Ein Anwalt der Seelen

Der unspektakuläre Weg des Sebastian Shah in Pakistan

Sebastian Shah, Weihbischof aus Lahore / Pakistan.

Sebastian Shah, Weihbischof aus Lahore / Pakistan.

Der Herr gab es ihm im Schlaf. Der junge Sebastian Shah war von seinem Dorf im Südosten Pakistans zu einem Vorstellungsgespräch in die Stadt Karatschi gekommen. Seine Familie hatte ihm geraten, sich bei der Marine zu bewerben. Die Mutter war Witwe, die Schwester hatte Tuberkulose, sie und zwei kleinere Brüder brauchten Hilfe.

Sebastian hatte seit seiner Kindheit mit dem Gedanken gespielt, Priester zu werden. Das kleine Haus der Familie lag neben der Kirche, morgens und abends betete er vor dem Allerheiligsten, meistens mit den Eltern.

Sein Onkel riet ihm, Anwalt zu werden. Sein Vater sagte: Ja, Anwalt der Seelen. Dann starb der Vater, Sebastian war gerade zwölf Jahre alt. “Mutter musste schwer arbeiten, um uns großzuziehen”, erinnert sich Sebastian.

Nach der Reise trat er um acht Uhr morgens in die Kathedrale, hatte noch eine halbe Stunde bis zum Bewerbungsgespräch. Er setzte sich in die letzte Reihe neben das Bild der Muttergottes der immerwährenden Hilfe und fing an, den Rosenkranz zu beten – und schlief ein. Um neun wachte er auf, lief zur Kaserne, das Tor war verschlossen, die Chance vorbei. Der Onkel schimpfte, die Mutter lächelte und Sebastian meinte: “Gott will, dass ich Priester werde.” Aber was für ein Priester?

Die Priester seiner Gemeinde schickten ihn zum Kardinal nach Lahore. In der Nacht zuvor hatte er einen Traum: Ordensbrüder im braunen Habit standen um ihn, luden
ihn ein, Gott ein Loblied zu singen. Dann knieten sie nieder, Sebastian auch. Als er aufwachte, wusste er: “Okay – Gott will, dass ich Franziskaner werde.” Und er wurde es.

Kinder aus Pakistan beim Gebet.

Kinder aus Pakistan beim Gebet.

Das ist die Berufungsgeschichte des Sebastian Shah – völlig unspektakulär und normal. Gott greift ein in den Alltag, in den Schlaf, in der Begegnung mit anderen Menschen. Sebastian war offen für den Willen Gottes.

Immer wieder fragte er Gott, wie es in seinem Leben weitergehen solle: als seine Schwester starb, als er seine Studien der Politik- und Wirtschaftswissenschaften beendet hatte, als er seine Doktorarbeit in Theologie in Manila über “Religiöse Motivationen” fortsetzen wollte, sein Orden ihn aber in Pakistan brauchte, weil zwei
Patres gestorben waren.

Er betete, und Gott gab ihm eine Antwort. Schließlich wurde er Provinzial der Franziskaner in Pakistan, Rektor des Seminars von Lahore und am 25. April 2009 mit 52 Jahren zum Weihbischof in der größten Diözese des Landes geweiht.

Gottesdienst in Pakistan.

Gottesdienst in Pakistan.

Gott lenkt auf ganz normalen Wegen. Auch in einem Land, in dem es lebensgefährlich sein kann, ein Christ zu sein. Sebastian Shah ist Anwalt der Seelen. Er tröstet die Hinterbliebenen von ermordeten Christen, er sucht die Versöhnung, er hilft Flüchtlingen. “Gott gibt uns Weisheit, um mit anderen Menschen zu leben, Toleranz ist das schönste Geschenk Gottes, um andere zu verstehen.” Aber es setzt voraus, dass man sich selbst und seinen Glauben versteht.

Bischof Sebastian Shah arbeitet für dieses Verständnis. Mit einem einfachen Katechismus: “Das ist unser Glaube.” Er ist vergriffen, wir helfen dem jungen Bischof für eine Neuauflage und für andere Projekte. “Wir brauchen keine großen Debatten, wir brauchen das Zeugnis des gelebten Glaubens”, sagt er. Je schlichter, desto glaubwürdiger. Solch ein Zeugnis gibt Hoffnung -  gerade in Krisengebieten wie Pakistan. Gott greift ein und wir dürfen helfen.

Ihre Hilfe für die Menschen in Pakistan:

Noch immer sind weite Teile des Landes überflutet, vor allem in der Provinz Sindh im Südosten Pakistans. Laut Auswärtigem Amt sind auch Landstriche im Norden immer noch von der Außenwelt abgeschnitten.

KIN / S. Stein