Ein Jahr nach dem Massaker von Gojra

Christen erinnern mit Gottesdienst an Gewalt – Imame rufen zum Frieden auf

Pfarrer Yakub Masih mit einigen Mitgliedern aus seiner Gemeinde.

Pfarrer Yakub Masih mit einigen Kindern und Erwachsenen aus seiner Gemeinde.

Ein Jahr nach dem Massaker in einem Christenviertel der nordostpakistanischen Stadt Gojra gedachte die Kirche dort am Sonntag der Opfer mit einer Heiligen Messe.

Am 1. August 2009 hatten fast dreitausend aufgehetzte muslimische Fanatiker mit Stöcken und Schusswaffen bewaffnet das christliche Viertel von Gojra gestürmt. Eine achtköpfige Familie war damals in ihrem Wohnhaus eingesperrt und verbrannt worden, mehr als 20 Menschen wurden bei dem Überfall verletzt, über 50 Häuser und zwei Kirchen in Brand gesteckt.

Der Pfarrer von Gojra, Yaqub Masih, sagte zuvor gegenüber KIRCHE IN NOT, dass der Gottesdienst trotz der schwierigen Situation für die Christen vor Ort gefeiert werde. Masih betonte: “Wir haben Angst und fühlen uns verfolgt, aber wir lassen uns nicht davon abhalten, unserer Toten zu gedenken.”

Erst vor wenigen Wochen kam es in der Region erneut zu einem religiös motivierten Mord an Christen. Die beiden Brüder Rashid und Sajid Emmanuel waren vor einem Gerichtsgebäude in Faisalabad erschossen worden, obwohl sie unter Polizeischutz standen, nachdem sie im Gericht zum Vorwurf der Beleidigung des Propheten Mohammed angehört worden waren. Auf ein solches Vergehen steht in Pakistan gemäß den sogenannten “Anti-Blasphemie-Gesetzen” die Todesstrafe oder lebenslängliches Gefängnis.

Nach dem Mord an den Brüdern hatte es weitere antichristliche Unruhen in Faisalabad gegeben. So setzte die Polizei Tränengas gegen eine Menschenmenge ein, die das Elternhaus der Ermordeten angreifen wollte. Mehrere katholische Kirchen wurden mit Steinen beworfen.

Bei einem Gedenkgottesdienst für die Opfer des Massakers von Gojra.

Bei einem Gedenkgottesdienst für die Opfer des Massakers von Gojra.

Der Bischof von Faisalabad, Joseph Coutts, sagte gegenüber unserem Hilfswerk, er fordere Gerechtigkeit für die Opfer, die “unschuldig und unter klarer Missachtung geltenden Rechts” ermordet worden seien. Der Bischof betonte, die beiden Christen seien in der Begleitung von drei Polizisten in aller Öffentlichkeit vor vielen Augenzeugen erschossen worden. “Da sollte es doch nicht so schwierig sein, den Täter zu fassen”, beklagte Bischof Coutts.

Er kündigte an, weiter Druck auf die Behörden auszuüben, denen es nach seiner Aussage “am liebsten wäre, die ganze Angelegenheit unter den Teppich zu kehren”.

Entschädigungen für Christen

Allerdings räumte der Bischof ein, dass es auch Fortschritte gegeben habe. Einer der Polizisten, die die beiden Christen hätten bewachen sollen, sei vom Dienst suspendiert worden. Die Behörden hätten versprochen, den Mordfall weiter zu untersuchen. Die Regierung habe zudem Entschädigungszahlungen für Christen angekündigt, deren Eigentum in den vergangenen Unruhen beschädigt worden sei.

Bischof Coutts zeigte sich besorgt über die andauernden Versuche militanter Gruppen, Christen und Muslime gegeneinander aufzustacheln. So seien die ermordeten Brüder Emmanuel angeklagt worden, weil auf einem offensichtlich gefälschtem Flugblatt mit Beleidigungen des Propheten Mohammed auch die Kontaktdaten der beiden gefunden worden waren.

Bischof Joseph Coutts zündet eine Kerze für dei Opfer des Massakers an.

Bischof Joseph Coutts zündet eine Kerze für die Opfer des Massakers an.

Der Bischof betonte, es sei offensichtlich, dass dieses Dokument nur dazu dienen sollte, zwei Unschuldige in Schwierigkeiten zu bringen. Darum habe auch die Polizei bisher lediglich ermittelt, aber es habe noch keine Anklage gegen die Brüder gegeben.

Sorgen bereiten Bischof Coutts auch die Angriffe militanter Gruppen auf muslimische Heiligtümer wie den Schrein von Lahore. Er sagte, es gebe in Pakistan Fanatiker, die “einfach nur Chaos verursachen und die Ordnung zerstören wollen”.

Bischof Coutts vermutet, dass jene Gruppe auch hinter der Ermordung der beiden Christen vergangene Woche stehen könnte. Er betonte, der sichtbare Fanatismus repräsentiere nur die Sichtweise einer Minderheit unter den Muslimen, aber er bringe die Stimme der Mehrheit zum Schweigen.

Bischof Coutts befürchtet, dass sich die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen weiter verschlechtern könnten. “Es steht auf Messers Schneide”, sagte der Bischof. Daher versuche er, gemeinsam mit führenden Politikern und Imamen, die interreligiösen Beziehungen zu heilen. Ein wichtiger Durchbruch sei dabei während der vergangenen Freitagsgebete erzielt worden, als Imame in Faisalabad die Menschen zu Toleranz und Achtung der Menschenwürde aufriefen.

Unser Hilfswerk bittet Freunde und Wohltäter um das Gebet für die Christen in Pakistan und für ein friedliches Zusammenleben der Religionen. Wir unterstützen die katholische Kirche vor Ort zum Beispiel durch Existenzhilfen für Priester, Hilfe bei der Renovierung und dem Neubau von kirchlichen Gebäuden sowie durch geistliche Literatur in der Landessprache.

So können Sie die verfolgten Christen weltweit unterstützen:

Veranstaltungs-Tipp:
“Kreuzweg für die verfolgte Kirche” am 19. September

Kreuz im Sonnenuntergang. Das Bild entstand in Israel.

Kreuz im Sonnenuntergang. Das Bild entstand in Israel.

Am Sonntag, den 19. September, beten wir im Augsburger Dom einen “Kreuzweg für die verfolgte Kirche”. Prälat Dr. Bertram Meier (Referat Weltkirche der Diözese Augsburg) wird den Kreuzweg leiten. Beginn ist um 17 Uhr.

Die internationale Kreuzwegbetrachtung wird mitgestaltet von vietnamesischen Christen im deutschen Exil. Unser Sendepartner Radio Horeb überträgt den Kreuzweg auch live im Radio.

Bereits im vergangenen September hatten wir in Augsburg eine Kreuzweg-Andacht in den Anliegen der verfolgten Kirche veranstaltet. Diese bieten wir Ihnen auch auf CD an.

Irakische Christen gestalteten den Kreuzweg mit ihren traditionellen Kirchengesängen. Die durch Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat vertriebenen Christen berichteten über ihr Schicksal.

Die CD enthält außerdem Impulse des in Russland lebenden deutschen Pfarrers Erich Maria Fink. Er berichtete über die schwierigen Umstände, unter denen der Glaube in Russland zur Zeit der Sowjetunion überlebt hat.

Die CD “Kreuzweg für die verfolgte Kirche” können Sie unentgeltlich in unserem Münchner Büro bestellen:
KIRCHE IN NOT
Lorenzonistr. 62
81545 München
Telefon: 089 / 64 24 888 – 0
Fax: 089 / 64 24 888 50
E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de

oder ganz bequem in unserem Bestelldienst.

27.Jul 2010 12:22 · aktualisiert: 18.Feb 2014 20:46
KIN / S. Stein