Zum Gedenktag an den Völkermord

“Wer spricht heute noch von den Armeniern?”

Über die Ereignisse im April 1915 und das armenische Christentum heute

Kathedrale von Etschmiadsin / Armenien, dem Sitz des Oberhauptes der Armenisch-Apostolioschen Kirche (Katholikos).

Kathedrale von Etschmiadsin, nahe der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Der 24. April 1915 ist ein schwarzer Tag in der Geschichte Armeniens. In der Nacht zum 25. April 1915 begann das osmanische Reich an den Armeniern in Anatolien mit einem Völkermord.

Damals wurden etwa 600 Personen, Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten, Geistliche, Rechtsanwälte, Ärzte, Parlamentsabgeordnete und andere, verhaftet und nach Syrien ins Exil geschickt. Nur acht bis zehn von ihnen konnten sich retten, alle anderen wurden geschlagen und ermordet.

In der Folgezeit haben die Türken, unter der Führung des Innenministers Talaat Bey, des Verteidigungsministers Enver Pascha und des Statthalters von Adana, Cemal Bey, alle Armenier aus Anatolien ausgesiedelt und nach Syrien deportiert.

“Während dieser Deportationen in den Jahren 1915 bis 1917 fielen 1,5 Millionen Armenier, das waren etwa die Hälfte der Bevölkerung, der Gewalt, Totschlag, Vergewaltigung, dem Hunger und verschiedenen Krankheiten zum Opfer”, berichtete der Erzbischof der armenisch-apostolischen Kirche in Österreich, Dr. Mesrob Krikorian, auf unserem Kongress “Treffpunkt Weltkirche” 2008 in Augsburg.

Der Historiker Prof. Rudolf Grulich spricht in einem Interview mit KIRCHE IN NOT über den Beginn des Völkermords an den Armeniern und über die Gegenwart des armenischen Christentums in der Türkei.

KIRCHE IN NOT: Herr Professor Grulich, was ist 1915 mit den Armeniern geschehen?
Wir sehen immer nur das Jahr 1915, als am 24. April alle bedeutenden Armenier Konstantinopels, später ganz Kleinasiens und dann alle Armenier praktisch zur Vernichtung bestimmt worden sind. Aber das Ganze hatte schon Vorzeichen: Es gab bereits 1895 und 1896 Pogrome mit Zehntausenden von Toten, und für die Pogrome von 1908 und 1909 bei Adana und in ganz Kilikien muss man mit Hunderttausenden von Toten rechnen.

1915 hat dann Innenminister Talaat Pascha eine “Endlösung” verkündet. Es war Krieg, den westlichen Mächten waren die Hände gebunden, und das mit der Türkei verbündete kaiserliche Deutschland hat monatelang nichts getan, obwohl fast alle deutschen Konsulatsbeamten aus allen Konsulaten in der Türkei von Todesmärschen und Massakern berichtet haben.

Als im August des Jahres 1915 die kaiserliche Regierung in Berlin höflich anfragte, was denn an den Gerüchten über die Armeniermassaker wahr sei, telegraphierte der Innenminister kurz und bündig zurück: “Die armenische Frage existiert nicht mehr”. Bis dahin waren schon die meisten Armenier umgekommen.

Das hat dann später besonders Adolf Hitler interessiert …
Ja, Hitler soll bei Vorhaltungen seiner Gefolgsleute, was die Weltöffentlichkeit zum Mord an den Juden sagen werde, noch vor dem Polenfeldzug gesagt haben: “Wer spricht heute noch von den Armeniern?”

Am Mahnmal des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Am Mahnmal des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Wie weit ist die Türkei mit der Aufarbeitung des damaligen Geschehens?
Das lässt sich nur schwer in kurzen Worten erklären. Auf der einen Seite ist etwa der Roman von Franz Werfel “Die vierzig Tage des Musa Dagh” ins Türkische übersetzt.  Im Jahr 2006 ist ein türkisch-englischer Reiseführer über die Gebiete östlich von Ankara erschienen. Da wird auch über das Geschehen von 1915 gesprochen. Es wird aber verharmlost, dass es “Kollateralschäden” im Rahmen des Krieges gewesen seien.

Ich bin aber überzeugt, dass die Türkei dieses Thema auch aufarbeiten wird, da es Ansätze dazu bereits nach dem Ersten Weltkrieg gab.

Wie viele Armenier sind denn ums Leben gekommen?
Es hat damals über zwei Millionen Armenier auf dem Gebiet der heutigen Türkei gegeben. Heute leben höchstens hunderttausend in der Türkei. Wenn man davon ausgeht, dass viele flüchten konnten, muss man trotzdem die Zahl der getöteten Armenier mit über einer Million ansetzen.

“Ein Dorn im rassistischen Auge”

Steckten hinter dem Massaker eher religiöse oder politische Gründe?
Es waren vielleicht nicht nur politische, sondern sogar rassistische Gründe. Die damaligen drei jungtürkischen Führer der Türkei, das Triumvirat von Enver Pascha, Cemal Pascha und Talaat Pascha, wollten das “Türkentum” stärken – und da waren die Armenier in Anatolien und im ganzen Reich für sie ein Dorn im rassistischen Auge.

Dass dieser Rassismus im Vordergrund stand, sehen wir auch daran, dass in den Anweisungen zur Deportation und Vernichtung oft von der “verfluchten Rasse” gesprochen wurde, die man auszurotten habe; und daran, dass man auch andere nichttürkische Gruppierungen, vor allem die christlichen Aramäer und Assyrer, einem Holocaust ausgeliefert hat: Sie hatten über eine halbe Million Opfer von 1915 bis 1918, von denen heute kaum noch jemand spricht – außer die Nachkommen der Opfer in Deutschland, die ja gute Kontakte zu KIRCHE IN NOT haben.

Bedauerlich ist, dass die damalige türkische Führung die muslimische Karte ausgespielt hat und es gelungen ist, nichttürkische muslimische Gruppen auf ihre Seite zu bekommen, leider auch die Kurden und vor allem die Tscherkessen. Gerade diese muslimischen nichttürkischen Minderheiten haben sich bei den Massakern hervorgetan.

Blick auf die armenische Hauptstadt Eriwan, im Hintergrund die beiden Gipfel des Ararat-Massivs.

Blick auf die armenische Hauptstadt Eriwan, im Hintergrund die beiden Gipfel des Ararat-Massivs.

Wie hat sich denn die folgende türkische Regierung unter Atatürk verhalten, die ja als Wegbereiter der Türkei nach Europa gilt?
Es ist wenig bekannt, dass 1919 ein Kriegsverbrecherprozess in Istanbul gegen Verantwortliche für das Armeniermassaker stattgefunden hat, in dem man die drei Rädelsführer in Abwesenheit zum Tode verurteilt hat. Damals soll Präsident Atatürk gesagt haben: Man hätte diese “Mischpoke” schon vorher aufhängen sollen. Das heißt, er war damals auch für diesen Prozess.

Natürlich stand der Prozess in Istanbul unter dem starken Druck der Sieger. Die Engländer, die in Konstantinopel Truppen hatten, haben den Prozess durchgesetzt. Aber es war ein türkisches Gericht, noch unter dem Sultan, das ihn geführt hat.

Die Hauptkriegsverbrecher, das jungtürkische Triumvirat mit den bereites genannten Enver, Cemal und Talaat Pascha, sind in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, weil die deutsche Regierung nach Kriegsende diese drei Verbrecher mit einem U-Boot nach Russland und von dort aus nach Berlin gebracht hatte. Sie sind dann in Berlin zum Teil frei herum gelaufen.

“Kriegsverbrecher in türkischer Regierung”

Als dann Talaat Pascha von einem armenischen Studenten, der aus einem Massengrab flüchten konnte, in dem er alle Angehörigen verlor, 1921 in Berlin erschossen wurde und dieser Student vor Gericht stand, da konnten Zeugen und Fachleute Beweise vorlegen, dass es sich um Völkermord gehandelt hat und dass Talaat Pascha einer der treibenden Kräfte war.

Die Türkei und auch Atatürk sind dann umgeschwenkt, als Pläne der Sieger bekannt geworden sind, die restliche Türkei völlig aufzuteilen. Atatürk hat dann später Kriegsverbrecher, die führend bei Massakern beteiligt waren, in die Regierung aufgenommen. Leider!

Gedenktafel an Franz Werfel am Mahnmal des Völkermords.

Gedenktafel an Franz Werfel am Mahnmal des Völkermords.

Sie haben den Roman von Franz Werfel angesprochen “Die vierzig Tage des Musa Dagh”. Worum geht es da?
Der Prager Jude Franz Werfel hat 1929 in Damaskus überlebende Armenier kennen gelernt, die zum Teil unter sehr schlechten Bedingungen in Armut und Not lebten. Er wollte damals, wie er im Vorwort des Romans sagt, “dieses unfassbare Geschehen dem Totenreich des Vergessens entreißen”.

Am Musa Dagh hatten sich 1915 die Armenier gegen die Deportation gewehrt und auf den Berg zurück gezogen, wo sie sich vierzig Tage gegen die Türken verteidigten, ehe sie von einem französischen Kriegsschiff gerettet und nach Ägypten gebracht wurde.

Werfel konnte mit vielen Überlebenden sprechen, hat dann später im Mechitaristen-Kloster in Wien darüber geforscht und dort auch einen Pater kennen gelernt, der am Musa Dagh Zeitzeuge war.

Das Buch “Die vierzig Tage des Musa Dagh” ist ein historischer Roman, in dem eigentlich alles der Wirklichkeit entspricht, nur der Hauptheld des Buches ist erfunden. Deshalb lässt ihn der Autor auch am Ende des Romans umkommen. Ich habe als Student 1966 noch Dutzende Überlebende des Musa Dagh im damals noch jordanischen Jerusalem, aber auch im Libanon und Syrien getroffen und interviewt.

Was ist vom armenischen Christentum in der Türkei heute übriggeblieben?
Der Vertrag von Lausanne von 1923 hat einen Bevölkerungsaustausch zwischen Muslimen aus Griechenland und orthodoxen Christen aus der Türkei geregelt. Aber es gab Ausnahmen für die Christen in Istanbul, auf den Prinzeninseln und auf zwei Inseln am Eingang der Dardanellen. Dort sollten griechische und armenische Christen sowie Juden bleiben können.

Heute leben dort höchstens noch hunderttausend Armenier mit einem Patriarchen und über 50 Kirchen, darunter etwa 40 orthodoxe, zwölf katholische und drei protestantische.

23.Apr 2010 12:22 · aktualisiert: 20.Mrz 2015 11:55
KIN / S. Stein