Spielball zwischen muslimischen Konflikten

Vor fünf Jahren stimmten die Iraker für eine neue Verfassung in ihrem Land ab

Erzbischof Louis Sako berichtete in Brüssel über die Lage der Chisten im Irak.

Erzbischof Louis Sako berichtete im Europäischen Parlament in Brüssel über die Lage der Chisten im Irak (Foto: Europäische Union)

Am 15. Oktober 2005 gab es im Irak ein Referendum über eine neue Verfassung. Sie wurde damals mit großer Mehrheit angenommen.

In Artikel 2 ist festgelegt, dass der Islam die offizielle Religion des Landes ist und damit auch die Quelle für Gesetz und Rechtsprechung. Es darf kein Gesetz erlassen werden, das den universell gültigen Lehren des Islam widersprechen würde.

Gleichzeitig steht in Artikel 2 aber auch, dass kein Gesetz verabschiedet werden darf, das den Grundsätzen der Demokratie oder grundlegenden Freiheitsrechten, wie Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, widerspräche.

Für die Christen im Land, die seit dem ersten Jahrhundet auf dem Gebiet des heutigen Irak leben, hatte der Ausgang des Referendums positive und negative Auswirkungen. Ihnen ist zum Beispiel erlaubt, eigene politische Parteien zu gründen. Sie erhielten auch ehemalige kirchliche Schulen zurück, die in der Zeit der Diktatur von Saddam Hussein verstaatlicht wurden.

Allerdings beobachten Kirchenvertreter mit Sorge, dass islamisches Denken und der Einfluss der Scharia im politischen und gesellschaftlichen Leben deutlich zugenommen haben. Außerdem geraten Christen zwischen die Fronten islamischer Strömungen der Schiiten und Sunniten. Militante Gruppen der Schiiten und Sunniten kämpfen im Land um die Vorherrschaft.

Louis Sako, Erzbischof von Kirkuk im Nordirak, schilderte Anfang Oktober im Europäischen Parlament in Brüssel auf einem Seminar über Christenverfolgung eindrücklich die Lage der Christen im Irak. Er sei besorgt über den Zuwachs des religiösen Extremismus und den politischen Islam.

Im Jahr 2006 wurde die Kathedrale von Kirkuk bei einem Anschlag stark beschädigt.

Im Jahr 2006 wurde die Kathedrale von Kirkuk, dem Bischofssitz von Erzbischof Louis Sako, bei einem Anschlag stark beschädigt.

Unter diesem massiven Druck hätten hunderttausende Christen das Land bereits verlassen oder seien in den vergleichsweise ruhigeren Norden geflohen, sagte er. Aber auch dort kam es in den vergangenen Jahren zu Angriffen auf Priester und Bischöfe. Heute gibt es im ganzen Land rund eine halbe Million Christen. Vor 2003, dem Jahr der Invasion der alliierten Truppen im Irak, gab es noch doppelt so viele.

Erzbischof Sako befürchtet, dass eines Tages das Christentum im Irak sogar völlig verschwinden könnte, wenn die Entwicklung so weiterginge. Seit dem durch amerikanische Truppen geleiteten Einmarsch vor sieben Jahren seien über 50 Kirchen angegriffen worden. Ein Bischof und drei Priester seien entführt und 900 Christen ums Leben gekommen.

Bei der Veranstaltung in Brüssel sprach er sich für den Verbleib der allierten Truppen im Irak aus. Die internationale Gemeinschaft solle sich verstärkt um die religiösen und ethnischen Minderheiten kümmern, damit sie im Land bleiben und ihr Erbe schützen könnten. Derzeit sieht Louis Sako allerdings nur zwei Möglichkeiten für Christen im Irak: entweder auswandern oder akzeptieren, dass man Bürger zweiter Klasse sei.

Irakische Christen in einer Kirche.

Irakische Christen in einer Kirche.

Doch das Aussterben des Christentums im Irak könnte womöglich noch aufgehalten werden. Dazu bedürfe es allerdings klarer und präziser Pläne für die Zukunft – nicht nur zum Schutz der Christen, damit sie bleiben können, sondern auch zur Versöhnung aller Iraker untereinander.

Die internationale Gemeinschaft solle sich verantwortlich fühlen und den Behörden im Irak klar machen, dass die Würde der Person und deren Rechte akzeptiert werden müssen, ohne Diskriminierungen von Muslimen und Nichtmuslimen. Sie solle gleichzeitig auch die Rückkehr der Christen in den Irak fördern. Erzbischof Sako schlug vor, dass man in den Dörfern, in denen Christen lebten, beispielsweise Bildungs- und landwirtschaftliche Projekte fördern könnte.

Von der momentan stattfindenden Nahost-Synode, die Erzbischof Louis Sako maßgeblich mit angeregt hatte, erhofft er sich, dass sie die Aufmerksamkeit der ganzen Kirche auf die schwierige Lage der Christen in dieser Weltregion lenkt und dass durch eine größere innere Geschlossenheit der Kirche wirksame Lösungen gefunden werden können.

Erzbischof Louis Sako ist im kommenden Jahr Gast bei Veranstaltungen von KIRCHE IN NOT. Wir freuen uns über seine Teilnahme am Samstag, dem                 5. Februar 2011, beim VIII. Pater-Werenfried-Jahresgedenken in Köln und beim        “4. Internationalen Kongress Treffpunkt Weltkirche” vom 18. bis 20. März in Würzburg.

So können Sie den verfolgten Christen im Irak helfen:

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

15.Okt 2010 09:54 · aktualisiert: 15.Nov 2013 14:54
KIN / S. Stein