200 Jahre Unabhängigkeit von Mexiko

“Demokratie ist ein Spiel reicher Leute”

Gespräch mit einem deutschen Pfarrer in der mexikanischen Hauptstadt

Ralf Hirsch, Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken in Mexiko.

Ralf Hirsch, Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken in Mexiko.

Zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Mexikos am 16. September steht das Land inmitten großer gesellschaftlicher Probleme. Es tobt ein Drogenkrieg sowohl zwischen den einzelnen Verbrecherkartellen als auch zwischen den Sicherheitsbehörden und der organisierten Kriminalität.

Im vergangenen Jahr starben während dieser gewalttätigen Auseinandersetzungen über 7700 Menschen. Präsident Felipe Calderón hat seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren 45 000 Soldaten in den Kampf gegen die Drogenmafia entsandt.

Warum der Staat das Problem dennoch nicht in den Griff bekommt und wie die Kirche zu helfen versucht, haben wir den Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken in Mexiko, Pfarrer Ralf Hirsch, befragt. Das Interview führte Volker Niggewöhner.

KIRCHE IN NOT: Pfarrer Hirsch, warum ist der organisierte Drogenhandel ein so großes Problem in Mexiko?
RALF HIRSCH: Weil er auch ein großer Wirtschaftsfaktor ist. Die Drogen werden in verschiedenen Ländern Lateinamerikas angebaut, verarbeitet und exportiert, in erster Linie in die USA. Daher kommt Mexiko eine geografische Schlüsselrolle in diesem Handel zu. Es ist schwierig, die Verflechtungen von Autoritäten und Kriminalität zu lösen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bürgermeister oder sogar Gouverneure durch familiäre Bande Teil dieses korrupten Systems sind. Das kann man aber nicht so leicht nachweisen.

Natürlich gibt es auch viele Polizisten, die versuchen, ihr kärgliches Gehalt durch Dienste für Kriminelle ein bisschen aufzubessern. Es ist auch vorgekommen, dass die Mafia speziell für den Kampf gegen Drogen ausgebildete Polizisten einfach abgeworben hat. Das Drogenproblem hängt also auch mit der wirtschaftlichen Not im Land zusammen, denn die Mafia zahlt einfach besser.

Eine Frau kocht das Essen in einer ärmlichen Hütte in der Region Chiapas / Mexiko.

Eine Frau kocht das Essen in einer ärmlichen Hütte in der Region Chiapas / Mexiko.

Ist die Demokratie angesichts eines solchen Ausmaßes an Korruption in Gefahr?
Demokratie ist ein Idealbegriff. Verarmte und ungebildete Menschen können mit Begriffen wie “Souverän des Staates”, “politische Verantwortung” oder “freiheitliche Grundordnung” nichts anfangen.

Ich werde nie die Unterhaltung mit einem unserer Hausmeister vergessen. Eines Tages ertappte ich ihn dabei, wie er in unserem Sozialzentrum Wahlplakate eines radikalen Politikers anbrachte.

Als ich ihn fragte, ob er denn nicht fürchte, dass dieser im Falle seiner Wahl Mexiko in eine Diktatur verwandeln würde, hat er mir geantwortet: “Was habe ich von der Demokratie? Die Demokratie hat mich arbeitslos gemacht. Die Demokratie ist ein Spiel von ein paar reichen Leuten, die das Volk letztlich ausbeuten.” – Wenn Demokratie nie als ein Wert erfahren worden ist, den es zu verteidigen gilt, ist es schwer, eine demokratische Gesinnung einzufordern.

Könnte man dem Drogenproblem mit internationaler Hilfe beikommen?
Ich wüsste nicht, wie diese internationale Hilfe aussehen sollte. Die jüngsten Beispiele einer solchen Hilfe in Form von militärischer Intervention sind eher abschreckend. Es kann, denke ich, keine Lösung von außen geben. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass sich die Mexikaner selbst für ihr Staatswesen verantwortlich fühlen müssen und nicht zulassen dürfen, dass die organisierte Kriminalität die Oberhand behält.

Eine Frau webt mit einfachen Mitteln.

Eine Frau aus einem Dorf in der Region Chiapas webt mit einfachen Mitteln.

Wie soll das funktionieren, wenn demokratisches Verantwortungsbewusstsein fehlt und die Macht der Drogenkartelle so weit reicht?
Dazu muss viel aufbrechen. Die Herausforderung ist nicht nur die organisierte Kriminalität. Diese ist nur ein Auswuchs, ein Produkt ganz anderer gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Es gibt hier eine extreme Klassengesellschaft, in der Arm und Reich massiv aufeinanderprallen. Große Teile der Bevölkerung sind ohne jede Perspektive und haben keine Aussicht auf Verbesserung ihrer Lage, weil sie keinerlei Bildungschancen haben. Der Hebel muss also bei der sozialen Gerechtigkeit angesetzt werden.

Erhebt die Kirche ihre Stimme gegen Gewalt und Ungerechtigkeit?
Die Kirche setzt sich für die Werte des Lebens ein, für die Sicherheit der Person, für Religionsfreiheit, für Armutsbekämpfung und wendet sich gegen Korruption. Aber Kirche und Staat sind in Mexiko strikt getrennt – auch nach der Rücknahme jener Verfassungsklauseln, die die Kirche bis 1992 diskriminiert hatten. Da es der Kirche von der Verfassung her verboten ist, zur Politik Stellung zu beziehen, bewegt sie sich natürlich auf einem sehr schmalen Grat.

Bei eine Prozession in Mexiko.

Bei einer Prozession in Mexiko.

Was passiert, wenn die Kirche sich dennoch einmischt?
Immer, wenn ein Bischof klar Stellung bezieht und sich Politiker angegriffen fühlen, wird bisweilen recht rüde auf die entsprechenden Artikel der Verfassung hingewiesen. Manche fordern dann sogar, strafrechtlich gegen Bischöfe oder Priester vorzugehen. Auch zu Gewaltakten gegen Geistliche bis hin zum Mord ist es schon gekommen. Politische oder kirchenfeindliche Motive sind aber zumeist schwer nachweisbar.

Was kann die katholische Kirche angesichts dieser enormen gesellschaftlichen Verwerfungen tun?
Das zentrale Engagement in der kirchlichen Pastoral der letzten Jahre liegt in der Bildung. Das wurde maßgeblich angeregt durch den Erzbischof von Mexiko-Stadt, Kardinal Norberto Rivera. Neben der reinen Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten soll ausdrücklich auch ein besseres Bewusstsein der Menschen für gesellschaftliche und soziale Belange gefördert werden. Dazu wurden in den vergangenen Jahren viele Projekte auf lokaler Ebene in den Pfarreien gestartet.

Das mag ein Tropfen auf den heißen Stein sein, aber es gibt kaum Alternativen zur Arbeit der Kirche. Mit Sicherheit ist die katholische Kirche im sozialen Bereich, insbesondere in den nicht staatlich erfassten kleinen Projekten zur Lebensmittelhilfe, bei der Hilfe zur Selbsthilfe, der Ausbildung und beim Angebot von Arbeitsplätzen eine der stärksten gesellschaftlichen Kräfte des Landes.

14.Sep 2010 11:09 · aktualisiert: 23.Jun 2015 10:12
KIN / S. Stein