Indonesien: Christen im “Dialog der Liebe”

Über die Arbeit der katholischen Kirche im größten islamisch geprägten Staat

Pater Paul Klein SVD.

Pater Paul Klein SVD.

Pater Paul Klein SVD arbeitet in Indonesien und koordiniert dort unter anderem die Projekte der katholischen Kirche zur natürlichen Familienplanung.

Während eines Besuchs bei KIRCHE IN NOT berichtete er über seine Arbeit und das Verhältnis der christlichen Minderheit Indonesiens zum Islam. Das Gespräch führte Volker Niggewöhner.

KIRCHE IN NOT: Pater Klein, das Verhältnis der Christen zur muslimischen Mehrheit in Indonesien galt lange Zeit als vorbildlich. In diesem Jahr gab es jedoch bereits 28 gewalttätige Angriffe gegen Christen, zuletzt in der vergangenen Woche, als Muslime einen evangelischen Gottesdienst stürmten. Woher kommt dieser Wandel?
PATER KLEIN: Der Grund ist das Erstarken des fundamentalistischen Islam. Dazu muss man wissen, dass es in Indonesien seit langem eine tolerante Strömung des Islam gab. Sie herrscht bei den Gebildeten vor und ist entstanden, weil die einflussreichen Schichten ihre Kinder lange Zeit auf katholische Schulen geschickt haben, um ihnen die beste Erziehung zukommen zu lassen. Ich kenne muslimische Akademiker, die noch heute das Vaterunser auswendig können.

Solche Muslime werden heute aber immer seltener. Inzwischen spielt der Einfluss der arabischen Staaten, allen voran Libyens, auf das Schulwesen eine immer größere Rolle.

In der Provinz Aceh gibt es unter der islamischen Bevölkerung seit langer Zeit Unabhängigkeitsbestrebungen. Ist die Einheit des Staates ernsthaft gefährdet?
Ich glaube nicht. Die Provinz Aceh ist jenes Gebiet, in dem der Islam in Indonesien erstmals Fuß gefasst hat. Daher trägt jene Region auch den Spitznamen “Veranda Mekkas”. Aufgrund dieses Privilegs haben die Bewohner von Aceh schon seit der Gründung des indonesischen Staates 1945 immer wieder darauf gepocht, eigene Gesetze zu erlassen.

Diese Forderung führte 1999 schließlich dazu, dass in Aceh die Scharia eingeführt wurde. Die Menschen dieser Region haben einen besonderen Stolz. Das hat sich zum Beispiel nach der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 gezeigt, als die Einwohner große Bedenken hatten, Hilfsgelder aus dem “christlichen Ausland” anzunehmen.

Gemeindefest in Kenyabur Baru auf der Insel Borneo / Indonesien, wo wir kürzlich den Bau einer neuen Kirche ermöglichten. Im Hintergrund ist die momentane Kirche zu sehen.

Gemeindefest in Kenyabur Baru auf der Insel Borneo / Indonesien, wo wir kürzlich den Bau einer neuen Kirche ermöglichten. Im Hintergrund ist die momentane Kirche zu sehen.

Ist die Religionsfreiheit in Indonesien ausreichend gesichert?
Die indonesische Verfassung erkennt neben dem Islam den Katholizismus, den Protestantismus, den Buddhismus, den Hinduismus und den Konfuzianismus offiziell als Religionen an. Das heißt, Gläubige dieser Religionen können sich theoretisch von den Gesetzen geschützt frei betätigen.

Das Problem dabei ist die Praxis. Es hängt immer wieder davon ab, ob die muslimische Bevölkerung in einer Region tolerant ist oder nicht. Wenn wir zum Beispiel eine Kirche bauen wollen und die örtlichen Muslime sträuben sich dagegen, haben wir meistens jahrelang Schwierigkeiten, das Vorhaben zu realisieren.

Was sagen die Behörden dazu?
Die halten sich meist vornehm zurück. Es ist eine indonesische Tradition, dass die Meinung der Mehrheit über das, was dem Gemeinwohl dient, sehr hoch geschätzt wird. Für uns als katholische Kirche bedeutet das, dass wir oft sehr viel Geduld und diplomatisches Geschick aufwenden müssen, um die Muslime davon zu überzeugen, dass eine christliche Präsenz mit unserer Caritas und unserem sozialen Engagement auch ihnen zugute kommt.

Anfängliche Skepsis gegenüber kirchlichen Einrichtungen

Gelingt Ihnen diese Überzeugungsarbeit?
Ja – und ich nenne gerne ein Beispiel. Der niederländische Lazaristenpater Paul Janssen hat in Indonesien ein Netz von 99 Betreuungshäusern für behinderte Kinder aufgebaut. Diese Kinder haben es in Indonesien besonders schwer, da sie von ihren Eltern oft aus Scham vor der Öffentlichkeit verborgen werden. Nach anfänglicher Skepsis werden diese Einrichtungen mittlerweile auch von den Muslimen sehr geschätzt. Dieser “Dialog der Liebe” funktioniert also.

Schwieriger ist es bei persönlichen Begegnungen mit muslimischen Würdenträgern. Unsere muslimischen Gesprächspartner treten zumeist nur in der einzigen Absicht an uns heran, uns zu überzeugen, dass der Islam die einzige und wahre Religion ist.

Die Geschichte der Demokratie in Indonesien ist noch jung, aber eine Erfolgsstory. Die Wahlen sind inzwischen so frei wie in kaum einem anderen asiatischen Land, gleiches gilt für die Medien. Was ist aus Ihrer Sicht die größte Gefahr für diesen jungen Staat?
Die größte Gefahr ist, dass die Indonesier sich durch die Korruption selbst zerstören. Ich kenne kein Land, in dem die Korruption so schlimm ist wie hier. Das hat sich auch nach dem Rücktritt Suhartos 1998 nicht gebessert. Der jetzige Präsident Yudhoyono hat in seiner Regierungserklärung geschworen, die Korruption zu bekämpfen. Und tatsächlich werden jetzt immer wieder Menschen festgenommen und wegen Korruption vor Gericht gestellt.

Aber das ist in meinen Augen blinder Aktionismus, Augenwischerei für das Volk. Tatsächlich wird die Korruption von vielen geradezu als Bestandteil der indonesischen Kultur gesehen. Wenn es gelänge, die Korruption auszurotten oder zu minimieren, dann wäre auch die im Land herrschende soziale Ungerechtigkeit an der Wurzel gepackt.

Gläubige versammeln sich in einer Kirche.

Gläubige bei einem Gottesdienst in Indonesien.

Sie sind in der katholischen Kirche Indonesiens zuständig für Familie und Familienplanung. Wie wichtig ist dieses Thema in Indonesien?
Sehr wichtig. Indonesien ist mit über 240 Millionen Einwohnern die viertgrößte Nation der Welt. Um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, propagiert die Regierung die Kleinfamilie. Konkret bedeutet das, Ehepaare, die nicht mehr als zwei Kinder bekommen, werden von staatlicher Seite belohnt.

Dabei wird auch Druck auf Frauen und ihre Familien ausgeübt, denn es werden zum Beispiel Impfungen und Kredite von der Teilnahme an dem staatlichen Familienplanungsprogramm abhängig gemacht. Leider findet dabei in erster Linie die künstliche Empfängnisverhütung Anwendung, die wir als katholische Kirche natürlich nicht fördern können.

Wie lautet die Antwort der Kirche in Sachen Familienplanung?
Zunächst einmal haben wir das Thema zum Gegenstand der Gemeindepastoral gemacht und die Familien über Methoden der natürlichen Empfängnisregelung informiert. Der nächste Schritt war die Ausbildung von Frauen, die diese Methoden dann in die Dörfer getragen und bekannt gemacht haben.

Ich selbst habe das Familienbildungsinstitut LPKK gegründet, das Frauen schult und inzwischen Filialen in fast allen Diözesen hat. Besonders froh bin ich, dass wir so viele Multiplikatoren wie Lehrerinnen und Krankenschwestern erreichen. Auch viele muslimische Frauen bilden sich bei uns weiter.

18.Aug 2010 08:36 · aktualisiert: 15.Nov 2013 11:56
KIN / S. Stein