“Im Südsudan fehlt es an allem”

KIRCHE-IN-NOT-Mitarbeiterin über die Zukunft des neuen Staates

Christine du Coudray, Leiterin der Afrika-Abteilung.

Im Januar haben sich die Menschen im Südsudan mit großer Mehrheit für eine Trennung vom Norden des Landes entschieden. Christine du Coudray leitet die Afrika-Abteilung bei KIRCHE IN NOT. Sie hat den Sudan in den vergangenen zehn Jahren häufig besucht und mehr als 850 Hilfsprojekte im Land koordiniert.

Im Gespräch mit Eva-Maria Vogel gibt sie Einblicke in die Situation des Sudan und versucht eine Prognose für die Zukunft.

Eine überwältigende Mehrheit der Menschen im Südsudan hat sich in einem Referendum für einen eigenen Staat entschieden. Welche Hoffnungen verbindet das Volk mit der Loslösung vom Norden?
Die Südsudanesen haben lange warten müssen. Jetzt erhoffen sie sich einen Neubeginn. Nach Jahrzehnten voller Krieg, Terror und Leid wünschen sie Frieden und verbesserte Lebensverhältnisse.

Gab es überhaupt Gründe, für den Erhalt der Einheit zu stimmen?
Aus Sicht der Menschen im Süden sicher nicht, weil sie immer wie Bürger zweiter Klasse behandelt wurden. Noch vor wenigen Wochen hat Präsident Omar Hassan al-Bashir betont, der Norden werde nach dem Referendum der Religion nach ganz islamisch und der Kultur nach ganz arabisch sein. Das will im Süden keiner.

Das Referendum ist 2005 im so genannten “umfassenden Friedensvertrag” zwischen der Regierung in Khartum und der Befreiungsbewegung SPLM im Süden vereinbart worden. Das Ergebnis ist für die Menschen wie eine Befreiung.

Wie sieht der Alltag einer Familie im Südsudan aus?
Der Süden ist arm. Die Menschen leben mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft. Über Jahrzehnte haben Krieg und Terror eine Entwicklung des Landes unmöglich gemacht. Millionen sind umgekommen. Noch heute fehlt es im Südsudan an allem. Es gibt keine soziale oder staatliche Infrastruktur, keine Krankenstationen, Schulen oder Straßen. Auch an Arbeitsplätzen mangelt es.

In dieser Situation sind es die Kirchen, vor allem die katholische, die Schulen unterhalten und eine minimale medizinische Versorgung garantieren. Westeuropäischen Maßstäben entspricht das aber nicht.

Armut im Sudan - Kassala Grundschule im Stadtteil Hajj Youssif der Hauptstadt Khartum.

Armut im Sudan - Kassala Grundschule im Stadtteil Hajj Youssif der Hauptstadt Khartum.

Ist eine Abwanderung von Christen aus dem muslimisch geprägten Norden zu erwarten?
Das hängt vom Verhalten der Regierung in Khartum ab. Folgt sie dem Diktum des Präsidenten, wonach der Norden islamisch-arabisch zu sein hat, würde die Repression weitergehen, die so lange auf dem Süden lastete. Dann werden sicherlich viele dem Norden den Rücken kehren.

Wie würden Sie die gegenwärtige Situation der Christen im Norden beschreiben?
Die Christen hoffen auf einen Neuanfang, auch im Norden des Sudan. Ob es so kommt, wird sich wohl in den nächsten Monaten zeigen. Das Land steht vor einem schwierigen Übergang. Von der Teilung werden beide Seiten nur profitieren, wenn sie zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit finden. Das setzt aber ein Umdenken im Norden voraus.

Kann der Süden eine regionale Migration überhaupt verkraften?
Vertreibung ist immer ein Übel. Vor dem Referendum hat es im Norden nicht an Forderungen gefehlt, die Menschen aus dem Süden zurückzuschicken. Unsere Projektpartner haben von einem gewissen Druck auf Südsudanesen berichtet.

Ende Januar hat etwa der Weihbischof von Khartoum, Daniel Adwok an KIRCHE IN NOT geschrieben: “An einigen Orten sind sie schon gefragt worden, was sie im Norden noch zu suchen hätten. Landarbeiter auf der Suche nach Arbeit haben von Misshandlungen berichtet. Sie wurden nicht angemessen entlohnt und mit Waffen bedroht, als sie sich beschwerten.” Trotz solcher Vorfälle ist zu hoffen, dass ein friedlicher Übergang gelingt.

Gläubige bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel im Sudan.

Was muss politisch im Süden geschehen, damit eine echte Demokratie entstehen kann?
Wie bereits gesagt fehlt es an allem, auch an echten demokratischen Strukturen und Institutionen. Momentan hat im Süden allein die SPLM (Sudan People’s Liberation Army / Sudanesische Volksbefreiungsarmee) das Sagen.

Wo sehen Sie Lösungsmöglichkeiten für einen souveränen Südsudan, seine Ölvorkommen zu nutzen und zu verkaufen sowie die Landwirtschaft wieder zu beleben?
Nord und Süd sollten zusammenarbeiten. Das ist unverzichtbar. Ein Großteil der Ölvorkommen mag zwar im Süden liegen, doch der Norden verfügt über den Zugang zum Meer und die Pipelines, die dorthin führen. Kooperation hilft also beiden Seiten.

Welche Streitpunkte müssen zwischen Norden und Süden vor der offiziellen Unabhängigkeit des Südens aus dem Weg geräumt werden?
Beide Seiten müssen die Menschenrechte garantieren, wozu auch das Recht auf Religionsfreiheit gehört. Christen im Norden haben die gleichen Rechte und Pflichten wie ihre muslimischen Landsleute.

Welchen Beitrag können Christen und Kirchen leisten?
Die Sudanesen sind gläubige Menschen. Das Vertrauen in die Kirchen ist groß, weil sie auch in schwieriger Zeit für die Menschen da waren. Aufgrund dieser Autorität stehen die Kirchen in der Verantwortung, gerade weil der Süden praktisch bei Null anfängt.

Menschen strömen zur Primizmesse von Father John Mathiang in der Heilig-Kreuz-Kirche in der Diözese Rumbek im Südsudan.

Menschen strömen zur Primizmesse von Father John Mathiang in der Heilig-Kreuz-Kirche in der Diözese Rumbek im Südsudan.

Welche Verdienste haben Kirchen und Hilfswerke an der Entwicklung im Südsudan?
Die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, der etwa zwei Drittel der Christen angehören, waren immer Zufluchtsorte für die geschundene Bevölkerung. Vor allem durch ihre Seelsorge, aber auch durch die Krankenstationen und Schulen waren und sind sie Zeichen der Hoffnung. In den Jahrzehnten des Bürgerkriegs, der im Süden ein Gewaltakt gegen die christliche Bevölkerung war, sind Millionen umgekommen. Im Westen, in Darfur, leiden die Menschen bis heute. Die Kirchen haben im Süden als erste auf das Unrecht aufmerksam gemacht.

Wie wird die Situation in einem Jahr aussehen?
Wie Millionen Menschen hoffe auch ich auf eine Wende zum Besseren, auch wenn das Land, insbesondere der Süden vor gewaltigen Herausforderungen steht. Der neue, junge Staat fängt ja bei Null an. Das ist eine beispiellose Situation, die weiter unsere volle Solidarität erfordert. Für KIRCHE IN NOT, das die Christen im Sudan seit Jahren unterstützt, ist das eine ernste Pflicht, aber auch eine Last, die hoffentlich viele Menschen teilen und großzügig mittragen.

So können Sie die Menschen im Sudan unterstützen:

Veranstaltungs-Tipp: “Afrika – das vergessene Paradies”

Bei unserem Internationalen Kongress “Treffpunkt Weltkirche” vom 18. bis 20. März in Würzburg veranstalten wir ein Podiumsgespräch zum Thema “Afrika – das vergessene Paradies” mit internationalen Gästen. Dazu begrüßen wir unter anderem edward Hiiboro Kussala, Bischof von Tombura-Yambio im Südsudan, sowie Philip Naameh, Erzbischof von Tamale in Ghana. Das Podiumsgespräch ist Teil des “Abends der Weltkirche”, der am ersten Kongresstag, 18. März, stattfindet.

Tageskarten für den Kongress kosten 20 Euro, für den gesamten Kongress vom 18. bis 20. März sind Karten für 35 Euro zu haben.

Bestellmöglichkeit im Münchner Büro von KIRCHE IN NOT, Lorenzonistr. 62, 81545 München, Telefon: 089 / 64 24 888 – 0, Fax: 089 / 64 24 888 50,  E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de

oder ganz einfach in unserem Bestelldienst.

10.Feb 2011 09:56 · aktualisiert: 5.Jul 2011 15:54
KIN / S. Stein