Deutsche Heimatvertriebene: 60 Jahre Charta und Wiesbadener Abkommen

Meilensteine christlicher Aussöhnungsbemühungen – Ein Beitrag von Prof. Grulich

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Am 4. und 5. August jähren sich zwei wichtige Abkommen der deutschen Heimatvertriebenen zum 65. Mal.

Am 4. August 1950 wurde von tschechischen und sudetendeutschen Politikern in Wiesbaden das so genannte “Wiesbadener Abkommen” unterzeichnet. Einen Tag später wurde die “Charta der deutschen Heimatvertriebenen” in Stuttgart-Bad Cannstatt von Vertretern ostdeutscher Vertriebenenverbände und Landsmannschaften unterzeichnet.

Anlässlich dieses Doppeljubiläums veröffentlicht KIRCHE IN NOT nachstehend einen Text von Prof. Dr. Rudolf Grulich zur Thematik. Prof. Grulich ist katholischer Theologe und Kirchenhistoriker. Daneben ist er, selbst Vertriebener aus Mähren, Experte für Vertriebenengeschichte im Nachkriegsdeutschland:

Die “Charta der deutschen Heimatvertriebenen”, die am 5. August 1950 unterzeichnet wurde, ist in Deutschland relativ bekannt. Damals riefen Vertreter von 16 ostdeutschen Vertriebenenverbänden und Landsmannschaften zum Aufbau Deutschlands und Europas auf und bekundeten ihren Verzicht auf Rache und Vergeltung für die Vertreibung, nicht aber auf das Recht auf ihre verlorene Heimat.

Die Unterzeichner der Charta versprachen, “jedes Beginnen mit allen Kräften zu unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können”.

Sie riefen die Völker der Welt auf, ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen zu empfinden und zu erkennen, dass dieses Schicksal ein Weltproblem sei, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordere.

Ehemaliges Kasernengelände in Königstein wird Zentrum der Vertriebenenseelsorge. Aussendung einer Kapellenwagenmission 1951: Busse aus zweiter Hand wurden zu Kapellenwagen umgebaut.

Ein ehemaliges Kasernengelände in Königstein im Taunus wurde zum Zentrum der Vertriebenenseelsorge. Das Foto entstand bei der Aussendung der Kapellenwagen im Jahr 1951. Heute befindet sich in dem Haus die Internationale Zentrale von KIRCHE IN NOT.

Die Charta von 1950 verlangte auch: “Die Völker sollen handeln, wie es ihren christlichen Pflichten und ihrem Gewissen entspricht.” Wir, die deutschen Heimatvertriebenen, sind auch nach einem halben Jahrhundert nicht so pessimistisch, zu glauben, Deutschland und Europa hätten kein Gewissen mehr.

Aber die Gegner des Bundes der Vertriebenen wissen nicht mehr, dass es die Kirchen waren, die damals im zerstörten Deutschland den Weltfrieden retteten. Tausende ostdeutsche Priester, die mit ihren Gläubigen 1945/46 vertrieben wurden, predigten schon in den Massenlagern, was 1950 auch die Charta ausdrückte: “Gedanken der Rache sollen nicht Macht gewinnen über unsere Herzen.”

Das Wiesbadener Abkommen von 1950

Weniger bekannt als die Charta ist ein Abkommen, das einen Tag zuvor von tschechischen und sudetendeutschen Politikern in Wiesbaden unterzeichnet wurde: Am 4. August 1950 trafen sich der tschechische General Lev Prchala, Vorsitzender des 1940 in London gegründeten “Tschechischen Nationalausschusses”, und sein Landsmann Vladimir Pekelsky mit den Sudetendeutschen Dr. Rudolf Lodgman von Auen, Dr. Richard Reitzner und Hans Schütz und unterzeichneten das “Wiesbadener Abkommen”.

Laut dem Sudetendeutschen Rudolf Ohlbaum war dies “ein unerhörter, Aufsehen bei Gut- wie bei Bösgesinnten erregender Vorgang, dass hier Vertreter zweier miteinander verfeindeter Völker aus demokratischer Weltanschauung heraus einander die Hand reichten unter Ablehnung einer Kollektivschuld und des aus ihr fließenden Rachegedankens und mit Blick auf ein einheitliches Europa”.

Das Wiesbadener Abkommen wollte einen hoffnungsvollen Ansatz für eine tiefgehende Aussöhnung von Deutschen und Tschechen bieten, nach der Vertreibung der Sudetendeutschen von 1945 und 1946 aus der Tschechoslowakei.

Gegen das Abkommen gab es damals von tschechischer Seite wüste Hetze. Aber es schrieb im sudetendeutschen “Volksboten” auch ein tschechischer Exilpolitiker von einem “verheißungsvollen Anfang” und erklärte: “Es wird an uns Tschechen liegen, den nächsten Schritt in dieser Richtung zu tun.”

Lev Prchala, den die Prager Presse als faschistischen Emigrantengeneral bezeichnete, tat selbst diesen Schritt, obwohl er im Ausland auch vom katholischen tschechischen Exil systematisch verleumdet wurde.

Zwei Geistliche, denen die Seelsorge der Vertriebenen wichtig war. Prälat Adolf Kindermann und Pater Werenfried van Straaten.

Zwei Geistliche, denen die Seelsorge der Vertriebenen wichtig war. Prälat Adolf Kindermann und Pater Werenfried van Straaten.

Auf der Weltkonferenz für moralische Aufrüstung im Schweizer Ort Caux im selben Jahr bat der General die Deutschen um Vergebung:

“Ich fühle mich verpflichtet, die Sünden, die mein Volk gegenüber dem Nachbarvolk begangen hat, nicht nur zu bekennen, ich möchte mich bei meinen sudetendeutschen Freunden dafür entschuldigen, besonders für das Unrecht, das wir Tschechen ihnen angetan haben. Ich verspreche, alles zu tun, um den Schaden, den wir ihnen zugefügt haben, wieder gut zu machen und mit ihnen eine bessere und glücklichere Zukunft im Geiste von Caux aufzubauen.”

Am 29. Juli 1951 hielt Prchala bei einer Tagung in Königstein im Taunus einen grundlegenden Vortrag, der als ein Meilenstein der deutsch-tschechischen Aussöhnung angesehen werden muss.

Vom 25.-29. Juli waren auf Einladung der sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde auch Vertreter westeuropäischer Nationen und der ehemalige slowakische Minister Prof. Dr. Matus Cernak nach Königstein gekommen, um über eine neue Ordnung in einem neuen Europa zu beraten.

“Für die Freiheit der Menschen und das Recht der Völker kämpfen”

Prchala sprach als ein Europäer der ersten Stunde und sagte in seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede:

“Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist es unsere heilige Pflicht, auch weiterhin für die Freiheit der Menschen, für das Recht der Völker auf ihr Selbstbestimmungsrecht, für eine freiwillige Föderation der Völker Europas und damit für eine freie und glückliche Heimat zu kämpfen. Unseren Kampf führen wir im Geiste tausendjähriger christlicher Tradition und Verpflichtung nicht nur unseres Volkes, sondern des gesamten Abendlandes.

In Europa haben wir Platz genug, wenn wir nur als Europäer denken und wenn wir wie zivilisierte Menschen handeln. Jedem das Recht auf seine Heimat anzuerkennen, ist eine der ersten Vorbedingungen eines solchen Denkens und Handelns. Denn das ist Recht und das ist Moral. Und wo Moral und Recht herrschen, dort wird auch Frieden sein. Frieden unter den Menschen, Frieden unter den Völkern.”

Der “Ruf von Königstein”

Prchalas Rede erschien komplett in der Wochenzeitung “Volksbote” und mit den anderen Beiträgen der Tagung in der Schriftenreihe der Ackermann-Gemeinde unter dem Titel “Wegbereiter einer neuen Ordnung”. An die Tagung hatten Papst Pius XII., Bundeskanzler Konrad Adenauer und Josef Kardinal Frings Telegramme geschickt. Unter den Teilnehmenden waren auch die Bundesminister Hans Lukaschek und Hans-Christoph Seebohm. Presseberichte sprachen vom “Ruf von Königstein”.

“Was sich vom 25.-29. Juli dieses Jahres in Königstein im Taunus ereignete, war die geistig gewaltigste Kundgebung der Vertriebenen und wohl die imposanteste Manifestation dieses Jahres in Westdeutschland, ja in Europa überhaupt”, schrieb eine Wochenzeitung über die Europatagung, zu der sich Dauerteilnehmer und 5 000 Zuhörer zur Schlusskundgebung versammelt hatten.

Die Bedeutung dieser Tagung in Königstein sollte nicht vergessen werden, noch weniger aber auch das, was der Charta von 1950 vorausging. Bis heute heißt es bekanntlich, Präsident Vaclav Havel sei der erste führende Tscheche gewesen, der sich Anfang 1990 bei den Sudetendeutschen entschuldigt habe. Tatsächlich hatte er damals erklärt, er habe “wie viele seiner Freunde die Vertreibung der Sudetendeutschen stets als zutiefst unmoralische Tat betrachtet”.

Mit dem Wiesbadener Abkommen und der Rede Prchalas 1951 in Königstein gibt es aber Aussagen von Tschechen, die vier Jahrzehnte älter sind und viel weiter gehen als das Bedauern Havels.

Segnung und Aussendung der “Fahrzeuge für Gott” (VW-Käfer für die Diasporamission) in Königstein 1954: Kardinal Josef Frings am Mikrofon, Pater Werenfried van Straaten (zweiter von links) und Prälat Adolf Kindermann (fünfter von links).

Segnung und Aussendung der “Fahrzeuge für Gott” in Königstein 1954: Kardinal Josef Frings am Mikrofon, Pater Werenfried van Straaten (zweiter von links) und Prälat Adolf Kindermann (fünfter von links).

Königstein im Taunus wurde in den frühen Nachkriegsjahren zu einem Zentrum der Vertriebenenseelsorge in Deutschland. Eine Wochenzeitung beschrieb 1951Königstein als den Ort, an dem “Professor Dr. Kindermann das größte und am weitesten in die Zukunft schauende Werk geschaffen hat, das in Deutschland seit 1945 entstanden ist” und an dem “Werenfried van Straaten den Antrieb zu seiner in Europa einmaligen Tat gefunden hat”.

Initiiert von Prälat Albert Büttner, dem Leiter der deutschen Auslandsseelsorge vor und während des Krieges und der Kirchlichen Hilfsstelle in Frankfurt, entstanden als “Vaterhaus der Vertriebenen” seit 1946 in leerstehenden Kasernen die Königsteiner Anstalten mit einem Priesterseminar und einem Gymnasium für die vertriebenen Theologen aus dem Osten. Daraus ging das Albertus-Magnus-Kolleg hervor, dessen Leiter Prälat Prof. Dr. Adolf Kindermann war, der 1974 als Weihbischof starb.

Kindermann sprach später immer wieder von vier Etappen der Bewältigung der Vertreibung:

  1. Zeit der Losung des Propheten Jesaja, “Tröstet mein Volk”, zur Überwindung der materiellen Not
  2. Zeit der geistig-geistlichen Aufarbeitung der Tragödie der Vertreibung, der theologischen Bewältigung des den Vertriebenen auferlegten Schicksals
  3. Zeit der Überwindung und des kommenden Zusammenbruchs der kommunistischen Ideologie
  4. Zeit der Versöhnung mit den Völkern Osteuropas

Kindermann war seiner Zeit voraus und ein Prophet. Wenn er vom Ende der kommunistischen Herrschaft sprach, wurde er verlacht. Als er zum Bischof ernannt wurde, wählte er als Wahlspruch “Contra spem in spem!” (Hoffen wider alle Hoffnung). Dass dies möglich war, hatte ihm sein Freund, der niederländische Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten, gezeigt, der vom belgischen Kloster Tongerlo aus die Ostpriesterhilfe gründete und als “Speckpater” noch heute bei den Vertriebenen unvergessen bleibt.

Pater Werenfried mit Vertriebenenkindern.

Pater Werenfried mit Vertriebenenkindern.

Pater Werenfried hatte nicht nur den Mut, in Belgien und den Niederlanden, also in zwei von den Deutschen 1940 überfallenen und besetzten Ländern, um Hilfe für die ehemaligen Feinde zu betteln. Er predigte sogar in Vinkt, einem belgischen Ort, in dem die deutsche Wehrmacht 1940 alle Männer ab 16 Jahren erschossen hatte.

Für ihn war der Beschluss der Konferenz von Potsdam, alle Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn auszusiedeln, eine Erbsünde der Nachkriegszeit.

Er setzte sich für die Vertriebenen ein, organisierte die Kapellenwagenmission und finanzierte Publikationen in verschiedenen Sprachen. Bei der oben erwähnten Tagung in Königstein 1951 hielt er einen Vortrag.

Pater Werenfried van Straaten erhielt mit Recht Auszeichnungen des Bundes der Vertriebenen, auch verschiedener Landsmannschaften wie den sudetendeutschen Karlspreis, weil er das lebte und umsetzte, was die Charta wollte: am Aufbau nicht nur Deutschlands, sondern Europas mitzuhelfen.

In Königstein erinnert eine Straße an Prof. Adolf Kindermann, sein Grab befindet sich hinter der Kirche St. Marien in der Taunusstadt. Pater Werenfrieds Werk aber lebt auch nach seinem Tod, wächst als internationales Werk KIRCHE IN NOT weiter und leistet Hilfe in aller Welt.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

 

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2.Aug 2010 17:18 · aktualisiert: 7.Aug 2015 09:08
KIN / T. Waitzmann