“Als Freund des Herrn leben …”

Letztes Porträt in der Reihe “Wen Gott ruft – Gespräche zum Priesterjahr”

Bischof Gregor Maria Hanke.

Gregor Maria Hanke, Bischof von Eichstätt (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Anlässlich des laufenden Priesterjahres veröffentlichen wir jeden Monat ein Porträt eines Priesters. In Interviews berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses werden wir Ende Juni im Rahmen einer Pressekonferenz vorstellen. Im Internet veröffentlichen wir eine verkürzte Version. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter André Stiefenhofer.

In diesem Monat stellen wir Ihnen den Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, vor. Er wollte schon als kleiner Junge Priester werden. Im Priesterseminar merkte er, dass er lieber Mönch als Weltpriester werden möchte. Er hatte schon Kontakt zu den Jesuiten, doch letztlich entschied er sich für die Benediktiner. “Ich wusste plötzlich: das ist der Weg – ich habe das gefunden, wonach ich so lange gesucht habe”, sagt er rückblickend.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen?
Ich wollte schon als kleiner Junge Priester werden und habe damals mit Freunden oft spielerisch die Heilige Messe gefeiert. Wir hatten uns dafür von der Mutter kindgerechte liturgische Kleidung machen lassen.

Damals habe ich gesagt: “Ich möchte nach Eichstätt ins Seminar gehen.” Keiner konnte sich so recht erklären, warum, denn meine Brüder waren alle in anderen Internaten, nur ich wollte ins bischöfliche Seminar. Es war mir egal, dass meine Geschwister mich damit öfter gefoppt haben. So bin ich nach der Volksschule auf das Gymnasium und ins bischöfliche Seminar nach Eichstätt gewechselt.

Wenn ich heute darüber nachdenke, war dieser erste Abschnitt meiner Berufung eher die Phase des “Widerspiegelns”. Die Liturgie, der priesterliche Dienst, die priesterlichen Gestalten, die mir begegnet sind – das muss einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht haben. Die frühen Erfahrungen mit der Kirche und dem Glauben hatten in mir den Wunsch geweckt, diesen Weg zu meinem Lebensweg zu machen. Aber so ein Wunsch ist natürlich noch nicht die Antwort auf eine Berufung und auch keine Klärung der Berufung.

Bischof Gregor Maria Hanke bei einem diözesanen Weltjugendtag in Eichstätt.

Bischof Gregor Maria Hanke bei einem diözesanen Weltjugendtag in Eichstätt (Foto: Andreas Schneidt).

Die Frage, ob ich diesen Weg auch tatsächlich gehen möchte, hat sich gestellt, als ich im Internat war. Ich kann sagen, dass ich dort mit meinem Weg gerungen habe, er war keineswegs klar und eindeutig. Gerade in der Pubertät und in der Oberstufe kamen Fragen auf. Ich habe viel überlegt und abgewogen, wie es bei einem jungen Menschen normal ist.

Allerdings hatte ich Priester zum Vorbild, die mich beeindruckt und geprägt haben. Sie waren es neben anderen, die durch ihr Beispiel dafür gesorgt haben, dass ich immer “hörbereit” geblieben bin. Nur so habe ich den Ruf Gottes vernehmen können. Die Hörbereitschaft ist etwas ganz Entscheidendes. Und um diese Bereitschaft zu erreichen, bedarf es in der Regel der Hilfe von außen, das kann der Einzelne nicht allein.

Man braucht das deutende Wort und Lebensbeispiele von Vorbildern – und in diesem Punkt bin ich gerade auch durch die kirchliche Internatserziehung reich beschenkt worden. All das hat dazu beigetragen, dass ich mich nach dem Abitur aus freien Stücken entschlossen habe, den Weg ins Theologiestudium und ins Priesterseminar zu gehen.

“Ich suchte einen Glauben, der das ganze Leben durchsäuert”

Wie kam es dazu, dass Sie Mönch wurden und kein Weltpriester?
Das war ein langer Weg. Ich bin zunächst ins Priesterseminar eingetreten, habe aber nach einigen Semestern gemerkt, dass dieser Weg nicht der meine sein kann. Ich habe mich noch bis ins achte Semester “geschleppt”, dann bin ich aus dem Seminar ausgetreten und habe als “Normalstudent” mein Studium beendet. Erst danach bin ich auf meine Ordensberufung gestoßen.

Ich war immer auf der sehnsuchtsvollen Suche nach etwas Ganzheitlichem, nach einem Glauben, der nicht nur in den Bücherregalen steht und nicht nur in der Kirche praktiziert wird. Ich suchte einen Glauben, der das ganze Leben durchsäuert. Diese gegenseitige Durchdringung von Glaube und Leben war für mich entscheidend, aber ich habe sie lange nicht gefunden.

Auf der Suche nach meinem Weg wollte ich mich bewusst für einen Bereich entscheiden, der mir von meiner Veranlagung her zunächst eher fremd war: Religionslehrer an einer Berufsschule zu werden. Dieser Lebensabschnitt als Lehrer sollte nur ein Jahr dauern, aber er war für mich heilsam und hilfreich. Zum einen habe ich damals sehr gute freundschaftliche Kontakte im Lehrerkollegium schließen können – gerade auch mit Menschen, die mit der Kirche nicht viel am Hut hatten.

Außerdem habe ich natürlich die Situation der jungen Menschen kennen gelernt und mich damit auseinandergesetzt. Nicht zuletzt dadurch ist in mir der Wunsch gereift, mein Leben auf einen ganzheitlichen Weg zu führen. Ich wollte mein Leben mit dem Glauben, der Theologie und der Spiritualität verbinden und durchmengen.

Gregor Maria Hanke bei seiner Weihe zum Diakon im Kloster Plankstetten durch den damaligen Eichstätter Bischof Alois Brems am 21. März 1983.

Gregor Maria Hanke bei der Weihe zum Diakon durch den damaligen Eichstätter Bischof Alois Brems am 21. März 1983 (Foto: Archiv Bistum Eichstätt).

Meine erste Station auf dieser Suche war der heilige Ignatius von Loyola. Ich stand schon in Kontakt mit den Jesuiten, aber dann hat mich die Entwicklung auf den benediktinischen Weg geführt.

Ich war während der Osterferien eine Woche im Benediktinerkloster Plankstetten zu Gast, und da hat es mich auf einmal “durchzuckt”! Ich wusste: Das ist der Weg – ich bin angekommen und habe das gefunden, wonach ich so lange gesucht habe!

Noch während meines Kurzaufenthalts im Kloster, am Freitag vor dem Weißen Sonntag, habe ich mich beim Abt für das Noviziat angemeldet. Danach bin ich nach Hause gefahren, habe meine Entscheidung meiner – damals entsetzten – Familie mitgeteilt und mich gleich nach dem Weißen Sonntag mit Wirkung zum Schuljahresende von der Berufsschule abgemeldet und bin ins Kloster eingetreten.

Sie haben sich auf einen anspruchsvollen Weg begeben – gab es eine tragende Säule für Sie in all der Zeit?
Ich erinnere mich noch an die elfte Klasse im Gymnasium, die für mich sehr kritisch war. Damals, in den bewegten “Nach-68er-Jahren”, habe ich auch mit der Kirche und kirchlichen Positionen gerungen. In dieser Zeit des Ringens habe ich auch zum ersten Mal die Erfahrung einer tiefen und unmittelbaren Christusbeziehung gemacht.

Seit dieser Erfahrung ist mir das Geschenk zuteil geworden, dass ich tief darauf vertrauen kann, aus dieser Beziehung mit Christus nie mehr heraus zu fallen. Christus ist für mich ein “Naher” geworden, und die Beziehung mit ihm hat mich durch alle Höhen und Tiefen meines Lebens durchgetragen.

Am Ende dieses Prozesses kam eine innere Gewissheit zutage, dass Christus mir nahe ist und dass kein Mensch sich zwischen ihn und mich drängen kann. Das trägt mich, zieht mich an und beflügelt mich.

An welchen Punkten mussten Sie um Ihre Berufung kämpfen?
Meine Jugend war geprägt vom Klima der “68er” und ihrer Nachwirkungen. Ich hatte mich in der Schülerzeitung und im Theater engagiert. Dort setzten wir uns mit aktuellen Themen auseinander, schon als Achtklässler haben wir uns SPIEGEL-Artikel vorgenommen und einen Diskussionskreis gegründet.

In dieser Phase habe ich vieles hinterfragt und mich kritisch mit Kirchenpositionen auseinandergesetzt. Das war nie eine prinzipielle Ablehnung, sondern ich habe immer den Diskurs gesucht. Ich hatte die grundsätzliche Bereitschaft, den kirchlichen Weg zu gehen, unter der Voraussetzung, dass er sich als plausibel nachvollziehen lassen würde. Das war er für mich in letzter Konsequenz immer.

Priesterweihe im Dom zu Eichstätt (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Priesterweihe im Dom zu Eichstätt (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Glauben Sie, man kann die eigene Berufung oder die eines anderen erbeten?
Natürlich kann man Berufung erbitten, wenn die persönliche Bereitschaft da ist. Aber das funktioniert nicht in dem Sinne, dass das Gebet sozusagen zum “Zauberstab” wird, der Berufungen produziert. Nein, das Gebet dient dazu, dass der Ruf Gottes vernommen wird und sich immer tiefer im Leben des Berufenen festsetzt. Der Herr ruft! Davon ist die Schrift voller Zeugnisse.

Berufung ist keine menschliche Leistung, genau darum ist das Gebet um die Berufung etwas Entscheidendes. Durch das Gebet um die Berufung kommt auch zum Ausdruck, dass der Primat beim Rufenden liegt. Auf der anderen Seite gibt das Gebet dem Gerufenen die Kraft zu hören, den Anruf in Freiheit zu ergreifen und „ja” zu sagen.

Sie haben bereits Ihren Weg skizziert: von Ignatius zum Benediktinerorden. Was sind heute Ihre Hauptquellen des Glaubens, aus denen Sie schöpfen?
Ich bin verankert in der monastisch-altkirchlichen Tradition: In der Spiritualität der Väter und der Regel Benedikts. Wichtig ist mir das “Hören” auf Gott. Die Benedictus-Regel beginnt mit dem Wort “Höre, mein Sohn” und lässt die Nachfolge so gleichsam mit dem Hören beginnen. Ich muss den Anruf vernehmen und den Dialog mit Gott durch mein Zuhören aufnehmen.

Der Umgang mit dem Wort Gottes ist dabei etwas Wesentliches für mich. Ich habe eine sehr schriftbetonte Spiritualität. Es ist für mich etwas Wunderbares, wenn ich in der Heiligen Schrift lese und vernehme, wie Gott dadurch auch heute noch spricht und an-spricht.

Was mich persönlich prägt, ist die Psalmenfrömmigkeit. Ich bin, salopp ausgedrückt, ein “Fan” der Psalmen. Ich kann sagen, dass mir etwa das Breviergebet immer eine Freude ist. Die Freude an der Sprache und der Form, in der der Psalmist zu Gott betet und mit ihm spricht, habe ich heute noch im Herzen. Da hat sich nichts abgegriffen, im Gegenteil: Es ist wunderbar, immer wieder Neues zu entdecken! Stellen, über die man jahrelang hinweg gelesen hat, erschließen sich plötzlich in einem Kontext. Das sind die Momente in denen ich weiß: Gott spricht! Er ist da! Er ist gegenwärtig in seinem Wort!

Dabei prägt mich auch die Liturgie. Ich habe eine liturgische Spiritualität, eine eucharistische Spiritualität. Die Feier der Heiligen Messe ist etwas Großes für mich – die Begegnung mit dem Herrn im Sakrament brauche ich täglich. Es ist mir keine Pflicht, sondern ein Verlangen, täglich die Heilige Messe zu zelebrieren. Es würde einfach etwas fehlen, wenn das – zum Beispiel aus Krankheitsgründen – einmal nicht möglich wäre.

Sie haben vorhin schon Vorbilder angesprochen, die Sie auf den priesterlichen Weg geführt haben. Haben Sie auch heute noch solche Vorbilder?
Vorbilder und Beispiele faszinieren. Ich muss aber zugeben, dass ich mich eher von Texten, von geistlichen Schriften ansprechen lasse. Das geschriebene Wort ist für mich noch kraftvoller als das konkrete Vorbild.

Bei der Weihe zum Bischof von Eichstätt im Jahr 2006 (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Bei der Weihe zum Bischof von Eichstätt im Jahr 2006 (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Ein Priester ist sowohl Verwalter als auch Seelsorger – für Sie als Bischof trifft das gleich doppelt zu. Trennen Sie die Verwaltung von der Seelsorge oder fließt das zusammen?
Ich denke, dass man die Frage so nicht stellen kann. “Priester-sein” ist zunächst eine Existenzform, und Trennung entsteht, wenn diese Existenzform schwächer wird. Die Berufung zum Priestertum ist nicht die Berufung in eine Funktion, nicht einmal in eine “heilige Funktion”. Ich werde gerufen, Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, immer ähnlicher zu werden.

Ich soll in der Lage sein, meine Hand und mein Leben, alles, was ich anpacke, in seine Seite zu legen und mich mit ihm zu vereinen. Nur wenn ich versuche, diese Existenzweise zu leben, kann ich den Verwaltungsfunktionen und den Menschen gerecht werden. Nur dann spüren die Menschen, dass da mehr in mir ist und mehr vor ihnen steht als nur ein Funktionär oder Verwalter.

Ich denke, es ist heute ein Dilemma, dass man zu leicht zwei wesentliche Tatsachen übersieht: Erstens ist der Priester eben nicht nur einer unter vielen anderen pastoralen Berufen. Er ist nicht austauschbar! Und das liegt zweitens daran, dass der Priester nicht Funktionsträger, sondern Existenzweise Jesu Christi ist! Natürlich ist jeder Getaufte gerufen, in diese Existenzweise Jesu Christi hineinzuwachsen, aber dem Priester ist noch einmal eine ganz andere Erfahrung der Dichte dieser Existenzweise geschenkt.

Wenn der Herr zum Beispiel zu den Aposteln sagt: “Nicht mehr Knechte nenne ich euch, sondern Freunde!” (vgl. Joh 15,15), dann wird daran deutlich, wie diese Existenzweise zu leben ist. Wir als Priester haben als Freunde des Herrn zu leben.

Das “Priester-Sein” ist also wirklich eine Berufung und keine Funktion. Können Sie eine Grundeigenschaft ausmachen, die alle Priester gemeinsam haben?
Es ist die Sache Gottes, wen er ruft. Der Herr ruft ganz unterschiedliche Köpfe und Charaktere. Die Kirche hat lediglich zu prüfen, ob der Berufene fähig ist, als Freund des Herrn zu leben – mit allem, was zu dieser Freundschaft gehört. Es gibt Aspekte und Motive von Berufung, die man festmachen und abprüfen kann und muss. Das hat die Kirche zu leisten, denn es kann schließlich nicht jeder kommen und sagen: “Bischof, Du musst mich weihen, ich bin berufen!”

Es gibt sehr wohl Kriterien, um die Echtheit einer Berufung zu überprüfen. Das geschieht auch, damit sich der Betreffende nicht täuscht oder nur etwas projiziert. Das dürfen wir nicht riskieren. Denn die Freundschaft mit dem Herrn zu leben hat Konsequenzen für das eigene Leben und für das Leben mit den anderen.

Diese Lebensweise verändert die Art des Umgangs mit anderen, die Fähigkeit, anderen zu begegnen. Außerdem kommt eine gewisse charakterliche Überprüfung mit dazu. Die echte Berufung braucht eine stabile menschliche Psyche.

Ich denke, die Kirche kann hier prüfen, aber der Herr selbst hat ein weites Spektrum von Berufung. Er wird sich nicht an unsere menschlichen Kriterien halten. Da wird ein Petrus ebenso wie ein Paulus berufen. Da werden die “Donnersöhne” in die Schar der Apostel berufen, aber auch stille, zurückhaltende Menschen. Auch das ist, denke ich, ein Ausdruck des Wunders der Berufung an sich: Dass der Herr ganz unterschiedlich veranlagte Menschen zu ein und demselben Dienst bestellen kann.

Feier der Eucharistie bei der Priesterweihe 2009 im Eichstätter Dom (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Feier der Eucharistie bei der Priesterweihe 2009 im Eichstätter Dom (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Sie haben umfassend beschrieben, dass “Priester-Sein” für Sie bedeutet, als “Freund Gottes” zu leben. Hat sich dieses Bild von dem, was ein Priester ist, im Laufe Ihres Lebens geändert?
Das Bewusstsein um die priesterliche Existenz nimmt einen ähnlichen Wandlungsprozess wie das Bewusstsein bei Verheirateten. Wenn Verheiratete 25 Jahre lang die Ehe treu gelebt haben, dann werden sie sich nach dieser Zeit in einem anderen Zustand befinden als in der Zeit der ersten Liebe.

Und dennoch können sie auf diesem Weg eines spüren: Die Identität der Liebe, auch wenn sie sich gewandelt, verändert, vertieft hat. Sie ist nüchterner geworden, hat sich vielleicht auch Lebensanforderungen angepasst. Sie schwebt nicht mehr auf “Wolke 7”, ist geerdet. Aber im Kern ist und bleibt es dieselbe Liebe.

Genau so ist das auch mit der priesterlichen Existenz. Ich denke, der Freude und Begeisterung des Anfangs folgt fast immer eine Phase der Ernüchterung. Es wird einem bewusst, dass man auch auf Wege geführt wird, auf denen man von selbst nie hätte gehen wollen. Der Herr führt uns über unsere Berufung zum Ziel. Das ist wie bei einer Bergtour: Man passt sich dem Gelände an.

Und genau das ist die Kunst der Berufung: Sich dem Gelände anzupassen und dennoch der Berufung treu zu bleiben. Es verändert sich natürlich manches. Man wird nüchterner, gelassener. Vielleicht gibt es auch Frust- und Grenzerfahrungen, die integriert werden müssen. Aber die Identität der Berufung muss deswegen nicht schwinden – im Gegenteil!

Klettern ist eines der Hobbys von Bischof Hanke (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Klettern ist eines der Hobbys von Bischof Hanke (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Wenn Sie dieses Wachstum beschreiben – was musste sich bei Ihnen ändern, damit Sie der Priester wurden, der Sie heute sind?
Ich glaube, im Laufe der priesterlichen Existenz und des Lebens bildet der Gehorsam eine der Haupt-Herausforderungen. Ich bin der Meinung, dass nicht einmal die Herausforderung des zölibatären Lebens so schwierig ist wie der Gehorsam. Der Zölibat, die Jungfräulichkeit auf Christus hin, ist immer wieder eine Herausforderung. Aber beim Zölibat kommt den meisten zumindest irgendwann das Lebensalter zu Hilfe.

Nicht so beim Gehorsam: Der ist eine ganz große Herausforderung – und zwar wieder im Sinne des “Horchens” und des “Hörens”. Ich muss mein Leben lang “hörbereit” bleiben in dem, was die Kirche mir sagt und von mir will. Oder in dem, was die Mitbrüder mir sagen. Denn auch durch sie gibt mir der Herr Aufträge.

Ich glaube, daran entscheidet sich im erheblichen Maße auch die Fruchtbarkeit des priesterlichen Weges und meiner priesterlichen Existenz. Das Gegenteil vom steten Hören sieht so aus, dass ich mich verschließe und zum Routinier werde. Dann fange ich an, meinen Dienst “abzuwickeln”. Dann bin ich nicht mehr im eigentlichen Sinne hörbereit und lasse mich nicht mehr innerlich von Gott aufstören.

Und genau das wäre es ja, was wir mit “Sendung” meinen. Ich muss meine Sendung vom Herrn her in letzter Konsequenz ernst nehmen, sonst ist meine priesterliche Existenz in großer Gefahr.

Was wollen Sie bewirken in Ihrem Amt als Priester?
Ich will einfach da sein und mich vom Herrn als Werkzeug nehmen lassen. Mich beeindruckt das Gebet des Klaus von Flüe – es fasst meine Grundausrichtung gut zusammen: “Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und mach mich ganz zu Eigen Dir.”

Ich möchte eine Monstranz sein, durch die Christus hindurchscheint. Ja, das Bild von der Monstranz passt, denn auch dort ist es ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt, in dem man Christus sieht und so viel anderes ist um ihn herum. Wir können, so lange wir in diesem Leib sind, nie ganz Christus repräsentieren, sondern immer nur in Ausschnitten. Aber es wäre mein Wunsch, dass ich Christus zu den Menschen tragen darf.

Papst Benedikt hat das Priesterjahr auch zur “Heiligung der Priester” ausgerufen. Was sagt Ihnen dieser Begriff ganz persönlich?
Heiligung heißt, dass wir Priester die Existenzweise, die unserer Berufung folgt, wieder in den Mittelpunkt stellen müssen: Die Existenzweise der Nachfolge. Wenn ich das wieder in den Blick nehme, dann bin ich bereits auf dem Weg der Heiligung.

Existenzweise bedeutet ja, dass ich mich vom Geist Gottes und seiner Wirksamkeit abhängig mache. Ich mache mich nicht in erster Linie abhängig von äußeren Vollzügen und auch nicht von Erfolgen. Es geht um die Abhängigkeit vom Herrn. Der Priester soll abhängig sein von der Existenzweise, in die er gerufen ist. Das meint “den Weg der Heiligung zu gehen.”

Gregor Maria Hanke vor dem Loy-Hering-Kreuz in der Sakramentskappelle des Eichstätter Doms (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Bischof Hanke vor dem Loy-Hering-Kreuz im Eichstätter Dom (Foto: Norbert Staudt (pde)).

Haben Sie das Gefühl, das Thema der eigenen Heiligung kommt unter Priestern auch zur Sprache?
Gut, man spricht heute viel über “Spiritualität” und fragt, welche Spiritualität der andere hat. Ich denke, darin kann man schon ein Bemühen um “Heiligung” sehen und auch um den Austausch untereinander.

Aber wir dürfen unsere Spiritualität nicht so verstehen, als ob sie nur der “Sprit” für unsere Zugkraft wäre, ein Mittel zum Zweck, damit wir möglichst viele Projekte und Aufgaben ziehen können. Das wäre, denke ich, zu kurz gedacht.

Ich glaube, wenn wir unseren Blick wieder stärker auf unsere priesterliche Existenzweise der Nachfolge und der Christusähnlichkeit richten, dann wäre der Weg der Heiligung wieder klarer formuliert.

Der Papst hat den heiligen Pfarrer von Ars als Vorbild und zum Anlass für dieses Priesterjahr genommen. Das Leben dieses Mannes war sehr radikal – inwiefern kann es für Sie ein Vorbild sein?
Der heilige Pfarrer von Ars ist in seiner Radikalität heute sicherlich nicht ohne weiteres vermittelbar. Aber ich denke, dem Papst geht es darum, uns einen Priester vor Augen zu stellen, der gezeigt und gelebt hat, was es bedeutet, “von Christus ergriffen” zu sein.

Der Pfarrer von Ars gestaltete sein ganzes Leben und Wirken aus tiefer Liebe und Ergriffenheit für Gott. Er war einfach ergriffen von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Er hatte eine große Liebe im Herzen und diese Liebe lebte er einfach und schlicht. Die Liebe ist der Kern seines Handelns: Die Ergriffenheit von Christus.

Welche Erwartungen haben Sie an dieses Priesterjahr?
Ich hoffe, dass wir Priester uns wieder stärker mit unserer Berufung befassen. Mit dem Ruf, der an uns ergangen ist, dass wir diesen Ruf wieder aufs Neue ernst nehmen und hören; dass wir Mut und Motivation finden, unsere priesterliche Existenz zu leben. Das Priesterjahr ist ein Aufruf an jeden einzelnen Priester, sich seiner Berufung neu bewusst zu werden.

Medien-Tipp: Film “Der heilige Pfarrer von Ars”

Der Film von Michael M. Wimmer und Heidemarie Seblatnig folgt den Spuren des heiligen Pfarrers in seinem Geburtsort Dardilly und in seiner Wirkungsstätte Ars-sur-Formans. Das Leben des Heiligen bestand aus Gebet, Demut, Buße, Armut, Selbstverleugnung und war so beeindruckend, dass die Pilger in Scharen nach Ars kamen. Er ist einer der größten Heiligen der Kirche und wurde 1929 zum Patron aller Pfarrer ernannt.

Papst Benedikt XVI. wird ihn im Rahmen des Jubeljahres beim Welttreffen der Priester auf dem Petersplatz am 19. Juni 2010 als “Schutzpatron aller Priester” ausrufen. Er hat bei der Ausrufung des Priesterjahres die Vorbildhaftigkeit des Heiligen Pfarrers von Ars für alle Priester betont.

Sie können den 26-minütigen Film unter folgender Adresse bestellen: ars.film@yahoo.com

KIN / S. Stein