Irakischer Erzbischof: “Wir brauchen moralische und spirituelle Solidarität”

Rückblick auf das traditionelle Pater-Werefried-Jahresgedenken 2011.

Louis Sako, Erzbischof von Kirkuk.

Louis Sako, Erzbischof von Kirkuk.

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner sieht die Angst vor dem Islam in der Glaubensschwäche des Westens begründet. Als Beispiel für diese Schwäche verwies der Kardinal beim VIII. Pater-Werenfried-Jahresgedenken, das unser Hilfswerk am Samstag im Kölner Maternushaus veranstaltete, auf das von 144 Theologen aus dem deutschsprachigen Raum unterzeichnete Memorandum vom 4. Februar mit Reformvorschlägen für die katholische Kirche.

Die Verfasser der Schrift fordern darin unter anderem, die Haltung gegenüber der Homosexualität zu ändern. Der Kardinal kritisierte, dass sich die Unterzeichner damit gegen das Naturrecht stellten: “Wo leben die denn?”, fragte er rhetorisch.

Um letztlich auch Andersgläubige mit dem Glauben anstecken zu können, müssten die Gläubigen im Einklang mit der Gott gegebenen natürlichen Ordnung “christoaktiv” aufgeladen sein. “Dann brauchen wir vor dem Islam keine Angst zu haben”, betonte Kardinal Meisner mit Blick auf die unsichere Zukunft in den Ländern des Nahen Ostens infolge der Proteste gegen autoritäre Regime. Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Islam, der auch in Europa stärker werde, mahnte der Kardinal mit den Worten des heiligen Petrus: “Brüder, seid nüchtern und wachsam.”

Mit dem Kölner Erzbischof diskutierten Erzbischof Louis Sako aus dem irakischen Kirkuk und Pater Josef Herget CM vom Institut St. Justinus im österreichischen Mariazell über das Thema “Christentum und Islam: Umbruch im Nahen Osten – was wird aus den Christen?”.

Konkrete Beispiele für die Ausstrahlungskraft des Christentums auf Muslime schilderte der Vinzentinerpater Josef Herget. Mit einem “zehn- oder elfjährigen Bub” habe seine Arbeit mit Konversionswilligen angefangen. Seit dieser Zeit kümmert er sich intensiv um jene Türken, die im westlichen Europa neugierig auf den christlichen Glauben sind und im christlichen Glauben unterwiesen werden wollen. “Die Taufbewerber kommen von selbst”, sagte er. “Sie haben ein Recht darauf, von Christus zu hören.”

Gäste beim Pater-Werenfried-Jahresgedenken am 5. Februar im Maternushaus in Köln (v.l.): Louis Sako, Erzbischof von Kirkuk / Irak, Pater Joseph Herget, Mariazell / Österreich, Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln.

Gäste beim Pater-Werenfried-Jahresgedenken am 5. Februar im Maternushaus in Köln (v.l.): Louis Sako, Erzbischof von Kirkuk / Irak, Pater Joseph Herget, Mariazell / Österreich, Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln.

Inzwischen gibt es in Österreich, bei Wien und Graz, zwei Pfarrgemeinden für Katholiken türkischer Herkunft. Er habe selbst zwölf Jahre in der Türkei gelebt und sich ein Bild von den Menschen und dem Islam machen können. “Es gibt nur einen Gott, aber das Gottesbild ist verschieden”, betonte der Pater. Das christliche Gottesbild vermittle, “dass Gott mich liebt”. Daraus ergebe sich, dass es sich beim Islam um eine “radikal andere Religion” handle, die von Anfang an auch das politische und soziale System bestimmt habe. “Politik und Religion sind darin nicht auseinanderzuhalten”, sagte er.

“Es gibt gezielte Pläne der Islamisierung der ganzen Welt”, berichtete Erzbischof Louis Sako von Kirkuk im Norden des Irak. Deshalb hätten die Christen in Nahost angesichts der aktuellen Umbruchsituation sehr viel Angst, dass sich etwa ein flächendeckender Wandel hin zu religiösen Systemen wie im Iran vollziehe. Nach dem Selbstverständnis des Islam sei dieser die Vollendung der Religionen und damit den Überzeugungen von Juden und Christen überlegen, die als Bürger zweiter Klasse betrachtet und behandelt würden.

Bildung als Voraussetzung für eine friedliche Zukunft

Die Demokratisierung, auf die viele Beobachter der derzeitigen Umbrüche in den arabischen Ländern hofften, sei ein umfassendes Projekt und könne nicht fertig eingeführt werden. Das sei die Erfahrung, die das Beispiel Irak zeige. Durch Bildung etwa könnten Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft geschaffen werden. Christen könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie könnten bei den Muslimen Ansätze fördern, den Koran weniger wörtlich zu verstehen, als vielmehr zu interpretieren und ihn in seinen historischen Kontext zu setzen.

Christen und Muslime hätten im Mittelalter ein gemeinsames philosophisches Vokabular gefunden. Nun müssten beide Religionen zu einer neuen gemeinsamen Sprache kommen. “Wir brauchen moralische, menschliche und spirituelle Solidarität”, appellierte der irakische Erzbischof an die Christen im Westen. Die Christen im Nahen Osten wüssten, was Dialog ist und wie man mit den Muslimen reden kann. “Wir geben Zeugnis ab, selbst durch das Martyrium”, sagte Erzbischof Sako.

Joachim Kardinal Meisner bei der Predigt im Kölner Dom.

Joachim Kardinal Meisner bei der Predigt im Kölner Dom.

In seiner Predigt während des Gottesdienstes im Kölner Dom, mit dem der Veranstaltungstag begonnen hatte, stellte Joachim Kardinal Meisner heraus, dass für KIRCHE IN NOT und für seinen Gründer Pater Werenfried die Solidarität mit den Schwachen schon immer maßgebend war.

Für die Wirksamkeit der Arbeit von KIRCHE IN NOT seien drei Dinge wesentlich: So miteinander zu arbeiten, dass Jesus Christus als Dritter im Bunde dabei sein kann, auch das Kreuz des anderen zu tragen sowie durch Solidarität und Hilfe nah bei den Menschen zu sein. Er führte die Gläubigen, Freunde und Wohltäter von KIRCHE IN NOT geistig an der vierten, fünften und sechsten Kreuzwegstation entlang, mit der Muttergottes, Simon von Cyrene und Veronika.

Die vierte Station zeigt, wie Jesus seiner betrübten Mutter begegnet. Meisner wies darauf hin, dass es nicht bei der Zweisamkeit eines Teams bleiben könne: “Aller guten Dinge sind nicht ‘zwei’, sondern ‘drei’. Darum sagt der Herr: ‘Wo zwei (oder drei) in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.’”

Die fünfte Station zeigt, wie Simon von Cyrene Jesus hilft, das Kreuz zu tragen. Es gehöre zur Natur des Kreuzes, dass es immer das ist, was eigentlich nicht sein sollte. “Ich persönlich möchte viel lieber andere Kreuze haben, aber nicht das, was ich zu tragen habe“, räumte der Kölner Erzbischof ein. Jeder solle aber des anderen Last tragen und Pater Werenfried van Straaten, Gründer des Hilfswerks, halte in diesem Sinne “noch genügend Platz für uns an dieser Stelle unter dem Kreuz bereit.”

Gottesdienst im Kölner Dom mit internationalen Gästen (v.l.): Dionisio Guillermo Garcia Ibanez, Erzbischof von Santiago de Cuba (Kuba), Juan de Dios Hernandez Ruiz, Weihbischof von Havanna (Kuba), Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof Louis Sako.

Gottesdienst im Kölner Dom mit internationalen Gästen (v.l.): Dionisio Guillermo Garcia Ibanéz, Erzbischof von Santiago de Cuba (Kuba), Juan de Dios Hernandez Ruiz, Weihbischof von Havanna (Kuba), Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof Louis Sako.

Die sechste Station zeigt, wie Veronika Jesus das Schweißtuch reicht. Daraus las der Kardinal in seiner Predigt den Aufruf an die um das Hilfswerk versammelte Gemeinschaft ab, den Bedürftigen nicht den Rücken zuzukehren, sondern durch Nähe bei ihnen zu sein ihnen das Schweißtuch der Solidarität und Hilfe hinzuhalten.

Der Kölner Erzbischof sagte, das Leben des Menschen sei ein Weg. “Wir sind vom Morgenland unserer Jugend unterwegs zum Abendland unseres Alters, hinein ins himmlische Jerusalem.” Auch christliche Glaube habe die Struktur eines Weges. “Der Kreuzweg in unseren Kirchen ist darum ein Lebensmodell für unsere eigene Berufung.” In ihr begegneten die Gläubigen “den Fußspuren von Pater Werenfried”.

Das Ethos von KIRCHE IN NOT sei wirklich an den drei beschriebenen Kreuzwegstationen ablesbar. “Nicht die Kirche der Sitzungen ist gefragt, sondern die Kirche unterwegs zu den Mühseligen und Beladenen”, betonte der Kardinal.

So können Sie den Christen im Irak helfen:

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

Situation der Christen in islamischen Ländern:

Zum Podiumsgespräch “Christen in islamischen Ländern” auf unserem Kongress “Treffpunkt Weltkirche” laden wir Sie herzlich ein. Es findet am Sonntag, 20. März 2011, von 8.30 Uhr bis 10.00 Uhr im Franconia-Saal des Congress Centrums Würzburg statt. Tages- und Dreitageskarten können Sie in unserem Bestelldienst oder in unserem Büro in München bestellen:

KIRCHE IN NOT
Lorenzonistr. 62
81545 München
Telefon: 089 / 64 24 888 – 0
Fax: 089 / 64 24 888 50
E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de

7.Feb 2011 14:50 · aktualisiert: 10.Jun 2014 11:25
KIN / S. Stein