“Meine Eltern wollten schon einen Priester bitten, die Totenmesse für mich zu lesen”

Ein von Rebellen verschleppter ugandischer Seminarist erzählt seine Geschichte

Auf dem Weg zum Priestertum: Stephen im Seminar von Alokolum, 2010.

Auf dem Weg zum Priestertum: Stephen im Seminar von Alokolum, 2010.

Stephen hat als Sechzehnjähriger mehr gesehen, als man sich vorstellen kann. Er erzählt von seiner Entführung durch die Lord’s Resistance Army (LRA) mit ruhiger Stimme, wie selbstverständlich, aber in seinen Augen spiegelt sich noch heute tiefes Leid, ein Grauen, das sich mit Worten nicht ausdrücken lässt.

Sie kamen am 11. Mai 2003 gegen 0.20 Uhr und umstellten das Priesterseminar der Erzdiözese Gulu in Uganda. Es waren ungefähr zwanzig. Einige von ihnen gingen direkt zum Schlafsaal, in dem die sechzehnjährigen Schüler schliefen.

Sie versuchten, die schwere Tür aufzubrechen. Als es ihnen nicht gelang, stieg ein Rebell durch das Fenster ein und öffnete die Tür von innen. Ein Seminarist hatte schnell die Sicherung herausgedreht, damit die Angreifer durch die Dunkelheit an ihrem Tun gehindert würden, aber die Rebellen hatten Fackeln.

„Wir waren verlassen, niemand war da, um uns zu beschützen.“

Die beiden Soldaten, die die Regierung dem Seminar als Wache zur Verfügung gestellt hatte, waren sofort geflohen, als die Rebellen auftauchten.

Außer den Seminaristen hielten sich auf dem Gelände auch noch zwischen ein- und zweitausend Menschen aus der Bevölkerung auf – vor allem Frauen und Kinder -, die dort über Nacht Schutz gesucht hatten. “Ein kleiner Junge von etwa sieben Jahren wurde von einem Rebellen vor den Augen seiner Mutter erschossen”, erzählt der junge Mann mit starrer Miene.

Die Rebellen fesselten die Seminaristen mit Stricken und banden jeweils vier von ihnen zusammen. Dann brachen sie Schränke und Koffer auf, plünderten alles und zwangen die Jungen, so viele Decken, Schuhe, Kleidungsstücke etc. mitzunehmen, wie sie nur tragen konnten. Es folgte ein stundenlanger Fußmarsch durch die Nacht. Morgens wurden die Jugendlichen in kleine Gruppen aufgeteilt und an verschiedene Orte verschleppt.

Führer der Lord’s Resistance Army (LRA), aufgenommen 2003.

Führer der Lord’s Resistance Army (LRA), aufgenommen 2003.

Ein Mann mit einem Maschinengewehr schaute jedem von ihnen ins Gesicht und griff willkürlich einige heraus. Sie sollten nicht zusammen bleiben. Wieder endlose Fußmärsche, wieder willkürliche Verteilungen auf verschiedene Kommandos.

“Ihr müsst euch jetzt als Armee ansehen!”

Man forderte von ihnen bedingungslosen Gehorsam. Ein Kommandeur schärfte ihnen ein, dass jeder, der versuchen würde zu fliehen, sofort getötet werden würde. Dass dies keine leere Drohung war, musste Stephen selbst mitansehen.

Morde, Vergewaltigungen, Folter – all das war für ihn zwei Monate lang Alltag. Einige seiner Leidensgenossen wurden vor seinen Augen mit Knüppeln und Gewehren erschlagen. Andere wurden mit Macheten in Stücke gehackt, weil ihre Füße nach unendlichen Märschen zu wund waren, als dass sie noch hätten weiterlaufen können.

“Ich habe Dinge gesehen, von denen ich gedacht hätte, sie niemals mitansehen zu können. Aus menschlicher Kraft wäre es unmöglich gewesen, all dem zu entrinnen. Aber Gott tut Wunder.”

Stephen bezeugt weiter: “Es blieb mir buchstäblich nichts anderes als das Gebet. Dies war die einzige Hoffnung. Wir konnten aber nicht gemeinsam beten, also betete ich allein. Auf jedem der langen Fußmärsche betete ich den Rosenkranz, indem ich ihn an den Fingern abzählte, weil ich keine Rosenkranzkette hatte. Das Gebet war alles, was ich hatte.”

Durch die leidvollen Erfahrungen sei sein Glaube gewachsen, seine Berufung gestärkt worden, sagt er mit einem Blick, in dem Freude und Hoffnung liegen – und das Wissen um die Gnade, die ihm geschenkt wurde.

Die Rebellen wollten ihn zum Töten erziehen, gerade weil er Seminarist war. Er hatte jedoch Glück im Unglück. Denn dazu, dass er selbst zum Töten gezwungen wurde, kam es nicht mehr.

Fast zwei Monate nach seiner Entführung griffen Regierungstruppen die Rebellen der LRA an. Im Bombenhagel und Maschinengewehrfeuer gelang Stephen die Flucht: Zunächst versteckte er sich im Gestrüpp. Ein Rebell bemerkte, dass er fehlte, und schrie, drohte und fuchtelte mit der Waffe herum.

Zunächst dachte Stephen, der Mann habe ihn entdeckt, aber als der sich drohend in eine andere Richtung wandte, wusste er, dass der LRA-Mann nur so getan hatte, um ihm Angst einzujagen.

Stephen hörte, wie der Rebell zu einem anderen sagte: “Der kehrt sowieso nicht in sein Dorf zurück, der war schon zu lange bei uns.” Doch bei Stephen hatte ihre übliche Psycho-Methode versagt – den Gefangenen an sich zu binden, ihn gefügig zu machen und seinen Willen vollkommen zu brechen.

Als keiner seiner Peiniger mehr zu sehen war, floh Stephen.

Tagelang sah er keinen Menschen, er schleppte sich orientierungslos durch den Busch. Immer wieder kletterte er auf Bäume, um Ausschau zu halten nach einem Menschen oder einem belebten Ort.

Seminarist Stephen (re.) nach seiner Flucht im Krankenhaus von Lacor.

Seminarist Stephen (re.) nach seiner Flucht im Krankenhaus von Lacor.

Als er völlig erschöpft war und nicht mehr weiterlaufen konnte, gelangte er zu einer verlassenen Schule. Dort schlief er in einem Klassenzimmer. Als er am nächsten Morgen erwachte, stand ein Mann vor ihm – ein Soldat der Regierungstruppe. Als Stephen ihm erklärte, dass er ein entführter Seminarist sei, sagte der Soldat: “Du hast Glück, du bist jetzt in Sicherheit.”

Er trug ihn auf seinem Rücken in das Militärlager, und von dort aus wurde er auf einer selbstgebauten Trage und einem Fahrrad in die Stadt transportiert, wo er ins Krankenhaus gebracht wurde.

Dort besuchte ihn der Rektor des Seminars und brachte ihn nach Hause. Stephens Familie hatte ihn für tot gehalten.

“Sie wollten schon einen Priester bitten, die Totenmesse für mich zu lesen.”

Seine glücklichen Eltern und sechs Geschwister wollten ihn gar nicht mehr zurück ins Seminar lassen. Doch als Stephen zum Abschiednehmen das Seminar besuchte, spürte er, dass dies sein Platz ist. Und so packte er seine Sachen, ohne den Eltern Bescheid zu sagen, und ging zurück ins Seminar.

Zwölf seiner ehemaligen Kameraden werden bis heute vermisst. Am Jahrestag ihrer Entführung schrieben der Rektor des Seminars, Monsignore Matthew Odong, und die anderen Seminaristen ihnen einen Brief, den sie vielleicht nie lesen werden. Darin stand:

Francis, ein weiterer Seminarist, der 2003 entführt wurde und fliehen konnte.

Francis, ein weiterer Seminarist, der 2003 entführt wurde und fliehen konnte.

“Wir vertrauen Euch dem Schutz und der Fürsorge Jesu Christi an, der Euch dazu berufen hatte, Priester zu werden und die Liebe und Barmherzigkeit Gottes in der Welt zu verkünden. Wir lieben Euch. Möge Gott Euch behüten und Euch heil nach Hause bringen. Unsere Gebete sind immer mit Euch.”

Stephen, der das Leid seiner Kameraden teilen musste, möchte als Priester in Zukunft dazu beitragen, ihre Wunden zu heilen und Frieden in ein Land zu bringen, in dem Kinder als Soldaten missbraucht wurden.

Er will die Botschaft der Liebe Gottes zu denen bringen, die schon als Kinder vergessen haben, dass sie ein Gesicht und einen Namen haben. Und er kann ihnen zeigen, dass Gott Wunder tut. Denn er hat diese Wunder selbst miterlebt.

Autorin: Eva-Maria Kolmann

Zwanzig Jahre Entführungen

Mehr als 30 000 Kinder und Jugendliche sind in dem blutigen Konflikt im Norden des Landes zwischen der LRA und der ugandischen Regierung von LRA-Rebellen verschleppt worden – zwischen 1988 und 2008.

Die Jungen wurden als Soldaten, die Mädchen als Sexsklavinnen missbraucht. Sie wurden grausam vergewaltigt, mit Drogen gefügig gemacht, zum Töten gezwungen, für kleine Vergehen hart bestraft, gefoltert, viele wurden bestialisch ermordet.

Noch heute fehlt von vielen jede Spur. Diejenigen, die überlebt haben, sind traumatisiert. Manche von ihnen trauen sich nicht, zu ihren Familien zurückzukehren, weil sie sich für die Taten, zu denen sie gezwungen wurden, schämen. Oft zwangen die Rebellen die entführten Kinder und Jugendlichen dazu, Menschen in ihren Heimatdörfern und sogar ihre eigenen Eltern und Geschwister zu ermorden, um ihnen die Rückkehr unmöglich zu machen.

Die Katholische Kirche der Erzdiözese Gulu bemühte sich um Friedensverhandlungen mit den Rebellenführern. So traf sich Erzbischof John Baptist Odama mit anderen religiösen Leitern zu Friedensverhandlungen mit den Führern der LRA im nord-ugandischen Busch.

Erzbischof John Baptist Odama und andere religiöse Leiter bei Friedensverhandlungen mit LRA-Rebellenführern im nordugandischen Busch (2003).

Erzbischof John Baptist Odama und andere religiöse Leiter bei Friedensverhandlungen mit LRA-Rebellenführern im nord-ugandischen Busch (2003).

Seit 2008 ist die Situation zwar stabil, aber ein offizielles Friedensabkommen scheiterte, da Rebellenführer Joseph Kony zur Vertragsunterzeichnung nicht erschien. Bis heute leben die Menschen in Angst, dass der Rebellenführer und seine Truppe nach Uganda zurückkehren könnten. Sie sollen sich derzeit im Osten der Demokratischen Republik Kongo aufhalten.

Ein Beispiel unserer Hilfe in Uganda

Das katholische Radio der Diözese Lira hat ein Programm für die von der LRA entführten Kinder ins Leben gerufen. Dort können Familienangehörige Botschaften an die Kinder senden, in denen sie ihnen sagen, dass sie sie lieben und auf ihre Rückkehr warten.

Auch zurückgekehrte Kindersoldaten ermutigen über den Sender ihre ehemaligen Kameraden zur Rückkehr und sagen ihnen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchen.

“Radio Wa” in der Diözese Lira in Uganda hilft Familienangehörigen dabei, Kontakt zu den entführten Kindern zu bekommen. Aufgenommen im Mai 2010.

“Radio Wa” in der Diözese Lira in Uganda hilft Familienangehörigen dabei, Kontakt zu den entführten Kindern zu bekommen. Aufgenommen im Mai 2010.

Die LRA versuchte, diese Bemühungen zu stoppen, in dem sie den Radiosender in Brand steckte. Der Sendemast überstand das Feuer. Mit finanzieller Unterstützung durch KIRCHE IN NOT sendet “Radio Wa” (der Name bedeutet “Unser Radio”) bis heute sein Programm, das zu Frieden und Versöhnung in Uganda beiträgt.

So können Sie helfen:

Mess-Stipendien für Priester in Afrika

Mit Mess-Stipendien können Sie helfen, die Lebensgrundlage vieler Priester zu sichern. Ein Mess-Stipendium ist eine Geldgabe für die Feier einer Heiligen Messe in einem bestimmten Anliegen. Schon seit dem 2. Jahrhundert war es üblich, in der Heiligen Messe Opferspenden zu geben, oder für den Unterhalt der Priester und für die Armen Naturalien zu spenden. Später entwickelte sich die Messgabe zum Mess-Stipendium.

Viele Priester in Afrika können nur dank Mess-Stipendien überleben. Einer schrieb uns: “Die Mess-Stipendien sind wahrhaft ein Segen für uns alle. [...] Wir hatten mehrere Monate gar nichts. [...] Ich verspreche, dass wir den Willen der Wohltäter erfüllen werden. Nochmals vielen Dank und versichern Sie unseren Wohltätern unsere Gebete.”

21.Jul 2010 16:23 · aktualisiert: 26.Jul 2010 15:16
KIN / T. Waitzmann