“Wir warten auf Zeichen, nicht nur auf Worte”

Weltweite Empörung nach dem Anschlag auf koptische Christen am Neujahrstag

Die koptische Al-Moallaka-Kirche in der Altstadt von Kairo.

Am frühen Neujahrsmorgen explodierte vor einer koptischen Kirche in der ägyptischen Stadt Alexandria ein Sprengsatz, als Besucher eines Gottesdienstes aus dem Gotteshaus kamen. Dabei wurden mindestens 20 Menschen getötet, die Kirche und eine nahegelegene Moschee beschädigt.

Weltweit verurteilten Kirchenvertreter und Politiker diese Gewalttat. Papst Benedikt XVI. bezeichnete den Angriff als “niederträchtige Geste des Todes”.

Angesichts des Weltfriedenstages am 1. Januar forderte der Heilige Vater auf, die Religionsfreiheit zu schützen. Sie sei der Königsweg, um Frieden zu schaffen. Er erinnerte an die vielen Christen weltweit, die wegen ihres Glaubens unterdrückt, schikaniert oder getötet werden.

Auch muslimische Vertreter in Ägypten verurteilten den Anschlag. Ein Sprecher der Kairoer Universität sprach von einem “Angriff auf die nationale Einheit Ägyptens”. Präsident Hosni Mubarak rief dazu auf, dass die Söhne Ägyptens, ob Kopten oder Moslems, gegen den Terrorismus zusammenstehen sollten.

Der Imam der Kairoer Universität kritisierte allerdings die Wortwahl des Papstes. Der Heilige Vater hatte zum Schutz verfolgter Gläubiger, vor allem von Christen, aufgerufen. Doch der Imam ist mit dem Standpunkt des Papstes nicht einverstanden und hinterfragt, warum er nicht auch zum Schutz von Moslems aufgerufen habe, als diese im Irak umgebracht wurden. Vatikansprecher Federico Lombardi wies den Vorwurf zurück, denn Papst Benedikt XVI. habe seine Sorge über die Folgen der Gewalt für die ganze Bevölkerung geäußert, das gelte für Christen wie Moslems.

In einem Brief an KIRCHE IN NOT erhofft sich der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten, Msgr. Joachim Schroedel, mehr Solidarität mit den Christen in der Region, denn auch Ägypten sei Heiliges Land. Er fordert, dass es aber nicht nur bei bloßen verbalen Solidaritätsbekundungen bleiben darf.

Kommunion in einem koptischen Gottesdienst in Ägypten.

Er ruft alle deutschen Bischöfe auf, nach Ägypten zu reisen und mit christlichen und muslimischen Autoritäten zu sprechen. Die Christen Ägyptens fühlten sich vom Westen völlig alleingelassen. “Wir warten auf Zeichen, nicht nur auf Worte”, schreibt er. Kurz nach dem Anschlag und an den Folgetagen kam es in Alexandria und anderen Städten zu Demonstrationen und Ausschreitungen aufgebrachter Christen.

Von der ägyptischen Regierung erwartet er, dass sie viel mehr als bisher gegen eine “Augen-zu-Mentalität” vorgehen müsse. Es sei verwunderlich, wie ein hochgeschulter Geheimdienst es nicht fertig bringe, bereits im Vorfeld “Störungen” zu sichten und zu verhindern.

Rund zwölf Prozent der 84,5 Millionen Ägypter sind Christen, zum größten Teil Kopten. Obwohl nach offizieller Linie des Staates nicht zwischen Christen und Muslimen unterschieden wird – “Wir alle sind Ägypter” -, gibt es Benachteiligungen für Christen im Land. Sie werden beispielsweise von Schlüsselpositionen in der Armee, der Polizei und in Universitäten ausgeschlossen, mit Ausnahme von direkten Ernennungen. Anträge auf Kirchenbauten dauern oft Jahrzehnte und benötigen in jedem Fall die Unterschrift des Präsidenten.

Beim Verlassen der Kirche erschossen

Neben behördlichen Schikanen gab es 2010 auch gewalttätige Angriffe auf Christen. In der Nacht zum 7. Januar, also vor fast genau einem Jahr, wurden in der Stadt Nag-Hammadi in Oberägypten koptische Christen Opfer einer Schießerei, als sie die Kirche verließen, in der sie eine Messe feierten. Ein Auto hatte vor der Kirche angehalten; drei Insassen eröffneten das Feuer auf die Gläubigen. Dabei gab es mindestens sieben Tote und ein Dutzend Verletzte, darunter zwei Muslime.

Der Bischof von Nag-Hammadi bestätigte, dass es im Vorfeld Morddrohungen gegeben habe. Er gab die Hinweise auch an die Polizei weiter, jedoch gab es keine Maßnahmen, die Menschen und die Kirche zu schützen.

Vorbeter in einem koptischen Gottesdienst.

Dieser Angriff wurde als Blutrache für eine Vergewaltigung eines zwölfjährigen muslimischen Mädchens dargestellt. Es wurde zwar zwei Monate zuvor ein 21-jähriger Kopte festgenommen, allerdings konnte ihm keine Schuld nachgewiesen werden. Als Vergeltung hatten Muslime die Geschäfte und Häuser von Kopten verwüstet und in Brand gesetzt. Einige Christen wurden verletzt und entführt. Die Polizei schritt erst nach den Verwüstungen ein.

Am 12. März 2010 gab es einen Angriff auf ein christliches Viertel in einer Küstenstadt in der Nähe von Alexandria. Dabei wurden 24 Personen verletzt, 17 Gebäude und zwölf Autos zerstört. Diese Aggression ereignete sich nach dem großen Freitagsgebet. In einer nahegelegenen Moschee soll ein Scheich zum “Heiligen Krieg” gegen die Christen aufgerufen haben.

Gerichte wenden die Scharia an

Trotz Artikel 46 der Verfassung, der die Glaubensfreiheit und die Freiheit der Ausübung der Religion anerkennt, bleibt die Konvertierung zum Christentum verboten. Gerichte wenden oft die Scharia an.

Ein Muslim, der sich taufen lässt, bleibt für die Behörden ein Muslim. Seine neue Konfession und seine neuen Vornamen werden im Pass nicht geändert. Da das Gesetz keine Bestimmung bezüglich der Konvertierung vom Islam zu einer anderen Religion enthält, ist es dem Richter überlassen, sich entweder auf das Prinzip der Gleichheit alle Bürger zu berufen oder auf die Scharia.

Anba Damian, Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.

Am 7. Januar feierten Kopten weltweit das Weihnachtsfest. Nach dem Anschlag in Alexandria fürchten sich koptische Christen auch in anderen Ländern vor Terrorangriffen – auch in Deutschland. In Frankfurt am Main und Lehrte bei Hannover bekam die Gemeinde sogar Polizeischutz. Andere Gemeinden verzichteten aus Angst vor möglichen Angriffen auf Feierlichkeiten.

Bischof Anba Damian, Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, forderte in einem Interview mit der Bild-Zeitung von den Imamen in Ägypten eine klare Distanzierung zur Gewalt. Ausdrücklich lobte er die weltweite Solidarität, insbesondere durch Papst Benedikt XVI.

Dagegen kritisierte er die oberflächlichen Reaktionen deutscher Politiker. Er forderte, dass nun über konkrete Folgen aus dem Terrorakt gesprochen werden müsse.

So können Sie den verfolgten Christen helfen

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

Veranstaltungs-Tipp:
Situation der Christen in islamischen Ländern

Msgr. Joachim Schroedel, Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten.

Zum Podiumsgespräch “Christen in islamischen Ländern” auf unserem Kongress “Treffpunkt Weltkirche” laden wir Sie herzlich ein. Es findet am Sonntag, 20. März 2011 von 8.30 Uhr bis 10.00 Uhr im Franconia-Saal des Congress Centrums Würzburg statt.

Teilnehmer des Podiums sind Msgr. Joachim Schroedel, Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten, der koptische Bischof von Gizeh (Ägypten), Antonios Aziz Mina, der Erzbischof von Kirkuk (Irak), Louis Sako, der Leiter der katholischen Bibelkommission in Lahore (Pakistan), Emmanuel Asi, sowie der Erzbischof von Abuja (Nigeria), John Onaiyekan.

Tages- und Dreitageskarten können Sie in unserem Bestelldienst oder in unserem Büro in München bestellen:

KIRCHE IN NOT
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81545 München
Telefon: 089 / 64 24 888 – 0
Fax: 089 / 64 24 888 50
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4.Jan 2011 15:51 · aktualisiert: 28.Jun 2016 21:35
KIN / S. Stein