“Regierung könnte jederzeit Priester verhaften”

Kardinal Joseph Zen Ze-kiun über die Lage der katholischen Kirche in China

Joseph Kardinal Zen Ze-kiun, emeritierter Erzbischof von Hongkong.

Joseph Kardinal Zen Ze-kiun, emeritierter Erzbischof von Hongkong.

Die katholische Kirche in China wächst seit Jahren und befindet sich gegenüber der Regierung dennoch nach wie vor in der Defensive.

Das betrifft sowohl die “offizielle” katholische Kirche unter dem Dach der von der chinesischen Regierung gesteuerten “Patriotischen Vereinigung” als auch die katholische “Untergrundkirche”, die sich der Steuerung durch die Regierung entzieht.

Grund für diese zweigleisige Realität ist die Haltung Chinas, die lediglich eine nationale Kirche ohne Einflussnahme von außen duldet. Eine “Weltkirche” mit dem Papst an der Spitze ist gemäß dieser Haltung undenkbar. Dem emeritierten Bischof von Hongkong, Joseph Kardinal Zen Ze-kiun, wurde wegen seiner Kritik an diesen Zuständen bereits mehrmals Einreiseverbot nach China erteilt.

In einem Interview appelliert er erneut an die chinesische Regierung, ihre Einstellung zu überdenken. Das Gespräch führte André Stiefenhofer.

KIRCHE IN NOT: Eminenz, es gibt inzwischen auch Stimmen aus dem Vatikan, die in Anbetracht der wachsenden katholischen Kirche in China sagen, dass man im “Reich der Mitte” Katholik sein könne, ohne Probleme mit der chinesischen Regierung zu bekommen. Was antworten Sie diesen Stimmen?
KARDINAL JOSEPH ZEN ZE-KIUN: Ich glaube nicht, dass der Heilige Stuhl selbst so etwas jemals gesagt hat. Papst Benedikt XVI. hat zwar immer betont, dass es keinen Widerspruch darstellt, ein guter Katholik und gleichzeitig ein guter Bürger zu sein, aber es ist auch klar, dass in China keine allzu gute Religionspolitik betrieben wird.

Die Religionspolitik Chinas hat sich in ihren Grundzügen seit den Zeiten der Kulturrevolution nicht grundsätzlich geändert. Die Regierung besteht nach wie vor auf einer von Rom unabhängigen Kirche und auf der Autorität der “Patriotischen Vereinigung”. Beides ist für Katholiken nicht akzeptabel. Der Heilige Vater hofft darauf, dass die chinesische Regierung einsieht, dass das religiöse und keine politischen Fragen sind.

Unser Bestreben ist nicht gegen die Regierung gerichtet. Es gehört einfach zur katholischen Kirche, dass sie eine universale, vereinigte Weltkirche unter der Leitung des Heiligen Vaters ist und nicht in voneinander unabhängigen nationalen Kirchen handelt. Das bedeutet auch, dass wir auf diözesaner Ebene nicht von einer “Patriotischen Vereinigung” geleitet werden können, sondern von einem vom Papst ernannten Bischof.

Daher muss die Regierung den Bischöfen ihre volle Autorität zurückgeben. Es ist also nicht wahr, dass wir keine Probleme haben. Im Gegenteil: es gibt viele Probleme.

Joseph Kardinal Zen Ze-kiun war Gast bei unserem Internationalen Kongress Treffpunkt Weltkirche 2006 in Augsburg.

Joseph Kardinal Zen Ze-kiun war Gast bei unserem Internationalen Kongress “Treffpunkt Weltkirche” 2006 in Augsburg.

In den Medien sehen wir aus China immer wieder Bilder mit vollen Kathedralen, in denen Katholiken die Heilige Messe feiern und beten. Deutet das nicht auf größere Toleranz seitens der Regierung hin?
Tatsächlich sind die Kirchen offen, es wurden sogar große und schöne Kirchen neu gebaut, andere wurden renoviert. Die Gläubigen können zum Gottesdienst gehen, singen und die Liturgie feiern. Aber nicht nur das ist Kirche. Die Kirche muss auch organisiert werden. Diese Organisation mag sich von Zeit zu Zeit verändern, aber grundsätzlich gibt es für sie unveränderliche Regeln, die von Jesus Christus vorgegeben wurden.

Jesus hat die Apostel dazu erwählt, die Grundlage der Kirche zu sein. Unter den Aposteln ist der heilige Petrus das Oberhaupt. Für uns heißt das heute, dass der Papst und die Bischöfe die Oberhäupter der Kirche sein müssen.

Aber in China ist es heutzutage eben die “Patriotische Vereinigung”, die die Kirche leitet. Und die Anweisungen für die “Patriotische Vereinigung” kommen von der Regierung. Den Bischöfen ist es zum Beispiel nicht erlaubt, den Papst frei zu kontaktieren. Das ist irregulär und keine volle Freiheit.

“Der Papst ist nicht nur ein geistlicher Führer”

Hat sich das Verhalten der chinesischen Regierung gegenüber der katholischen Kirche seit 1955 nicht geändert?
Nicht substanziell. Man kann natürlich sagen, dass es früher nicht einmal möglich war, für den Heiligen Vater während der Heiligen Messe zu beten. Das ist nun erlaubt, aber ich sehe darin keine große Veränderung und es ist keinesfalls genug. Der Papst ist nicht nur ein geistlicher Führer, sondern das wirkliche Oberhaupt der Kirche.

Man kann alles, was geschehen ist, zwar durchaus als kleinen Fortschritt sehen, denn es ist tröstlich für die Menschen, dass sie in der Kirche den Namen des Papstes aussprechen dürfen. Aber das ist noch lange nicht genug!

Dem Bischof sollte es erlaubt sein, den Papst zu besuchen, um mit ihm zu sprechen. Umgekehrt sollten Bischöfe von außerhalb nach China reisen dürfen, um mit ihren Amtsbrüdern zu sprechen. Aber das ist nicht erlaubt. Auch ich darf nicht nach China einreisen und dort Bischöfe besuchen. Das ist doch nicht normal!

Blick in die voll besetzte Kathedrale von Peking.

Blick in die voll besetzte Kathedrale von Peking.

Ein Priester aus Shanghai sagte uns, dass es in China eine Kirche “auf zwei Ebenen” gebe: die offiziell anerkannte Kirche unter dem Dach der “Patriotischen Vereinigung” und die so genannte Untergrundkirche. Wie verhalten sich diese beiden Ebenen zueinander?
In Shanghai sind diese beiden Ebenen getrennt, aber man kämpft nicht gegeneinander – jeder geht seine Wege. Die offizielle Kirche hat natürlich viel mehr Möglichkeiten. Sie hat ein großes Seminar und schöne Kirchen. Aber sie wird sehr stark von der Regierung kontrolliert. Die Untergrundkirche entzieht sich dagegen der Kontrolle der Regierung. Dadurch ist sie ständig in Gefahr. Die Regierung könnte jederzeit ihre Priester verhaften lassen. Für die Untergrundkirche ist es daher in Shanghai nicht möglich, Priesterseminare zu unterhalten oder Kirchen zu bauen.

Im Norden Chinas ist das anders. Dort gibt es große Gemeinschaften der Untergrundkirche, die durchaus eigene Kirchen haben dürfen. Dort ist die Untergrundkirche nur in geistigem Sinne im “Untergrund”, nicht wie in Shanghai, wo sie nur in Privatwohnungen die Heilige Messe feiern darf und wirklich “im Untergrund” lebt. Die Gläubigen der Untergrundkirche dürfen sich nicht öffentlich treffen und nicht reisen. Kurz gesagt: Sie leiden unter vielen Einschränkungen.

Aber dennoch lehnen sie es ab, den Weisungen der Regierung zu folgen. Sie sehen also, dass beide “Ebenen” der katholischen Kirche in China auf unterschiedliche Weise unterdrückt werden.

“Es liegt an der Regierung, ihre falsche Politik zu ändern”

Welche Zukunft sehen Sie für die Kirche in China, wenn dieser Zustand so weiter geht?
Das hängt von der Regierung ab. Wenn sie die katholische Kirche als “allumfassende” Weltkirche anerkennt und den Papst die Bischöfe ernennen lässt, werden alle Katholiken vereint sein und wir haben keine Probleme mehr. Dann kommt die Untergrundkirche nach oben und wird zur normalen Kirche. Es liegt also an der Regierung, ihre falsche Politik zu ändern.

Die Untergrundkirche kann sich nicht in die Strukturen zwängen, die von der Regierung eingerichtet wurden. Denn diese Strukturen sind ungesetzlich und gegen die Doktrin der Kirche. Die offizielle Kirche hingegen ist schon in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater. Er hat nicht von ihr verlangt, sich offiziell gegen die prekäre Lage zu äußern, in der sich die Kirche in China befindet.

Nichtsdestotrotz sollte die offizielle Kirche Schritt für Schritt darauf hinarbeiten, die Situation zu verändern. Wenn die offizielle Kirche das nicht will, gibt es keine Lösung.

Gläubige bei einem Gebet in der Kathedrale in Peking.

Gläubige bei einem Gebet in der Kathedrale in Peking.

Gibt es Hoffnung, dass die chinesische Regierung ihre Meinung so drastisch ändern könnte?
Ich glaube schon, denn heutzutage haben die Regierungsmitglieder doch die ganze Welt bereist und kennen die weltweite Situation. Sie müssen doch verstehen, dass die katholische Kirche überall dieselbe ist. Egal, ob in den USA, in Deutschland, Frankreich, Italien, in England oder wo auch immer. Warum also kann die Kirche nicht auch in China so sein wie überall sonst auf der Welt?

Nun wird China aber im Gegensatz zu den eben genannten Ländern kommunistisch regiert. Glauben Sie nicht, die Regierung hat Angst, dass die katholische Kirche ähnlich wie einst in Polen auf den Sturz des Kommunismus hinwirken könnte?
Vielleicht fürchtet sie das wirklich, aber diese Furcht ist völlig unbegründet. Denn im Gegensatz zur damaligen Situation in Polen ist die Zahl der Gläubigen in der katholischen Kirche Chinas so verschwindend klein, dass ich da nicht die geringste Wahrscheinlichkeit sehe.

Nächstes Jahr wird KIRCHE IN NOT Ihren Nachfolger auf dem Bischofsstuhl von Hongkong, Bischof John Tong Hon, auf dem 4. Internationalen Kongress “Treffpunkt Weltkirche” in Würzburg zu Gast haben. Wird er seine Meinung frei sagen können?
Selbstverständlich wird er seine Meinung sagen. Er hat schon viel Kritisches über die chinesische Religionspolitik geäußert und steht dazu. Er vertritt dieselben Positionen, die auch ich vertrete, und wir haben uns in unserer Meinung über die Kirche in China verständigt. Ich freue mich sehr, dass Sie ihn eingeladen haben!

Gebet zu Unserer Lieben Frau von Sheshan

Bild auf dem Gebetszettel Muttergottes von Sheshan.

Bild auf dem Gebetszettel “Muttergottes von Sheshan”.

Heilige Jungfrau Maria, Mutter des menschgewordenen Wortes Gottes und unsere Mutter, du wirst im Heiligtum von Sheshan als “Hilfe der Christen” verehrt, auf dich schaut mit Andacht und Liebe die ganze Kirche in China, zu dir kommen wir heute, um dich um deinen Schutz anzuflehen.

Richte deine Augen auf das Volk Gottes und führe es mit mütterlicher Sorge auf den Wegen der Wahrheit und der Liebe, damit es unter allen Umständen Sauerteig für ein harmonisches Zusammenleben aller Bürger sei.

Bereitwillig hast du in Nazareth dazu Ja gesagt, dass der Ewige Sohn Gottes in deinem jungfräulichen Schoß Fleisch annehme und so das Werk der Erlösung in der Geschichte beginne.

Mit großer Hingabe, bereit, deine Seele vom Schwert des Schmerzes durchdringen zu lassen, hast du dann an diesem Werk der Erlösung mitgewirkt bis zu jener äußersten Stunde des Kreuzes, als du auf Golgota aufrecht stehen bliebst neben deinem Sohn, der starb, damit die Menschheit lebe.

Von da an bist du auf neue Weise zur Mutter all jener geworden, die im Glauben deinen Sohn aufnehmen und bereit sind, ihm zu folgen und sein Kreuz auf die Schultern zu nehmen.

Mutter der Hoffnung, die du in der Dunkelheit des Karsamstags mit unerschütterlichem Vertrauen dem Ostermorgen entgegengegangen bist, schenke deinen Kindern die Fähigkeit, in jeder Situation, mag sie auch noch so düster sein, die Zeichen der liebenden Gegenwart Gottes zu erkennen.

Unsere Liebe Frau von Sheshan, unterstütze den Einsatz all derer, die in China unter den täglichen Mühen weiter glauben, hoffen und lieben, damit sie sich nie fürchten, der Welt von Jesus und Jesus von der Welt zu erzählen.

An der Statue, die über dem Heiligtum thront, hältst du deinen Sohn hoch und zeigst ihn der Welt mit ausgebreiteten Armen in einer Geste der Liebe. Hilf den Katholiken, stets glaubwürdige Zeugen dieser Liebe zu sein, indem sie mit dem Felsen Petrus vereint bleiben, auf den die Kirche gebaut ist. Mutter von China und von Asien, bitte für uns jetzt und immerdar. Amen!

Gebet von Papst Benedikt XVI.

20.Sep 2010 15:10 · aktualisiert: 20.Feb 2014 12:12
KIN / S. Stein