“Gut, dass es KIRCHE IN NOT gibt”

20 Jahre katholische Kirchenhierarchie in Russland – Bischof Pickel zieht Bilanz

Clemens Pickel, Bischof von Saratow / Russland.

Am 13. April 1991 wurden die ersten beiden Apostolischen Administraturen in Russland eingerichtet. Damit hat der Wiederaufbau der katholischen Kirchenstrukturen im Land begonnen. Zuvor gab es während der Zeit der Sowjetunion Verfolgung und Diskriminierung der katholischen Kirche: keine Gotteshäuser, Priester, Sakramente, Predigten oder geistliche Literatur.

In einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur dankt Bischof Clemens Pickel aus Saratow KIRCHE IN NOT und anderen Hilfswerken für die Unterstützung in den vergangenen zwanzig Jahren. Ohne materielle Hilfe ginge es nicht – “Gut, dass es KIRCHE IN NOT gibt”, so der Bischof.

“Um eine 200 Kilometer entfernte Außenstation regelmäßig zu besuchen, brauche ich ein Auto und Geld für Benzin. Um Kinderferienlager zu organisieren oder einen Raum für Gottesdienste zu bauen oder zu mieten; um richtige Fenster einzusetzen, wo man bisher immer im Herbst die Ritze mit Zeitungspapier und Tapetenkleister zugeklebt hat; um Obdachlose effektiv zu betreuen oder Mitarbeiter zu schulen: Für alles braucht man Geld”, erklärt Bischof Pickel. Trotz dieser Herausforderungen beneidet er seine Mitbrüder in Deutschland nicht, vor allem wegen deren Terminkalendern und Gremien.

1991 kam der gebürtige Sachse als Pfarrer nach Marx an der Wolga. Heute ist Clemens Pickel Bischof des Bistums Saratow, das vier Mal so groß wie Deutschland ist. “Ich habe inzwischen vier einheimische katholische Priester, die mit 41 ausländischen zusammenarbeiten. Im Priesterseminar hat unser Bistum zurzeit keinen einzigen Studenten. Kaputte Familien, Zeitgeist, Auswanderung der Katholischstämmigen sind die Gründe”, bedauert er. Auch in Russland gebe es eine Wertekrise.

Katholische Kirche in Kasan / Russland.

Die Etablierung eines katholischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen ist schwer, denn weniger als ein Prozent ist katholisch. Doch auch das Experiment eines orthodoxen Religionsunterrichts sei nicht leicht, denn der christliche Wortschatz sei weg und Lehrer würden in Schnellkursen auf den Unterricht vorbereitet, bedauert Bischof Pickel. “Seit 20 Jahren mühen wir uns, die Wunden des gottes- und menschenfeindlichen Totalitarismus zu heilen. Es ist sehr mühsam.”

Mit Blick auf ein mögliches Treffen des russisch-orthodoxen Patriarchen mit Papst Benedikt XVI. stellt er klar, dass es nicht bloß um eine Begegnung zweier Menschen gehe. Vielmehr lägen Dogmatik, Kirchengeschichte und menschliche Unzulänglichkeiten eines ganzen Jahrtausends auf deren Schultern. Aber: “Wenn man weiter wartet, bis es keine offenen Fragen mehr gibt, dann heißt das, wir werden bis zur Wiedervereinigung warten. Das wäre schade.”

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf Hör-CD beziehungsweise DVD erhältlich.

KIN / S. Stein