Literatur, die das Transzendente ernst nimmt

KIRCHE IN NOT erinnert an Prof. Dr. Gertrud Fussenegger

Gertrud Fussenegger bei einer Autogrammstunde während unseres Kongresses "Treffpunkt Weltkirche" 2008 in Augsburg.

Prof. Dr. Gertrud Fussenegger bei einer Autogrammstunde.

Am 19. März 2009 starb die bekannte und beliebte österreichische Schriftstellerin Prof. Dr. Gertrud Fussenegger im Alter von 96 Jahren in Linz.

Bereits Mitte der Dreißigerjahre feierte sie erste schriftstellerische Erfolge und hinterließ in ihrem langen und schöpferischen Leben zahlreiche Werke: Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Kinderbücher und Landschaftsbeschreibungen.

Gertrud Fussenegger war unserem Hilfswerk sehr verbunden und nahm gerne an unseren Veranstaltungen teil, darunter viermal an den Kongressen.

Als überzeugte Katholikin meldete sie sich öffentlich immer wieder zu Wort. So schrieb sie gegen allzu liberale Strömungen in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils: “Die Kirche sollte zwar eine Kirche der Armen sein, aber nicht die der Verarmung. Sie sollte sich öffnen, aber nicht der rationalistischen Verdünnung ihrer Lehre; sie sollte in und mit der Menschheit deren Ängste teilen, doch nicht zu ängstlich sein, sich ihrer eigenen Tiefe zu stellen.”

Anlässlich ihres 90. Geburtstags im Mai 2002 sprachen wir mit ihr über das Christliche in der Dichtung und über ihren katholischen Glauben.

KIRCHE IN NOT: Frau Fussenegger, Sie schreiben nicht über Bischöfe oder Heilige und auch nichts, was man als “fromme Erbauungsliteratur” bezeichnen könnte. Was macht eigentlich christliche Literatur aus?
Gertrud Fussenegger: Ich glaube, christliche Literatur ist vor allem eine Literatur, die das Transzendente ernst nimmt. … Aber man kann auch weltliche Bücher christlich lesen und in ihnen Derivate des Christlichen finden. Es war immer meine Sehnsucht und Freude, wenn ich solche Elemente auch in weltlicher Literatur entdeckt habe.

Der Augsburger Domkapitular Prälat Dr. Bertram Meier überreichte nach seiner Laudatio eine Kerze an Gertrud Fussenegger.

Der Augsburger Domkapitular Prälat Dr. Bertram Meier überreichte nach seiner Laudatio eine Kerze an Gertrud Fussenegger.

Der Dichter gilt bei vielen Menschen als moralische Instanz. Man erwartet von einem Dichter zumindest Wegweisung oder Orientierung. Gibt es einen besonderen Zusammenhang zwischen Dichtung und Wahrheit? Hat große Dichtung immer eine gewisse Nähe zur Wahrheit?
Dichtung ist immer auch Wahrheitssuche. Aber die dort gefundene Wahrheit unterscheidet sich grundlegend von der Wahrheit, die im abstrakten Diskurs gefunden werden kann. Dichtung arbeitet mit Bildern, mit Charakteren, mit ganz anderen Mitteln als eine abstrakte Abhandlung.

Man kann Dichtung auch nicht eindeutig deuten. Die Deutungen sind immer vielfältig. Das ist das Schöne daran, manchmal auch das Gefährliche, aber auch das, was den Autor reizt. Er muss ja mit sich selbst ins Reine kommen – das ist für ihn ein Lebensprozess, auch ein lustvoller Prozess. Ohne Lust könnte man nicht schreiben.

Prof. Dr. Gertrud Fussenegger (1912-2009).

Prof. Dr. Gertrud Fussenegger (1912-2009).

Sie haben ein bewegtes Leben hinter sich. War Ihnen die Religion sozusagen in die Wiege gelegt, gehörte sie selbstverständlich zu Ihrem Leben?
Wie ich dazu gekommen bin, eine praktizierende Katholikin zu werden, das ist allerdings ein Stück Lebensgeschichte. Es würde viel zu lange dauern, darüber zu sprechen. Aber ich fühle mich jetzt in einem Hafen angekommen, nach vielen stürmischen Fahrten durch die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts.

Ich komme eigentlich aus einer liberalen Familie. Irgendwann sind wir aus Böhmen nach Vorarlberg und Tirol umgezogen. Das waren strikt katholische Länder. Das hat mir imponiert. Ich wollte lieber herausgefordert als nur verwöhnt und gestreichelt sein.

In meiner Jugendzeit hat man sich natürlich mit dem Sozialismus befasst, mit Nietzsche, mit Spengler, dann auch mit Freud. Aber immer wieder ist das Christliche, die große Frohbotschaft, aus dem Meer der Irrtümer aufgetaucht und hat mich überzeugt.

Wenn Sie Wünsche an unser 21. Jahrhundert hätten, welche wären das?
Ich wünsche mir, dass die Menschen die Zuversicht in ihre eigene Natur nicht verlieren. Schließlich ist die Menschheit schon Jahrmillionen alt und sie hat so viele Erfahrungen in sich deponiert, dass sie schließlich diese Erfahrungen, zwar betrunken von einem ungeheuren Schub von Neuerungen, nicht ganz vergisst und dass diese sich wieder zu Wort melden. Und dann hoffe ich, dass die Kirche und das Christentum den Menschen weiterhin Orientierung und Trost bringen.

19.Mrz 2010 17:08 · aktualisiert: 10.Apr 2015 15:36
KIN / T. Waitzmann