“Jesus Christus als einzigen Retter verkünden”

Ivorischer Bischof im Interview zu Herausforderungen der katholischen Kirche vor Ort

Bischof Ignace Bessi Dogbo zu Besuch bei KIRCHE IN NOT.

Bischof Ignace Bessi Dogbo zu Besuch bei KIRCHE IN NOT.

Am 28. November fand in der Elfenbeinküste (offizieller Name: Côte d’Ivoire) eine Stichwahl statt. Die Ivorer waren aufgerufen, zwischen den beiden Kandidaten zu entscheiden, die bei der Präsidentschaftswahl am 31. Oktober die meisten Stimmen erhalten haben.

Mitte Oktober hatten wir in München Bischof Ignace Bessi Dogbo aus der Elfenbeinküste zu Gast. Der Ivorer berichtete ausführlich über das westafrikanische Land. Aus seiner Einschätzung zur politischen und wirtschaftlichen Situation der Elfenbeinküste nach dem Bürgerkrieg und vor der Wahl haben wir in einem früheren Artikel bereits zitiert.

Weiter sprach der Bischof ausführlich über die derzeitigen Herausforderungen der katholischen Kirche vor Ort, unter anderem über Evangelisierung und das Zusammenleben mit anderen Religionen.

Das vollständige Interview mit dem Bischof können Sie hier als PDF-Dokument abrufen. Nachstehend bringen wir einen weiteren Auszug.

KIRCHE IN NOT: Herr Bischof, vor dreieinhalb Jahren, am 04. März 2007, endete der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste mit dem Vertrag von Ouagadougou. Wie sieht die politische und wirtschaftliche Situation des Landes zurzeit aus?

BISCHOF IGNACE BESSI DOGBO: Auf wirtschaftlicher Ebene hatten wir die Situation eines Wachstumsmangels. Es gab kaum Investitionen, weil die Investoren durch die Weder-Krieg-noch-Frieden-Situation misstrauisch waren. Daher war die Wirtschaft ohne Weiterentwicklung, in einer Flaute. Die Bauern konnten trotz der Flaute die Produktion von Lebensmitteln fortführen. Auch hat man nördlich der Region, in der ich lebe, die Produktion von Baumwolle wieder aufgenommen, die man zurückgefahren hatte, denn Baumwolle verkaufte sich schlecht. Man hat also einiges wiederaufgenommen. Generell gesprochen, befindet sich das Land in einer abwartenden Haltung, man wartet ab, was passiert.

Vorausgesetzt, dass sie Wahl ruhig verläuft, wird es wirtschaftlich schnell wieder bergauf gehen. Das Land hat immerhin viele Ressourcen, auch bergbauliche – das wirtschaftliche Klima ist trotz allem günstig. Daher wird es schnell weitergehen mit der Entwicklung. Wir fürchten jedoch, dass das Ergebnis wie bei vielen afrikanischen Wahlen in Zweifel gezogen werden könnte. Auch könnte es zu Gewalttätigkeiten kommen. Wir hoffen, dass alles gut geht und wir nicht wieder einen Schritt zurückgehen.

Bischof Ignace Bessi Dogbo mit der Geschäftsführerin Karin Maria Fenbert.

Bischof Ignace Bessi Dogbo mit der Geschäftsführerin Karin Maria Fenbert.

Spricht man eigentlich im Land selbst von einem Bürgerkrieg oder nur von einer Krise?
Seit 1999 bestand eine Wirtschaftskrise. 2002 brach dann der Bürgerkrieg aus mit einem bewaffneten Aufstand gegen die Regierung. Nach der Teilung des Landes in zwei Zonen (Anm. d. Red.: Rebellen im Norden, Regierung im Süden) unter Einsatz von UNO-Truppen hat sich die Lage schnell beruhigt. 2004 kam es zu einem Luftangriff der Regierungstruppen auf Ziele im Norden des Landes. Das war die letzte große kriegerische Auseinandersetzung. Seitdem ist es relativ ruhig.

Sie kommen aus der Diözese Katiola im Rebellengebiet. Wie ist das Verhältnis mit den “Forces Nouvelles”, den Rebellen?
Die Stadt Katiola liegt nur 50 km von der Stadt Bouaké entfernt, dem Zentrum der Rebellen, der “Forces Nouvelles”. In Katiola selbst ist es sehr ruhig, denn es ist eine kleine Stadt, die vor dem Krieg nur 40 000 Einwohner hatte. Die Diözese reicht sehr weit, mit Entfernungen von bis zu 305 km. Sie ist dünnbesiedelt: Bei einer Fläche von 32 000 km² waren es vor dem Krieg nur rund 459 000 Einwohner.

Hier ist es während der Krise friedlich geblieben. Es gab wenig Gewalt, lediglich ein paar Raubfälle oder Beschädigungen von Zäunen. Ganz im Gegensatz zu Bouaké, das oft genug Ort der Auseinandersetzung war.

Es gibt etwa 50 000 katholische Christen in Ihrer Diözese …
Das ist die Zahl der Volkszählung von vor dem Krieg. Jetzt weiß man es nicht mehr, da auch in der Verwaltung alles durcheinandergebracht wurde. Wenn nach der Wahl alles ruhig bleibt, bekommen wir vielleicht bald wieder aktuelle Angaben, der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung vor dem Krieg betrug jedenfalls 11 Prozent. Auf das Land bezogen dürften es grob geschätzt 25 Prozent sein.

Bischof Ignace Bessi Dogbo feiert die Heilige Messe in unserer Kapelle.

Bischof Ignace Bessi Dogbo feiert die Heilige Messe in unserer Kapelle.

Und der Anteil der protestantischen Kirchen?
Der liegt in unserer Diözese bei einer guten Null. Es gibt deshalb nur wenige Protestanten im Norden, weil sich die christlichen Kirchen in der Mission der Elfenbeinküste im Voraus organisiert hatten.

Die Methodisten konzentrierten sich auf den Süden des Landes, die Baptisten auf den Westen. Hier im Norden missionierten die Protestanten nicht wirklich. Erst jetzt fängt man ein wenig damit an.

Die Protestanten haben in der Stadt Katiola ihre Kapelle, ihren Tempel, wie man hier sagt, der viel kleiner ist als das Gebäude der katholischen Kirche, die hier in den Regionen im Norden vorherrschend angesiedelt ist. Ich kenne die Anzahl der Protestanten nicht, sie sind jedenfalls ein sehr kleiner Bevölkerungsanteil.

Wie stark sind die anderen Religionen in Ihrer Diözese vertreten?
Es gibt einen mir prozentual unbekannten Anteil an Muslimen. Die Muslime leben hauptsächlich in den größeren Städten, aufgrund des Handels; in den Dörfern leben kaum welche. Auf das ganze Land bezogen machen die Muslime etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Der größte Teil der Einwohner gehört der traditionellen Religion an, also der Naturreligion, dem Animismus. Prozentual kann ich das nicht sagen. Wir müssen warten, bis es wieder mal eine Volkszählung gibt. Die Anhänger der Naturreligion kann man übrigens äußerlich kaum von Muslimen unterscheiden, weil sie sich auf dieselbe Weise kleiden wie die Muslime.

Welche sind die größten Herausforderungen für die katholische Kirche in Ihrer Diözese?
Derzeit führen wir eine Pastoral der Evangelisation fort, um neue Kirchen aufzubauen und neue Pfarreien zu schaffen. Das ist auch verbunden mit neuen Berufungen. Wir haben zwar nicht wenige Berufungen, doch nicht genügend bei uns im Norden. Wir verdanken übrigens KIRCHE IN NOT viel an Hilfe, vor allem in Form von Mess-Stipendien zur Existenzsicherung unserer Priester. Auch hat uns Ihr Hilfswerk einen Kopierer für die Diözesanverwaltung finanziert.

Bischof Ignace Bessi Dogbo mit zwei Priestern der Diözese Katiola, Elfenbeinküste. Sie bedanken sich bei KIRCHE IN NOT für die Unterstützung.

Bischof Ignace Bessi Dogbo mit zwei Priestern der Diözese Katiola, Elfenbeinküste. Sie bedanken sich bei KIRCHE IN NOT für die Unterstützung.

 

In meiner Diözese gibt es bisher nur 20 Pfarreien, was nicht viel ist. Ich bin dabei, zusätzliche zu schaffen, aber das hängt auch ab von der Bevölkerung und der Entwicklung der Evangelisierung. Die Gebiete im Norden sind wegen ihrer Kultur schwer zu durchdringen. Das Volk hat eine Kultur, die traditionell sehr stark und sehr organisiert ist. Das bedeutet, dass das Evangelium nur langsam und Stück für Stück einsickern kann. Man muss also weiter und in die Tiefe evangelisieren.

Dieses Jahr sind wir im Großen vorgegangen mit dem Slogan “Jesus Christus, einziger Retter”. Gegenüber einer so stark organisierten Kultur muss man Jesus Christus als den Einzigen verkünden, der das wahre Heil gibt. Das braucht Zeit. Man braucht Personal, Priester sowie Katecheten, die die Priester unterstützen. Derzeit haben wir eine gute Zahl an Katecheten.

Neue Pfarreien, neue Berufungen

Wir haben 2000 Angestellte in den Pfarreien, haben zwei neue Pfarreien eröffnet, und es gibt ein weiteres Pfarreigründungsprojekt in der Stadt Combe, in einer Region, die als rein muslimisch gilt. Wenn Sie in die Stadt Combe kommen, haben Sie den Eindruck, alle Einwohner seien Muslime. Aber es gibt in und um Combe auch die ethnische Gruppe der Lobi, die sehr aktiv und sehr katholisch ist. Dieses Jahr werden wir dort eine Pfarrei eröffnen und bis 2014 noch zwei weitere.

Die Berufungen in der Diözese stagnieren etwas, weil viele junge Leute wegen des Krieges die nördliche Zone des Landes verlassen haben und im Süden die Schule besuchen. Daher kommt es zu einem “Loch” bei den Berufungen. Die Männer, die wir in den vergangenen zwei Jahren als Seminaristen aufgenommen haben, sind Leute, die in anderen Städten studiert haben, ihre Berufung behalten haben und nach dem Studium wieder in die Diözese Katiola zurückkehren wollten. Diese Rückkehrer ergeben jedoch keine große Zahl an Berufungen.

Gibt es viele Menschen, die den Katholizismus praktizieren und gleichzeitig ihre traditionelle Naturreligion (den Animismus)?
Ja, und wie! Das geschieht im ganzen Land, nicht nur im Norden. Auch im Süden, nördlich der früheren Hauptstadt Abidjan, wo die Menschen fortschrittlicher sind. Es gibt Menschen, die sagen, wenn alles gut geht, “wir gehören zu Jesus Christus”. Sobald sie aber Schwierigkeiten bekommen, sagen sie, “wir sind eben Afrikaner” und gehen zum Fetisch-Zauberer, zum Heiler. Vor einem Jahr hat man das kirchlich thematisiert und die Leute in der Pastoral darüber gelehrt, an Gott allein zu glauben, Jesus Christus als einzigen Heiland zu sehen.

Die traditionellen Praktiken sind ein andauerndes Problem. Das wird sich nicht ändern, solange die Menschen nicht wirklich individuell gelehrt werden, wie sie eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus haben können. Bis dahin werden sie zwar in die Kirche gehen, weil sie getauft sind, aber bei Schwierigkeiten werden sie schnell wieder in das ausgetrocknete Flussbett oder in der heiligen Wald gehen, um den Fetisch-Zauberer zu treffen. Das ist also eine ständige Arbeit für uns.

Von hundert Katholiken sind vielleicht fünf dermaßen überzeugt von ihrem Glauben, dass sie der Naturreligion absagen. Bei der großen Mehrheit ist es so: solange es ihnen gut geht, gehen sie mit Jesus, aber sobald es ihnen schlecht geht, gehen sie den unnützen Weg auf die andere Seite.

Elfenbeinküste, Diözese Katiola: Treffen des Bischofs mit Priestern, Schwestern und Laien zum Auftakt des pastoralen Jahres im Spätsommer 2010 in Ferké.

Elfenbeinküste, Diözese Katiola: Treffen des Bischofs mit Priestern, Schwestern und Laien zum Auftakt des pastoralen Jahres im Spätsommer 2010 in Ferké.

Sie haben in einem früheren Interview gesagt, dass der Bürgerkrieg nur politisch und überhaupt nicht religiös gewesen sei. Allerdings hätten Politiker versucht, die Religion im Kampf zu missbrauchen. Wie kommen die christliche Mission und die muslimische Mission miteinander aus?
Ich werde ein konkretes Beispiel dafür geben, wie man versucht, sich zu verständigen. Wir haben hier keinen Islam des Fanatismus wie in den arabischen Staaten, auch wenn diese jetzt versuchen, zu infiltrieren. Der Islam ist bei uns recht gemäßigt.

Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs haben wir auf der Ebene der Diözese versucht, eine Gruppe mit Priestern und Imamen zu bilden, eine Art Zusammenkunft zur Lösung von Problemen. Die Imame und Priester sind dort zusammengekommen und entdeckten gegensätzliche Auffassungen. Für die Muslime sind die Politik und der Islam eins. Die Muslime haben gesagt, sie sind gekommen, um dafür zu beten, dass dem jetzigen Präsidenten nichts übrig bleibt, als zu gehen. Ich habe ihnen gesagt: “Ich bete nicht dafür, jemanden auszuzählen oder rauszuwerfen. Wir leben den Zusammenhalt.” Sie haben diese Ansicht nicht verstanden.

Aber im Allgemeinen gibt es keine offene Opposition. Es ist klar, ein Muslim tut alles, um seine Anhänger zu protegieren, damit sie nicht konvertieren. Wenn jemand konvertiert, wird er von den anderen Muslimen im Stich gelassen. Allerdings werden Muslime hierzulande auch nicht versuchen, die Kirchen und Tempel niederzubrennen.

Anders in der Politik: Es gab Politiker, die erklärt haben, dass sie keinen wie auch immer gearteten Präsidenten wollen, weil sie Muslime sind. Sobald das eintraf, haben sie Muslime um sich geschart und hinter sich gebracht, die auch sagten: “Wir brauchen keinen Präsidenten, weil wir Muslime sind.”

Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs sind sich Kardinal und Imame schnell einig geworden, landesweit ein religiöses Forum zu gründen. Hier trafen sich Katholiken, Protestanten, freie christliche Kirchen, Muslime sowie Vertreter der traditionellen Naturreligion. Sie alle trafen sich, um mit einer Stimme zu sprechen und um allen zu zeigen, dass dieser Krieg kein religiöser ist, und dass Glaube und Politik verschiedene Dinge sind.

Unser “Kleiner Katholischer Katechismus” wird zum Beispiel auch in der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire) angewandt.

Unser “Kleiner Katholischer Katechismus” wird zum Beispiel auch in der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire) angewandt.

Wie sieht es mit den Bereichen Gesundheit und Bildung zurzeit aus?
In die Diözese sind mit Mission und Evangelisation auch Schulen und Gesundheitseinrichtungen gekommen. Es gibt eine Kongregation italienischer Missionsschwestern, die inzwischen in ihr Stammland zurückgekehrt ist, weil sie nicht mehr viele Berufungen hat. Diese Schwestern haben in der Stadt Wangolo im Norden der Diözese eine große medizinische Laborpraxis gegründet. Diese Einrichtung betreut vorwiegend HIV-Infizierte.

Im Norden unseres Landes gibt es meines Wissens nicht einmal vom Staat eine vergleichbar große medizinische Einrichtung. Sie wurde mit dem Weggang der italienischen Schwestern einer anderen lokalen Kongregation anvertraut, den “Schwestern Unserer Lieben Frau des Friedens”. Inzwischen haben die Schwestern im Zentrum der Einrichtung auch eine Frauenklinik aufgebaut.

Die Einrichtung ist heute der wichtigste medizinische Apparat in dieser Diözese und der ganzen Region und sehr wichtig für die Gesundheitsstruktur. Momentan hat man die Schwierigkeit, innerhalb der Kongregation qualifiziertes Personal zu finden, um die medizinische Richtung der Missionsschwestern aus Italien fortführen zu können. Dann gibt es in der Diözese noch die “Schwestern Unserer Lieben Frau von den Aposteln”, die ein wenig mit den Afrikamissionaren (Weissen Vätern) verbunden sind und Pflegezentren betreiben.

Im Bereich Bildung gibt es hier katholische Grundschulen, die seit der Erstmission existieren. Wegen Schwierigkeiten mussten ein paar davon geschlossen werden, aber immerhin sind sieben von ihnen noch in Betrieb. Es gibt einen Kindergarten der “Schwestern Unserer Lieben Frau von den Aposteln” in der Stadt Ferké, in Katiola einen von den “Schwestern Unserer Lieben Frau des Friedens”, gegenüber der Kathedrale.

Es gibt eine weiterführende Schule in der Region von Ferké, die jetzt zum Gymnasium geworden ist und von Viatoristen betrieben wird. Diese Schule ist landesweit eine mit den besten Ergebnissen, auch wenn es zwischenzeitlich mal Verärgerung durch Prüfungsfälschungen gegeben hat. Seit der Zeit der Missionare ist diese Schule eine mit sehr hohem Bildungsniveau. Sie ist dies unter den nachfolgenden Bischöfen geblieben und sie behält diese Richtung bei.

So können Sie helfen und sich informieren:

Weitere Beispiele unserer Hilfe in der Elfenbeinküste

19.Nov 2010 20:28 · aktualisiert: 10.Sep 2012 09:48
KIN / T. Waitzmann