Feindesliebe. Es besteht nicht darin, dass man sich selbst bemitleidet. Diese Selbstmitleid-Arien bringen uns in der Kirche nicht weiter. Wir müssen nach vorne schauen, auf Jesus Christus blicken, auf den dreifaltigen Gott, und in die Fußstapfen der Heiligen treten.

Auf diese Weise werden wir auch manche Schwierigkeiten nicht mehr als bemitleidenswerte Umstände sehen, sondern als Herausforderungen, die uns weiterbringen. Christus nachzufolgen geschieht immer im Zeichen des Kreuzes, aber die Nachfolge ist nie nur schwer, denn das Kreuz ist immer auch ein Zeichen des Segens.

Papst Benedikt XVI. hat das Priesterjahr zur “Heiligung der Priester” ausgerufen. Was sagt Ihnen dieser Ausdruck?

Broschüre “Eucharistische Anbetung zur Heiligung der Priester und geistige Mutterschaft”

Broschüre “Eucharistische Anbetung zur Heiligung der Priester und geistige Mutterschaft”.

Das ist die Lebensaufgabe jedes Priesters. Dazu gehört das tägliche Gebet, die tägliche Eucharistie, aber auch, dass man sich einen geistlichen Begleiter sucht, dass man sich nicht selber Gesetz ist, sondern sich korrigieren lässt. Weiterhin gehört dazu natürlich die regelmäßige Beichte.

Ich glaube, dass die Heiligung immer mit Anbetung verbunden ist und zugleich mit dem Einsatz für die Armen. Die Ärmsten der Armen haben wir heute oft mitten unter uns, wenn die Seele verletzt ist oder hungert.

Dass der Seelsorger für diese Menschen offen ist, sie im Herzen umarmt und ihnen ein Vater sein kann, bei dem sie sich ausruhen können – das ist so wichtig. Dass sie Menschen finden können, die glauben, denn dadurch finden sie selber das Vertrauen und werden durch die Glaubenskraft des anderen angesteckt, neuen Mut zu finden und neue Hoffnung für ihr Leben.

Papst Benedikt XVI. hat das Todesjahr des heiligen Pfarrers von Ars zum Anlass für dieses Priesterjahr genommen. Das Leben dieses Mannes war radikal – wo ist er Ihnen ein Vorbild und wo fremd?
Ein Vorbild ist er sicher in der Weise, wie er die Eucharistie gefeiert hat und wie er für die Menschen vor allem auch im Beichtstuhl da war. In der Liebe zur Eucharistie, in der Liebe zur Beichte und in dem Leben nach den Geboten Gottes weiß ich mich gestärkt durch das, was der heilige Pfarrer von Ars uns vorgelebt hat.

Schwierig ist für mich, dass wir in einer säkularisierten Gesellschaft leben, deren Einflüsse auch in die Kirche eingedrungen sind. Gerade was den moralischen Bereich anbelangt, hat man als Priester oft gar nicht mehr den Mut, bei jedem sofort Klartext zu reden, einfach weil man weiß, dass die Leute von dieser säkularen Kultur so umfangen sind, dass sie für Gottes Gebote oft kein Ohr haben.

Da muss man mit viel Einfühlungsvermögen versuchen, den Glauben als Weg zum Leben einsichtig zu machen. Am meisten überzeugen die Worte, wenn sie vom eigenen Leben gedeckt sind. Die Menschen spüren, ob ich selbst im Einklang mit den Geboten Gottes lebe.

Welche Erwartungen haben Sie an dieses Priesterjahr?
Ich hoffe, dass mehr Berufungen kommen – gerade für Österreich und Deutschland, für die Diözesen und für die Orden. Wir haben in Heiligenkreuz und in Bochum-Stiepel, wo ich Prior bin, relativ viel Nachwuchs. Konkret haben wir aus Stiepel derzeit zwei Novizen im insgesamt sechsköpfigen Noviziat in Heiligenkreuz. Auch für das nächste Noviziat haben wir bereits zwei Kandidaten.

Ich glaube schon, dass dieses Priesterjahr ein Gnadenjahr für Berufungen werden kann. Denn ich sehe, dass junge Leute wieder ein offenes Ohr für das haben, was der Heilige Vater sagt. Das hat man auch beim Weltjugendtag in Köln oder Sydney erleben können. In Sydney war ich leider nicht selbst dabei, aber die Erlebnisse in Köln werde ich nicht vergessen.

Medien-Tipp: Film “Der heilige Pfarrer von Ars”

Der Film von Michael M. Wimmer und Heidemarie Seblatnig folgt den Spuren des heiligen Pfarrers in seinem Geburtsort Dardilly und in seiner Wirkungsstätte Ars-sur-Formans. Das Leben des Heiligen bestand aus Gebet, Demut, Buße, Armut, Selbstverleugnung und war so beeindruckend, dass die Pilger in Scharen nach Ars kamen. Er ist einer der größten Heiligen der Kirche und wurde 1929 zum Patron aller Pfarrer ernannt.

Papst Benedikt XVI. wird ihn im Rahmen des Jubeljahres beim Welttreffen der Priester auf dem Petersplatz am 19. Juni 2010 als “Schutzpatron aller Priester” ausrufen. Er hat bei der Ausrufung des Priesterjahres die Vorbildhaftigkeit des Heiligen Pfarrers von Ars für alle Priester betont.

Sie können den 26-minütigen Film unter folgender Adresse bestellen: ars.film@yahoo.com

4.Mrz 2010 09:47 · aktualisiert: 4.Mrz 2010 09:50
KIN / S. Stein