Der Hauptgewinn geht nach Rumänien

Ehepaar verschenkt ihr gewonnenes Auto an einen rumänischen Priester

Pfarrer Ervin Szabó und sein VW-Fox

Pfarrer Ervin Szabó aus Rumänien holte in Singen (Hohentwiel) seinen neuen VW Fox ab.

Schwarze Augenringe zeichnen sich in den müden, aber glücklichen Gesichtern von Pfarrer Ervin Szabó und seines langjährigen Priesterfreundes Szucs Attila ab.

Die beiden sitzen gemütlich bei Kaffee und Kuchen im Esszimmer von Familie Löhr-Lukas. Doch man merkt ihnen an, dass sie in den vergangenen elf Stunden über 1200 Kilometer zurückgelegt haben.

Die ganze Nacht sind sie durchgefahren – von der westrumänischen Stadt Oradea (Großwardein) nahe der ungarischen Grenze bis nach Singen am Westufer des Bodensees. Den langen Weg haben sie auf sich genommen, um ein Geschenk des Ehepaars Löhr-Lukas abzuholen.

Die Singener hatten beim Adventsgewinnspiel ihrer örtlichen Tageszeitung mitgemacht – mit dem festen Vorsatz, jeden Gewinn an Bedürftige weiterzugeben. Als ihnen zu ihrer Überraschung tatsächlich der Hauptgewinn, ein feuerroter VW Fox, zufiel, war für Familie Löhr-Lukas klar: “Den dürfen wir nicht behalten.” Sie wandten sich an KIRCHE IN NOT und baten um Vorschläge, wie man das Auto am nützlichsten weiterverschenken könne.

Unseren Mitarbeitern kam dabei Pfarrer Szabó in den Sinn. Seine Aufgabe ist die geistliche Leitung eines katholischen Gymnasiums in der Stadt Oradea (Großwardein), nur zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt. Außerdem kümmert er sich noch um die Seelsorge und die Jugendarbeit in einigen Dörfern rund um die Stadt.

Pfarrer Szabó und seine Wohltäter Wolfgang Löhr und Maria Löhr-Lukas

Pfarrer Szabó und seine Wohltäter Wolfgang Löhr und Maria Löhr-Lukas

Bisher musste er für diese Aufgabe täglich etwa 60 Kilometer per Anhalter fahren. Von der Gutmütigkeit der anderen Autofahrer hing es also ab, ob in den Orten um Oradea eine Heilige Messe gefeiert werden konnte oder nicht. Das wird nun anders. Auch die Jugendlichen der Dörfer profitieren von dem neuen Fortbewegungsmittel ihres Pfarrers, denn kleine Ausflüge in die Stadt werden nun deutlich einfacher.

Sieben auf einen Streich

Wie viele Jugendliche er denn in den Kleinwagen hineinbekommen werde? Pfarrer Szabó lächelt verlegen und schätzt, dass er nun sicher bis zu sechs Jugendliche mitnehmen könne. Mit ihm wären das also sieben Personen in einem Auto, in dem normalerweise kaum vier Platz finden würden.

Sofort tadelt Pfarrer Attila seinen Freund: “Das lässt Du schön bleiben! Das ist verboten.” Pfarrer Szabó zuckt mit den Achseln, denn was will er machen? Seine Pfarrei erstreckt sich über mehrere Dörfer. Alle sind voller junger Katholiken und wünschen sich Gemeinschaft. Unter diesen Umständen tut dem Pfarrer jeder in der Seele weh, den er zurücklassen muss.

Der gespendete Hauptgewinn: Ein feuerroter VW-Fox

Der gespendete Hauptgewinn: Ein feuerroter VW Fox.

Nach dem Kaffee geht die Fahrt zum Autohaus und die beiden Priester sehen zum ersten Mal ihr Geschenk. Pfarrer Szabó hält sich vor Freude beide Hände vor den Mund, seine Augen weiten sich. “Es ist wunderschön!”, sagt er. “Pass bloß auf, dass Dir jetzt nicht die Frauen hinterherlaufen”, neckt ihn sein Priesterkollege.

Als Pfarrer Szabó zum ersten Mal hinter dem Steuer sitzt, kreisen seine Gedanken nicht darum, welchen Eindruck er mit dem neuen Auto machen wird, sondern welchen Nutzen es der Seelsorge bringt. “Wir müssen die Jugendlichen in die Kirchen holen – weg von der Straße”, betont er. “Das schaffen wir nur, wenn wir ständig bei ihnen sind.”

Die Menschen in Rumänien haben es nicht leicht. Seitdem das Land in der Europäischen Union ist, gibt es zwar mehr wirtschaftliche Unterstützung als früher. Doch andererseits lockt der reiche Westen Europas, und viele Menschen wandern aus. Wer bleibt, der ist dem ausgesetzt, was zusammen mit dem Geld aus dem Westen ins Land geströmt ist: Materialismus, Säkularismus und ein Abfall vom Religiösen.

Peter Rettig, Länderreferent für Rumänien bei KIRCHE IN NOT.

Peter Rettig, Referent für Rumänien bei KIRCHE IN NOT.

Peter Rettig ist bei KIRCHE IN NOT für die Hilfe nach Rumänien zuständig. Ihm ist die Unterstützung der katholischen Pfarreien im Land ein Herzensanliegen. Über eine Million Euro gibt das Hilfswerk jedes Jahr für diesen Zweck aus.

Ein großes Problem Rumäniens sei nach wie vor die fehlende Vergangenheitsbewältigung, sagt Peter Rettig. Es wisse niemand, in welchen gesellschaftlichen Positionen sich die ehemaligen Mitarbeiter des berüchtigten Geheimdienstes “Securitate” heutzutage befänden.

Daher komme das öffentliche Leben in Rumänien kaum in Gang. Auf Straßen und Plätzen werde nur selten laut gesprochen. Das Leben der Menschen spiele sich größtenteils im Privaten ab.

Eine weitere Schwierigkeit bestehe nach Einschätzung Peter Rettigs in der ausgeprägten Klientelwirtschaft Rumäniens. In dem Land hielten sich bis heute “mafiöse Strukturen”, die den Gemeinsinn unterdrückten und zu einer “Kultur des Egoismus” beitrügen.

“Ich bin auf meinen Reisen in Rumänien durch fruchtbares Ackerland gefahren, das nicht bestellt werden kann, weil die Eigentumsfragen nicht geklärt sind und die Gerichte keine Urteile fällen”, berichtet der Länderreferent. Rumänien sei von diesen Zuständen derart blockiert, dass auch wirtschaftlich ein Vorankommen schwierig sei.

Auch Pfarrer Szabó bestreitet das nicht, aber er hat Hoffnung: “Wir brauchen nur noch etwas mehr Zeit”, sagt er. Die Kirche in Rumänien wachse und die jungen Menschen wünschten sich eine Zukunft, die von christlichen Werten geprägt sei. Dass es eines Tages so weit kommt, dazu wolle auch er seinen Beitrag leisten.

Pfarrer Szabó vor der Abfahrt nach Rumänien

Pfarrer Szabó vor der Abfahrt nach Rumänien.

“Für´s Benzin”, sagt Wolfgang Löhr-Lukas und drückt Pfarrer Szabó noch einen 100-Euro-Schein in die Hand. Seine Ehefrau Maria steht lächelnd daneben, in ihren Augen glitzert es feucht. “Das ist es – genau dort gehört das Auto hin”, sagt sie. Es komme ihr nicht so vor, als verschenke sie ihren Gewinn. “Im Grunde hat uns der Wagen nie gehört. Er ist für Rumänien bestimmt.”

Herzlich lädt Pfarrer Szabó die beiden Spender zum Abschied dazu ein, ihn einmal in seiner Pfarrei zu besuchen. Als der feuerrote VW Fox schließlich in Richtung Osten losfährt nickt das Ehepaar und sagt: “Das schauen wir uns mal vor Ort an!”

12.Mrz 2010 10:31 · aktualisiert: 15.Feb 2012 16:48
KIN / A. Stiefenhofer